Corner Office (2022)

MEHR RAUM FÜR POTENZIAL!

7/10


Jon Hamm als Orson im Film Corner Office
© 2022 Tilt9 Entertainment / Anonymous Content / Lionsgate. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: JOACHIM BACK

DREHBUCH: TED KUPPER, NACH DEM ROMAN VON JONAS KARLSSON

KAMERA: PAWEŁ EDELMAN

CAST: JON HAMM, SARAH GADON, DANNY PUDI, CHRISTOPHER HEYERDAHL U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN



Peter Sellers in der Bürohölle

Auf den ersten Blick möchte man meinen, Peter Sellers zu erkennen. Kann natürlich nicht sein. Der große Komödiant und auch Charakterdarsteller lebt schon lange nicht mehr, doch Jon Hamm, den wir so noch nie gesehen haben, scheint sich von seinem Rollenportfolio inspiriert zu haben. Für Peter Sellers nämlich wäre Corner Office, dieses ernüchternde Szenario einer kafkaesken Bürokratie-Hölle, wohl eine Spielwiese für eigentümliche Verhaltensweisen geworden, fast so wie als Partyschreck in Blake Edwards gleichnamiger Komödie, in der er eine eitle Gesellschaft ins Chaos stürzt.

Neuer Job, neues Glück

Völlig von der Rolle sind auch all die Kolleginnen und Kollegen, die in irgendeinem Stockwerk in einem beängstigend orwell’schen Bürokomplex mit einem wie Orson klarkommen müssen. Der beginnt seinen neuen Job in der sogenannten Behörde. Was die so treibt und wofür sie arbeitet, bleibt ein Mysterium. Auch die Obrigkeit sieht man nie, es wird nur von ihr gemunkelt – und letztlich wird auch sie in Kraft treten, doch das erst viel später.

Orson findet sich in einem Büro wieder, das wohl alle Assoziationen, die man zu einem Begriff wie Büro überhaupt haben kann, in sich vereint: Kopierpapier, Büroklammern, Aktentürme und vieles mehr. Dabei lässt sich Corner Office gar nicht mal dazu verleiten, diesen streng geregelten Alltag zu parodieren, um eine gallige Komödie daraus zu machen, ähnlich wie Stromberg oder die US-Serie The Office mit Steve Carrell und Rainn Wilson.

Vom Raum, den es gar nicht gibt – oder doch?

In diesem Büro gibt es keine Gemeinschaften – zumindest nicht solche, die Orson mit einschließen würden. Als grauer Bürohengst mit schlecht sitzender Frisur und dichter Rotzbremse bis zur Unkenntlichkeit abstrahiert, rückt Jon Hamm einer reizlosen Nine-to-Five-Arbeit zu Leibe, während, in einem Glaskasten sitzend, der Abteilungsleiter für wasweißichwasalles den Einsatz seiner Untergebenen beäugt.

Die Arbeit könnte zermürbender nicht sein, würde Orson nicht auf dem Weg zur Toilette einen seltsamen Raum entdecken. Hinter einer unversperrten Tür erstrahlt ein holzgetäfeltes, gemütliches, geradezu perfektes Arbeitszimmer, mit bequemen Sitzmöbeln, allerhand Kunst an den Wänden – und einer Aura, in der man einfach nicht anders kann, als gerne arbeiten zu wollen.

Genutzt wird der Raum aber von sonst niemandem – also stiehlt sich unser grauer Star immer wieder in diese vier Wände, um letztlich seine Tasks besser und bravouröser zu erledigen als all seine anderen Mitstreiter hier in diesem Purgatorium aus Disziplin, Compliance und Konformität.

Das Problem dabei: Dieser Raum sollte eigentlich gar nicht existieren. Denn was mit Orson tatsächlich passiert, während er meint, an diesem Ort zu verweilen, ist ein Umstand, durch den er noch mehr zum Außenseiter wird.

