Tanz der Unschuldigen (2020)

HEXENSABBAT AUF BESTELLUNG

6,5/10


tanzderunschuldigen© 2020 Sophie Dulac Productions


ORIGINALTITEL: AKELLARE

LAND / JAHR: SPANIEN, ARGENTINIEN 2020

REGIE: PABLO AGÜERO

DREHBUCH: PABLO AGÜERO, KATELL GUILLOU

CAST: AMAIA ABERASTURI, ALEX BRENDEMÜHL, DANIEL FANEGO, GARAZI URKOLA, IRATI SAEZ DE URABAIN, JONE LASPIUR, LOREA IBARRA, YUNE NOGUEIRAS U. A.

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


Mit diesem Inquisitor ist nicht gut Kirschen essen. Einem Mann mit kaltem Blick und messerscharfem Verstand. Einer, der zu wissen glaubt, dass Hexen die brave Gesellschaft unterwandern, fürs miese Wetter verantwortlich sind und unliebsame Nachbarn sterben lassen. In Ermangelung wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse sind die Schuldigen immer jene, die sich am wenigsten wehren können – abgesehen vielleicht von Kindern. Denn Kinder haben immer noch diese gewisse Unschuld. Doch selbst da verschiebt sich die Grenze, und mindestens eine der willkürlich eingefangenen jungen Frauen ist nicht mal noch ein Teenie. Da die Männer der älteren auf hoher See unterwegs sind, weiß Gott in die Neue Welt, hat die sakrale Institution leichtes Spiel, wenn es darum geht, die Obrigkeit zufriedenzustellen und Dienst nach Vorschrift zu verrichten. Im Jahre 1609 gilt in Spanien jede als Hexe, die sich länger im Wald aufhält als nötig. Wenn dann noch gesungen und getanzt wird, scheint alles klar: Das kann nur ein Hexensabbat gewesen sein, zu welchem Menschen in Tiere verwandelt werden und Beelzebub seine sexuellen Bedürfnisse befriedigen will.

So werden sie also entführt und eingesperrt – und Ana, die versucht, das eigene und das Überleben ihrer Freundinnen zu sichern, muss Inquisitor Rostegui (Alex Brendemühl) so lange hinhalten, bis all ihre Ehemänner wieder heimkehren – um den Kirchenmännern so richtig den Kampf anzusagen. Angesichts der vorherrschenden Gewalt, um die Wahrheit ans Licht zu bringen, lässt sich Widerstand nur dann entsprechend aufbauen, wenn die ganze negative Energie des richtenden Klerus nicht abgeblockt, sondern absorbiert wird. Um sie gleichsam dafür zu nutzen, das zu inszenieren, was die Beauftragten sehen wollen: den Tanz der Hexen, den Sabbat, die verwerfliche Erotik junger Frauen, die dem Inquisitor letztlich den Kopf verdrehen soll.

Spanien kann ein Liedchen – was heißt, eines: mehrere, ein ganzes Liederbüchlein – davon singen, welche Vielzahl an Verbrechen im Namen des Herren schon begangen wurden. Die Filmwelt selbst hat für den Mythos der Naturmächte beherrschenden, selbstbestimmten und unabhängigen Frauenfigur, die manchmal Böses im Sinn hat oder eben auch Gutes, unterschiedlichste Spielarten präsentiert. Meist aber mit der Überlegung, dass Hexen als solche tatsächlich existieren – von der monströsen Baba Yaga über die Grimm’schen Auswüchse bis hin zum Found-Footage-Horror einer Blair Witch. Und dann gibt es eine ganze Reihe Filme, die den Schwarzen Peter einer bigotten, hysterischen Gesellschaft zuschieben, die durch die Mechanismen einer selbsterfüllenden Prophezeiung jenen Umstand vorgesetzt bekommen, über dessen mögliche Tatsache sie sich das Maul zerrissen haben. Wie in Dave Eggers The Witch oder im Slowakischen Mysterydrama Nightsiren bringt religiöser Fundamentalismus oder engstirniges Dorfdenken die Hexe überhaupt erst auf den Plan. In Tanz der Unschuldigen von Pablo Agüero, der am Filmfestival von San Sebastian 2020 seine Premiere feierte, ist die Betrachtung des Themas wieder eine ganz neue. Mit Paranormalem kokettiert das Historiendrama nur wenig bis gar nicht – dieses Quäntchen an möglicher Metaphysik mag offenbleiben. Vielmehr reicht das Hexische maximal für ein aus dem Überlebensmut Einiger entstandenes Theater, das die Task Force einer Inquisition nur noch der Lächerlichkeit preisgibt. Was gleichsam gefährlich werden kann.

