Becky

KÄMPFEN WIE EIN MÄDCHEN

5/10


becky© 2020 Splendid Film


LAND: USA 2020

REGIE: JONATHAN MILOTT & CARY MURNION

CAST: KEVIN JAMES, LULU WILSON, ROBERT MAILLET, JOEL MCHALE, AMANDA BRUGEL U. A. 

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Rotkäppchen hat am Ende des Tages das Unmögliche geschafft: die Naturgewalt eines großen bösen Wolfes gebändigt, trotz anfangs schlecht gemischter Karten. Obwohl in Grimms Märchen kinderfreundlich abstrahiert, war Rotkäppchen mit der Wahl ihrer Mittel aber genauso wenig zimperlich wie ihre jenseits der Märchenwelt befindliche Schwester im Geiste, genannt Becky. Die hat nämlich mit ganz anderen Problemen zu kämpfen als nur Großmutter einen Besuch abzustatten. Becky betrauert ihre an Krebs verstorbene Mutter und verbringt das kommende Wochenende im familiären Landhaus mitten im Wald. Großer Wermutstropfen: Papa überrascht mit seiner neuer Liaison und dessen Nachwuchs. Für Becky ein schlechter Scherz.

Mit ähnlich holpriger Pointe bahnt sich eine weitere Wochenendattraktion an: eine Handvoll aus dem Knast entflohener Neonazis stören die patchworkfamiliäre Idylle, wobei hier nicht von Zufall die Rede sein kann. Ein Artefakt soll hier versteckt sein, welches der Rädelsführer – ein gedrungener Glatzkopf mit Rauschebart und Hakenkreuz-Tattoo, damit auch Quereinsteiger im Bilde sind – unbedingt haben will. Pech für ihn: das Objekt der Begierde trägt Becky um den Hals. Und die ist gerade im Wald, als die bösen Buben ihre Home Invasion starten.

So wie Busenfreund Adam Sandler versucht, seinem Image als trivialer Pausenclown gegenzusteuern, probiert es diesmal auch King of Queens-Paketbote Kevin James. Er tut zumindest äußerlich alles, um als böser Bube wirklich zu funktionieren. Das Problem dabei: es will ihm nicht gelingen. Kevin James ist ein waschechter Sitcom-Buddy, ein talentierter Comedian, ein bequemer Zeitgenosse, der vorrangig nichts Böses im Schilde führt, der vielleicht manchmal ein bisschen auf Eigennutz unterwegs ist, aber es sei ihm verziehen, so schrullig wie er ist. Ein Neonazi? Beim besten Willen nicht. Er tötet, er quält, er blutet – doch er bleibt seltsam phlegmatisch dabei, fast schon gemütlich. Im Gegensatz dazu ist Problemkind Becky fast schon so ein Systemsprenger wie Helena Zengel in gleichnamigem Film, nur natürlich um mehrere Ticks brutaler. Lulu Wilson, manchen vielleicht bekannt aus Ouija 2, ist da mehr die planende Furie mit Buntstiften, Schiffsschrauben und Rasenmähern als Waffe ­– entsprechend tief greift das Regieduo Jonathan Milott und Cary Murnion in die Hämoglobin-Trickkiste. Splatter- und Gorespitzen verteilen sich über die zweite Hälfte des Films wie Pilze im Forst, und klar – man ist auf Beckys Seite, wenn die asozialen Radaubrüder ihre Sünden abbüßen. Zwischendurch aber gibt’s jede Menge Leerlauf, auch schauspielerisch können Lulu Wilsons Co-Stars nicht so recht überzeugen. Etwas Besonderes ist Becky kaum, allenfalls ein überspitztes Mädchen-sieht-Rot-Szenario mit Strickmütze, nach dessen Release Kevin James vielleicht doch überlegt, lieber wieder in gewohnten Gewässern zu witzeln.

Becky

John Wick: Kapitel 3 – Parabellum

DIE MEUTE HETZT DEN WOLF

4,5/10

 

johnwick3© 2019 Concorde Filmverleih

 

LAND: USA 2019

REGIE: CHAD STAHELSKI

CAST: KEANU REEVES, HALLE BERRY, LAURENCE FISHBURNE, IAN MCSHANE, ASIA KATE DILLON, JEROME FLYNN, ANJELICA HUSTON U. A.

 

Manchmal, wenn es gerade mal mehr schlecht als recht läuft, gibt es einen Song, bei dem ich die Shuffle-Funktion meiner Playlist abstelle und den tröstenden Ohrwurm direkt anwähle. Es ist dies der Song der Toten Hosen mit dem so bezeichnenden und motivierenden Titel: Steh auf. Und dann grölt Campino ins Mikrofon, dass dies zu tun sei, nämlich aufzustehen, wenn man am Boden ist. Und dann nochmal, wenn man da unten liegt. Die Toten Hosen haben damit einen Song geschrieben, den sollte sich Keanu Reeves unbedingt und am besten gestern und wenn geht noch vor 18 Uhr hinter die Ohren schreiben. Kein anderer Song bringt den dritten Anlauf des wohl tödlichsten Hustenzuckerls der Welt so auf den Punkt wie dieser. Denn so oft wie der strähnig schwarzhaarige Stoiker auch hinfällt, er steht gefühlt öfters wieder auf. Und das macht ihn zu einer Kampfmaschine, wie es sie real gar nicht geben kann. Aber das wissen wir, spätestens seit dem augenzwinkernd zweiten Teil eines erfolgreichen Franchise, der damit endet, dass die Assassinengilde quer über den ganzen Erdball in freudiger Erwartung zum Halali auf den mieselsüchtigen Ernstling bläst. Eine Fortsetzung war da garantiert, denn auch wenn das Original außer einem hohen Bodycount nichts zu bieten hatte, hat Teil 2, der größtenteils in Italien spielt, einen gewissen Sinn fürs comichaft Überzeichnete entwickelt, das geradezu ins Absurde geht – und dem ganze Brimborium gut zu Gesicht steht.

