Hokum (2026)

CHECK-IN MIT HEXE

6/10


EIN GASTKOMMENTAR VON MARIJA MEGUSCHER


Adam Scott als Ohm Bauman im Gothic-Grusel Hokum
© 2026 Neon


LAND / JAHR: IRLAND, VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATE 2026

REGIE / DREHBUCH: DAMIAN MCCARTHY

KAMERA: COLM HOGAN

CAST: ADAM SCOTT, PETER COONAN, DAVID WILMOT, FLORENCE ORDESH, MICHAEL PATRIC, WILL O’CONNELL, AUSTIN AMELIO, SIOUX CARROLL U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN



Es gibt Hotels, bei denen bereits beim Betreten klar ist, dass man hier möglichst schnell wieder auschecken sollte. Und dann gibt es das Bilberry Woods Hotel. Warmes, schummriges Licht, dunkles Holz und draußen jene feucht-düstere irische Herbstlandschaft, die förmlich nach Halloween riecht. Eigentlich möchte man sofort ein Wochenende buchen. Wäre da nicht die Kleinigkeit mit der Hexe in der Honeymoon Suite. Und ein Mordfall lässt ebenfalls nicht allzu lange auf sich warten.

Regisseur Damian McCarthy (Oddity, Caveat) versteht es in Hokum, einen Ort zu schaffen, der gleichzeitig behaglich und bedrohlich wirkt. Das alte Hotel ist dabei mindestens ebenso wichtig wie seine Bewohner – und wird mit jedem Stockwerk sowohl rauf als auch runter ein bisschen unheimlicher.

Ein Schriftsteller auf der Suche nach dem letzten Kapitel

Im Mittelpunkt steht Ohm Bauman (Adam Scott), ein mürrischer Schriftsteller, der nach Irland reist, um die Asche seiner Eltern unter einem Mammutbaum zu verstreuen. Gleichzeitig arbeitet er am finalen Kapitel seiner „Konquistadoren-Trilogie“. Oder besser gesagt: Er versucht es.

Denn Ohms Problem ist weniger die Formulierung als die fehlende Quintessenz. Sein bisheriges Leben scheint ihm schlicht zu unspektakulär verlaufen zu sein, um jene Erkenntnis hervorzubringen, die sein Werk zum Abschluss bringen könnte. Ein Problem, um das sich Irland bald höchstpersönlich kümmert.

Im Bilberry Woods Hotel stößt Ohm auf die Geschichte einer Hexe, die mit dem Haus verbunden sein soll, eine Honeymoon Suite, die aus guten Gründen besser nicht betreten wird, und schließlich auf einen Mordfall. Als eine junge Barkeeperin verschwindet, die ihm zuvor aus einer ziemlich misslichen Lage geholfen hat, wird aus dem Schriftsteller wider Willen ein Ermittler.

Dass ihn dabei ausschließlich sein plötzlich erwachtes Pflichtgefühl antreibt, darf zumindest bezweifelt werden. Vielleicht ist es auch die schriftstellerische Neugier. Denn wo Ohm zu Beginn noch mit einem gepflegten „Mir ist alles wurscht, ich will nur in Ruhe gelassen werden“ durchs Leben geht, beginnt er zunehmend, hinter die Geheimnisse des Hotels blicken zu wollen und Stoff für sein letztes Kapitel bekommt er dabei mehr, als ihm lieb sein dürfte.

Irland, Whisky und die Hexe ohne Lebenslauf

Besonders sympathisch ist, wie deutlich sich McCarthys irischer Hintergrund in der Atmosphäre des Films widerspiegelt. Hokum sieht aus, als hätte man den irischen Herbst persönlich darum gebeten, einen Horrorfilm auszustatten. Umso erstaunlicher ist allerdings, wie wenig der Film tatsächlich in die irische Folklore eintaucht.

Da gibt es eine Hexe, selbstverständlich. Einen richtigen Hexen-CV inklusive Werdegang bekommen wir nur anfangs kurz und knapp vom Hauseigentümer, dessen Aufgabe im Film dann auch gleich wieder erledigt scheint. Das Buch Cursed People and Places taucht gleich zweimal auf und wirkt dabei beinahe wie das modische Must-have der irischen Herbstsaison.

Aber sonst? Gerade ein Land, das für seine Mythen, Legenden und Anekdoten bekannt ist, hätte doch einiges an Material zu bieten. Wurde das alles zugunsten der 107 Minuten Laufzeit gestrichen?