Als faszinierende Zentralfigur bleibt Amaia Abaratsuri als bereits erwähnte Ana, die massiv auf ihre erotische Ausstrahlung setzt und das promiskuitive Weibliche wie das As aus dem Ärmel spielt. Agüero bemüht sich dabei aber gewissenhaft, realitätsnah zu bleiben. Dennoch: Diese Gratwanderung gelingt ihm manchmal mehr, manchmal weniger. Die längste Zeit über dreht sich Tanz der Unschuldigen etwas im Kreis; Befragungen, Folter und der stetig aufs Neue einzuschwörende Teamgeist der jungen Frauen bereiten das Drama gebetsmühlenartig auf den Hexentanz vor. Zu rustikal wird das Ganze, und die wirklich spannenden Momente, die ganz der Konfrontation des Inquisitors mit der schönen Ana gehören, sind dünn gesät.

Dass der herrische Staatsmann dann so sehr den Überblick verliert, mag man eigentlich gar nicht glauben. Doch ob ganz plausibel oder auch nicht – das letzte Drittel legt das sehr wohl durchdachte, oszillierende Konzept eines Psychothrillers frei, das mit verwirrender Sinnlichkeit punktet und das strohtrockene Kammerspiel von zuvor fast schon vergessen lässt. So, als würde man doch noch in Trance geraten, trotz der eigenen Skepsis.

Tanz der Unschuldigen (2020)

You Won’t Be Alone

MENSCHEN, HEXEN UND ALLES DAZWISCHEN

8/10


you-wont-be-alone© 2022 Focus Features


LAND / JAHR: AUSTRALIEN 2022

BUCH / REGIE: GORAN STOLEVSKI

CAST: ALICE ENGLERT, ANAMARIA MARINCA, NOOMI RAPACE, KAMKA TOCINOVSKI, FÉLIX MARITAUD, CARLOTO COTTA, SARA KLIMOSKA, ARTA DOBROSHI U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Australische Filme – auch wenn es gar nicht anders sein kann, wenn man mich spontan danach fragen würde – müssen nicht immer ihren Heimvorteil genießen. Sie können auch ganz woanders, weit in der Ferne, ihre Geschichten verorten. Wie zum Beispiel in Mazedonien. Sie müssen auch überhaupt nichts mit Australien zu tun haben – weder ihre Figuren aus Down Under kommen lassen oder Down Under als Ziel haben. Mazedonien reicht völlig. Oder zumindest mazedonisch-australisch. Denn mit Regisseur Goran Stolevski gibt es dann doch einen kleinen Bezug zum Produktionsland, der aber in keiner Weise Auswirkungen auf den Film hat. Dieses irgendwo in den höheren Regionen gelegene Mazedonien des neunzehnten Jahrhunderts ist hier ein Ort, an welchem das Bauernvolk wohl täglich damit rechnen kann, von einer Hexe heimgesucht zu werden.