Das Aufbrechen verkrusteter Workflows

Versteckt im wirren Ökosystem des Streaming-Anbieters amazon prime kauert diese vom dänischen Regisseur Joachim Back inszenierte Mysterysatire unbeachtet vor sich hin – bis man darauf zugreift und ein eigentümliches, sanftes Mindfuck-Märchen serviert bekommt, das eine Lanze bricht und die Türen in unentdeckte Räume eintritt für Nonkonformität, Innovation und Individualismus. Alles Eigenschaften und Zustände, die so manch scheuklappiges Büro-Biotop, das ohnehin schon am Trockenen liegt, frisches, sprudelndes Wasser aus Quellen zuführt, die in einem selbst schlummern.

Die Quellen der Innovation

Mit dieser Metaphorik kann Beck, dessen Film auf dem Roman Das Zimmer des Schweden Jonas Karlsson beruht, so treffsicher arbeiten, das sofort klar ist, wie sehr dieser Orson mit seinen unorthodoxen Methoden, die das Beste aus ihm herausholen, wohl den Kürzeren ziehen wird.

Wie so oft in der Wirtschaft ist für den „Kleinen Mann“ das selbstständige Denken wohl kaum das, was jene, die anschaffen, erleben wollen. Wenn das Ergebnis der Arbeit ein gutes ist, müsste beim Modus Operandi die Frage nach dem Wie nicht gestellt werden müssen. Doch Neid, Regeln und der damit einhergehende Starrsinn machen Innovationen den Garaus. Diese Innovation ist dieser Raum, das kreative Zimmer im Kopf, die Quelle der Inspiration und der Ideen.

Statt dem Brett gleich die ganze Wand vor dem Kopf

Nur nicht anders denken als alle anderen – Corner Office sucht seinen Fluchtweg raus aus dem Einheitsgrau durch die Flure, um die Ecke, an der Büroküche mit den flackernden Leuchtstoffröhren und dem Kopierzimmer vorbei auf eine leere Wand zu, die durchbrochen werden muss.

Diese kleine, feine Büro- und Alltagskritik im Stile lakonischer Near-Future-Dystopien aus dem Norden Europas könnte so etwas wie ein Must-See für Schreibtisch-Virtuosen sein. Vorzugsweise nach Büroschluss, um sich vorzunehmen, am nächsten Tag oder gleich nach dem Wochenende den richtigen Weg einzuschlagen, wenn es heisst, das eigene Potenzial ausschöpfen zu wollen.

Corner Office (2022)

Final Cut of the Dead (2022)

DER FILMDREH ALS OLYMPISCHER GEDANKE

8,5/10


finalcutofthedead© 2022 Filmladen / Lisa Ritaine


LAND / JAHR: FRANKREICH 2022

REGIE: MICHEL HAZANAVICIUS

BUCH: SHIN’ICHIRÔ UEDA, MICHEL HAZANAVICIUS

CAST: ROMAIN DURIS, BÉRÉNICE BEJO, FINNEGAN OLDFIELD, MATILDA LUTZ, GRÉGORY GADEBOIS, SÉBASTIEN CHASSAGNE, RAPHAËL QUENARD, LYES SALEM, SIMONE HAZANAVICIUS, JEAN-PASCAL ZADI U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Eines gleich vorweg: One Cut of the Dead, das japanische Original aus dem Jahr 2017, kenne ich nicht – ein Low Budget-Zombiefilm, der bei genauerer Betrachtung eigentlich gar keiner ist, oder eben nur zum Teil. Schließlich handelt das unkonventionelle Machwerk ja eher darum, wie leicht oder schwer es fallen mag, einen Genrefilm wie diesen, und sei er auch nur eine halbe Stunde lang, im Kasten zu haben. Die besondere Erschwernis bei diesem Vorhaben ergibt die Anforderung, dass dieses online und gleichermaßen live zu erscheinende Horrorschmankerl eine einzige Plansequenz sein muss. Will heißen: Ein One oder Single Cut, was beinhaltet, dass kaschierte Schnitte wie bei Alejandro Gonzáles Iñárritus Birdman gar nicht mal in Frage kommen. Sollte möglich sein, oder? Theoretisch schon. Wie das beim Filmemachen eben so ist, gibt es dabei viel zu viele Variable, mit denen man rechnen kann oder auch nicht, die das Projekt versenken können – oder das leidenschaftliche Improvisationstalent aller Anwesenden herausfordert.