Dieses Konzept will Chad Stahelksi auch im derzeit aktuellen Sequel unter die Killer mischen. Und entwirft eine unter der Fuchtel der ominösen Hohen Kammer stehende dunkle Parallelgesellschaft aus Mördern, Kopfgeldjägern und Auftragskillern, die nur mehr ein Ziel haben, nämlich John Wick zur Strecke zu bringen und das Kopfgeld von 15 Millionen zu kassieren. Das mit Tötungsverbot belegte Continental-Hotel in New York bietet auch keinen Schutz mehr – hat der Schauplatz doch erst den Stein ins Rollen gebracht. Und so hetzt die Meute den Wolf. Und der hechelt im Kleiderbaueranzug, durchnässt, verschwitzt und blutend durch eine verregnete Metropole, die fast schon an ein blaustichiges Sin City erinnert. Diese gehetzte Düsternis, dieses panisch Zufluchtsuchende, das sind die besten Minuten in diesem Film. Vor allem dann noch, wenn die Uhr tickt, bevor zur vollen Stunde der gebürtige Weissrusse zum Freiwild erklärt wird, hat der Thriller doch einiges an dystopischer Suspense zu bieten. Die aber verfliegt, nachdem unser geschundener Held auf einen anderen Kontinent wechselt. Was dann mit John Wick: Chapter 3 – Parabellum passiert, fällt in die Kategorie gepflegte Langeweile für Actionchoreographen, die ihre Schüler rangelassen haben, um mit Messern, Macheten und Schießeisen aller Art eine Art Ausdruckstanz zu veranstalten, der aber Kalibern wie The Raid bei weitem nicht das Pflaster reichen kann. Gareth Evans‘ Immobilien-Gemetzel ist zwar saubrutal, dafür fallen die kampfeswütigen Finsterlinge in so ausgesuchter Akrobatik, das Brutalität plötzlich zur freilich fragwürdigen Kunst wird. Die in diesem Film hier eigentlich alle ziemlich stümperhaften Todesbringer fallen wie schlaftrunkene Fliegen beim Abklatschen über einer Kuhflade, so wirklich Paroli bietet keiner von denen, nicht mal die Endgegner, die so lästig sind wie rollige Karnickel und andauernd um den sowieso schon völlig fertigen John Wick herumscharwenzeln, um ihm da und dort noch eine zu semmeln. Reeves erinnert mich dabei ein bisschen an Peter Sellers in der Eingangsszene zu seinem Slapstickstreifen Der Partyschreck. Da mimt er einen Fremdenlegionär, der bereits schon was weiß ich wie oft von feindlichen Kugeln getroffen wurde, und sich immer wieder und scheinbar endlos aufrafft, um ins Horn zu trompeten. Diese okkulte Widerstandsfähigkeit haben entweder Engel, Dämonen oder eben strähnige, lakonische Wüteriche in Schwarz, die sogar in die Wüste geschickt werden.

John Wick: Chapter 3 – Parabellum bezieht sich auf das lateinische Zitat Si vis pacem para bellum was soviel heisst wie Wenn du (den) Frieden willst, bereite (den) Krieg vor. Klar, der Krieg wird nicht nur vorbereitet, er findet auch statt. Und das ist ungefähr so vorhersehbar und überraschend wie bei den Expendables – und wirklich um einige Viertelstunden zu lange. Wenn man glaubt es geht nicht mehr, kommt von irgendwo noch ein Arschtritt daher. Letzten Endes wünscht man sich nicht nur einmal Time Out. Hätte John Wick doch wenigstens mehr Stil, hätte er einen Killerinstinkt, der andere glauben lässt, es gäbe ihn gar nicht. Szenenweise gelingt ihm das auch, vielleicht auch rein zufällig, wie beim blinden Huhn und dem Korn. Da hat der Film dann wieder seine feinen Actionspitzen doch meist bleibt es bei fuchtelndem Handgemenge, bis einer weint. Das ist redundant, man blickt auf die Uhr, zählt die Toten schon lange nicht mehr, und befindet das schleppende zweite Sequel als wenig originelle Übersprungshandlung, die im bereits zugesichertem Teil 4 noch größere Kreise ziehen wird. Und wir wissen – Quantität ist nicht gleich Qualität, auch nicht beim Bodycount.

John Wick: Kapitel 3 – Parabellum