Der vielleicht authentischste irisch-mythische Moment gehört Jerry, einem Einsiedler aus der Gegend. Auch er trägt eine tragische Vergangenheit mit sich herum: Seiner schwerkranken Frau leistete er einst Sterbehilfe. Als er Ohm erstmals im Wald begegnet, bietet er ihm – wie könnte es anders sein – erst einmal einen kräftigen Schluck Whisky an, den er annimmt, weil er zuvor den Cocktail aus Milch und Magic Mushrooms vorbildlich ablehnt.

Ganz entkommt er dem Rausch trotzdem nicht. Und ausgerechnet während seines kurzzeitigen Ausfalls passiert jener Mord, der ihn tiefer in die Geschichte des Hotels hineinzieht.

So ernst die Biografien seiner Figuren teilweise sind, McCarthy lässt sie nie vollständig in Schwermut versinken. Ohm und Jerry sind zynisch, trocken und bisweilen überraschend komisch. Das tut einem Film gut, der ansonsten fast vollständig in herbstlicher Melancholie badet.

Horror nach Farbenlehre

Die eigentliche Stärke von Hokum liegt ohnehin weniger in seiner Mythologie als in seiner Atmosphäre. Das Hotel wird zu einem kleinen vertikalen Horrorkosmos: Erdgeschoss, Ohms Zimmer, die ominöse Honeymoon Suite und schließlich das Untergeschoss. Je tiefer Ohm in das Gebäude und seine Vergangenheit vordringt, desto stärker bekommt man das Gefühl, dass auch die Grenzen zwischen Realität, Mythos und Halluzination verschwimmen.

Ob sich die Hexe nun in der Honeymoon Suite eingenistet hat, ursprünglich aus den Tiefen des Hotels stammt oder gerade sukzessive die Immobilie übernimmt, bleibt dabei nicht immer ganz eindeutig. Vielleicht hätte man ihr doch einen Mietvertrag geben sollen.

Visuell funktioniert das ausgesprochen gut. Warme Farbtöne und schummriges Licht wiegen uns im Hotel zunächst in Sicherheit. Sobald Hokum in seine übernatürliche Welt hinübergleitet, übernehmen kühlere Farben. Das ist keine Neuerfindung filmischer Bildsprache, sondern im Gegenteil ziemlich klassische Horrorschule, aber genau deshalb funktioniert es.

Die vertraute Farbdramaturgie gibt dem Film seine Behaglichkeit und zugleich seine Bedrohlichkeit. Man weiß intuitiv, wann etwas nicht stimmt. Hokum versucht gar nicht erst, die Regeln des atmosphärischen Horrors neu zu schreiben, sondern beherrscht sie lieber.

Daher danke für diesen Horror-Klassizismus.

Ähnlich verhält es sich mit den Jumpscares. Fans zählen – je nach Zählweise – rund 19 davon. Viele folgen einem ähnlichen Muster: ein Gesicht hier, ein Gesicht dort, eine Bewegung im richtigen beziehungsweise falschen Moment. Oft spürt man bereits, dass gleich etwas kommt.

Adam Scott macht Adam-Scott-Dinge

Schauspielerisch liefert Adam Scott ziemlich genau das, was man von ihm erwartet – allerdings auch nicht wesentlich mehr.

Den unnahbaren, leicht genervten Schriftsteller nimmt man ihm sofort ab. Sein trockener Zynismus macht Ohm trotz seiner abweisenden Art erstaunlich sympathisch. Interessanter ist seine allmähliche Wandlung: Der Mann, der zu Beginn eigentlich nur seine Ruhe haben, die Asche seiner Eltern verstreuen und irgendwie sein Buch fertigschreiben möchte, findet plötzlich etwas, das ihn aus seiner selbstgewählten Distanz herauszieht.

Vielleicht sucht Ohm ohnehin nach mehr als nur einem Ende für seine Trilogie. Seine Reise wirkt auch wie der Versuch, Frieden mit seiner Vergangenheit zu schließen und irgendwo jenes gutgelaunte, längst verflossene Ich wiederzufinden, das nicht nur seinem Leben, sondern womöglich auch seinen Figuren guttun könnte.

Dass ausgerechnet Mord, Hexerei und ein ausgesprochen fragwürdiges Hotelarrangement dabei therapeutisch hilfreich sein könnten, gehört zu den angenehmen Absurditäten von Hokum.

Einchecken?

