The Rhythm Section

WAS DICH NICHT UMBRINGT…

5/10

 

therhythmsection© 2020 Leonine

 

LAND: USA 2020

REGIE: REED MORANO

CAST: BLAKE LIVELY, JUDE LAW, STERLING K. BROWN, MAX CASELLA, RICHARD BRAKE U. A. 

 

Wieder ein Film, der sich der Virus-Diktatur hat beugen müssen: The Rhythm Section mit Blake Lively und Jude Law. Hätte in die Kinos kommen sollen, wurde aber auswaggoniert und fürs Streaming zur Verfügung gestellt. Die Kino-Nerds danken – wie sonst sollen sie up-to-date bleiben, wenn später mal alles Verschobene auf einmal kommen soll und die Lichtspiel-Agenda an Terminen nur so überquillt. Der Film kam natürlich auf die Liste. Und war dann, obwohl Livelys neuer Look zumindest im Trailer stylishes Spannungskino im Stile von Atomic Blonde versprochen hat, doch eher ein verhaltenes Vergnügen. Diese Ernüchterung bezieht sich auf ein gravierendes Plausibilitätsproblem, das eben nicht nur The Rhythm Section hat, sondern auch einige andere themenverwandte Filme im Vorfeld schon hatten.

Eine sagen wir mal normale Bürgerin oder normaler Bürger wird mit einem traumatischen Schicksal konfrontiert: die plötzliche Auslöschung eines geliebten Menschen – oder gleich mehrerer, vielleicht sogar der gesamten Kernfamilie, mit der man unter einem Dach gelebt hat. Das Verschulden eines solchen Unglücks kann unterschiedlich sein, allerdings wird von US-Drehbuchautoren sehr gerne das Motiv des Terroranschlags bemüht, und wenn dieses Motiv schon zu sehr abgegriffen ist: das stinknormale, aber nicht weniger verheerende Verbrechen. Ganz klassisch: Charles Bronson oder später Bruce Willis, die in Death Wish zum reuelosen Racheengel werden. Auch ein Film wie American Assassin lässt einen völlig unauffälligen Studiosus innerhalb kürzester Zeit zum Profi-Agenten mutieren, der im Action-Hero-Modus mit dem fiesesten Dschihadisten konkurrieren kann. Und jetzt Blake Lively. Durch einen Flugzeuganschlag verliert die ebenfalls junge, blitzgescheite und verwöhnte Studentin ihre gesamte Familie. Das ist natürlich eine furchtbare Tragödie. Normalerweise holt man sich da psychologische Hilfe oder wird vom Rest der Familie (den es meist geben muss) aufgefangen. Gibt es den nicht, sind es Freunde, die Blake Livelys Filmcharakter sicherlich gehabt haben muss. Aber nein: in The Rhythm Section gibt es gar nichts, weder Familie noch Freunde, und Lively rutscht ganz tief runter in den Drogenkeller, um sich mit Prostitution das Geld für den nächsten Schuss zu verdienen. Um da wieder rauszukommen braucht es Selbstdisziplin. Was alleine schon Stoff für ein Drama wäre. Aber daraus, so finde ich, kann kein Rachethriller werden, weil es mir einfach nicht plausibel erscheint, dass ein entsprechend wohlerzogener Mensch plötzlich zur gestählten Agentin mutiert, die auf der Vendetta-Schiene fährt. Dieses Schema ist viel zu platt. Das Ganze sieht vielleicht maximal so aus wie im Traumadrama Aftermath mit – aufgepasst – Arnold Schwarzenegger, der ebenfalls Frau und Kind bei einem Flugzeugabsturz verloren hat und auf ganz andere Weise und in all seinem (völlig nachvollziehbaren und solide vorgetragenen) Schmerz den Verantwortlichen für diese Katastrophe zur Rechenschaft ziehen will. Das ist verhaltenspsychologisch tatsächlich plausibel. The Rhythm Section ist es nicht, im Gegensatz wiederum zu Atomic Blonde, deren Figur eine entsprechende Vergangenheit mit sich bringt. Zumindest wird Lively nicht zur  Killerin, denn dann hätten wir eine zweite Nikita, wobei ihr Look sowieso schon an Luc Bessons Kampfamazone erinnert. Sagen wir mal es ist eine Hommage 😉