So eine sagenumwobene, gefürchtete Gestalt, die sich den Gesetzen normaler Sterblichkeit entzieht und scheinbar ewig lebt, erscheint eines Tages der Mutter einer Neugeborenen – nackt, mit schütterem Haar und verbannter Haut –, um sich das Kind zu nehmen. Wie es Hexen eben so tun – das wissen wir bereits aus Robert Eggers genialem Mythenthriller The Witch. Doch die Mutter erfleht einen Deal: Im Alter von sechzehn Jahren soll Biliana, die Tochter, ihr gehören. So sei es – und die Mutter, versucht, der Hexe ein Schnippchen zu schlagen und versteckt ihr Kind in einer Höhle. Man kann Hexen jedoch selten hinters Licht führen, diese Gestalten sind scharfsinnig und rechnen damit, und so kommt es, dass die junge Frau zwar nicht gefrühstückt, sondern aus Mitleid selbst in eine Hexe verwandelt wird. Was diese Sorte Wesen beherrschen: Sie können die Gestalt von Menschen und Tieren annehmen – dafür müssen sie sich lediglich deren Eingeweide einverleiben, und einem Leben inkognito steht nichts mehr im Wege. Nur: Biliana, das nun verwilderte Mädchen, dass ihre ganze Kindheit in Isolation verbracht hat, muss erst lernen, wie es ist, Mensch zu sein. Und der Frage nachgehen: welche Art Leben passt am besten zu mir?

You Won´t Be Alone ist wohl einer der ungewöhnlichsten und poetischsten Filme, wenn es darum geht, den Mythos der Hexe aus einem völlig anderen Blickwinkel zu sehen. Das ist Robert Eggers wie schon erwähnt ebenfalls gut gelungen, doch dort ist eine Hexe immer noch etwas Böses. In diesem Film hier ist das ewig lebende Metawesen eine Existenz, die sich mit quälender Einsamkeit herumschlagen muss. Etwas Gefürchtetes zwar, aber Ausgestoßenes, Gemiedenes. Ein Monster. Weder gut noch schlecht, aus einer Not heraus entstanden, und nicht mehr umkehrbar. Biliana (Alice Englert, die Tochter von Jane Campion) schlüpft in verschiedene Rollen, darunter einmal sogar in Noomi Rapace oder in einen Hund. Dabei beobachtet Stolevski ganz genau, wie diese mazedonische Gesellschaft mit Männern, Frauen, Kindern oder Tieren umgeht. Wie es ist, sich zu verlieben oder Sex zu haben. Zu spielen, mitanzupacken oder geschwisterliche Nähe zu erfahren. Und dabei einfach nur das Verhalten der Menschen zu erlernen. You Won´t Be Alone verknüpft sozialphilosophische Gedankenspiele mit blutigem Naturalismus, bizarrer Magie und Eingeweiden. Doch alles hat seine Ordnung, in dieser seltsamen Welt.

Was manchmal an Terrence Malicks Film Ein verborgenes Leben erinnert – mit neugieriger Kamera, die Distanzen meidet und den Alltag dieses Volkes miterlebt –, braucht nur leicht seinen Blick neu ausrichten, um einem inhärenten Folk-Horror zu beobachten, der aber viel mehr sehnsuchtsvolle Parabel sein will als verschreckender Umstand. Das selbst die uralte, einsame Seele das Lebensglück ihres Schützlings nicht neidlos billigen kann – selbst das lässt sich nachvollziehen. Und man ist fast versucht, dieses teils radikale, teils zögerliche Schauspiel wie ein überrumpelndes Naturereignis zu betrachten, das nicht nur von einem leidenschaftlichen Feminismus angefeuert wird, sondern überhaupt das mühsame, grelle, irritierende, aber letzten Endes unverzichtbare Menschsein feiert, nachdem sich mythische Wesen sehnen. Der historische Kontext wiederum verleiht You Won´t Be Alone die elegische Entrücktheit eines Grimm’schen Märchens, und man unterschätzt den Film von einer Sekunde auf die andere. Am Ende begeistert diese erdige Mystery mit seiner verspielten Neugier und dem Mut zum anderen Ansatz.

You Won’t Be Alone

Wildhexe

DIE MAGIE DER SCHREBERGÄRTEN

5,5/10

 

Vildheks. Gerda Langkilde Lie Kaas som Clara. .© 2018 Polyfilm Verleih

 

LAND: DÄNEMARK 2018

REGIE: KASPAR MUNK

CAST: GERDA LIE KAAS, SONJA RICHTER, SIGNE EGHOLM OLSEN, HENRIK MESTAD U. A.

