EO

DEN MENSCHEN (ER)TRAGEN

5/10


EO© 2022 Rapid Eye Movies


LAND / JAHR: POLEN, ITALIEN 2022

REGIE: JERZY SKOLIMOWSKI

BUCH: JERZY SKOLIMOWSKI, EWA PIASKOWSKA

CAST: SECHS HAUSESEL, SANDRA DRZYMALSKA, LORENZO ZURZOLO, MATEUSZ KOŚCIUKIEWICZ, ISABELLE HUPPERT U. A.

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Die Sklaverei scheint abgeschafft? Nicht bei den Tieren. Alles, was auf vier Beinen steht, sich nutzen lässt und Mammon lukriert, dabei kein Wort zustande bringt, um sich mitzuteilen, sondern nur gutturale Laute von sich gibt, vom Grunzen bis zum Wiehern, ist uns Menschen gerade mal gut genug, um es auszunutzen. In so manchen Ländern mag die Achtsamkeit in Bezug auf tierisches Leben eine Reifung erlebt haben – an den meisten Orten dieser Welt bestehen dafür nach wie vor keinerlei Ressourcen. Und die Selbstreflexion, die stellt sich von selbst nicht ein, ist doch der eigene Vorteil des denkenden Individuums immer der, der einem am nächsten ist. Das Wohl der Tiere ist da nur noch Luxus, den sich keiner leisten will. Und wenn doch, dann ist diese Harmonie von viel zu kurzer Dauer. Bestes Beispiel für den Kreuzweg eines Nutztiers bietet dabei immer noch der Esel. Klein, stoisch, genügsam und scheinbar gleichmütig allen Höhen und Tiefen seiner Existenz gegenüber. Der Blick aus den großen, runden, schwarzen Augen ist immer derselbe, die egal, was sie sehen müssen, hinnehmen. Als wüsste der Esel, dass er seine Pflichten zu erfüllen hat, und für nichts anderes auf der Welt ist, als Wägen zu ziehen, sich reiten zu lassen oder als Eigentum von jemand anderem zum Symbol zu gereichen.

Dieser Esel, genannt EO (Das polnische „I-Ah“) lebt zu Beginn dieses Films als Zirkustier gemeinsam mit seiner Artistin Kassandra gar nicht mal so schlecht. Die junge Dompteurin weiß den Wert des Tieres zu schätzen, schenkt ihm sogar mütterliche Liebe, pflegt und streichelt es. Doch dann passiert das: Tierschützer steigen auf die Barrikaden, die örtliche Exekutive beschlagnahmt das gesamte animalische Inventar, EO wird verschachert und kommt bei einem Pferdegestüt unter, wo sein Kreuzweg erst so richtig beginnt. Von dort nämlich bricht er aus, womöglich sucht er seinen Bezugsmenschen aus dem Zirkus, wandert von Polen gar bis nach Italien, wird misshandelt, entwendet und wieder versklavt, wird dann illegal in einem LKW außer Landes gebracht und an irgendeiner Raststation von einem Glücksspieler entwendet, der das gezeichnete Wesen zu Isabelle Huppert bringt, einer gottesfürchtigen, seltsamen Person, deren Auftritt völlig zusammenhanglos und aus der Luft gegriffen scheint, und die daher auch niemals mit dem Esel interagiert, was dieser wiederum nutzt, um nochmal auszubrechen.

Und so wandert er durch rund 90 Minuten Film, dieser graue Stoiker mit den Wachelohren und der pelzigen Schnute, dargestellt von sechs verschiedenen Tieren seiner Art. Der polnische Künstler Jerzy Skolimowski, der längst nicht nur Regie führt, lässt sein niemals zur Ruhe kommendes Wesen die Welt der Menschen aus seinem Blickwinkel betrachten – was nicht heißt, dass wir wortwörtlich alles mit dessen Augen sehen. Was EO widerfährt, sind die Schattenseiten eines sich über allem stellenden Unterjochers, der als minder ansieht, was er nicht versteht. Der besitzt, was keinen Besitzanspruch hegt. Der Gewalt ausübt an dem, der nicht vorsätzlich Gewalt ausüben kann. So sind sie, die Menschen, scheint sich EO zu denken, und dann träumt er wieder – oder wir sehen Gedanken und Visionen des Tieres, die, in rotes Licht getaucht, aus Fetzen der Erinnerung und Sehnsüchten bestehen.

