Stunde der Angst

JENSEITS DER EIGENEN VIER WÄNDE

5/10


stundederangst© 2021 Koch Films


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: ALISTAIR BANKS GRIFFIN

CAST: NAOMI WATTS, JENNIFER EHLE, EMORY COHEN, KELVIN HARRISON JR., JEREMY BOBB U. A. 

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Mit Summer of Sam verbinde ich selbst nur den gleichnamigen Film von Spike Lee. Der allerdings auf wahren Begebenheiten beruht. Im August des Jahres 1977 war es an der US-Ostküste nämlich brüllend heiß. Und als ob die Hitze nicht schon hätte reichen müssen, lief da auch noch ein ziemlich unberechenbarer Serienkiller herum, der es auf Frauen abgesehen hat – dieser hieß Son of Sam. Und Naomi Watts, die passt da als Schriftstellerin June perfekt in dessen Beuteschema.

In Stunde der Angst (im Original viel treffender und weniger reißerisch: The Wolf Hour) leidet der Star aus King Kong oder Mulholland Drive an massiven psychischen Problemen. Und befindet sich an diesen eingangs erwähnten unsäglichen Hundstagen allein und verlassen in den vier Wänden ihrer verblichenen Oma, um… nun ja… was macht sie da genau – erstmal depressiv vor sich hinzudämmern, den Ventilator laufen zu lassen und viel zu rauchen. Den Fuß vor die Tür, den setzt sie nicht. Warum? Ein Trauma verfolgt sie, etwas scheint passiert zu sein, das mit ihrer Familiengeschichte zusammenhängt und sie deswegen so sehr lähmt. Besuch allerdings bekommt sie, die ehemalige Ikone der zeitgenössischen Literatur. Doch dieser Besuch ist temporär – kaum da, verschwindet er schon wieder. Und was seltsam und gleichsam erschreckend ist: Unbekannte machen sich den Scherz, die Fernsprechanlage zu quälen. Oder läuten da gar keine Unbekannten? Vielleicht ist es ja Sam?

Mit Naomi Watts in einem Film hat man schon einiges auf der Habenseite. Lässt sich sonst noch was dazu holen? Zumindest nichts, was einen waschechten Psychothriller ausmacht. Denn Stunde der Angst verkauft sich als solcher, ist aber keiner. Eine Mogelpackung der Verleiher, könnte man sagen. Doch wie sonst hätte sich das Werk gut bewerben können? Als Mystery-Drama vielleicht. Das Phantom an der Fernsprechanlage sorgt schon zumindest ansatzweise für ein mulmiges Gefühl. Denn was dieser Film ganz gut hinbekommt, ist Atmosphäre. Doch immer dann, wenn es ganz danach aussieht, dass die Lage eskalieren könnte, wird einem im besten Wortsinn die Tür vor der Nase zugeknallt. Zum Psychothriller kann sich Alistair Banks Griffins Film somit einfach nie hochschaukeln, dazu fehlt ihm die Beschleunigung. Das mag zwar einerseits enttäuschend sein, andererseits lässt sich zwischen all diesen Hitchcock-Versatzstücken (ich sage nur: Fenster zum Hof) ein Selbstfindungsdrama als sortiertes Kammerspiel zwischen staubigem Interieur entdecken. Wem gefällt, dass Naomi Watts sich selbst einem Lockdown unterzieht und wem der eigene reale noch nicht genug ist, kann sich ja filmtechnisch solidarisch zeigen. Sonst bleibt das, was sich aus diesem Prozedere des Aufraffens gewinnen lässt, eher überschaubar bis ernüchternd.

Stunde der Angst

Waves

ZWEIKLANG EINER FAMILIE

7/10

 

WAVES© 2019 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2019

REGIE: TREY EDWARD SHULTS

CAST: KELVIN HARRISON JR., TAYLOR RUSSELL, STERLING K. BROWN, LUCAS HEDGES, ALEXA DEMIE U. A. 

