Toy Story 5 (2026)

DENN SIE WISSEN NICHT, WIE MAN SPIELT

4/10


Jessie, Buzz und Woody begegnen Lilypad in Toy Story 5© 2026 Disney/Pixar. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: ANDREW STANTON

DREHBUCH: ANDREW STANTON, MCKENNA HARRIS

KAMERA: MATT ASPBURY, JEAN-CLAUDE KALACHE

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): JOAN CUSACK, TIM ALLEN, TOM HANKS, GRETA LEE, CONAN O’BRIEN, ERNIE HUDSON, ALAN CUMMING, BLAKE CLARK, SCARLETT SPEARS, MYKAL-MICHELLE HARRIS U. A.

MIT DEN STIMMEN VON (DEUTSCHE SYNCHRO): CAROLIN HARTMANN, MICHAEL „BULLY“ HERBIG, WALTER VON HAUFF, MARKUS PFEIFFER, RICK KAVANIAN, LAURA MAIRE, GERY SEIDL U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN



Statt „Denn sie wissen nicht, wie man spielt“ könnte der Titel für meine Review auch etwas anders lauten: „Denn sie wissen nicht, wie man aufhört“. Diese Headline wäre auf all die Kinder gemünzt, die in Toy Story 5 das Spielen verlernt haben und längst in eine digitale Abhängigkeit gedriftet sind.

Wer nicht wagt, der gewinnt

Allerdings wäre diese Zeile auch eine berechtigte Kritik an jener, nach Margen gierenden Vorgehensweise gigantisch großer Filmstudios wie in diesem Fall Disney, die ihre Zitronen auch dann noch weiter auspressen, obwohl schon längst nichts mehr das Glas füllt. Das passiert mit den unsäglichen Realverfilmungen längst brillanter Stoffe. Das passiert mit dem kommenden sechsten Teil von Ice Age, obwohl der fünfte schon mau war, sowie dem fünften Teil von Shrek.

Was ordentlich Kohle lukriert hat, wird das auch weiterhin tun, denken sich die im Geldmachen geschulten Kaufleute, die das Sagen haben und natürlich nicht das geringste Risiko eingehen, das schließlich immer eingegangen werden muss, wenn neue Ideen oder neue Inhalte an den Start sollen. Die Hosen sind aber randvoll, und gewagt wird nichts, obwohl trotzdem gewonnen werden will. Also nochmal Toy Story – nochmal eintauchen in einen wunderbaren Kosmos, der 1995 das Tor in eine neue Welt aufgestoßen hat: nämlich die des komplett computeranimierten Langfilms, dem nicht nur daran gelegen hat, seine technische Raffinesse zu präsentieren, sondern gleichsam auch, eine starke Geschichte zu erzählen – mit komplexen Charakteren, Tiefgang und ordentlich Herz. Cowboy Woody, Raumfahrer Buzz Lightyear und all die anderen, die in den Kinderzimmern der amerikanischen Welt immer erst dann ihr Eigenleben weiterleben können, wenn sie sonst kein Mensch beobachtet.

Diese Idee zählt überhaupt zu einer der besten – auch im vierten Aufguss ist es immer noch witzig, wenn das Spielzeug erstarrt. Fast schon wie der Zustand eines Quantenteilchens, das nur dann präzise wird, wenn man es misst. Doch so gerne man diese Teppichbodenrabauken – von Dino über Sparschwein bis zum Göffel – immer mal wieder zu Gesicht bekommt, so sehr wünscht man sich, diese Gegenstände würden endlich mit ihrer Existenz im Reinen sein.

Kindliche Stereotypen im Trend

Doch falsch gedacht: Andrew Stanton hatte die Aufgabe, hier nochmal in medias res zu gehen, was ihm scheinbar schwerfiel, denn was soll er noch anderes erzählen außer von einer stetig im Wandel befindlichen Kindheit, vom Erwachsenwerden, von Vergänglichkeit und dem Wert des Spielens? Was noch, ohne sich an den Zeitgeist binden zu müssen?

Schon längst treibt den Weltwohlstand die Sache mit den sozialen Medien um, die Bildschirmzeit für Kids und die ganze Suchtgefahr. Klar muss sich Disney da zu Wort melden, doch scheint sich Stanton dabei bereitwillig an edukativem Schulfernsehen zu orientieren, das leicht interpretierbare Fallbeispiele liefern soll. Alles gut, alles recht – doch ideenreich ist das nicht.

