On the Rocks

GUT GEPFIFFEN IST HALB GESTALKT

5/10


ontherocks© 2020 A24


LAND: USA 2020

REGIE: SOFIA COPPOLA

CAST: BILL MURRAY, RASHIDA JONES, MARLON WAYANS, JESSICA HENWICK, JENNY SLATE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Bill Murray war schon in Zeiten der Geisterjagd ein Frauenheld erster Güte. Und auch in Jim Jarmuschs Broken Flowers konnte er beileibe nicht herausfinden, wer denn eigentlich die Mutter seines Sprösslings war, so viele Damen kamen und gingen. In On the Rocks macht der Kult-Comedian eine ähnliche Figur, allerdings um einiges fröhlicher. Da stellt sich die Frage: was ist dran an diesem Lifestyle? Trägt er gar autobiographische Züge? Je älter Murray wird, desto mehr wird er zum selbstironischen und äußerst charmanten Belami, dessen treuherzigem Blick wohl keine Frau widerstehen kann. Da muss er nur aus dem Auto lächeln – und schon hebt sich die Stimmung. Denn die, die ist in Sofia Coppolas neuester Regiearbeit nicht ganz so rosig, wie sie gerne wäre.

Bill Murrays Filmtochter Laura (Rashida Jones) macht auf Autorin und plagt sich mit einer alltagsbedingten Schreibblockade, da die Kinder versorgt werden müssen, während Göttergatte Dean (Marlon Wayans) rund um die Uhr sein Business auf Vordermann bringt, dabei auch dauernd auf Dienstreise weilt und Strohwitwerin Laura langsam den Verdacht hegt, dass der toughe Geschäftsmann zweigleisig fährt. Einmal den Papa am Telefon und ihm das Herz ausgeschüttet, steht der adrett gekleidete ältere Herr samt Limousine und Chauffeur auch schon auf ihrer Matte. Das gemeinsame Ziel: dem Schwiegersohn auf den Zahn fühlen – und bestenfalls in flagranti erwischen.

Sofia Coppola hat schon mal mit Bill Murray zusammengearbeitet – da war er im fernen Tokyo so ziemlich Lost in Translation, was nicht einer gewissen Kulturschock-Skurrilität entbehrt hat. Co-Star Scarlett Johansson stand da noch am Anfang ihrer Karriere. So, wie die beiden hier miteinander harmoniert haben, so hätte ich das auch gerne in On the Rocks gesehen. Nur: Rashida Jones ist nicht Scarlett Johansson. Murray ist aber Murray, diese Tatsache ruht wie ein Fels in der Brandung, womit wir auch eine Analogie zum Titel hätten, der sich mir sonst nicht erschließen würde, denn „on the rocks“ trinken Vater und Tochter nämlich gar nichts. Aber gut – was in dieser äußerst gemächlich dahingleitenden, stets im zurückgelehnten Plauderton verweilenden Alltagskomödie im Vergleich zu Lost in Translation auch fehlt, ist das gewisse – ich will nicht sagen zwingend exotische, aber immerhin – das gewisse Etwas. Natürlich, das grundverschiedene Duo liebt und neckt sich, doch Jones bleibt zu phlegmatisch und gelangweilt, während Murray gegen die Wand spielt und sich im dramaturgischen Spagat versucht. Doch wo genug Halt finden? Maximal am Lenkrad des kleinen roten Cabrios, mit dem die beiden zu jazzigen Klängen durch die nächtliche Großstadt flitzen. Sonst aber ist Coppolas Drehbuch ein maues Lüftchen in den Gassen New Yorks – hört man genau hin, kann man darin den Ruf nach Woody Allens wortstarker Raffinesse vernehmen.