Hokum ist am stärksten, wenn der Film nicht erklärt, sondern Atmosphäre erzeugt. Das Bilberry Woods Hotel ist warm, gemütlich und unheimlich zugleich; seine Figuren tragen tragische Geschichten mit sich herum, ohne ihren trockenen Humor verloren zu haben. Und Damian McCarthy inszeniert seinen Horror mit einer erfreulich klassischen Lust an Licht, Schatten, Gesichtern im falschen Moment und Dingen, die besser hinter verschlossenen Türen geblieben wären.

Etwas schade ist, dass der Film sein irisches Setting eher atmosphärisch als mythologisch ausschöpft. Gerade die Hexengeschichte hätte ein wenig mehr Folklore vertragen. Irland hätte schließlich genügend Geschichten dafür auf Lager.

Vielleicht ist Hokum damit ein bisschen wie sein Bilberry Woods Hotel selbst: Man weiß nicht immer ganz genau, was sich hinter jeder Tür befindet oder warum manches dort ist, wo es ist. Aber es ist so schön schummrig beleuchtet, dass man trotzdem weiter durch die Gänge geht.

Nur die Honeymoon Suite würde ich beim Check-in sicherheitshalber nicht nehmen.

Hokum (2026)

The Monkey (2025)

DER TOD MACHT SICH ZUM AFFEN

4,5/10


© 2025 Constantin Film


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: OSGOOD PERKINS

DREHBUCH: OSGOOD PERKINS, NACH EINER KURZGESCHICHTE VON STEPHEN KING

CAST: THEO JAMES, CHRISTIAN CONVERY, TATIANA MASLANY, COLIN O’BRIEN, ROHAN CAMPBELL, SARAH LEVY, OSGOOD PERKINS, ELIJAH WOOD, ADAM SCOTT U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Stephen King, Grand Signeur der US-amerikanischen Horror-Literatur, hat wohl während der Vorstellung von Osgood Perkins neuem Film genug zu tun gehabt, nicht vom Sessel zu fallen, wenn er folgende Worte unbedingt loswerden musste: „So etwas … habt ihr noch nie gesehen. Er ist absolut wahnsinnig. Als jemand, der sich von Zeit zu Zeit dem Wahnsinn hingibt, sage ich das mit Bewunderung.“

Man könnte meinen, Stephen King hat sich in der letzten Zeit wohl viel zu selten dem Wahnsinn hingegeben, vieles vielleicht vergessen oder war nicht ganz up to date geworden mit dem Genrekino der Gegenwart. Sonst wären ihm, statt vom Hocker zu fallen, vielleicht die Füße eingeschlafen. Vielleicht muss er auch voll der Bewunderung für ein Werk sein, dessen Vorlage aus seiner eigenen Feder stammt. Doch soweit differenziert der Meister dann doch – schließlich genießt Shining bis heute noch dessen Missbilligung. The Monkey dürfte für King also tatsächlich vieles richtig gemacht haben. Als Kurzgeschichte hat das Werk inhaltlich überschaubaren Wert, doch das sagt gar nichts. Oft kommt es vor, da plustert sich knapper Content zu abendfüllenden Offenbarungen auf, man sehe sich nur Die Verurteilten an. Da Osgood Perkins zuletzt Furore machte mit seinem Killerthriller Longlegs, schien der Stoff beim Sohn von Psycho-Legende Anthony in guten Händen. Und ja: stilistisch ist sie das auch. Dramaturgisch allerdings weniger.

Ein verfluchtes Artefakt, ein von Dämonen beseeltes Spielzeug: Objekte des Anstoßes gibt es viele im Horror- und Fantasykino. Man nehme nur das schreckliche, in Menschenleder eingebundene Necronomicon. Man nehme nur die (tatsächlich existierende) Puppe Annabelle. Auch sie glupschäugiges Schmuckstück in jeder Puppensammlung und in jedem Mädchenzimmer – bis der darin wohnende Dämon den nervigen Nachbarn ersetzt. Auf den Grund gegangen wird im Conjuring-Universum somit einiges. Bei The Monkey so gut wie gar nichts. Andererseits: Einen Film seinen Mysterien zu überlassen ist kein Fehler, bei David Lynch hat das immer prächtig funktioniert. Der Aufbau von The Monkey verlangt aber anderes. Er verlangt, hinter diese Begebenheiten zu blicken, um den Kampf aufzunehmen gegen das Böse. Wenn man aber nicht weiß, was es ist und warum, woher es kommt und nach welchen Parametern es praktiziert – wird die Sache etwas dünn. Und auch willkürlich. Nichts hat System, nicht mal das Rätselhafte.