Toy Story 5 wird zum Kinderfilm und verzichtet diesmal darauf, soziale Konfliktebenen aus der Erwachsenenwelt auf die Miniaturwelt einer Spielzeuggesellschaft zu projizieren. Was dann durchbricht, sind Stereotypen. Dort der schüchterne und leicht beeinflussbare Volksschulcharakter – da die rustikale Pferdenärrin, die Unterhaltungselektronik sinnvoller nutzt. Dazwischen das Spielzeug, das nicht weiß wie ihm geschieht bei all der Technik, den Tablets und der Ignoranz der Kinder, die nur noch klicken, wischen und downloaden.

Weniger ist nicht mehr Mehr

Stanton gibt sich obendrein einem erzählerischen Multitasking hin, das die ohnehin schon rastlos-quirlige Turbulenz zusätzlich noch hochschraubt. Das gleiche Problem hatte Minions & Monster. Keine Ahnung, was die Verantwortlichen fürs Skript über die Illumination-Helferleins da bewogen hat, all diese Sidestories aufzuziehen. Und vor allem: welcher Art.

Der Fokus ging dort flöten, und er flötet auch bei Toy Story 5, während gestrandete WLAN-Lightyears dem Licht der Sterne folgen. Immerhin kumuliert auch diese Nebenhandlung im Laufe des Films mit dem roten Faden der Geschichte.

Dabei erschließt sich kaum noch, welche Relevanz Woody und Lightyear haben, die ungefähr genauso viel leisten wie die alten Ghostbusters im ersten Reboot-Film. Im Zentrum steht diesmal Cowgirl Jessie, sie hat den Mental Load und die ganze Care-Arbeit – sie kümmert sich, während alle anderen den Bildschirm verschönern. Obendrauf gesellen sich so einige neue Charaktere dazu, die allesamt durcheinanderreden und bis zur ersten Ermüdungserscheinung entertainen, was das Spielzeug hält. Der Töpfchen-Support namens Schlauberger hätte da gereicht.

Repetitive Existenzkrisen

In Toy Story 5 kocht jede(r) sein Süppchen, Ego-Konflikte bleiben ohne Pointen und die Action wirkt nicht nur angestrengt – sie strengt auch an. Die kleine Lightyear-Kompanie ist auch noch irgendwohin unterwegs und sowieso muss wieder mal irgendwer aus anderen Kinderzimmern gerettet werden. Das alles hat man schon gefühlt zehnmal durch. Dass kreatives Spielen etwas Besonderes ist und das Spielzeug, sofern es keine Verschleißerscheinungen zeigt, immer wieder neu anfangen muss, weil es dann ewig lebt, hatten wir spätestens schon in Teil Zwei. Toy Story 5 weiß da nichts Neues mehr, und ist folglich auch der mit Abstand schwächste Teil einer sonst formidablen Reihe.

Dem Publikum scheint’s aber egal zu sein. Oder der Begriff Toy Story ist einfach zu legendär, um dem liebgewonnenen Spielzeug aller Meinungen zum Trotz nicht die Ehre zu erweisen.

Toy Story 5 (2026)

Masters of the Universe (2026)

TOY STORY MIT MUSKELN

6/10

 

Nicholas Galitzine als Adam/He-Man in Masters of the Universe© 2026 Amazon MGM Studios Content Services LLC

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: TRAVIS KNIGHT

DREHBUCH: CHRIS BUTLER, AARON UND ADAM NEE, DAVE CALLAHAM

KAMERA: FABIAN WAGNER

CAST: NICHOLAS GALITZINE, JARED LETO, IDRIS ELBA, CAMILA MENDES, MORENA BACCARIN, ALISON BRIE, CHARLOTTE RILEY, SAM C. WILSON, JÓHANNES HAUKUR JÓHANNESSON, JON XUE ZHANG, SASHEER ZAMATA U. A.

LÄNGE: 2 STD 20 MIN



Was flasht mich da?