So viel zu Filmen wie diesem. Auch wenn Blake Lively sich im Gegensatz zum eintönigen Jude Law wirklich ins Zeug legt und herausholt, was man aus so einer Rolle nur herausholen kann: Depression, Drogensucht, Trauer, ein verquollenes Gesicht, tränende Augen und unendliches Selbstmitleid. Das passt inklusive perfektem Makeup alles gut zusammen, und zwar so gut, dass die talentierte Schauspielerin auf alle Fälle einen besseren Film verdient hätte und nicht die Verfilmung eines gefühlt x-beliebigen Belletristik-Thrillers, dessen inhaltliches Konzept, oft verbraten, nur noch wenige Überraschungen birgt. Wenn schon das Thema bürgerlicher Rache aus dem Dunstkreis der genügsamen Mittelklasse, dann Aftermath. Für einen Thriller wie diesen ist The Rhythm Section nämlich viel zu sehr vom Reißbrett.

The Rhythm Section

Die Eiskönigin 2

LIEDER VON EIS UND PINKEM FEUER

5,5/10

 

FROZEN 2©2019 Disney. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2019

REGIE: JENNIFER LEE, CHRIS BUCK

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): IDINA MENZEL, KRISTEN BELL, JOSH GAD, JONATHAN GROFF, STERLING K. BROWN U. A.

 

Es war ganz klar nur eine Frage der Zeit. Doch die Zeit, die zog ins Land, und unterm Strich waren es dann doch  ganze sechs Jahre, die es gedauert hat, bis Die Eiskönigin endlich wieder aufgetaut war, um ihren zweiten Selbstfindungstrip in die Wege zu leiten, der ganz schlicht und ergreifend als Die Eiskönigin 2 oder eben Frozen 2 letzten Herbst in die Kinos kam. Warum hat das eigentlich so dermaßen lange gedauert? Gut, nicht ganz so lang wie bei Pixars Nemo-Sequel, da waren es sage und schreibe dreizehn Jahre. Da sind sechs Jahre zeitlich gesehen fast schon gleich mal ums Eck. Bei diesem Kassenfeger trotzdem zu lang. Aber Gut Ding braucht Weile. Und ist dieses Ding auch wirklich gut geworden? Zumindest so gut wie der erste Teil? Nun, wohl eher nicht ganz so.

Wer sich ans Original noch erinnern kann: da hat Disney frei nach Hans Christian Andersen die Geschichte der mit Eiseskräften gesegneten Prinzessin Elsa (nach)erzählt. Humoristisch ergänzt durch treue Rentiere und gut aufgelegte Schneemänner, die später dann wie durch ein Wunder auch bei höheren Temperaturen nicht mehr den Aggregatzustand wechseln mussten. Eisriesen und – Schlösser natürlich inklusive – und jede Menge Songs. Allen voran: Idina Menzels Let it Go. Heute noch ein willkommener Ohrwurm. Wer sich aber an all das nicht mehr erinnern kann, braucht nur in die Spielzeugabteilung irgendeines Großkaufhauses abzuwandern und dort mal das ganze Merchandise zum Kinofilm sichten. Da liegt nicht weniger in den Regalen als bei Franchises wie Star Wars oder Marvel.

Auch bei Teil 2 führen Jennifer Lee und Chris Buck Regie, und auch diesmal darf Idina Menzel wieder Elsas Gefühlszustände intonieren. Von freudiger Erwartung bis zur bitteren Sehnsucht nach Vater und Mutter. Alles hat seinen Song, und Teil 2 ist gefühlt leider noch mehr musikalischer als es der erste Teil war. Wer mit Musicals grundsätzlich nichts anzufangen weiß, dem werden Lieder, die beim ersten Mal Anhören nicht ganz so klingen, wie Ohrwürmer klingen sollen, auf die Dauer etwas den Nerv rauben, trotz des Liebreizes der Geschwister Anna und Elsa und der Lieblichkeit all jener, die die beiden Schicksalsträgerinnen umgeben. Ein richtiger Film also, der perfekt ins Profil märchenaffiner Töchter passt. Und das kommt natürlich nicht von irgendwoher, denn Disney überlässt nichts dem Zufall. Nicht bei Familienfilmen rund um die Weihnachtszeit, denn da geht es grundsätzlich um den Wert selbiger, um den Mut wunderschöner Idole, die man – primär als Vorschulkind – reuelos anhimmelt. Da variiert der Konzern nun mal nicht groß herum.