Die schier kongeniale Originalität des Drehbuchs darf sich Michel Hazanavicius nicht an die Fahnen heften. Das ist schließlich nicht sein Verdienst, sondern der von Shin’ichirô Ueda und Ryoichi Wada. Aus Japan winken schließlich so einige Ideen, auf die man im Westen womöglich nie gekommen wäre. Wer würde sich auch erlauben, einen Zeitreisefilm wie Beyond the Infinite Two Minutes zu erzählen? Wer würde es auch nur wagen, das Genre so dermaßen zu verbiegen, um etwas Neues entstehen zu lassen, auf die Gefahr hin, das zahlende Publikum zu irritieren? Generell ist da Ostasien der Vorreiter und bietet westlichen Filmemachern die Chance, in einer Neuinszenierung ihr eigenes Couleur darüberzutünchen. Hazanavicius, einstmals mit The Artist groß gefeiert und Wegbereiter für die Karriere von Jean Dujardin, hat genau das gemacht: Dasselbe nochmal inszeniert. Als Liebeserklärung fürs Filmemachen stellt Final Cut of The Dead Damien Chazelles Babylon – Rauch der Ekstase in den kinematographischen Museumswinkel, obwohl ich auch dort kaum etwas über die orgiastische Filmdrehsequenz inmitten der kalifornischen Wüste kommen lasse, die aus dem Chaos wahre Wunder des frühen Stummfilms entstehen lässt.

Final Cut of the Dead schlägt diese Liebeserklärungen scheinbar alle. Begeisterungen für den Film und für die Handhabung des künstlerischen Mediums gibt es genug, zuletzt ließ sich auch in Pan Nalins Das Licht, aus dem die Träume sind ganz gut nachvollziehen, was den eigentlichen Antrieb für die Leidenschaft zum bewegten Bild darstellen kann. Dieser Film hier geht aber noch einen Schritt weiter. Und offenbart seinem nicht weniger leidenschaftlichen Publikum mit schierem Aberwitz eine ganze Handvoll Wahrheiten hinter der Illusion, die wir alle niemals oder nur ansatzweise vermutet hätten.

Dabei erhalten wir, die im Auditorium des Kinos sitzen, zuallererst mal die Warnung, dass wir wohl dem schlechtesten Zombiefilm aller Zeiten beiwohnen, nach einer halben Stunde aber das ganze Unding besser verstehen und sowieso nicht ahnen werden, was da für Überraschungen auf uns zurollen. Und tatsächlich: Die erste halbe Stunde ist ein Film-im-Film-Trash mit ganz viel Kunstblut und obskuren Dialogen, die wohl The Room-Maestro Tommy Wiseau erfreut hätten. Es wird schlecht gekreischt, europäische Schauspieler tragen japanische Namen und das Timing ist zum Vergessen. Doch irgendwie hat das Ganze Charakter, als wäre es eine durchgetaktete parodistische Komposition auf das Genre schlechthin. Was dann folgt, ist die Entstehung des Ganzen, das Zusammenbringen der Crew und Einblicke ins Privatleben von Regie-As Rémi (Romain Duris als energischer Wirbelwind). Man ahnt schon: mit diesem Haufen unmotivierter, aber auch sich selbst überschätzender Fachidioten lässt sich schwer einen One Cut drehen, ohne nachher nicht aus dem Fenster springen zu wollen. Oder ist gerade diese Ansammlung unpässlicher Nerds der Garant für das Gelingen so einer Sache? Die Antwort liefert das letzte Drittel, wo wir die erste halbe Stunde als Making Of betrachten können. Und es fällt tatsächlich wie Schuppen von den Augen, wenn uns Filmkonsumenten gewahr wird, was eigentlich alles gar nicht mal im Drehbuch stand.

