Gentle Monster (2026)

DIE WAHRHEIT, DIE NIEMAND VERTRÄGT

7/10


Laurence Rupp und Léa Seydoux in Gentle Monster von Marie Kreutzer
© 2026 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2026

REGIE / DREHBUCH: MARIE KREUTZER

KAMERA: JUDITH KAUFMANN

CAST: LÉA SEYDOUX, LAURENCE RUPP, JELLA HAASE, CATHERINE DENEUVE, SAMI LORIS, RAINER DOPPLER, SYLVESTER GROTH, KATHARINA LORENZ, REGINA FRITSCH, ANTON RUBTSOV, NILS STRUNK U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN



„Was ist Wahrheit?“, will schon der rebellische Prediger aus Nazareth wissen, nachdem er dem römischen Statthalter vor die Füße fällt. Jede und jeder hat schließlich seine eigene. Am liebsten so zurechtgezimmert, dass sie ein ganz besonderes Soll erfüllt, nämlich die Liebe – wohlwissend, dass der Blick auf den Partner nicht zwingend der ist, der auch dem tatsächlichen Charakter entspricht. Beziehungen fußen also auf einem gewissen Vertrauensvorschuss, der erst verdient werden will oder von welchem man hofft, dass er zurecht gegeben wurde. Vertrauen ist alles, wenn man beschlossen hat, das Leben miteinander zu teilen.

Geheimnisse und Geheimnisse

Vertraut man also erst, wenn man alle Geheimnisse des Partners kennt? Geheimnisse an sich sind schön und gut, die muss und darf es geben. Doch nicht, wenn ein ganzer Lebensentwurf damit steht und fällt, je nachdem, ob dieses Geheimnis ans Licht kommt oder nicht.

Zuletzt hatte sich Kristoffer Borgli einer solchen Situation angenommen. Zendaya und Robert Pattinson sind in Das Drama – Noch einmal auf Anfang ein Paar in der Krise, weil die zukünftige Braut ganz plötzlich damit herausrückt, früher einmal einen Terroranschlag geplant zu haben. Das Licht auf die Geliebte ist plötzlich ein anderes – fahl, flackernd und wenig einladend. Wie damit umgehen? Andererseits geben die dunklen Seiten einer Persönlichkeit dieser erst Profil, Kontrast und Struktur, oder nicht?

Es kommt auf das Ausmaß an. Darauf, ob die dunkle Seite Schaden anrichtet, angerichtet hat oder hätte anrichten können. In Gentle Monster ist es das schwerwiegende Delikt der Pädokriminalität (nicht Pädophilie). Und vor allem noch etwas: Die Lüge.

Als hätte sie es geahnt

Was für ein Zufall, der da mitspielt und der die Österreicherin Marie Kreutzer, die diesjährig mit ihrem neuen Film zum Wettbewerb in Cannes eingeladen wurde, da das, wovon sie erzählt, uns alle angeht und darüber hinaus, dazu bewogen hat, Gentle Monster doch noch umzusetzen.

Wir erinnern uns: In ihrem letzten Film Corsage hatte Schauspieler Florian Teichtmeister seine letzte große Rolle als Kaiser Franz Josef. Wenig später wird er wegen pädokrimineller Aktivitäten und des Besitzes kinderpornografischen Materials angeklagt und bedingt verurteilt. Das Erstaunliche: Kreutzer hatte ihr Drehbuch zu Gentle Monster schon verfasst oder zumindest angedacht, das Thema war da, Teichtmeisters Fall aber noch nicht.

Da beides irgendwie zusammenhängt, und ihr neuer Film da fast schon wie ein Statement zur allgemeinen Situation wirkt, die nun auch noch durch den Fall des Kabarettisten Günther Paal an Brisanz gewinnt, wäre es gar nicht auszudenken, würde es diesen Film doch nicht geben.

Wie man einem unbequemen Thema nicht ausweicht

Gut, dass es ihn gibt. Und gut, dass Kreutzer so ein integres Ensemble vereint hat, das seine Anforderungen in diesem verzwickten Drama mit notwendiger Ernsthaftigkeit auf sich nimmt. Niemandem macht Kreutzer es leicht. Ihrem Publikum nicht, ihr selbst nicht, ihrem Film nicht. Wenn ein Weltbild zusammenbricht, oder das Bild eines Menschen, das man mit Liebe, Vertrauen und Hingabe verbindet, in unmöglich wieder zu kittende Fragmente gesprengt wird – wie soll jemand damit schon umgehen können? Gar nicht.