On the Rocks

Hearts of Darkness: A Filmmaker´s Apocalypse

ABENTEUER FILMEMACHEN

6/10

 

heartsofdarkness© 1991 Studiocanal

 

LAND: USA 1991

REGIE: FAX BAHR, GEORGE HICKENLOOPER, ELEANOR COPPOLA

AUFTRETEN: JOHN MILIUS, ELEANOR COPPOLA, FRANCIS FORD COPPOLA, ROBERT DUVALL, LAURENCE FISHBURNE, MARTIN SHEEN, DENNIS HOPPER, GEORGE LUCAS, MARLON BRANDO, SOFIA COPPOLA U. A. 

 

Ist Euch schon mal passiert, dass ein Kinobesuch eine Beziehungskrise nach sich zog? Mir schon. Und zwar mit Apocalypse Now. Denn nicht jeder ist mit dem Stoff im Vorhinein vertraut, vielleicht hätte ich hier etwas vorwarnen oder lieber ein Feel-Good-Movie vorschlagen sollen. Meine Begleitung einem so verstörenden Ritt in die Dunkelheit auszuliefern, noch dazu fast drei Stunden lang, war ja eigentlich eine Zumutung und für einen Filmkenner wie mich vielleicht etwas fahrlässig. Doch im Bewusstsein, das künstlerische Interesse meiner besseren Hälfte mit einem Meisterwerk wie Apocalypse Now exorbitant zu steigern, dafür war ein Film wie dieser meiner damaligen Schlussfolgerung nach gerade richtig. Noch dazu hatten wir es mit der erstmals überarbeiteten Fassung des Werkes zu tun, genauer mit Apocalypse Now Redux, also der Fassung, die neben einigen anderen Szenen auch jene Sequenz in petto hatte, die das gemeinsame Dinner mitten im Dschungel mit französischen Plantagenbesitzern zeigt. Im Kino also volle Dröhnung, und spätestens beim Walkürenritt war bereits klar: So ein Film gehört eigentlich nur ins Kino. Ein Meisterwerk zweifelsohne, und trotz depressiver Stimmungen bei Verlassen des Kinosaals war die Qualität niemals Fokus der Kritik. Unzumutbar für manche war der archaische Wahnsinn, in dem die Odyssee von Hauptmann Willard letzten furchtbaren Endes münden wird. Martin Sheen hat das damals genauso gesehen – und hat ordentlich dafür leiden müssen, um die Sache doch noch zu überstehen. Von diesem und anderen Martyrien, die den Film während seiner Entstehung begleitet haben, erzählt die Making-Of-Doku Hearts of Darkness: A Filmmaker´s Apocalypse, die hauptsächlich aus den Mitschnitten von Francis Ford Coppolas Ehefrau Eleanor besteht und reichlich Einblicke hinter die Kulissen eines Projekts gewährt, dass fernab jeder Geborgenheit eines Studios von vornherein und gewollt von unzähligen unkalkulierbaren Faktoren abhängig war.

