Die Hölle

DER FEIND IN MEINEM AUTO

7/10

 

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REGIE: STEFAN RUZOWITZKY
MIT VIOLETTA SCHURAWLOW, TOBIAS MORETTI, ROBERT PALFRADER

 

Haben Sie Wien schon bei Nacht gesehen? Der Titel eines von Rainhard Fendrich in den 80er Jahren geschriebenen Austropop-Ohrwurms passt wie bestellt zumindest in die erste Hälfte des von Oscarpreisträger Stefan Ruzowitzky inszenierten urbanen Psychothrillers, der neben jeder Menge Suspense tatsächlich auch großzügige Actionszenen in der ewigen Wienerstadt aus dem Ärmel schüttelt. Doch die Action ist bei Österreichs Regie-Glückskind eigentlich nur als Bonus zu betrachten. Ruzowitzky´s große künstlerische Liebe gilt seiner Hauptdarstellerin – Violetta Schurawlow. Das Gesicht der gebürtigen Ukrainerin ziert nicht nur das Filmplakat im Großformat, auch so ziemlich die ganze Laufzeit des Streifens über schwelgt Kameramann Benedict Neuenfels in der bockigen Trostlosigkeit ihres Blickes – meist im Profil, und oft auch im Close up. Schuwawlow erinnert an Hillary Swank in Million Dollar Baby – so verbissen, selbstzerstörerisch und rebellisch geistert die junge Frau durch ein fremdes, unnahbares, flirrendes Wien. Und boxen kann sie auch. Allerdings Kickboxen ganz so wie van Damme, und das mit verheerender Wirkung, bevorzugt jenseits des Rings.

Unsere Anti-Heldin, die der Hölle entkommen muss. ist eine gescheiterte, missbrauchte Existenz, die ihrer Welt mit Wut und Zorn begegnet, stets begleitet von einer unterschwelligen Aggression ihrer Familie, den Männern und dem Gesetz der Straße gegenüber. Ihr zur Seite steht ein ausnehmend famoser Tobias Moretti. Sein schnauzbärtiger Kommissar ist unfreundlich, grantelnd und gleichzeitig fürsorglich. Vor allem jemand, der sich sein Leben genauso anders vorgestellt hat wie sein taxifahrender Schützling. Eine verkorkste, nach Nähe suchende Figur, die David Fincher verwenden würde, gäbe es eine Wiener Version von Sieben. Wien eignet sich ja für bizarre Krimis ja besonders gut. Die Stadt ist eine Metropole des Morbiden, die vor allem in ihren alten Zinshäusern und engen Hinterhöfen, die an Polanski erinnern, ausreichend Platz für Suspense bieten. Natürlich ist Die Hölle nicht so radikal und ausweglos wie Sieben. Denn Sieben hatte so jemanden wie Schurawlow nicht. Eine Kämpferin, die sich den Widrigkeiten ihres Lebens trotzig entgegenstellt. Und vor allem einem Peiniger, der sündigen Musliminnen die Hölle des Koran auf Erden bereitet. Ein nicht weniger grauenerregender Ritualmord, ebenfalls religiös motiviert wie die sieben Todsünden. Ruzowitzky erspart uns die Morde im Detail. Sein Film setzt auf die düstere Stimmung eines klassischen Serienkiller-Thrillers wie Copykill und orientiert sich, wie bereits erwähnt, stark an Wegbereitern aus dem französischen und amerikanischen Kino, wahrscheinlich, um sein Werk auch international erfolgreich vermarkten zu können. Was ihm aber nur bedingt gelingen wird. Zu manieriert, ja vielleicht sogar zu austauschbar ist sein Film. Spannend, das natürlich. Und weniger belanglos als Cold Blood, der trotz guter Besetzung inhaltlich ziemliche Schwächen aufwies. Aber im Genre des Psychothrillers sind die Plätze für denkwürdig innovative Filmperlen so gut wie durch die Bank besetzt. Und da hat Hollywood, und auch Frankreich schon so gut wie alles gesagt.

Für den kinomuffeligen Österreicher allerdings kann Die Hölle zu einem mitreißenden Genuss werden, vor allem, weil er mal neben Tatort, Kottan und Trautmann auch mal düstere Spannung jenseits des bewährten Wiener Lokalkolorits präsentiert bekommt. Somit kann Die Hölle überall spielen. So bleibt Ruzowitzky´s neuester Film neben all der lehrbuchartigen Geradlinigkeit eines klassischen Thrillers vor allem eines: atmosphärisch, latent depressiv und überraschend gut besetzt – und das ganz ohne Heimvorteil.