Die Vernichtung einer Beziehung

Niemand kann das, nicht mal Laurence Rupp selbst, der diesen Charakter spielen muss, diesen pädophilen Verdränger und Schönredner, diesen Geheimniskrämer und aufgrund von Selbstscham in die Defensive gedrängter Phantasten, der mit Wahrheiten überhaupt nicht umgehen kann. Ein Verbrecher mit Profil und Verhaltensmustern, der Außenstehenden eine Ahnung davon vermittelt, wie solche Menschen ticken, die mit der Entsetzlichkeit ihrer Taten umgehen, als hätten sie die Sonntagszeitung gestohlen. Da stimmt so einiges nicht, und wenn dieses grauenvolle Geheimnis in der Lüge gipfelt, ist das sogar der zweite unentschuldbare Faktor in einer Beziehung, deren Fundament völlig weggespült wird.

Der Selbstbetrug als Rettungsanker

Léa Seydoux verliert als energische, leidenschaftliche Musikerin, die von Männern verfasste Lovesongs neu interpretiert, um ihnen ihren Male Gaze zu nehmen, auf intensive Weise völlig die Orientierung und bleibt nachvollziehbar, genauso wie Jella Haase, die den Arm des Gesetzes verkörpert und in Sachen Kindesmissbrauch ermittelt.

Haase deckt zwar auf, allerdings nicht innerhalb der eigenen Familie, in der ihr alter Vater seine Haushälterin sexuell belästigt. Die Wahrheit will auch sie nicht sehen, während Seydoux darum ringt, ihr gegenüberzutreten. Das ist ein Prozess voller Schmerz und Enttäuschungen, und der Angst, dass dem eigenen Sohn Schlimmes widerfahren sein könnte. Viele Emotionen ziehen hier ihre Kreise, Erschütterndes entfaltet seine Wirkung lediglich durch das Sperren eines Schlüssels in der Dunkelheit.

Dezent, pietätvoll, aber auch vollkommen offen setzt Marie Kreutzer diesen Konflikt in Gang, und weiß: Es gibt keine Lösung für all das, es sei denn, jeder stellt sich seiner Wahrheit. In einen Menschen kann man nicht hineinsehen, das stimmt. Doch vielleicht ist es deswegen so, weil sich jeder davor hütet, mehr zu sehen als es dem gemachten Bild des Gegenübers guttut.

Gentle Monster (2026)

A Different Man (2024)

SCHÖNHEIT MUSS LEIDEN

8/10


a-different-man© 2024 Universal Pictures International


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: AARON SCHIMBERG

CAST: SEBASTIAN STAN, RENATE REINSVE, ADAM PEARSON, C. MASON WELLS, OWEN KLINE, CHARLIE KORSMO, PATRICK WANG, MICHAEL SHANNON U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Den Kerl kenn ich. Es ist Adam Pearson, so ein Gesicht vergisst man nicht. Denn er war es, den Alien Scarlett Johansson in Under the Skin so bewundernswert anders fand. Pearson kann nun ein weiteres Mal brillieren, und nein, er muss sich nicht hinter einem Laken mit Löchern verstecken wie es seinerzeit William Hurt in David Lynchs Elefantenmensch tun musste. Als John Merrick, der vermutlich an einer ähnlichen deformierenden Krankheit litt wie Adam Pearson, musste dieser im England des späten 19ten Jahrhunderts als Freak in Schaubuden für großen Reibach sorgen. Unwürdige, inhumane Methoden waren das damals – Tod Browning hatte schon seinerzeit in seinem Klassiker Freaks all diesen Menschen ihr Wertebewusstsein zurückgegeben und sie Rache nehmen lassen. Merrick selbst gelingt in diesem düsteren Meisterwerk in Schwarzweiß dieses Kunststück eben nicht. Sein Wunsch, so behandelt zu werden wie ein normaler Mensch, geht erst in Erfüllung, als er stirbt.

So traurig wie Lynchs Film ist A Different Man bei weitem nicht. Das einzige, was man empfinden könnte, wäre Mitleid für Sebastian Stan. Aber nicht, weil er zu Beginn des Films hinter jener Gesichtsdeformation verschwindet, mit welcher Adam Pearson zu leben gelernt hat. Sondern, weil er zum schönen Prinzen mutiert. Das Wort Mutation ist auch hier mehr als nur angebracht. Denn die Frage, die Aaron Schimberg in seinem Film wohl am lautesten stellt, ist: Wer bestimmt denn dieses Ideal von Schönheit? Und leben wir wirklich noch in einem Zeitalter, in welchem Inklusion und Akzeptanz etwas ist, das wir unbedingt in unseren Social Media-Status festmachen müssen, weil es so etwas Besonderes ist?

