Rebel – In den Fängen des Terrors (2022)

ABENTEUER DSCHIHAD

6,5/10


Rebel© 2022 Busch Media Group

LAND / JAHR: BELGIEN, LUXEMBURG, FRANKREICH 2022

REGIE: ADIL EL ARBI & BILALL FALLAH

DREHBUCH: ADIL EL ARBI & BILALL FALLAH, KEVIN MEUL, JAN VAN DYCK

CAST: ABOUBAKR BENSAIHI, LUBNA AZABAL, AMIR EL ARBI, TARA ABBOUD, YOUNES BOUAB, KAMAL MOUMMAD, FOUAD HAJJI, NASSIM RACHI U. A.

LÄNGE: 2 STD 19 MIN


Im Zuge gewaltiger Umbrüche und kriegerischer Aktivitäten im Nahen Osten ist nun auch das passiert: Syrien ist frei, frei von der Folterdiktatur eines Assad, der nun in Russland bei Busenfreund Putin Zuflucht sucht. Die Rebellen müssen nun zu einer gewissen Ordnung übergehen, die ein Staat benötigt, um zu funktionieren. Das Vorhaben wäre nicht möglich, hätten die bösen Buben des Islamischen Staats noch Gebietsansprüche zu vermelden.

Die Situation war in Syrien mal anders, und bildet auch den politischen Hintergrund eines engagierten Actionthrillers, der aber nicht nur Wüstensand aufstauben und bärtige Finsterlinge herumballern lassen will, sondern versucht, einen mehr oder weniger glaubwürdigen Einblick in den Alltag von Dschihadisten zu gewähren, die keinen Widerspruch darin sehen, westliche Errungenschaften dafür zu nutzen, dem verhassten Westen, und nicht nur dem, die Hölle heiß zu machen. Rebel – In den Fängen des Terrors beschreibt den IS als ein hierarchisch geprägtes, militantes Gebilde, in dem nicht wenige dazu gezwungen werden, dieses Spiel des Terrors mitzuspielen. Einer davon ist der in Belgien lebende Rapper und Social Media-Star Kamal (Aboubakr Bensaihi), der sich gezwungen sieht, zum Wohle der Allgemeinheit den Kriegsopfern in Syrien Beistand zu leisten. Also reist er, bewundert vom jüngeren Bruder Nassim, an den Ort des Geschehens – und wird, ehe er sich versieht, vom Islamischen Staat zwangsrekrutiert. Durch seine Fähigkeiten im Umgang mit dem Medium Film findet sich Kamal als begleitender Reporter bei terroristischen Einsätzen wieder. Was er nicht weiß: Sein Bruder bewundert ihn und hat ebenso vor, sich der Terrormiliz anzuschließen, wird er doch von sogenannten „Bekannten“ Kamals, die mit den Warlords in Syrien in Verbindung stehen, entsprechend manipuliert. Letztlich obliegt es der Mutter selbst, ihre beiden Söhne aus der Vorhölle herauszuholen. Doch die Lage spitzt sich zu, und für Kamal gibt es bald kein Zurück mehr.

Die erschütternde Chronik einer Familie, die in die Brüche geht, bleibt ein Hintergrundrauschen. Das Drama mag an die Nieren gehen, hätten die Belgier Adil El Arbi und Bilall Fallah darauf verzichtet, Kriegsreportern gleich vorzugsweise am Schlachtfeld mitzumischen, um die spektakulären Spitzen eines Heiligen Krieges einzufangen. Bei den beiden weiß man schließlich, woher der Wind weht. Auf ihre Kappe gehen die letzten beiden Sequels des Bad Boys-Franchise: Launige Actionkomödien im aalglatten Hollywood-Stil und auf befriedigende und unterhaltsame Weise schwarzweißgemalt. Dieser Wind aus dem Actionfilm-Genre weht auch zu Rebel hinüber, einem gekonnt plakativen Spektakel voller Thrill, Kriegsgeheul und militärisch-hierarchischer Problemagenda. Als überraschende Intermezzi, die das Geschehen von der harten Realität abstrahieren sollen, dienen Show- und Tanzeinlagen, die vielleicht auf den ersten Blick irritieren, im Nachhinein aber durchaus ins Gesamtbild passen.

Alles fühlt sich an, als wäre Jack Ryan nicht weit weg, denn vorrangig dient das Abenteuer, und hat es eine auch noch so grimmige Prämisse, zur spannungsreichen Unterhaltung. Filme wie diese haben, sofern sie sich in ihrem Werteverständnis klar positionieren, durchaus ihre Berechtigung. Rebel – In den Fängen des Terrors ist ein perfekt komponierter Kriegsfilm und leidenschaftliches Popcornkino mit effekthartem Blick auf die Weltpolitik und ihre fatalen Wucherungen. Dabei stürzt es sich tief in die deutlich zur Schau getragenen Empfindungen seiner Protagonisten.