Es ist nichts anderes als der Rücksturz ins Kinderzimmer meines Volksschulkommilitonen: Masters of the Universe. Denn niemals, im Laufe meiner Kindheit, durfte ich eine dieser Actionfiguren mein eigen nennen.

Warum? Der Spirit von patriarchalem Heldentum war sogar in einem Zeitalter, in dem Diversität, Gleichheit und Geschlechterrollen in konservativen Strukturen feststeckten, auffallend vorgestrig, als wäre es aus einer reaktionären Interpretation der Siegfried-Sage gefallen.

Die Frauenquote der Muskelmänner

So ein martialisches Männlichkeitsbild kam damals nicht in unser Haus. Dafür aber in jenes meines eingangs erwähnten Freundes, bei dem ich dieses Klischee der tapferen, ruhmreichen Beschützer und Bösewichte bedienen konnte, ohne das Ganze zu hinterfragen.

Dort die Burg von Grayskull, auf der anderen Seite der Snake Mountain. Dazwischen die irrwitzigsten Monster und Mutanten, und weil man ja nicht komplett so tun wollte, als würden Frauen nur hinter den Burgmauern um ihre Helden bangen, gabs zumindest Teela, Evil-Lyn und die Zauberin – später dann noch He-Mans Schwester She-Ra (She-Woman wäre konsequenter), das Pendant zu Supergirl im DC-Universum.

Die martiale „Kauf mich“-Lore

Damals aber konnten wir uns weder sattsehen noch sattspielen. An jede einzelne dieser Figuren kann ich mich erinnern, und eine Handvoll erscheint auch im neuen Versuch, das triviale Universum, das frappant an Flash Gordon, Marvel und die deutschen Heldenepen erinnert, mit ganz viel Hilfe durch CGI-Experten auf die Leinwand zu bringen.

Denn Masters of the Universe, das ist Kitsch as Kitsch can, das ist ein unfreiwillig komisches, vielleicht sogar käsiges Spielzeuguniversum mit genau jener tümpeligen Tiefe, die ein Team an Spielzeugentwicklern von Mattel wohl erforscht haben müssen, um diesen „Kauf mich“-Kreaturen zumindest eine gewisse Legitimität anhand einer simplen und von überall her zitierten Lore zu bescheren, die ins Zentrum gar dreist ein Schwert stellt, für das der junge König Artus es nicht mal aus dem Stein ziehen muss.

Die Sache mit dem Lendenschurz

„Bei der Macht von Greyskull! Ich habe die Kraft!“ Und schon umweht ein ledergegerbtes Tarzan-Röckchen die sicherlich schmucke Männlichkeit von Adam, während ein rotes Kunstharzkreuz Marke „Tempelritter“ die durchtrainierte Brust des blonden Recken ziert, der in Travis Knights (Kubo – Der tapfere Samurai, Bumblebee) ironisch kommentierter Überarbeitung des trivialen Stoffs gar nicht mal so einer sein will.

Natürlich kann man die Welt von Masters nicht einfach in seinem obsoleten Dunst von damals vor sich hin husten lassen. Wie man es dreht und wendet – das ganze Szenario mit einer gewissen Tolkien‘schen Ernsthaftigkeit zu versehen, wird nicht gelingen. Zu generisch ist der Plot, zu plakativ die Charaktere.

Sympathie für den Waffenmeister

Um das Problem zumindest in Sachen Sympathiewerte zu lösen, kommt einer wie Idris Elba ins Spiel, der Adams rechte Hand gibt: Man-at-Arms, auch genannt Duncan. Elba hat Charisma und gute Laune. Genauso wie Nicholas Galitzine (Glennkill: Ein Schafskrimi), der diesen auf Diplomatie gebürsteten Thronerben gibt, als Kind schon nicht kämpfen wollte und im Erd-Exil mit seiner für niemanden glaubhaften Biografie als verschrobener Nerd gilt, der fanatisch nach einem Schwert sucht – seinem Schwert, nämlich jenes mit der Macht.

Das Live-Act-Problem des Zeichentrick-Schurken

Kaum gefunden, katapultiert ihn das Schicksal wieder nach Eternia zurück, wo Skeletor, der ikonische Erzgegner und Onkel (!) von He-Man (wie in der Artus-Sage Schurke Vortigern Pendragon) schon seit Anbeginn an diese Macht will, um diese auszuüben. Hinter dem Totenschädel verbirgt sich Jared Leto in zeichentrickhafter Gestik und mit wenig Charakter.