Was eignet sich aktuell besser für das Home Cinema-Programm als diese eineinhalb stunden Kinogeschichte, anlässlich des 40 Jahre-Jubiläums eines der womöglich besten Filme aller Zeiten, der nun mit einem Final Cut auf die Leinwand gewuchtet wird und weitaus mehr ist als nur ein Antikriegsfilm, sondern eben auch düsteres Abenteuer und ein in Abgründe blickendes Philosophikum zum Thema Bestie Mensch. Je länger man eben in den Abgrund laut Nietzsche blickt, blickt dieser auch in dich hinein – so gesehen in Coppolas Gewaltakt, der auch hinter der Kamera Provokation, Herausforderung und Nervenkitzel sein sollte. Der Pate und Der Pate II waren da schon längst Filmlegende, der schwarzbärtige Maestro steinreich und voller Einfluss. Klar, dass dann die Realisation einer Vision alles bisherige noch mal übertrumpfen muss. Der Zenit des Schaffens schieben wir mal in weite Ferne, muss er sich gedacht haben, gerade dämmert der Morgen, und mit ihm kommt der Geruch von Napalm. Die Dreharbeiten selbst waren also reinstes Abenteuer, und das begann schon bei der Finanzierung der ganzen Sache, die zum Großteil aus Coppolas eigenem Kapital bestand. Selbst das Haus wurde verpfändet, falls die Sache in die Hose gehen sollte. Ein Extremer wie Coppola aber, der mit Spielberg und George Lucas das Handwerk lernte, hat garantiert einen langen Atem, um das Räderwerk zusammenzuhalten. Gut für ihn, niemanden wie Klaus Kinski an Bord gehabt zu haben, denn der hätte das Ganze noch zusätzlich provoziert. Das wissen wir von Werner Herzog und dessen Bericht vom Set zu Fizcarraldo. Gottlob war es nur Marlon Brando, in die Breite gegangener Kultstar am Ego-Trip, und Zugpferd für die letzte halbe Stunde des Films. Da war das meiste Material schon im Kasten, das durch jede Menge Drogen, Alkohol und ausgebüxten inneren Dämonen zu jener Intensität geführt hat, die den Film auch heute noch so unmittelbar machen. Was all den Missbrauch natürlich nicht legitimieren soll, doch wie in Woodstock war auch hier, fernab jeglicher Überwachung, das rabiate Event ein einmaliges Happening.

Hearts of Darkness: A Filmmaker´s Apocalypse zeigt all das und mehr, führt Gespräche mit Robert Duvall, Drehbuchautor John Milius, George Lucas, Laurence Fishburne und den Coppolas. Zeigt Brando beim Zetern über das Drehbuch, zeigt den Taifun auf den Philippinen genauso wie den Nervenzusammenbruch Martin Sheens in der blutigen Spiegelszene. Macht aber auch klar, dass der Wahnsinn für den Wahnsinn ein hausgemachter war. Einer, der von Coppola kalkuliert, einer der provoziert worden war. Erwartet wurde das Unerwartete, und da ist man als Künstler mittendrin, denn wer will schon nur dabei sein? Und in den Siebzigern, da war Risiko noch etwas, aus dem die Essenz guter Filme geschmiedet werden konnte. Heutzutage gibt es das nicht mehr. Heutzutage werden von den Studios alle Variablen ausgemerzt. Das Risiko aber hat die New Hollywood-Ära so lebendig gemacht. Und von dieser Lebendigkeit zehrt das Kino noch heute. So ist Hearts of Darkness die leider etwas bieder montierte, aber erfahrenswerte Chronik eines lebendigen, grenzgängerischen Drehs aus vergangenen Zeiten, die gar nicht mal so erstaunt oder entsetzt, sondern in Hinblick auf die Zukunft des Kinos die Lust am Abenteuer wehmütig vermissen lässt.

Hearts of Darkness: A Filmmaker´s Apocalypse

Die Verführten

HAHN IM KORB

6/10

 

verfuehrt

REGIE: SOFIA COPPOLA
MIT NICOLE KIDMAN, ELLE FANNING, COLIN FARRELL, KIRSTEN DUNST

 

Während es um Francis Ford Coppola, einen der Veteranen des New Hollywood, langsam leiser wird – oder bereits sehr leise geworden ist – hält nun dessen mittlerweile allseits bekannte Tochter Sofia Coppola das künstlerische Familienzepter hoch. Nach einem kurzen und wenig erfolgreichen Filmauftritt in Papa Francis´ Spätwerk Der Pate III hat die aparte junge Künstlerin ihre Leidenschaft wohl eher hinter der Kamera entdeckt – als eigenständige, aber auch sehr eigenwillige Regisseurin, die gesellschaftlichen Stillstand und die Vereinsamung des Selbst in augenzwinkernde Filmlyrik umsetzt und genau zu beobachten weiß. Mit den The Virgin Suicides war kollektiver Selbstmord als romantisches Ideal ihr erstes Thema, in Lost in Translation machte sie Scarlett Johansson weltberühmt – und Bill Murray zum Charakterdarsteller. Wobei manch ihrer Filme tatsächlich nichts zu sagen haben, etwa wie The Bling Ring, der eher wie eine grob skizzierte Schnapsidee daherkam.