Rebel – In den Fängen des Terrors (2022)

Beyond the Infinite Two Minutes

IM CAFÉ ZWISCHEN DEN ZEITEN

8/10


beyondtheinfinite© 2022 Busch Media Group


LAND / JAHR: JAPAN 2020

REGIE: JUNTA YAMAGUCHI

BUCH: MAKOTO UEDA

CAST: KAZUNARI TOSA, RIKO FUJITANI, GÔTA ISHIDA, MASASHI SUWA, AKI ASAKURA, YOSHIFUMI SAKAI U. A.

LÄNGE: 1 STD 10 MIN 


Ich hätte gerne einen Kakao. Aber bitte einen von Droste. Und zwar jenen, den die abgebildete Nonne auf der Box der abgebildeten Nonne auf der Box der abgebildeten Nonne auf der Box der abgebildeten Nonne serviert. Ja, das könnte man unendlich fortsetzen. Die Rede ist vom Phänomen Mise en abyme, was ungefähr gleichzusetzen ist mit einem Fass ohne Boden. Anders bekannt ist der Blick ins Unendliche auch als Droste-Effekt, eben basierend auf dem grafischen Entwurf besagter Kakao-Verpackung. Wir kennen das vielleicht am ehesten noch aus Aufzügen – da gibt es manche, deren Innenraum zumindest auf zwei Seiten verspiegelt ist. Auch hier zeigt der Spiegel den Spiegel von gegenüber, der wiederum den Spiegel von gegenüber zeigt, der wiederum… Der Blick hinein ist unendlich. Ein Kuriosum, das in der Kunst oder eben auch in der Werbegraphik ab und an gerne verwendet wird. Auch in der Mandelbrot-Fraktale oder im Apfelmännchen lässt sich besagte Form im Zoom jedesmal neu entdecken.

Aus solchen Spielereien könnte man einen Film machen? Ist passiert. Und was wäre, würde man hier noch zusätzlich die vierte Dimension einfügen? Würde das dann das Raum-Zeit-Gefüge sprengen? Vielleicht, warum nicht. Einfach probieren, dachten sich ein paar Japaner, die mit kaum Budget, Smartphone und in One Shot-Manier eine Gedankenakrobatik ausgearbeitet hatten, die ihre Premiere während der Pandemie gerade mal vor einem Publikum von zwölf Personen feierten. Macht auch nichts, alles ist relativ, dafür ist Beyond the Infinite Two Minutes mittlerweile ein Renner auf allen möglichen Festivals. Man sieht wieder: Originelle Ideen brauchen kein tonnenschweres und sauteures Equipment. Um erfolgreich zu sein, müssen sie einfach als gute Geschichte funktionieren, und sei es auch nur als feierabendliche Anekdote nach Kassaschluss irgendwo in Kyoto in einem kleinen Café im Parterre eines Wohnhauses.

Kato, der Besitzer des Ladens, wird in seiner Wohnung via Bildschirm ganz plötzlich von sich selbst angesprochen. Das Ich aus dem Bildschirm erzählt ihm etwas Unglaubliches: Er sei aus der Zukunft, allerdings nur zwei Minuten von der Gegenwart entfernt. Er selbst würde gleich hinunter ins Kaffeehaus gehen und ihm dasselbe nochmal selbst sagen. Kato macht die Probe aufs Exempel – und sieht sich tatsächlich vom Bildschirm des Wifi-Computers aus dem Laden in seiner Wohnung vor zwei Minuten.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt prustet man los oder verschluckt sich gar an seinem Popcorn. Wie abgefahren ist das denn? Damit nicht genug. Mit der Zeit scharen sich immer mehr Leute um dieses Phänomen, und einer von ihnen hat gar die Idee, den Droste-Effekt zu erzeugen, wenn beide Bildschirme gegenüberstehen. Gesagt, getan – der Blick in die Zukunft und in die Vergangenheit geht immer weiter, aus zwei werden vier werden sechs Minuten… Bis das ganze Experiment dazu genutzt wird, Profit zu lukrieren – und ganz andere Gestalten auf den Plan ruft, die Schlimmstes verhindern wollen.