A Different Man ist dahingehend Social Fiction. Die Darstellung einer progressiven, humanistischen Akzeptanzgesellschaft, in der einzig Sebastian Stan als lebendes, reaktionäres Fossil daherkommt, der, womöglich aufgewachsen mit diversen unzeitgemäßen Märchenstunden, immer noch dem Glauben anhängt, kein Lebensglück zu finden, wenn man äußerlich nicht der Norm entspricht. Und wieder die Frage: Was ist Norm? Was ist normal? Schließt diese Bezeichnung nicht schon von vornherein einen großen Teil der Gesellschaft aus, der anders ist oder anders sein will? Dieser Begriff ist antiquiert, und Schimberg bringt diese unreflektierte Rückschrittlichkeit anhand eines mit leisem Humor hochintelligent konstruierten Gleichnisses auf den Punkt.

Sebastian Stan ist, wie bereits erwähnt, zu Beginn noch der „entstellte“ Schauspieler Edward, unglücklich mit seinem Aussehen, sich selbst und überhaupt allem. In seiner Wohnung tropft es vom Plafond, der Schimmelfleck wird immer größer und spiegelt die Seele des Ausgestoßenen, der eigentlich gar keiner sein muss, denn nebenan wohnt Ingrid (Renate Reinsve, Der schlimmste Mensch der Welt), die sich sehr schnell an Edwards Aussehen gewöhnt und es bald schon so faszinierend findet, um immer wieder bei ihm aufzuschlagen, um mit ihm abzuhängen. Was würde Edward nicht alles geben, um ansehnlich zu sein. Also unterzieht er sich einem wissenschaftlichen Experiment, welches dazu führt, dass er seine Deformation im wahrsten Sinne des Wortes abwirft, um als Sebastian Stan hervorzugehen. Ein neues Leben muss her, sein altes erklärt er für tot. Nun kann er alles haben, wonach ihm jemals gelüstet hat: Frauen, Karriere, eine teure Wohnung mit Aussicht. Was plötzlich aber fehlt, ist menschliche Nähe. Währenddessen hat Ingrid längst ein Theaterstück geschrieben, um das Leben Edwards Revue passieren zu lassen. Dafür castet sie Menschen mit Gesichtsdeformationen. Was nun kommt, ist so kurios wie erhellend: Edward, nunmehr Guy, will sich bewerben – und legt sich dafür eine Maske zu.

Schimbergs Skript ist genial – und niemals auch nur ansatzweise gierend nach Bodyhorror-Erlebnissen, obwohl die Phase der Verschönerung Edwards durchaus auch etwas für David Cronenberg gewesen wäre. Doch anders als in Die Fliege stellt Schimberg das „Beauty and the Beast“-Konzept auf den Kopf. In Ansätzen haben dies bereits die Gebrüder Farrelly probiert: Schwer verliebt mit Gwyneth Paltrow und Jack Black aus dem Jahr 2002 hinterfragt den Begriff der Schönheit ebenfalls – nur mit derbem Witz und einer Lust am Bizarren. A Different Man bleibt elegant und geschmackvoll, behält sich stets einen leisen Sarkasmus und eine Schadenfreude im Hinblick auf Sebastian Stans fortschreitenden inneren Verfall. Adam Pearson als sein Counterpart lebt das Leben wie der glücklichste Mensch auf Erden, sein Äußeres ist nie ein Thema, und wenn doch, dann ist es zumindest kein Tabu. Die Darstellung dieser Akzeptanz zeigt das Ideal einer aufgeschlossenen Gesellschaft, wie sie natürlich zu wünschen wäre, wie es sie allerdings leider noch nicht gibt. Um diesen Konflikt zwischen den Begriffen Norm, Ideal und Individualität darzustellen, braucht es aber diese Plakativität, die dem Film erst die Schärfe einer Satire verleiht, die in ihrer unkonventionellen Exzentrik auf so verblüffende Weise eine neue Sichtweise präsentiert, die wir uns alle schon mal so überlegt, aber noch nie zu Ende gedacht haben. Wenn Kino so anders sein darf wie dieser Film hier, dann wäre das als neue Norm mehr als wünschenswert.