Dieser trommelnde Affe nämlich, den finden die Zwillingsbrüder Hal und Bill (Christian Convery, Sweet Tooth) unter den Habseligkeiten des wie vom Erdboden verschluckten Vaters. Das sicherlich wertvolle, weil alte Spielzeug lässt sich anhand eines Schlüssels im Steiß aufziehen. Sobald der haarige Bursche sein zähnefletschendes Grinsen aufsetzt und den linken Arm hoch über seinen Kopf hebt, um mit dem rotierenden Schlegel in der Hand gleich loszudreschen, schwingt der Gevatter seine Sense. Scheinbar wahllos beißen Leute ins Gras, vorallem jene, die Hal und Bill nahestehen – sogar die eigene Mutter. Hal und Bill, das muss man dazusagen, haben so ihre Differenzen, die legen sich auch nicht 25 Jahre später, nachdem die beiden den Affen längst beseitigt glaubten. Natürlich kehrt er wieder – und spätestens dann verliert die Story ordentlich an Esprit.

Denn was sich Perkins auf Basis der literarischen Vorlage ausgedacht hat, ist das anämische Libretto hinter einer blutigen Aneinanderreihung im Brainstorming erdachter Todesfälle, die zu gewollt und zu konstruiert sind, um – so wie in Final Destination – irgendeinen Schrecken zu verbreiten. Perkins klotzt mit explodierenden Leibern, Dickdärmen an der Harpune oder zermanschten Köpfen. Atmosphäre schafft das keine, diese Tode integrieren sich auch nicht in die Möchtegern-Bedrohlichkeit pseudokosmischen Horrors, der vielleicht als Symptom einer dysfunktionalen Familie oder der unerklärlichen Wut unter den Brüdern symbolisiert werden könnte. Der Affe macht sein Ding, die Protagonisten das ihre. Interagieren wollen sie alle nicht miteinander, sie müssen es schließlich tun, letztlich ist das Ganze aber weder von Faszination noch von Grauen unterwandert, sondern lediglich von einer Pflichterfüllung, die man verspürt, wenn man zuhause seine Geldbörse liegen hat lassen und noch einmal zurück muss.

The Monkey (2025)

Madame Web (2024)

IM NETZ DER VORSEHUNG

5/10


madamwweb© 2024 CTMG, Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: S. J. CLARKSON

DREHBUCH: MATT SAZAMA, BURK SHARPLESS, CLAIRE PARKER, S. J. CLARKSON

CAST: DAKOTA JOHNSON, SYDNEY SWEENEY, CELESTE O‘ CONNOR, ISABELA MERCED, TAHAR RAHIM, ADAM SCOTT, EMMA ROBERTS, MIKE EPPS, JOSÉ MARIA YAZPIK, ZOSIA MAMET, JILL HENNESSY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Es pfeifen die Spatzen schon von den Dächern: Superheldenfilme sind in der Krise, der Hype ist abgeflaut, das Publikum hat alles schon gesehen und das wiederum mehrfach. Helden- und Heldinnengenesen lassen sich kaum mehr voneinander unterscheiden, die Antagonisten sind austauschbar. Das epochale Gewitter des Infinity-Krieges, qualitativer Höhepunkt des Genres, liegt lange zurück. Was danach kam, waren ambitionierte Spielereien in den Rauchschwaden längst abgeschossener Knüller-Raketen. Die lobenswerte und engagierte Grundidee, Marvel-Serien mit Filmen zu verbinden und so einen noch komplexeren roten Faden zu erschaffen, war ob des viel zu hohen Anspruchs leider ein Schuss in den Ofen. Ist man Fan genug, und zwar ein solcher, der sich alles antut, von Kinofilmen bis zur Streaming-Featurette, mag die Rechnung vielleicht aufgehen. Doch Leute wie diese sind nicht die breite Masse. Filme wie The Marvels, der eigentlich nur dann funktioniert, wenn man auch all den anderen Content kennt, können bei Gelegenheits-Kinobesuchern, die einen in sich geschlossenen Content konsumieren wollen, kaum punkten. Disneys Marvel steckt in einer Art Pensionsschock, denn die alte Riege hat ausgedient, die Luft ist draußen, umdenken ist angesagt.