Smolikowski hält nicht viel davon, es dem Publikum leicht zu machen. Harte Schnitte, stroboskopische Lichteffekte und andauernd diese Düsternis aus künstlichem Licht, dann wieder weite Landschaften und Nutztierromantik, wenn Pferde auf einer Koppel in Zeitlupe dahingaloppieren. Davon aber gibt es herzlich wenig – und es scheint auch niemals zu passieren, dass EO auf seinem Weg in Situationen gerät, die nicht nur seinen tierischen Geist weiterbringen, sondern auch den des Menschen an sich. Wie schon Robert Bresson mit seinem existenzialistischen Drama Zum Beispiel Balthasar gleichnamigen Esel durch eine gequälte Existenz führt und ihn am Ende die Kugel gibt, hält auch Smolikowski an diesem Nihilismus fest. Und so lässt er den Esel zwar nicht immer tiefer in den dunklen Brunnen gleiten, holt ihn aber von dort auch nicht wieder herauf. Pure Tristesse trifft Experimentalfilm, der noch dazu mit einer akustischen Untermalung aufgeigt, die durch ihre tönende und wummernde Penetranz von den visuellen Feinheiten ablenkt.

EO mag in manchen Szenen zu einem tierischen Pinocchio werden wollen, doch dann begnügt sich das Mensch-Tier-Gleichnis mit zynischer Schwermut, die zum Teil sogar dem Fehlen einer narrativen Entwicklung geschuldet sind. Ein Film also wie ein Mühlrad, dessen Schlinge EO um den Hals hat – und immer weiter, immer weiter laufen muss, stetig im Kreis.

EO

You Won’t Be Alone

MENSCHEN, HEXEN UND ALLES DAZWISCHEN

8/10


you-wont-be-alone© 2022 Focus Features


LAND / JAHR: AUSTRALIEN 2022

BUCH / REGIE: GORAN STOLEVSKI

CAST: ALICE ENGLERT, ANAMARIA MARINCA, NOOMI RAPACE, KAMKA TOCINOVSKI, FÉLIX MARITAUD, CARLOTO COTTA, SARA KLIMOSKA, ARTA DOBROSHI U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Australische Filme – auch wenn es gar nicht anders sein kann, wenn man mich spontan danach fragen würde – müssen nicht immer ihren Heimvorteil genießen. Sie können auch ganz woanders, weit in der Ferne, ihre Geschichten verorten. Wie zum Beispiel in Mazedonien. Sie müssen auch überhaupt nichts mit Australien zu tun haben – weder ihre Figuren aus Down Under kommen lassen oder Down Under als Ziel haben. Mazedonien reicht völlig. Oder zumindest mazedonisch-australisch. Denn mit Regisseur Goran Stolevski gibt es dann doch einen kleinen Bezug zum Produktionsland, der aber in keiner Weise Auswirkungen auf den Film hat. Dieses irgendwo in den höheren Regionen gelegene Mazedonien des neunzehnten Jahrhunderts ist hier ein Ort, an welchem das Bauernvolk wohl täglich damit rechnen kann, von einer Hexe heimgesucht zu werden.

So eine sagenumwobene, gefürchtete Gestalt, die sich den Gesetzen normaler Sterblichkeit entzieht und scheinbar ewig lebt, erscheint eines Tages der Mutter einer Neugeborenen – nackt, mit schütterem Haar und verbannter Haut –, um sich das Kind zu nehmen. Wie es Hexen eben so tun – das wissen wir bereits aus Robert Eggers genialem Mythenthriller The Witch. Doch die Mutter erfleht einen Deal: Im Alter von sechzehn Jahren soll Biliana, die Tochter, ihr gehören. So sei es – und die Mutter, versucht, der Hexe ein Schnippchen zu schlagen und versteckt ihr Kind in einer Höhle. Man kann Hexen jedoch selten hinters Licht führen, diese Gestalten sind scharfsinnig und rechnen damit, und so kommt es, dass die junge Frau zwar nicht gefrühstückt, sondern aus Mitleid selbst in eine Hexe verwandelt wird. Was diese Sorte Wesen beherrschen: Sie können die Gestalt von Menschen und Tieren annehmen – dafür müssen sie sich lediglich deren Eingeweide einverleiben, und einem Leben inkognito steht nichts mehr im Wege. Nur: Biliana, das nun verwilderte Mädchen, dass ihre ganze Kindheit in Isolation verbracht hat, muss erst lernen, wie es ist, Mensch zu sein. Und der Frage nachgehen: welche Art Leben passt am besten zu mir?