 

Gibt es die perfekte Familie? Social Media will uns das zwar unter frei wählbarer Message Control weismachen, aber – nein, natürlich gibt´s die nicht. Auch wenn Eltern sich bis zur Verausgabung anstrengen, um den Nachwuchs zu einem Wunderkind zu erziehen. Laut Familienvater Rupert müssen sich schwarze Familien doppelt so hart anstrengen, und doppelt so viel leisten, um das zu erreichen, was die Weißen haben. Und er tut das, er pusht seinen Sohn Tyler, der das Zeug zum Meisterringer hat, zu jeder Tageszeit. Tyler ist des Vaters roher Diamant, der geschliffen werden will. Ob Tyler das auch so sieht? Nun, er tut seine Pflicht. Was heißt eine – alle möglichen Pflichten. Will perfekt sein, den Big Daddy zufriedenstellen. Aber da der Anspruch, perfekt sein zu wollen, ja genauer betrachtet an sich schon eine gewisse Verpeilung darstellt, kann dieser leicht zur Obsession werden. Und Obsession führt zum Kurzschluss, wenn höhere Mächte den Eifer bremsen. Und die prasseln der Reihe nach auf den 18jährigen Jungen ein. Tyler bangt um seine Zukunft, und als sich jede Hoffnung zu zerstreuen scheint, verliert auch er den Boden unter den Füßen.

Es ist wie die Sache mit Ikarus. Die Flügel werden schmelzen, je höher er fliegt. Natürlich weiß er das, tut es trotzdem – und fliegt zu hoch. Ikarus stürzt ab. Tyler, der Sohn mit so viel Potenzial, hechtet hinterher und lässt sich von einer Abwärtsspirale aus scheinbar irreparablen Umständen ins Nichts ziehen. Wobei diese Episode des Films nur die Hälfte des Erzählten ist. Was Trey Edward Shults (u.a. It Comes at Night) hier erzählt, ist weitaus mehr und nicht nur das Falling Down eines schwarzen Jugendlichen, der meint, den Ansprüchen aus dem Elternhaus nicht zu genügen. Waves ist auch der Leitfaden raus aus einer familiären Katastrophe, die nicht mehr der gestrauchelte Tyler dominiert, sondern dessen Schwester Emily. Ein Film also, der zwei Geschichten eint, die, sich ergänzend, vom Erwachsenwerden, von Vergebung und vom Plan B erzählen, der längst nicht perfekt, dafür aber machbar und letztendlich lebenswert scheint.

Für diese Fülle an Drama und Tragödie findet Waves eine virtuose Bildsprache, die vor allem anfangs in seinen Bann zieht. Die Kamera scheint zu rotieren, alles dreht sich, alles bewegt sich, die Party des Lebens kann nicht gestoppt werden. Ein Quell an Farben, Unschärfen und Rhythmen, die Julian Schnabel wohl gefallen würden. Shults gelingen in seinem selbst verfassten Werk einige meisterhafte Szenen, die so hypnotisch sind wie jene aus Barry Jenkins Oscar-Gewinner Moonlight. Inhaltlich haben beide nicht viel gemein, doch das Lebensgefühl unter den jungen Menschen Floridas lässt sich da wie dort nicht nur zum Spring Break-Event einfangen, sondern auch in Momenten des Innehaltens und Reflektierens. Waves ist auch längst kein Beitrag zum Black Lives Matter-Betroffenheitskino – die Problematik der schwarzen Minderheit ist hier, so fühlt es sich zumindest an, überhaupt kein Thema. Das hat etwas Befreiendes, geradezu Pionierhaftes. Ob Schwarz oder Weiß ist hier mehr oder weniger egal, denn das ganze Drama lastet ohnehin schwer auf den Schultern aller beteiligten Protagonisten, die von einem Ensemble geführt werden, das in dieser fiebrig-irrlichternden Soulballade alle Anstrengung nicht umsonst sein lassen. Kelvin Harrison Jr. als Tyler gibt psychisch wie physisch alles, Taylor Russell (derzeit auf Netflix mit Lost in Space) führt mit verträumter Melancholie die Katharsis ihrer Familie an und Sterling K. Brown darf die Scherben vom Idealbild selbiger aufsammeln. Das mag alles ein dichter, gehaltvoller Brocken an Film sein, und ja, Geschichten wie diese lassen sich einfach auch weniger mäandernd erzählen, doch in seiner Gesamtheit ist Waves ein zeitgemäßes Epos, (tränen)reich an Farben und Klängen, welches das Leben, egal wie es kommt, um jeden Preis annimmt.

Waves