Sony macht die Sache ganz anders. Sony hat das SSU, das Sony’s Spider-Man Universe und bringt originelle Animationsfilme ins Kino, die kein Vorwissen brauchen. Sonst muss sich das Studio eigentlich nur mit Venom herumschlagen, während sich der Junge aus der Nachbarschaft bei Marvel herumtreibt. Luft genug also, um Mauerblümchen wie Morbius oder gar Madame Web auf die Leinwand zu bringen. Madame Web? Wer ist das nun wieder? Gwen Stacy im weißen Spinnen-Overall? Irgendeine der vielen Alternativen aus dem Multiversum? Mitnichten. Diese Madame Web ist neu und gar nicht mal so auf Superheldin gebürstet wie sonst. Sie hat die Gabe, in die nahe Zukunft zu blicken. Und sonst? Das wäre alles. Doch zu wenig ist das prinzipiell mal nicht.

Cassandra Webb ist anfangs mal eine, die zwar nicht als Super-, aber als Alltagsheldin durchgeht: Sie ist Sanitäterin. Ihre Superkräfte liegen im sozial kompetenten Umgang mit Unfallopfern und Sterbenden, sie rettet Leben auf menschliche und nicht übermenschliche Weise. Cassandra wird urplötzlich von Déjà-vus heimgesucht, die, wenn sie eintreten, gar nicht als solche zu erkennen sind, sondern erst dann, wenn sich Szenen auf seltsame Weise wiederholen. Erst nach ein paar Anfangsschwierigkeiten schnallt sie die Lage: Sie kann vorab sehen, was in den nächsten Minuten passieren wird. Und noch ein bisschen später erkennt sie, dass das, was sie sieht, keinem Determinismus unterworfen, sondern veränderbar ist. Die nächstmögliche Zukunft ist das, was sie als Waffe in der Hand hat, um den finsteren und zugegeben recht eindimensional platzierten Superschurken Ezechiel Sims (Tahar Rahim) im schwarz-roten Spiderman-Kostüm in seine Schranken zu weisen. Der ist nämlich scharf auf drei Teenager, die ihn laut eines prophetischen Traums irgendwann einmal in die ewigen Jagdgründe verbannen werden. So folgt eines aufs andere und das Dreimäderlhaus, das sich hinten und vorne kaum auskennt, gerät unter die Obhut Madame Webs, die in dieser Origin-Story gar nicht mal so weit kommt, um ihre ganzen Asse auszuspielen. J. K. Clarkson inszeniert den Anfang von etwas, der womöglich nie kommen wird, weil Madame Web weit, weit hinter den finanziellen Erwartungen und einem ansehnlichen IMDB-Ranking zurückfällt.

Einen Flop par excellence hat sich Sony da eingetreten. Das tut weh. Weniger aber schmerzt der Film selbst, dem man eine gewisse konstruierte Belanglosgkeit schwer absprechen kann, der aber im Grunde das bisschen, was er zu bieten hat, nämlich weniger Superhelden-Action als vielmehr Teenager-Abenteuer mit phantastischen Tendenzen, solide verpackt. Ist Madame Web also eine Themenverfehlung? Sagen wir so: Der Film ist mehr Begleitwerk als zentrales Zugpferd für ein halbgares Franchise, das Sony einfach nicht so hinbekommen kann wie schon die längste Zeit Marvel Studios, das vieles ausprobiert hat, auch auf die Gefahr hin, zu versagen. Madame Web hat ein funktionierendes Ensemble auf der Habenseite, bestehend aus Sidney Sweeney, Isabel Merced, Celeste O’Connor (derzeit mit Ghostbusters: Frozen Empire im Kino) und natürlich Dakota Johnson, die ihre Arbeit ernst nimmt und mit dem, was ihr in die Hand gegeben wird, zufrieden scheint. Alle vier arbeiten im Teamwork, und sie stehen auch im Schulterschluss verhaltensauffälligen Szenen gegenüber, welche die Stimmungslage des Films auf irritierende Weise umstoßen.

Das kann man nachsehen. Und den Film trotz allem auf eine Weise genießen, wie man eskapistisches und anspruchsloses Effekte-Kino eben genießen kann, ohne viel zu hinterfragen. Das Superheldenkino wird es nicht weiterbringen oder gar retten. Dafür ist das Abenteuer zu kleinlaut.

Madame Web (2024)

Krampus

DAS FEST DER HIEBE

6/10

 

krampus© 2015 Universal Pictures International Germany

 

LAND: USA, NEUSEELAND 2015

REGIE: MICHAEL DOUGHERTY

CAST: ADAM SCOTT, TONI COLETTE, CONCHATA FERRELL, EMJAY ANTHONY, KRISTA STADLER U. A.