You Won´t Be Alone ist wohl einer der ungewöhnlichsten und poetischsten Filme, wenn es darum geht, den Mythos der Hexe aus einem völlig anderen Blickwinkel zu sehen. Das ist Robert Eggers wie schon erwähnt ebenfalls gut gelungen, doch dort ist eine Hexe immer noch etwas Böses. In diesem Film hier ist das ewig lebende Metawesen eine Existenz, die sich mit quälender Einsamkeit herumschlagen muss. Etwas Gefürchtetes zwar, aber Ausgestoßenes, Gemiedenes. Ein Monster. Weder gut noch schlecht, aus einer Not heraus entstanden, und nicht mehr umkehrbar. Biliana (Alice Englert, die Tochter von Jane Campion) schlüpft in verschiedene Rollen, darunter einmal sogar in Noomi Rapace oder in einen Hund. Dabei beobachtet Stolevski ganz genau, wie diese mazedonische Gesellschaft mit Männern, Frauen, Kindern oder Tieren umgeht. Wie es ist, sich zu verlieben oder Sex zu haben. Zu spielen, mitanzupacken oder geschwisterliche Nähe zu erfahren. Und dabei einfach nur das Verhalten der Menschen zu erlernen. You Won´t Be Alone verknüpft sozialphilosophische Gedankenspiele mit blutigem Naturalismus, bizarrer Magie und Eingeweiden. Doch alles hat seine Ordnung, in dieser seltsamen Welt.

Was manchmal an Terrence Malicks Film Ein verborgenes Leben erinnert – mit neugieriger Kamera, die Distanzen meidet und den Alltag dieses Volkes miterlebt –, braucht nur leicht seinen Blick neu ausrichten, um einem inhärenten Folk-Horror zu beobachten, der aber viel mehr sehnsuchtsvolle Parabel sein will als verschreckender Umstand. Das selbst die uralte, einsame Seele das Lebensglück ihres Schützlings nicht neidlos billigen kann – selbst das lässt sich nachvollziehen. Und man ist fast versucht, dieses teils radikale, teils zögerliche Schauspiel wie ein überrumpelndes Naturereignis zu betrachten, das nicht nur von einem leidenschaftlichen Feminismus angefeuert wird, sondern überhaupt das mühsame, grelle, irritierende, aber letzten Endes unverzichtbare Menschsein feiert, nachdem sich mythische Wesen sehnen. Der historische Kontext wiederum verleiht You Won´t Be Alone die elegische Entrücktheit eines Grimm’schen Märchens, und man unterschätzt den Film von einer Sekunde auf die andere. Am Ende begeistert diese erdige Mystery mit seiner verspielten Neugier und dem Mut zum anderen Ansatz.

You Won’t Be Alone

Everything Everywhere All at Once

DAS CHAOS DES MULTITASKINGS

5/10


EverythingEverywhereAllAtOnce© 2022 Leonine


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: DANIEL KWAN & DANIEL SCHEINERT

CAST: MICHELLE YEOH, KE HUY QUAN, JAMES HONG, STEPHANIE HSU, JAMIE LEE CURTIS, JENNY SLATE, HARRY SHUM JR. U. A. 

LÄNGE: 2 STD 19 MIN


Kennt Ihr den Film Der Partyschreck? Peter Sellers spielt hier, in Blake Edwards Slapstick-Feuerwerk, einen indischen Statisten, der eine Filmcrew zur Verzweiflung treibt, da er nicht und nicht, wie im Drehbuch vorgesehen, auf dem Schlachtfeld sterben will. Immer wieder erhebt er sich und bläst in sein Horn. Und wenn man glaubt, er hat nun sein Leben ausgehaucht, bäumt er sich nochmal auf. Herrlich köstlich. Was das mit Everything Everywhere All at Once zu tun hat? So einiges. Denn die Peter Seller’sche Methode veranschaulicht ganz gut, wie sich das surreale Filmchaos der beiden Daniels immer wieder und von Neuem weigert, seine ohnehin schon kontinuierlich ausufernde Geschichte abzuschließen.

