Mr. Long

KOCHEN UND KILLEN

8/10

 

mrlong© 2017 Rapid Eye Movies

 

LAND: JAPAN, TAIWAN 2017

REGIE: SABU

CAST: CHANG CHEN, YI TI YAO, RUN-YIN BAI, RITSUKO OHKUSA U. A.

 

Wortkarg, auf leisen Sohlen, und 100% tödlich: Eigenschaften, die Profikiller haben sollten, um ihren Job zu machen. Dieses Knowhow besitzt Leon – der Profi genauso wie die zwangsrekrutierte Nikita oder die Filmfiguren eines Takeshi Kitano. Oder eben Mr. Long, dessen wirklicher Name ein Geheimnis bleibt und der noch weniger spricht als Jean Reno in seiner besten Rolle. Mr. Long sagt eigentlich gar nichts, killt und verschwindet. Die Aufträge, die er annimmt, erfüllt er ungefähr genauso mit blutiger Raffinesse wie Denzel Washington als Equalizer, der schon so manchen Antagonisten mit Bleistift oder Löffel unter die Erde gebracht hat. Mr. Long greift aber gern zum Messer. Was für eine Sauerei danach, aber um die sollen sich andere kümmern. Bis plötzlich einer der Aufträge, für den er nach Japan reist, seltsam misslingt, als hätte die Zivilperson gewusst, dass das Unheil auf leisen Sohlen sich seiner annehmen wird. Der stoische Taiwanese wird verletzt, kann flüchten, die Häscher hinter ihm her – und versteckt sich zwischen den Bungalows einer brach liegenden Wohnsiedlung.

Das wäre, so könnte man sagen, dass Ende einer Karriere, würde da nicht ein kleiner Junge auf der Bildfläche erscheinen, der sich bemüßigt sieht, der blutenden Gestalt in der Gosse helfend die Hand zu reichen. Ein Schutzengel. Oder Fügung des Schicksals. Doch warum nur? Mr. Long lässt sich natürlich helfen, muss also zusehen, wie ihm geschieht, bekommt gar nicht so richtig auf die Reihe, welche Amnestie ihm da zuteilwird. Und er beginnt, während er genest, zu kochen. Suppen vor allem, und der kleine Junge, der isst mit. Sowas wie Freundschaft lässt sich erahnen. Doch ob Mr. Long zu so etwas fähig ist, lässt sich nicht erkennen. Klar wird nur, dass der Junge auch seine drogensüchtige Mutter mit ins Spiel bringt, und überhaupt wird noch eine ganze Handvoll anderer Leute auf die verführerischen Düfte diverser Suppen aufmerksam, die durch das verwahrloste Areal wehen.

Das japanische Kino hat mit Mr. Long einmal mehr bewiesen, wie virtuos und unberechenbar es sein kann, wie berührend und erschreckend zugleich. So, wie sich diese Filmerfahrung entwickelt, nämlich sorgfältig, langsam und niemals überstürzt, welche Richtung sie nimmt und welche Schicksale hier noch als Querschläger die Ballade einer verlorenen Seele devastieren, ist von einer Art und Weise, wie es nur das asiatische Kino zustande bringt. Wiedermal wird die Diskrepanz zwischen der narrativen Virtuosität von Filmen aus Fernost zur eher zögerlichen Skepsis Hollywoods, stereotype Erzählstrukturen zu unterwandern, so deutlich wie nie. Mr. Long ist ein so dermaßen ambivalentes Thrillerdrama, dass es schwerfällt, sich auf irgendeine Situation einlassen zu wollen. Dennoch: angesichts dieser Sogwirkung artfremder Kompositionen muss man es. Der japanische Filmemacher Hiroyuki Tanaka, bekannt unter dem Künstlernamen Sabu, hat mindestens etwas so nachhaltig Bewegendes geschaffen wie Takeshi Kitano seinerzeit mit Hana Bi – Feuerblume. Und das, weil er erstens ein ungemein menschliches Drama rund um scheinbar ausweglose Schicksale schonungslos auf die Leinwand heftet, zweitens mit subtilem Humor eine kulinarische Erfolgsgeschichte mit viel Liebe zum Detail auftischt, die ungefähr so geschmackvoll zubereitet ist wie Ang Lees Eat Drink Man Woman, und drittens einen knallharten Killerthriller vor sich hermeucheln lässt, dessen hässliche Effektivität nur die erlösende Antwort ist auf erschütternd perfide Methoden der Unterdrückung. Das hat eine Wucht, kann ich sagen, das berührt und verstört mitunter auch zutiefst, sofern es einem schwerfällt, sich von der Vorstellung zu distanzieren, dem Bösen ausgeliefert zu sein. Mr. Long zwängt sich in diese Tragödie wie ein Freiheitskämpfer wider Willen, wie einer, der zumindest nicht dem Bösen, sondern dem Leben an sich ausgeliefert ist, weil er nichts davon steuern, sondern nur einsetzen kann, was ihn auszeichnet: Kochen und Killen.