 

Doch für die Kinder nur, die schlechten, Die trifft sie auf den Teil, den rechten – Theodor Storm, der alte Lyriker aus dem 19. Jahrhundert, der hat es schon immer gewusst. Das „bisserl brav sein“, wie es unser aller Kaiser immer wieder gerne betont, zahlt sich einfach aus, vor allem in der Vorweihnachtszeit, wenn der heilige Mann aus Myra wieder sein Säckchen schultert und häusliche Stuben entert. Mit ihm sowohl im Schlepptau als auch in seinem Schlagschatten: die Kehrseite des weißbärtigen Alten, der Krampus oder Kramperl, der Knecht Ruprecht, wenn wir den Dämon aus der Unterwelt namentlich besänftigen wollen. Bei unseren Urgroßeltern womöglich noch Feindbild Nr. Eins in der kalten Jahreszeit, und wenn die Schläge mit dem Rohrstaberl während des Unterrichts nicht genügt haben, dann gab’s das Kettenrasseln und ab in den Sack.

Michael Dougherty hat sich diesen Weihnachtslegenden aus dem Alpenraum angenommen, sämtliche Perchtenläufe rund um den fünften Dezember von Bregenz bis in die Voralpen hinein studiert und einen fiesen, kleinen Fantasy-Alptraum gebacken. Im Mittelpunkt: eine mehr schlecht als recht biedere Familie, die sich gerade mal gegenseitig duldet und mit sekkanten Spitzen nicht hinterm Berg hält. Von dort aber, von drauß‘ vom Walde, wie es so schön heißt, wuchtet sich eine urtümliche, steinalte Kreatur Richtung Wohnsiedlung, mitsamt einer aufmüpfigen Entourage aus knorrigen Elfen, die an Terry Gilliams Eskapaden erinnern, und die noch dazu bissfreudiges Spielzeug herankarren. Warum? Ganz einfach: der Junge, um den es hier geht, der wünscht sich das Weihnachten von damals zurück, und da keiner mehr aus der ganzen Sippschaft an das Fest der Liebe glaubt, zerreißt er den Brief an den Weihnachtsmann voller Wut und streut die Fetzen Papier in den Nachthimmel. Natürlich ein Affront gegen all das Mythische zwischen Allerheiligen und Dreikönigstag. Das kann so einer wie der Krampus nicht auf sich sitzen lassen. Und holt sie alle, allesamt. Einzig die in westösterreichischem Dialekt faselnde Omi (Austro-Akteurin Krista Stadler in ihrem Hollywood-Debüt!) kennt den gehörnten Anti-Nikolo schon von früher – und bewahrt im Gegensatz zu allen anderen Weihnachtsgästen des Hauses noch am ehesten Countenance.

Eines ist klar: Krampus ist nichts für Kinder. Weder der Krampus an sich noch der 2015 veröffentlichte Film, der etwas an die finnische Fantasygroteske Rare Exports erinnert, allerdings eindeutig willensstärker die Kerbe Richtung Annabelle einschlägt. Was da in den von Mister Unbekannt dagelassenen Präsenten steckt, will man nicht in der Wohnung haben. Und das man glaubt, mit Faust- und Handfeuerwaffen so finsteren Mächten wie diesen Herr zu werden, bleibt frommes Wunschdenken. Entkommen lässt sich den sprichwörtlichen Hieben auf den Allerwertesten nicht, und wenn sich der mächtige Rutengänger durch den Kamin schiebt und sein durch ganz viel Bad Karma entstelltes Weihnachtsmann-Konterfei zeigt, lässt sich Grauen mit weihnachtlicher Vorfreude auf eine erquickende, reizvoll unheimliche Art verbinden, die man so selten gesehen hat. Vielleicht, weil man es gar nicht sehen will. Seltsam ungerechtfertigt allerdings ist die Wucht des Verderbens, die über eine Familie hereinbricht, die sich im Grunde bis auf einer gewissen Weihnachtsüberdrüssigkeit nichts zuschulden kommen hat lassen. Dass sie dennoch so sehr dafür büßen muss, dass die Geister der Weihnacht rigoroser oder genauso rigoros austeilen wie Jahwe aus dem Alten Testament, hinterlässt eine gewisse Ratlosigkeit, und vergeblich sucht man einen gewissen Kodex, oder sowas wie einen Deal zwischen Gut und Böse, den es anscheinend aber gar nicht gibt, weil der Nikolo womöglich selbst schon die Mitra an den Nagel gehängt hat.

Krampus