Our Girls (2025)

NOT KENNT KEIN GEBOT

6/10


Thekla Reuten, Fedja van Huêt, Noortje Herlaar und Valentijn Dhaenens bangen um ihre Töchter im Film Our Girls
© 2025 Keplerfilm / Nuts Bolts Film Company


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, BELGIEN, NIEDERLANDE 2025

REGIE / DREHBUCH: MIKE VAN DIEM

KAMERA: MARTIN GSCHLACHT

CAST: THEKLA RHEUTEN, FEDJA VAN HUET, NOORTJE HERLAAR, VALENTIJN DHAENENS, ROSA VAN LEEUWEN, FRÉDÈRIQUE VAN BAARSEN, KARL MARKOVICS, PROSCHAT MADANI, JEREMY MILIKER U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN



Alles beginnt im Sandkasten. Dort spielt die kleine Madelon seelenruhig, was Kinder eben so spielen – bis sich Elise dazugesellt. Die beiden haben bereits von klein auf nichts gemein. Es gibt zwar ein Erinnerungsfoto, doch so missmutig, wie die beiden da dreinschauen, so erquickend kann die Zukunft werden, wenn die Mädchen zwangsweise befreundet sein müssen, sind doch die Eltern untereinander scheinbar bewundernswert kompatibel. Kaum kennengelernt, kauft man bereits gemeinsam ein Elysium von Eigenheim exponiert in den österreichischen Alpen, mit Blick auf selbige und weit und breit ohne Nachbarschaft.

Hat man gute Freunde, braucht man keine Nachbarn

Einmal im Jahr treffen sich beide Familien zum sommerlichen Stelldichein. Je älter die Teenagermädels werden, umso unwilliger wird ihr Dabeisein. Beide hängen am Handy und lassen sich von diversen Social Media-Trends provozieren. Madelon, die stille, immer wieder unfreiwillig in die Defensive beorderte. Elise, die aufmüpfige, waghalsige, selbstinszenierende. Die Woche, von der dieser Film erzählt, wird letztlich zum Wendepunkt im Leben aller Beteiligten, als die Mädels beim Quad-Fahren einen verheerenden Unfall bauen. Die eine, Elise, liegt mit Schädelfrakturen im Koma. Der anderen scheint auf den ersten Blick nichts passiert zu sein.

Wie nun damit umgehen, als Eltern, als Mitbewohner, als Freunde? Sind sie das wirklich? Und wie sehr können die einen unterdrücken, dass sie besser dran sind als die anderen?

Das freie Spiel sozialer Kräfte

Mike van Diem, Oscarpreisträger für seinen Film Karakter, weiß nicht so recht, wohin mit seinem Thema. Führt er seine Charaktere vor? Fühlt er mit ihnen? Weiß er es überhaupt besser und betrachtet lieber in süffisantem Abstand, wie Menschen im sozialen Kräftemessen scheitern können?

Bereits zu Beginn, in der Prologszene im Sandkasten, sollte eigentlich klar sein, wohin der Hase läuft. Die kleine Elise knallt der kleinen Madelon, die viel besser Sandburgen bauen kann als die andere, eine Schaufel ins Gesicht. Tja, unsere Mädchen, könnte man an dieser Stelle seufzend kommentieren und mit den Augen rollen.

Das Drama wäre gerne Satire

Eine bissige Satire scheint sich anzubahnen. Etwas, womit sich zum Beispiel Ruben Östlund auskennt. Seine messerscharfen und unbequemen Werke wie Höhere Gewalt oder The Square loten die Grenzen der gesellschaftlichen Integrität gar nicht mal so auf witzige, aber dennoch überspitzte Weise aus.

Mike van Diem entwickelt eine ähnliche Sprache, einen ähnlichen Stil. Kameramann Martin Gschlacht findet dafür wie gewohnt kühle, nüchterne, distanzierte Bilder, die selbst die wildromantische Bergwelt als ein lethargisches Niemandsland darstellen. Darin verborgen eine ziemlich bleischwere Tragödie, die wider Erwarten auf polemische Spitzen verzichtet, obwohl alles den Anschein hat, dass hier vielleicht auch van Diem selbst auf Distanz geht, um latenten Sarkasmus walten zu lassen.

Man verrät sich, man betrügt sich, man hat’s besser als die anderen

Selten gelingt es ihm, das Ensemble um Thekla Reuten so sehr aus der Reserve zu locken, damit ihnen ihr eigenes Dasein unangenehm genug wird. Ruben Östlund hat damit keine Schwierigkeiten, van Diem kommt mit den Konsequenzen seiner Geschichte nicht ganz klar. Vielleicht, weil er die Schwere gar nicht mal abgesehen hat und erst im Dreh das wahre Ausmaß zutage treten durfte.

Our Girls bleibt ein lakonisches Drama um das freie Spiel von Mitleid, Opferbereitschaft und Zusammenhalt, das ihren Figuren gegenüber fast zu milde gestimmt ist. Vielleicht, weil alle ohnehin schon genug leiden. Eine nüchterne und kompromissvolle Erkenntnis, die einen genauso ausgenüchtert zurücklässt wie die vom Schicksal Gezeichneten im Film.