Auffallend bei Coppola´s Filmen ist, dass sie zumeist alle auf Originaldrehbüchern basieren. Zu Remakes hatte sich die Dame bislang auch nicht hinreißen lassen – bis jetzt. Und das hat ihr aber, wie wir in Cannes gesehen haben, alles andere als geschadet. Coppola ist im Olymp der Besten angekommen. Was man von ihrem elegischen Südstaatenthriller nicht ganz so behaupten kann. Die Verführten ist tatsächlich ein Remake von Don Siegels Machoabgesang Betrogen mit Clint Eastwood in der Hauptrolle. Da der weit über 80jährige diese Rolle des verwundeten und von scheinbar keuschen Mädels gesund gepflegten Soldaten beim besten Willen nicht mehr darstellen kann, schlüpft nun Colin Farrell in die Rolle des Hahns im Korb. Und entfacht bei der einen oder anderen jungen Dame das Feuer. Natürlich kann das nicht gut gehen. Und damit ist die Geschichte auch schon erzählt. So inhaltlich dünn ist wohl kein anderer Film aus Coppolas Oeuvre. Na gut, mit Ausnahme von The Bling Ring. Oder Somewhere, obwohl die Egostudie mit Stephen Dorff eher Stimmungsbild als Handlungsfilm ist. Die Verführten kann sich nicht entscheiden, was es sein will. Thriller, Sittenbild, Historiendrama? Und eignet sich durch diese Unentschlossenheit eine gewisse schadenfroh kindliche Extravaganz an, die mitunter schmunzeln und staunen lässt. Vor allem zu Beginn entfaltet Die Verführten eine bildnerische Sogwirkung. Die Kamera von Philipp Le Sourd ist atmosphärisches Kunstkino zwischen David Hamilton und Peter Weir´s Picknick am Valentinstag. Die impressionistischen Lichtspiele entstehen vor allem durch das Nichtvorhandensein von künstlichem Licht. Die im Halbdunkel liegenden Innenräume des Mädchenpensionats bleiben düster, das Weiß der Wände, das Blassrosa der gerüschten Röcke nuanciert im natürlichen Licht. Selbst die Sonne, die durch flechtenbehangene Bäume bricht, kündigt Unheilvolles an. Man denkt da an den Geisterkult rund um die Sümpfe Louisianas. Die Kompositionen aus Licht und Grobkörnigkeit betritt ein erlesenes Schauspielensemble, dass sich schwärmerisch gibt wie die Virgin Suicides und eine verspielte Koketterie an den Tag legt. Da fällt Elle Fanning sehr stark auf, aber auch Nicole Kidman als Grand Dame des Hauses zeigt nach Lion wieder, was eigentlich in ihr steckt. Gemeinsam scheinen sie einen sommerlichen Totentanz rund um Macho Colin Farrell zu vollführen, während im Hintergrund die Kanonen donnern. 

Die Verführten tänzelt aus der Reihe klassischer Genres, verlässt sich aber zu stark auf seine Galerie natürlicher Stimmungen und rastloser Blicke. Der Plot des tragikomischen Dramas ist zu schal, um ganze 93 Minuten lang das reizvolle Korsett zu füllen. Das war zwar schon bei Marie Antoinette so, allerdings verlieh die Französische Revolution der zuckersüßen Biografie mehr Drive als der Amerikanische Bürgerkrieg dies bei den Verführten vermocht hat. Hier verlässt man den Kinosaal beeindruckt, aber gleichzeitig enttäuscht. Als wäre da noch etwas gewesen, was nicht erzählt wurde.   

Die Verführten