Hazanavicius (und natürlich auch Ueda) feiern nicht nur das Filmemachen, sondern vor allem auch den Teamgeist. Zu dieser Gruppe will man gehören, von dieser schrägen Begeisterung will man sich anstecken lassen. So ein Abenteuer will man unbedingt mal selbst erleben. Final Cut of the Dead ist zum Brüllen komisch und wohl einer der lustigsten Filme der letzten Zeit. Er bringt die spielerische Improvisation und die Not, aus der allerlei Tugenden entstehen, auf Augenhöhe zu unserem Alltag und lässt sie nicht als elitäre Blase unserer Wahrnehmung entfleuchen. Es lässt sich danach greifen, es lässt sich nachfühlen, wie so vieles eigentlich gar nicht (und auch im Wahrsten Sinne) in die Hose gehen kann, weil alle an einem Strang ziehen, um das künstlerische Ziel zu erreichen. Final Cut of the Dead ist wie der Blick hinter die Illusionskunst eines Zauberers, ohne aber dessen Magie zu entreißen. Er steht für Begeisterung, Hysterie, Träumerei und Enthusiasmus. Aber auch für alles, was nur schiefgehen kann. Gerade diese Fehler, das Unerwartete und Missglückte – kurzum: der Zufall und der sich daraus ergebende kollektive Willen, es hinzukriegen, machen Filme erst lebendig. Geahnt haben wir das immer schon – so offen wie hier wurde uns das aber noch nie demonstriert.

Final Cut of the Dead (2022)

Nope

AM ENDE DER NAHRUNGSKETTE

8,5/10


nope© 2022 Universal Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: JORDAN PEELE

CAST: DANIEL KALUUYA, KEKE PALMER, STEVEN YEUN, BRANDON PEREA, MICHAEL WINCOTT, WRENN SCHMIDT, KEITH DAVID U. A.

LÄNGE: 2 STD 10 MIN


Das relevante Kino der Gegenwart bekennt sich längst zur Aufgabe, um die Ecke zu denken, gewohnte Blickwinkel abzubauen und woanders neu zu errichten. Formelhaftigkeit zu unterwandern und allzu bequeme Komfortzonen zu verlassen, die uns als Publikum sonst nur ermüden würden. Das Kino der Gegenwart entfesselt sich gern selbst, wenn es schon andere nicht für ihn tun. Stößt spielerisch vor den Kopf und denkt auch nicht mehr in Genre-Schubladen. Um einige der Vertreterinnen und Vertreter zu nennen: Julia Ducournau zum Beispiel – ihr Film Titane nimmt gerne in Kauf, nicht zu gefallen. Eskil Vogts The Innocents ebenso. Der Rumäne Radu Jude oder der diesjährige abermalige Palme-Gewinner Ruben Östlund irritieren und verstören, haben aber das erkennbare Konzept einer konsequent zu Ende gedachten Theorie unter ihren Film geschoben. Da fällt nichts aus dem Rahmen, obwohl das ganze Werk aus dem Rahmen fällt. Zu dieser – wie ich sie gerne nenne – neuen Avantgarde zählt nun auch mit seinem dritten, selbst verfassten, erdachten und produzierten Autorenfilm, der auf niemanden sonst wirklich angewiesen zu sein scheint, Jordan Peele. Mit Get Out hat er Oscar-Geschichte geschrieben und den Grund für die versöhnliche Integrität von Schwarzen in einer Welt der Weißen herausgefunden. In Wir begegnet eine urlaubende Familie sich selbst – was keine entspannte Zerstreuung bringt.

In Nope, Peeles neuestem Streifen, rudert der kultivierte Mensch der Gegenwart mit den Armen im Wasser, um nicht im Entertainment zu versinken. Als Wesen am Ende der Nahrungskette wird diesem bei all seiner medialen Versumpfung, die gutes Geld verspricht, nur langsam bewusst, dass das arglose Saurauslassen ein Ende haben könnte, da die Beute nicht mehr nur alles andere ist, sondern auch der Mensch selbst. Am Ende der Nahrungskette steht – oder fliegt – etwas ganz neues. Vielleicht ein extraterrestrischer Aggressor wie in Independence Day oder Mars Attacks? Oder vielleicht ist das ganze nur eine initiierte Show in einer Welt voller Shows, die aus dem Präsentieren von sich selbst und anderen gar nicht mehr herauskommt.