A Different Man (2024)

France (2021)

ANCHORWOMAN AM HAKEN

4,5/10


france© 2022 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: FRANKREICH, ITALIEN, DEUTSCHLAND, BELGIEN 2021

BUCH / REGIE: BRUNO DUMONT

CAST: LÉA SEYDOUX, BLANCHE GARDIN, BENJAMIN BIOLAY, EMANUELE ARIOLI, FRANÇOIS-XAVIER MÉNAGE, JULIANE KÖHLER, JAWAD ZEMMAR U. A.

LÄNGE: 2 STD 14 MIN


Voller Inbrunst dirigiert sich Cate Blanchett derzeit im Kino vom Olymp der Virtuosen in den Hades hinunter, hat akustische Halluzinationen und muss sich mit dem Vorwurf des Machtmissbrauchs herumschlagen. Todd Field hat mit Tár ein oscarnominiertes Psychogramm inszeniert, dass sich zu sehr auf seine Fachsimpelei verlässt und lieber den Alltag einer Musikerin verfolgt als die eigentliche Geschichte, die Brisanz genug hätte. Auf ähnliche Weise verschieben sich beim fiktiven französischen Ruhmes-Portrait France die Prioritäten, wobei hier die Skandalgeschichte eigentlich wegfällt – zumindest wird diese nicht als Kernstück des Filmes versprochen, ohne dann umgesetzt zu werden. Der Skandal in France ist nur eines von vielen Symptomen, die das gegenwärtige Leben der berühmten, aber fiktiven Star-Journalistin France du Meurs illustrieren. France steht also nicht für den Staat (oder vielleicht doch, irgendwie?), sondern für eine übertrieben ehrgeizige, bildschöne und virtuose Manipulatorin, die mit den Medien umgeht wie ein Profifußballer mit dem runden Leder. Alles tanzt nach ihrer Pfeife, will sogar den Anspruch auf Wahrheit opfern für geschickt arrangierte Beiträge im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, die eigentlich nur France selbst in Szene setzen und nicht das zum Beispiel zerschundene Bürgerkriegsland, in welchem so vieles im Argen liegt.

Diese France also ist wie Tár, ganz oben an der Spitze des Erfolges, von wo aus es nur abwärts gehen kann. Die Boulevardpresse schlachtet ihr Leben aus, ihr Konterfei lächelt von allen möglichen Plakaten und ist omnipräsent. So viel Öffentlichkeit kann niemals guttun, also zieht sie sich nach einem Skandal für eine Zeit lang aus selbiger zurück, um sich in den Schweizer Alpen einer Psychotherapie zu unterziehen. Dort lernt sie einen attraktiven jungen Mann kennen, dem ihre Prominenz bislang entgangen zu sein scheint. Diese erfrischende Unvoreingenommenheit dieses Kerls und dessen verträumter Sinn für Poesie beeindrucken France sehr – und so fängt sie eine Beziehung an, obwohl selbst verheiratet und Mutter einer Tochter.

Von satirischen Spitzen und Demaskierungen der Medienwelt wie in Wag the Dog oder dem bitterbösen Network fehlt in Bruno Dumonts Prominentendrama jede Spur. Die Darstellung von Frances Selbstinszenierung hat nicht mehr zu sagen als sie darstellt, was Ruhm für manche bedeuten und nicht bedeuten kann, welche Werte dabei vorrangig sind und welche nicht. Léa Seydoux (u. a. An einem schönen Morgen) gibt diese exaltierte, selbstbewusste Person mit den immer größer werden Sprüngen in ihrem Ego als eine im Leerlauf befindliche Erfolgsperson, die sich neu sortieren muss. Klar ist alles nur Fassade, oder zumindest meistens. Und so zelebriert Dumont ( u. a. Eine feine Gesellschaft) auch wirklich des Öfteren und später viel zu oft die inflationäre Omnipräsenz von Seydoux‘ ansprechendem Gesicht in allen Lebenslagen. Ob Lachen, Weinen oder Verzweifeln – France ist ein Film, der sich über zwei Stunden lang nur um eine einzige Person dreht, ohne je wirklich gegen das zum Showbiz verkommene Nachrichtensegment in den Medien loszutreten. So viel Personenkult ohne entsprechenden Wandel ermüdet auf Dauer – und dreht sich im Kreis, auch wenn der guten Dame letztendlich nichts erspart bleibt und die Schicksalsschläge alle für ein Drama der Extraklasse reichen. France betrachtet diese gelangweilt aus der Distanz. Und wir mit ihr.

France (2021)