Our Girls (2025)

Atlantic

DES MEERES UND DER LIEBE WELLEN

7/10

 

Atlantic© 2014 Thimfilm

 

LAND: NIEDERLANDE / BELGIEN / DEUTSCHLAND / MAROKKO 2014

REGIE: JAN-WILLEM VAN EWIJK

MIT FETTAH LAMARA, THEKLA REUTEN, MOHAMED MAJD, BOUJMAA GUILLOUL U. A.

 

Stürmisch ist er. Saukalt. Strömungs- und nährstoffreich – der atlantische Ozean. Nicht gerade das Meer zum Chillen, aber das Meer, um den starken Sportler zu markieren und zu surfen, was das Zeug hält. Die Küsten Marokkos und jene der kanarischen Inseln sind das Paradies für Wellen-Junkies schlechthin. Wer ein Surfbrett hat, hat den Sinn seines Lebens gefunden. Und gehört fortan zu einer Gruppe von Menschen, die mit Dreadlocks, kurzen Schlabberhosen und einer gehörigen Portion Lässigkeit das Leben auf die leichte Schulter nehmen. Um meterhohen Wasserbergen zu trotzen gehört schon eine Portion rotzfrecher Todesmut. Und nach jeder unversehrten Rückkehr an den Strand ist die Existenz um einige Fuhren Küstensand leichter. Womit wir beim Subgenre des Surfer-Films wären. Tatsächlich gibt es Festivals wie jene des Bergfilms, die sich ausschließlich den gefilmten Loops mit Brett und Segel widmen. Womöglich nur was für Surfer-Nerds, obwohl auch Nicht-Dudes so mancher cineastischen Spezialität neben all den atemberaubenden Stunts auch andere Aspekte abgewinnen können. So gesehen bei Atlantic, einer entrückend poetischen Filmerzählung, die den Wassermassen zwischen alter und neuer Welt in den schönsten Lichtreflexionen huldigt und einen Fischersohn namens Fettah auf eine Reise schickt, von welcher er womöglich nicht mehr zurückkehren wird.

Der niederländische Filmemacher Jan-Willem van Ewijk hat ein elegisches Essay über die Sehnsucht nach einem besseren Leben inszeniert, ohne sich dabei aber explizit auf die Charakterisierung des Flüchtlings an sich zu beschränken. Sein Film fordert mehr Fragen und Skepsis zutage als es anfangs den Anschein hat. Denn der Laiendarsteller und Surfer Fettah, der von van Ewijk für eine Rolle selbes Namens gecastet wurde, gibt sich seinen Träumen hin. Den Träumen von einem Leben in einem Elysium des Westens, in einem gelobten Land, wo Milch und Honig fließen, wo es allen besser geht, wo das einzig erstrebenswerte Ziel des materiellen Wohlstands so nah ist wie nirgendwo sonst. Es ist weniger die Schwärmerei für eine junge Frau, die den jungen Fischer und Surfer beeindruckt, sondern der Ort, von wo dieses Wesen aus dem Westen herzukommen scheint. Längst an einen Freund Fettah´s vergeben, entspinnt sich zwischen beiden dennoch eine fast schon intime Vertrautheit – die aber nicht mehr sein kann als ein sommerlicher Flirt, dessen Buschfeuer relativ schnell verraucht. Der Mann aus Afrika will aber mehr. Was genau, darüber lässt uns van Ewijk eigentlich im Unklaren. Sein Abenteurer will das, was durch den Besuch sämtlicher Touristen plötzlich so greifbar nah erscheint. Will das, was er eigentlich gar nicht kennt, und über die Maßen idealisiert. Es ist die eigene Unzufriedenheit, die das Auswandern in ein besseres Leben rechtfertigen soll. Das eigene kleine Glück, die Wertschätzung vertrauter Menschen, greifbare Werte, die bleiben, wenn nichts mehr bleibt – selbst die einfordernden Rufe nach Rückkehr bleiben angesichts des Wagemuts, die Grundrechte auf das Menschenmögliche einzufordern, ungehört.

So fängt der junge Mann und das Meer keinen Marlin, der an der Angel hängt und wie bei Hemingway während der Fahrt zurück ans Ufer aufgefressen wird – vielmehr orientiert sich der Glückssucher an den Gestirnen, und verliert dennoch die Orientierung. Mag sein, dass ich Atlantic völlig falsch eingeschätzt habe. Doch das, was mir van Ewijk´s Film vermittelt, ist kein Manifest, dass Mut macht oder den Mutigen bemitleidet. Nichts, was den Flüchtenden besser verstehen lässt. Im Gegenteil. Die Sehnsucht nach dem Mehr im Leben taucht im Meer des Lebens auf poetische, zurücknehmend kritische Weise als Fragment in der kalten Strömung unter.

Atlantic