 

Hexen haben Hexenbesen, das singt zumindest das steirische Synthiepop-Duo Ecco. Was aber mit dem dänischen Fantasyfilm Wildhexe leider widerlegt wird. Denn nicht alle Hexen fliegen laut gackernd durch Nacht und Nebel. Manche bleiben auch im Wald. Oder gehen normal zur Schule, sofern es sich um Junghexer und -hexen handelt. Das wissen wir seit Buffy. Die rothaarige Clara aber ist eine, deren Skills erst durch Katzenkratzer angeworfen werden. Dabei war das keine gewöhnliche Katze. Ein Gestaltwandler sozusagen. Ja, das kommt uns auch bekannt vor. Und ist somit der Anfang eines Coming of Witch-Szenarios, das sich vermehrt jenseits urbaner Gefilde abspielt. Vorwiegend auf Wiesen und in Wäldern eben. Und plötzlich sind alle, bei denen man nie geglaubt hätte, dass sie Hexen sind, Hexen. Gut, ein paar Hexer schleichen sich auch noch ein, aber da nehme ich einiges vorweg.

Ich kann mich noch gut an das samstäglich im österreichischen Rundfunk laufende Format „Fortsetzung folgt nicht“ erinnern. Da hat Edgar Böhm, später langjähriger Unterhaltungschef des ORF und mittlerweile auch schon in Pension, uns lesefreudigem Jungpublikum pädagogisch wertvolle Bücher schmackhaft gemacht. Und das nicht nur rein verbal Marke literarisches Quartett, sondern auch anhand nachgespielter einleitender Kapitel. Wie das ganze weitergeht, hat man dann aber selbst lesen müssen. In der Art und Weise, wie diese Jugendbücher anhand von Spielszenen dargestellt wurden, da ist Wildhexe nicht ganz unähnlich. Nur hier wird die Geschichte auserzählt, obwohl man auch gut und gerne gleich zur literarischen Vorlage von Lene Kaaberbøl greifen kann. Der Däne Kaspar Munk hat aber im Gegensatz zu Edgar Böhms recht fernsehformatigen Fünfminütern in Sachen Kinoformat dann doch tiefer in die Geldtasche gegriffen als das Fernsehbudget hergegeben hätte. Wer sich auf Wildhexe einlässt, erhält ganz viel Landschaft, ganz viele Wälder und tief stehende Sonnen, die die morgendliche Feuchtigkeit forstwirtschaftlich akkurater Wälder anhand pittoresker Dunstschwaden im Gegenlicht aus der Botanik reißen. Zwischen all dem goldlichtdurchwirkten Ökoversum die klassische Einsiedelei einer erfahrener Magierin, die wie die gesetzte Version von Preußlers kleiner Hexe daherkommt. In diesem Fall aber ist es das Mädchen Clara, dass die Welt davor bewahren muss, nicht unter die Fuchtel einer im Kryoschlaf befindlichen, mächtigen Antagonistin zu geraten.

Seltsamerweise aber kommt das geschmackvoll bebilderte Abenteuer über die Magie eines sich selbst gießenden Schrebergartens nicht hinaus, auch wenn Transmitter-Portale zu anderen Dimensionen geöffnet werden können. Das ist das, was ich meine, wenn ich Wildhexe mit einem fürs Fernsehen aufbereiteten Jugendfilm vergleiche oder zumindest mit einem Film, der irgendwo zwischen Ronja Räubertochter und den graustichigen, aber charmanten Nachmittagsmärchen aus dem ehemaligen Ostblock seinen Zauberstab schwingt. Obwohl – hier gibt es nicht mal den. Wildhexe distanziert sich deutlich vom High Fantasy-Universum eines Harry Potter, ahmt nichts nach, ist viel barfüßiger und versponnener, vor allem auch ruhiger. Was zur Folge hat, dass es keinen sonderlichen Eindruck hinterlässt. Oder zumindest nicht mehr Eindruck als ein Waldspaziergang im Spätsommer, an dem man sich Märchen erzählt. Was durchaus auch bleibend sein kann, wenn die Stimmung passt. Und die hat der Film irgendwie doch.

Wildhexe