Was für eine angenehm entrüschtes Spin-Off zur Zeitreise-Thematik? Dark, das Multiverse of Madness, die TVA aus Loki: Vieles davon vielleicht eine Spur zu verkopft. Wie wär‘s mit einem Pocket-Manual zum praktischen Gebrauch? Zur eigenen Do it Yourself-Erschaffung einer alternativen Zeitebene? Zur sofortigen Anwendung und mit garantiertem Spaß-Faktor? Beyond the Infinite Two Minutes ist einer jener kleinen großen Würfe, die beweisen, dass es beim Filmemachen auf die Idee und den Willen ankommt, diese umzusetzen. Dass Improvisation, Freude am Fabulieren und kindliche Neugier alles sind, um sein Publikum verblüffen zu können. In diesem Nippon-Workshop in Sachen SciFi fehlen Naturgesetzen manchmal die Argumente, ist die Zukunft längst nicht in Stein gemeißelt und obendrein laden frisch gebrühte Paradoxone entspannt zum Smalltalk ein.

Beyond the Infinite Two Minutes

A Hard Day

WENN TOTE NICHT ANS HANDY GEHEN

7/10


ahardday© 2021 Busch Media Group

LAND / JAHR: SÜDKOREA 2014

BUCH / REGIE: KIM SEONG-HUN,

CAST: LEE SUN-KYUN, CHO JIN-WOONG, JEONG MAN-SIK, SHIN JUNG-KEUN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Meist lautet die Faustregel so: kennst du einen amerikanischen Thriller, kennst du gleich viele andere. Kennst du aber einen südkoreanischen Thriller, können dich alle anderen noch überraschen. Forrest Gump würde den Umstand mit einer Schachtel Pralinen vergleichen. Wie die das dort machen, ist kein Geheimnis – klarerweise liegt’s am Drehbuch, und klarerweise liegt’s an der Bereitschaft der Produzenten, auch gegen die Norm gebürstete Arbeiten zu verfilmen, die nicht dem lukrativen Schema erfolgreicher Marktforschung unterliegen. Die Südkoreaner, die trauen sich einfach mehr. Fabulieren mehr und denken mehr um die Ecke. Daher sind auch Filme, die sonst kaum das Zeug haben, auf westlichen Leinwänden groß rauszukommen – weil sie vielleicht nicht Bong Joon-Ho oder Park Chan-Wok in den Credits haben – bemerkenswerte Geschichten, die einfach erzählt werden müssen. So auch dieser bereits 2014 abgedrehte Streifen, der allerdings rund sechs Jahre darauf warten hat müssen, um das Licht der Retail-Welt zu erblicken. Doch egal, wann dieser letztendlich auftaucht – es ist schön, ihn zu sehen. Und ein kurioses Vergnügen obendrein. Ich hoffe, nur, dass es den Coen-Brüdern oder sonst wem nicht einfällt, Filme wie diese zu amerikanisieren. Eigene Ideen wären begrüßenswerter.

So ist die Idee vom korrupten Detektiv Ko, der bei einer nächtlichen Autofahrt zum Begräbnis seiner Mutter einen Menschen überfährt und sich damit allerlei Schwierigkeiten aufhalst, eine erfrischend originelle. Denn eine Anklage kann Ko momentan wirklich nicht gebrauchen, also schafft er das Unfallopfer in seinen Kofferraum, um es später spurlos verschwinden zu lassen. Was eignet sich da nicht besser als der Sarg seiner verstorbenen Mutter, die ja ohnehin begraben wird. Doch dieses groteske Vorhaben gestaltet sich äußerst schwierig. Dabei passieren Dinge, die kurioser kaum sein können. Und letzten Endes war der Überfahrene nicht irgendeiner, und auch nicht jemand, dessen Ableben nicht noch von jemand anderem beobachtet wurde.

Schwarzer Humor trifft auf Copthriller, die wiederum treffen auf makabren Suspense. Das muntere Potpourri aus Vertuschung und Erpressung, in dem es keine Guten, sondern nur weniger Böse gibt, steuert mit sehr viel ausgelebter Schadenfreude auf ein Katz- und Mausspiel zu, das vor skurrilen Momenten nicht mehr weiß, wohin damit. Klar kommt einem da wieder das tiefschwarze Meisterwerk Blood Simple von den eingangs erwähnten Coen-Brüdern in den Sinn, es werden Leichen aus- und eingegraben, und das alles in einem lakonischen, fast schon finnischen Gleichmut, der allerdings das Meistern scheinbar auswegloser Situationen in glaubhaftem Licht erscheinen lässt. A Hard Day ist nicht nur ein Tag, A Hard Week trifft es wohl eher, denn der Thriller erstreckt sich über einen längeren Zeitraum. Doch dieser eine Moment der Unachtsamkeit an diesem einen harten Tag ordnet die Parameter neu und zwar so, wie man sie vielleicht nicht erwartet hätte.

A Hard Day