Dabei fällt so ein Vorhaben angesichts des neuen Trends, Multiversen die neuen Zeitreisen sein zu lassen, natürlich nicht leicht. Mit Multiversen lässt sich bequem übers Ziel hinausschießen, denn nichts mehr ist unmöglich. Im MCU hat man den alles überspannenden roten Faden im Auge behalten und rechtzeitig die Kurve gekriegt. Doctor Strange in the Multiverse of Madness ist deshalb so gelungen, weil sich die Macher nicht dazu verleiten ließen, das große Tohuwabohu vom Zaun zu brechen, um mit einem viel zu voluminösen Event dem Publikum unbedingt die Sprache verschlagen zu wollen. Wieder gilt: weniger ist mehr, und: bleib bei dem, was du erzählen willst. Alles im Grunde Weisheiten, die man im Kunstgewerbe eigentlich schon von der Pike auf lernt. Daniel Kwan und Daniel Scheinert, bekannt geworden durch einen furzenden Daniel Radcliffe in der schrägen Robinsonade Swiss Army Man, ignorieren dieses empirische Wissen. Sie setzen sich mit einem rebellischen Trotz, der sich selbst genügt, über Gesetzmäßigkeiten hinweg. Sie fabulieren, philosophieren und ergehen sich in einen dicht gedrängten, scheinbar atemlosen Sermon über das Menschsein.

Michelle Yeoh ist die Heldin dieses kuriosen Reigens, der anfangs noch die Übersicht bewahrt und anmutet wie eine Sozial- und Familienkomödie mit Migrationshintergrund. Yeoh ist Evelyn, Mama einer Tochter und Chefin eines Waschsalons, pflegt ihren Papa und wundert sich über Waymond, ihren eigentlich nichtsnutzigen Ehemann. Gerade als das chinesische Neujahrsfest ansteht, muss die Familie am Finanzamt vorstellig werden, und zwar bei niemand geringerer als Jamie Lee Curtis im konservativen Büro-Look und lustvoller Überzeichnung eines stereotypen Beamtenwesens, das fast schon an Terry Gilliams Brazil erinnert. Die macht den Vieren, die da samt Opa antanzen, die Hölle heiß. Doch es kommt noch dicker: Waymond ist plötzlich nicht mehr der Waymond, den wir bisher kennen, sondern eine Version aus einem anderen Universum, nämlich dem Alphaversum, in welchem Reisen in andere parallele Welten gerne praktiziert werden. Von dort geht auch eine große Gefahr aus, die alles zu verschlingen droht, wäre Evelyn nicht bereit, um das Schicksal der gesamten Existenz zu kämpfen. Dafür müsste sie aber erst das Weltenspringen lernen, was natürlich Platz für reichlich Schauwerte, groteske Ideen und seltsame Wendungen macht.

Im Grunde ist das auch schon das ganze Abenteuer. Die eigentliche Originalität liegt dabei in den Ausgestaltungen der Methoden, von einem anderen Ich zum nächsten zu switchen. Dafür muss man Dinge tun, die einem logischen Verhaltensmuster zuwiderlaufen. Was für eine schöne Idee – die muss man den Daniels lassen, da haben sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort die Köpfe zusammengesteckt und womöglich ein Brainstorming losgelassen, das am Ende des Tages angesichts seiner Ergebnisse so liebgewonnen wurde, dass es eins zu eins in den Film kam. Immer schön, wenn man im Rahmen seiner auszulebenden Kunst das tun kann, was man will. Der verwöhnte und von Formelhaftigkeit ermüdete Zuseher wird es womöglich danken, denn frischer Wind ist im Storytelling des Kinos immer gut. Das dabei die Wahrnehmung der Zeit komplett verloren geht, ist das eigentliche Phänomen dieses Films. Es ist, als säße man bereits Tage im Kinosaal, als wäre ein Filmfestival mit seinen Highlights auf ex genossen worden, und immer noch nicht findet das Werk sein Ende, nachdem es sich mehrmals, wie Peter Sellers eben, zu einem infernalischen Crescendo durchgerungen hatte, um dann ein pathetisches Ende einzuläuten. Das Hinterfragen der Existenz sprudelt in Form gedroschener Phrasen durch die gefühlte Ewigkeit und versickert als bemühtes Blabla, um nochmal, unterbrochen von anderen bedeutungsschweren Zirkusnummern, zum Grande Finale zu gelangen, das in seiner Prämisse plötzlich komplett die Richtung ändert. Wie ernüchternd und überschaubar die Quintessenz des Films, und dafür so viel Brimborium. Die Erkenntnis: Fast alles nur Deko.