In dieser Welt, die anmutet wie das Setting eines modernen Westerns, betreibt Daniel Kaluuya als phlegmatischer Kerl namens OJ eine Ranch für Filmpferde. Das muss er wohl, ob er will oder nicht, denn OJs Vater kam bei einem seltsamen Vorfall ums Leben. Da fielen Dinge vom Himmel, Gegenstände und Bruchstücke, Schlüssel und Münzen. Eines dieser größeren Dinger traf den Vater – OJ ist also auf sich allein gestellt und scheint den Laden ohne seine aufgeweckte Schwester (Keke Palmer) nicht schmeißen zu können. Unweit der Farm gibt es auch noch den ehemaligen Kinderstar Ricky, der das Trauma einer missglückten Schimpansen-Sitcom (Planet der Affen lässt grüßen) immer noch verarbeiten muss und mittlerweile seinen eigenen Vergnügungspark unterhält, mit Shows, die das Leben und die Sicht auf die Dinge verändern sollen. (Detail am Rande: den Affen verkörpert Choreograph Terry Notary, der „Urmensch“ aus Östlundts The Square.) Doch was der Mensch gerne verdrängt – Nope, das mag ich nicht und interessiert mich auch nicht ­– fällt bald aus allen statischen Wolken: eine fliegende Untertasse macht bedrohliche Anstalten, alles in sich aufzusaugen, was bei drei den Blick nicht senkt.

Weiß man schon vorher nicht, welche Richtung Nope gerne einschlagen will, hat man später lediglich die intuitive Wahl, auf einem der Züge aufzuspringen, die da losfahren. Peele zollt nicht nur der Filmgeschichte in Bezug auf schwarze Minderheiten ausführlich Respekt, mit einer kleinen Lehrstunde so ganz nebenbei. Er öffnet überdies seinen Geist und assoziiert vieles, was ihn womöglich Zeit seines Lebens nicht minder beeinflusst hat, um Filmemacher zu werden. Die kreative Ausbeute ähnelt einem Mysterientheater, dass sein Vorspiel in kleinen, suggestiven und irreführenden Szenen absolviert, bevor das Seltsame, Monströse eine Schlagkraft erreicht, die in kurioser visueller wie narrativer Ausgestaltung so manchen sattelfesten Reiter vom Pferd holt. Nope ist ein Film, der sich so entwickelt wie Ravels Bolero, adagio beginnend, um am Ende als crescendo auf Konfrontation zu gehen. In dieser Steigerung liegen aber, wenn man genau hinhört, mehrere autarke Schichten übereinander, die jeweils eigene Situationen schildern und in Summe die Diagnose eines gesellschaftlichen Zustands wiedergeben, der sich in einer gewissen Schicksalsergebenheit darüber äußert, dass der Mensch jene Welt, die ihn umgibt, immer weniger verstehen, geschweige denn interpretieren kann. Nope handelt von Kapitalismus, Ignoranz und Provokation und das überraschende Katapultieren in ein Beuteschema, das wir für uns selbst nicht vorgesehen haben.

Nope ist mitunter furchteinflößend und übermannend, andererseits kauzig und tragikomisch, dann wieder knallbunt und wunderschön. Peele findet Bilder, die man nicht so schnell vergisst. Einen Rhythmus, der in Trance versetzt, lässt man sich darauf ein. Und einen Ton, der als akustischer zweiter Film in den Ohren knackt, dröhnt und surrt. Das Hören ist in Nope genauso wichtig wie das Sehen, beides schafft die komplexe Atmosphäre eines Erlebnisses der Dritten Art, das einst Richard Dreyfus in Spielbergs Klassiker Unheimliche Begegnung der Dritten Art so nachhaltig prägen wird. Peele ist ein Meister der Reduktion – die Kunst des Weglassens und Andeutens hat schon Gareth Edwards in Monsters so gut gekonnt. Peele perfektioniert es und lässt in seiner beängstigenden X-Faktor-Bedrohung das Publikum aus allen Wolken fallen. Am Ende lässt sich der Avantgardist aber zu etwas hinreißen, was ich seinen Helden wohl vorenthalten hätte. Vielleicht nimmt er damit seiner Aussage den Wind aus den aufgeblähten Segeln, doch leicht kann es sein, und der Film will in Wahrheit etwas ganz anderes, als ich annehme. Macht aber nichts – Filme, über die man lange rätseln kann, bleiben auch lange im Gedächtnis. Und sind allein dadurch fast schon genial.

Nope