Womit Jennifer Lee aber, verantwortlich fürs Script, etwas den Überblick verliert, das ist der an den aschblonden Haaren herbeigezogene Plot, der die Bürde mit sich herumtragen muss, etwas weiterzuerzählen, was im Grunde schon auserzählt war. Das merkt man Sequels sehr oft an, wenn sie sich schwertun, noch eine Geschichte übers Knie zu brechen oder unter rauchenden Köpfen eine solche erneut heraufbeschwören zu müssen, die gar nicht erzählt werden will. In Die Eiskönigin 2 folgt die nun ins Herrschaftsleben mehr recht als schlecht integrierte und immer noch sozial etwas frostige Elsa einem sphärischen Singsang, der sie in eine Richtung jenseits des Meeres lockt. Irgendwas hat das Ganze mit einem im Nebel versunkenen Wald zu tun, auf dem ein Fluch lastet, und eine Wahrheit muss ans Licht, damit alle wieder, wenn sie nicht gestorben sind, heute noch glücklich leben. Das ist sichtlich konstruiert, und nicht nur die ganz Kleinen wird die viel zu verschwurbelte Story einigermaßen langweilen, wäre da nicht diese Raffinesse in den Bildern, die Disney wieder an die Leinwand zaubert, diesmal ganz im Farbspektrum marineblau bis lila. Lila geht immer und bei vielen Eltern wird wohl der Nachkauf selbiger Buntstifte zum Aus- und Anmalen wöchentlich auf der To Do-Liste stehen.

Mein Liebling ist immer noch Olaf, ich mag diese leicht verhaltensoriginellen Kerle, die sich nichts scheren, die aber treu zu ihren Freunden stehen – da gibt’s auch ein bisschen was zu schmunzeln, obwohl Die Eiskönigin 2 ganz schön viel royales wie loyales Drama liefert, das aber seine angestrengte Storyline souverän dafür verwendet, die schönsten Seiten von Schnee und Eis zu zelebrieren, in all seinen Nuancen. Andersen hätte das gefallen, obwohl er sein Märchen nicht auch nur ansatzweise erkannt hätte.

Die Eiskönigin 2

Hotel Artemis

EIN HERZ FÜR VERBRECHER

4/10

 

hotelartemis© 2000-2018 Concorde Filmverleih GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: DREW PEARCE

CAST: JODIE FOSTER, STERLING K. BROWN, SOFIA BOUTELLA, DAVE BAUTISTA, ZACHARY QUINTO, JEFF GOLDBLUM U. A.

 

In Anbetracht ihres selbstlosen Engagements für Notbedürftige ließe sich die ältere Dame mit dem Watschelgang ja gut und gerne mit karitativen Größen wie Mutter Theresa oder Ute Bock vergleichen – wenn wir die Klientel der Hilfesuchenden mal scheuklappenartig ausklammern würden. Doch das funktioniert vielleicht nicht ganz so gut, ist die dem Hochprozentigen nicht ganz abgeneigte, relativ verlebte Krankenschwester Jean Thomas einzig und allein für das körperliche Wohlbefinden diverser Schwer- und Leichtverbrecher verantwortlich, die in besagtem Hotel Artemis Zuflucht suchen. Diese Einrichtung ist Kopfteil eines baufälligen Hochhauses, beworben mit satter Leuchtreklame, inmitten eines tristen Los Angeles der Zukunft, in dem ein Aufstand geprobt wird, der einem Bürgerkrieg gleicht. Ein Zustand wie in John Carpenter ´s düsterem Klassiker Die Klapperschlange, oder als hätten wir wieder eine der Purge-Nächte durchzustehen. Aber immerhin gibt es eine Exekutive, die der ganzen Anarchie versucht, Herr zu werden. Umso schwieriger, wenn die bösen Buben und Mädels sich andauernd verarzten lassen, um erneut loszuschlagen. Aber was soll eine verlorene Seele wie Jean Thomas auch groß anderes machen, führt sie das spärlich besuchte Hotel wie die gutmütige Ausgabe einer Schwester Ratchet (ihr erinnert euch: Einer flog übers Kuckucksnest, Oscar für Louise Fletcher) und hat allerlei Spielregeln festgelegt, nach deren Pfeife selbst der Unterweltboss aller Unterweltbosse tanzen muss: Keine Waffen, keinen Streit, keine Toten. Ein Leo also, ähnlich wie das deutlich luxuriösere Elysium im Universum eines John Wick. Wenn dann aber plötzlich Killer und Zielperson gemeinsam das Etablissement aufsuchen, müssen Regeln einfach nur dazu da sein, um gebrochen zu werden. Mittendrin eine verzweifelt händeringende Jodie Foster, die nicht nur von ihrer Vergangenheit eingeholt wird.