Everything Everywhere All at Once

Von Menschen und Pferden

WITH A LITTLE HELP FROM MY HORSE

6/10


vonmenschenundpferden© 2014 Bodega Films


LAND / JAHR: ISLAND, NORWEGEN, DEUTSCHLAND 2013

BUCH / REGIE: BENEDIKT ERLINGSSON

CAST: INGVAR EGGERT SIGURÐSSON, CHARLOTTE BØVING, STEINN ÁRMANN MAGNÚSSON, HELGI BJÖRNSSON, JUAN CAMILLO ROMAN ESTRADA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 21 MIN


Ist der Hund für uns Festlandeuropäer der beste Freund des Menschen, sehen die Isländer, wie in so vielen Dingen, die Sachlage etwas anders. Dort ist es das Pferd, und es bringt den Insulaner dort oben nicht nur über rein landschaftlich betrachtet unwegsames Gelände, sondern begleitet diesen auch durch das Dick und Dünn eines Alltags mit Gegenwind. Der kann ganz schön liebestoll sein, jähzornig oder volltrunken. Stets ist das Pferd mit dabei, und stets macht das Pferd das, was es am besten kann: dem Menschen nutzbar sein. Dabei ist die Liebe des Isländers zum hufetragenden Warmblüter eine, die aus einem erfüllten Zweck heraus entsteht. Ist das nicht gegeben, gibt man Pferden ab und an den Gnadenschuss.

Bezugnehmend auf diese oftmals von Schmerzen erlösende Tötungsmethode ist Benedict Erlingssons Episodenfilm Von Menschen und Pferden Liebhabern von letzterem nur bedingt ans Herz zu legen. Kann sein, dass die eine oder andere Szene verstörend auf jene wirken kann, die am liebsten rund um die Uhr ihr Lieblingspferd schniegeln und ihre eigenen vier Wände mit Pferde-Devotionalien aller Art dekoriert haben. Genauso wenig wäre Hundeliebhabern Alejandro Gonzales Innaritus Amores Perros zu empfehlen. In des Oscarpreisträgers mexikanischer Hunde-Anthologie haben die Pfotengänger ebenso wenig das Paradies auf Erden untergejubelt bekommen wie die Pferde in Erlingssons so verschrobenen wie makabren Miniaturen.

Da gibt es einen Mann namens Kolbeinn (Ingvar Eggert Sigurðsson, u. a. in Weißer weißer Tag oder aktuell in der Netflix-Serie Katla zu sehen), welcher eines Tages der Witwe Solveig auf berittene Weise Avancen macht. Da gibt es einen Trunkenbold, welcher der Bezeichnung Seepferd neue Bedeutung verleiht. Oder einen lateinamerikanischen Touristen, dessen bizarres Schicksal Star Wars-Kenner an eine ganz bestimmte Szene aus Das Imperium schlägt zurück erinnern wird. In all diesen Geschichten, die allesamt in einem Tal spielen und wo jeder jeden episodenübergeifend kennt, ist das Verhalten engstirniger Landeier in den großen, glasigen Augen der Pferde ein höchst seltsames. Stumm nehmen die Tiere es hin, wenn sie die Defizite menschlichen Handelns mehr passiv als aktiv ausgleichen müssen. Wobei ich nicht sagen will, dass die Isländer nichts für ihre Pferde empfinden – sie sind einfach da, sie sind Teil ihres Schicksals. Sie würden sie auf untröstliche Weise vermissen, würde man sie aus diesem gesellschaftlichen Mikrokosmos aus Freud und Leid ganz einfach entfernen.

Von Menschen und Pferden