Mr. Long

A Girl Walks Home Alone at Night

BLUTDURST UNTERM TSCHADOR

5/10

 

girlwalkhome© 2014 capelight pictures

 

LAND: IRAN 2014

REGIE: ANA LILY AMIRPOUR

CAST: SHEILA VAND, ARASH MARANDI, MARSHALL MANESH, DOMINIC RAINS U. A.

 

Vampirismus unterm Tschador, das ist natürlich etwas, worauf jemand erstmal kommen muss. Die Mythologie der Blutsauger ist im Grunde ein ureuropäisches Schauerthema, dass maximal seinen Weg nach Nordamerika gefunden hat – natürlich mitsamt den Einwanderern, die Dracula und all seine Konsorten mit im Schlepptau hatten – ganz so wie seinerzeit Nosferatu aka Max Schreck im Holzpyjama den Weg übers Meer antreten durfte, zum Leidwesen der Lebenden. Diesmal aber schielt die frei fabulierbare Welt der Untoten, die ihren Ursprung einem Mix aus den biographischen Abscheulichkeiten von Vlad dem Pfähler und Gräfin Bathory zu verdanken hat, nach Osten, bis weit über das Heilige Land hinaus in den Iran.

Die in den USA aufgewachsene Regisseurin Ana Lily Aminpour hat nach etlichen Kurzfilmen 2014 ihr erstes Langfilmdebüt vorgelegt – nicht wirklich eine Verbeugung vor dem Land ihrer Ahnen, viel mehr der richtige Ort, um einer Traumfantasie Bodenhaftung zu verleihen, die so sehr künstlerische Vorbilder wild gestikulierend durchzitiert und trotz allem als geschmackskreativer Genremix einen völlig neuen Stil skizziert – ganz so wie Quentin Tarantino, der aus Elementen des Eastern und des Spaghettiwesterns leidenschaftliche Potpourris großer, bizarrer Dramen auf die Leinwand gewuchtet hat. Aminpour versucht im Grunde Ähnliches – in ihrem Vampirdrama finden sich Anleihen des Italowesterns, des Halbstarkenkinos der 50er Jahre und Murnaus expressionistischen Albträumen, im Grunde des deutschen Kinos aus den 20ern. Verwoben hat sie diese Stilelemente durchaus geschickt, wobei ihre Hauptdarstellerin Ina Vand als namenlose Blutsaugerin einer Ikone des verführerischen Grauens gleich urplötzlich in scheinbar wetterlosen, nächtlichen Landschaften gleich aus dem Boden zu wachsen scheint und das eigentliche, wenn auch einzige Highlight des experimentierfreudigen Kunstfilms darstellt. Denn am Drehbuch selbst, da hätte Aminpour noch ordentlich feilen können.

Bildsprachlich gelingt der Künstlerin in A Girl Walks Home Alone at Night virtuoses Kino in seltsam verfremdeten Schwarzweiß, als wäre die fiktive Stadt Bad City hauptsächlich im Studio entstanden – was fast wieder an Ed Wood´s Vampirgrotesken erinnert, die alle eine gewisse Künstlichkeit an den Tag legen, was bei Aminpour´s Film aber nicht so unbeholfen wirkt wie beim ungekrönten König des Trash. Das Unbeholfene ist der Plot – ziemlich verworren und statisch, wobei ihre erfundenen Figuren, allesamt mal prinzipiell interessant, seltsamen Hemmungen unterworfen sind, die aus der unentfesselten Geschichte herrühren. Es gibt in A Girl Walks Home Alone at Night  nicht wirklich ein Ende, auch nur einen vagen Anfang, es ist wie die Momentaufnahme einer metaphysischen Begebenheit, die für nichts Erklärungen hat und auch nicht ins Detail geht. Die von Drogensucht, Drogenhandel und Blutdurst erzählt. Von gehorsamen Kindern und der undefinierten Sehnsucht einer gezeichneten Untoten, die unfreiwillig übermenschliche Fähigkeiten besitzt und im Grunde nur Mensch sein will. Wobei der Tschador als Sinnbild für eine Geißel steht, die eng mit dem Stigma einer Verfluchten symbolisch verbunden ist. Niemand sonst in Aminpour´s Film trägt diese formschön stilsichere Verhüllung, also kann A Girl Walk Home Alone at Night als Statement für die Rechte der Frau im Iran – und überhaupt der arabischen Welt – zu sehen sein. Das wiederum hängt ganz davon ab, ob einem diese gefällige Auslegung gerade in den Kram passt.

Wie auch immer – alles Weitere verharrt im diffusen Zwielicht sternenloser persischer Nächte und fahl beleuchteter, einsamer Straßenzüge zwischen Industrie und Armenviertel, dazwischen lakonischer Zynismus, der dann doch im Nichts verläuft und das Wohin der flüchtenden Vampirin unbeantwortet lässt. Vielleicht, weil aus sich selbst heraus gar keine Flucht möglich ist.

A Girl Walks Home Alone at Night