Die seit Kindertagen in der Filmbranche umtriebige Jodie Foster, die hat sich für den dystopischen Thriller Hotel Artemis viele graue Haare wachsen lassen. Und nicht nur das – auch maskentechnisch hat die Gute Jahrzehnte übersprungen. Da eilt sie dahin, durch die spärlich beleuchteten Gänge eines alten, schmuddeligen Hotels im Art Deco-Stil, die Zimmer mit Palmenornamentik und Wasserfällen kunstvoll tapeziert. Jedes dieser Räume ausgestattet mit medizinischen Geräten am neuesten Stand, damit jeder kugeldurchsiebte oder aufgeschlitzte Gauner auch relativ diskret genesen kann. Die Grundelemente dieses Filmes, die wir hier zur Hand haben, mit denen ließe sich ja tatsächlich einiges anstellen. Nur Regisseur Drew Pearce war womöglich nicht so ganz klar, was genau. Wichtig dürfte womöglich gewesen sein, und wichtiger auch als alles andere, den Thriller so prominent zu besetzen wie möglich. Unter der Besetzungsliste finden sich Althasen wie Jeff Goldblum in der erschreckend blassen Rolle eines Geschäftsmannes, der da der Oberboss sein will, maximal aber so bedrohlich ist wie der Herr Sektionschef Lafite aus der lieben Familie, allerdings mit Schussverletzung. Und jede Menge trendiger Studiolieblinge wie Neo-Spock Zachary Quinto, Dave Bautista und die sinnliche Sofia Boutella, die szenenweise so richtig aufräumen darf. Spätestens bei diesen Sequenzen wird klar, dass Drew Pearce so etwas Ähnliches wie Gareth Evans machen wollte. So etwas wie The Raid. Die Besetzung eines Hotels, wo jeder gegen jeden antritt, und wo so viele Blutwunden versorgt werden wollen, dass Jodie Foster´s Krankenschwester-Figur unweigerlich in ein Burnout steuern würde, klingt natürlich reizvoll. Boutella fetzt wie Martial-Arts-Cop Rama im Abendkleid durch die roten Velourgänge und macht keine Gefangenen – beeindruckend bebildert, aber abgekupfert. Und als hätte Hotel Artemis nur begrenzte Zeit zur Verfügung, hudelt sich die Killerhatz mit Stethoskop und Wundverband zu einem fragmentarischen, ärgerlich unauserzählten Ende, das eigentlich nur eine Kompromisslösung sein dürfte – freiwillig bringt kein Regisseur sein Werk so derart geschludert bis zum Credit-Abspann. Und was noch mehr enttäuscht als die fadenscheinige Schundheftromantik eines Thrillers: Jodie Fosters gestelztes Spiel. Auch sie war schon mal um Hotellobbys besser, auch sie hatte schon mal mehr Subtext in petto als hier im weißen Kilt, der zwar relativ schnell blutig wird, aber sonst eigentlich für nichts anderes gut ist. Das Schicksal dieser Jean Thomas berührt obendrein nicht mal ansatzweise, was wohl an ihrer mangelnden Charakterisierung liegen mag.

Hotel Artemis ist wie der 90minütige Trailer zur einer ganz anderen, aber auserzählten Adrenalin-Social-Fiction, der vieles nachmacht und glaubt, dass Quantität in der Besetzung alle Lücken im Text wieder wettmacht. So viel Tupfer, Skalpell und Zwirn kann man gar nicht haben, um all das zu vernähen, was irgendwie wund läuft. Ein Teil des Ganzen aber bleibt verschontvielleicht, das Setting im Hintergrund, die Endzeit, die in explosionslastigem Kampflärm nebenbei erklingt. Das dramaturgische Kerngeschäft hingegen laboriert verblutend und wartet auf ein Pflegepersonal, das sich längt freigenommen hat.

Hotel Artemis