Die Hölle

The Raid 2

VON WEGEN BLUTIGE ANFÄNGER

7/10

 

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REGIE: GARETH EVANS
MIT IKO UWAIS, YAYAN RUHIAN, ARIFIN PUTRA

 

Nein, schön anzusehen ist dieser Film nicht. Und auch nichts für Leute, die kein Blut sehen können. Eher was für Fans von The Walking Dead. Nur, dass es in Gareth Evan´s Sequel des indonesischen Actionthrillers The Raid keine Zombies gibt, sondern gewöhnliche Sterbliche. Und die Apokalypse ist auch noch nicht ausgebrochen – möchte man meinen. Nun, in der Unterwelt vielleicht schon. In der indonesischen Unterwelt. Denn dort werden keine Gefangenen gemacht. Es gilt der Bandenkrieg bis zur totalen Vernichtung. Und mittendrin: Rama. Diesen Martial Arts-Hero kennen wir schon aus dem ersten Teil. Dort kommt der junge Familienvater und Polizist in einem Wohnhaus ins Kreuzfeuer einer Unterweltgang. Er und fünf weitere Kollegen überleben das Fiasko. Doch wie schon Bruce Willis in Stirb langsam all den Bösewichten barfuß und mit Köpfchen mehrere Knüppel zwischen die Beine geworfen hat, so hat sich auch Rama als Ein-Mann-Kampfmaschine im wahrsten Sinne des Wortes bis ins oberste Stockwerk durchgeschlagen. Der zweite Teil ist da weniger klaustrophobisch, hinterlässt aber gleich in der ganzen Millionenmetropole Jakarta knöcheltiefe Blutlachen. 

Wer sich noch an Quentin Tarantino´s Kill Bill Vol.1 erinnern kann, und zwar insbesondere an Uma Thurman´s blutbefleckten gelben Overall während des schwertscharfen Schlagabtauschs mit den Ninja-Kämpfern, wird sich so ungefähr vorstellen können, welchen Tonus The Raid 2 anschlägt. Es ist ein Hauen, Stechen und Niederschießen, bis der Leichenwagen kommt. Da wird hingerichtet, niedergemetzelt und mit Stahlhämmern traktiert, dass sich der Zuseher selbst schon gemartert fühlt. Dagegen ist John McClane eine wahre Mutter Theresa. Dagegen ist John Wick geradezu ein Waisenknabe, der von Rama noch Vieles lernen kann. Und zwar fernöstliche Kampfkunst, wenn schon Messer, Schwerter und Macheten nichts mehr vollbringen.

Zugegeben, The Raid 2 ist Hardcore. Selten ist ein Actionfilm brutaler. Allerdings – Ramas Odyssee durch die Unterwelt ist ein virtuoses, exzessives Kunstwerk, das mit Motiven der Gewalt gestaltet worden ist. Vor perfekt komponiertem Interieur, monochromen Räumen und anhand eines Storyboards mit dem Hang zur Symmetrie werden Blut, gebrochene Knochen und kaltblütiger Killerinstinkt zu Farbe und Pinsel. Entstanden ist ein erschreckend faszinierendes Meuchelepos, das inhaltlich stark an Martin Scorsese´s The Departed erinnert und neben all seiner perfekten Flesh-and-Blood-Choreographie tatsächlich eine durchaus spannende Geschichte über Vertrauen, Verrat und Rache zu erzählen weiß. Die japanische Filmwelt des Takeshi Kitano hat hier ähnliche Ambitionen. Dort ist es die Yakuza-Mafia, die ihre Opfer wie die Fliegen sterben lässt. Hana Bi – Feuerblume zählt hier zu den herausragendsten Hardcore-Thrillern aus dem Land des Bonsais.

Viele werden womöglich bei The Raid 2 die Grenze des Erträglichen überschritten sehen und das Kino verlassen. Oder das Streaming stoppen. Im Grunde hätte ich das auch getan. Das war bei Only God Forgives von Nicolas Winding Refn der Fall. Ein unseliges Machwerk, dass dem asiatischen Unterweltkino nacheifern wollte. Obwohl Gareth Ewans selbst ein Brite ist, beherrscht er die Parameter östlicher Kinokultur aber aus dem FF. Modifiziert zum Mainstream für zerstreuungswütige Asiaten, die mit westlichen Werten liebäugeln, entsteht so etwas wie The Raid. Ein knallharter, eleganter Martial Arts-Horror für kunstsinnige Actionfans. Und leise rieselnden Schnee, der auf Jakarta fällt, sieht man auch nur hier.

The Raid 2