Denkt da wer vergleichsweise an Frank Langella aus den Achtzigerjahren? Da hatten wir ja schon mal eine Masters-Interpretation, nur aufgrund mangelnder Rechte und wenig Budget hat Dolph Lundgren (man beachte sein launiges Cameo im neuen Film) auf den Final Fight in Eternias Burg verzichten müssen. Bis heute ist Gary Goddards trashiges Guilty Pleasure nicht ohne Nostalgie-Wert. So eine Langlebigkeit lässt sich im neuen Film wohl nicht prognostizieren, obwohl die Macher hier versuchen, das ganze auf zwölftönende und damit erinnerungswürdige Eigenparodie zu trimmen, die auch dank Elba und Galitzine zumindest streckenweise funktioniert.

Den kenn ich doch!

Ist Masters of the Universe nun Kinderkam? Ja, Kinderkram für Mittvierziger, die sich gerne am bunten Materialismus vollgestopfter Kinderzimmer erinnern. Und mit Lust und verklärten Augen Figuren wie Fisto, Mechanek, Spikor, Moos Man, Ram Man und dergleichen in diesmal spielzeugadäquater Ausgestaltung mit Leichtigkeit wiederentdecken.

Die Sache mit dem Sexwitz

Ein Toy Story also mit Muskeln und lahmer Story; netten, aber nicht außergewöhnlichen Schauwerten, dafür aber mit befremdlichem, sexuell konnotierten Wortwitz, der sich speziell auf einen Charakter bezieht und sich auf irritierende Weise am Zielpublikum vorbei vergreift.

Irgendwie ist den Schreiberlingen hier der Zynismus durchgegangen, während zeitgleich verabsäumt wurde, die Vorhersehbarkeit vor allem im Showdown abzufangen. Mit dem Kulturschock der realen, nämlich unserer Welt, wird das Abenteuer mit origineller Situationskomik abgeschmeckt. Witzig auch die „Etymologie“ so manchen Heldennamens. Doch die Selbstironie wirkt unentschlossen – manchmal ist sie zu viel, manchmal zu wenig. Oder hatte gar Mattel das letzte Wort?

Alle waren sie im Gym

Travis Knight lässt Masters of the Universe immer noch das sein, was es immer schon war: Ein konfuses, etwas zu lang geratenes Arena-Gekloppe mit der Sehnsucht nach epischer Fantasy, und mit dem ernüchternden Blick auf die Tatsache, das die durchtrainierten Schwarzenegger-Rabauken nicht wirklich viel mehr sind als sie darstellen. Vielleicht muss man dafür die Zeichentrickserie kennen, und das ganze Drumherum. Davon aber ausgekoppelt bleibt nur Spielzeug, das lebendig wird. Hach, für ewige Buben irgendwie trotzdem ganz schön.

Masters of the Universe (2026)

Barbie (2023)

AUF ZEHENSPITZEN INS LEBEN

7,5/10


barbie© 2023 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: GRETA GERWIG

DREHBUCH: GRETA GERWIG, NOAH BAUMBACH

CAST: MARGOT ROBBIE, RYAN GOSLING, AMERICA FERRARA, ARIANA GREENBLATT, KATE MCKINNON, WILL FERRELL, MICHAEL CERA, ISSA RAE, SIMU LIU, KINGSLEY BEN-ADIR, EMMA MACKEY, RHEA PERLMAN, ALEXANDRA SHIPP, HARI NEF, DUA LIPA U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Das, was diesen Sommer in der Welt des Kinos passiert ist, gleicht einem Paradigmenwechsel. Genauer betrachtet bleibt zu dieser Zeit kaum ein Stein auf dem anderen. Das Publikum ist müde von dem, was es die längste Zeit vorgesetzt bekommt. Worin sich das äußert? Zuerst mal hängt der Megakonzern Disney ziemlich durch. Man könnte auch meinen, dass bei einer aufgeblähten Größe wie dieser irgendwann der Zusammenbruch kommen „muss“. Was politisch nicht funktioniert hat, kann auch wirtschaftlich nicht gutgehen. Die Maus frisst sich von innen auf, zersetzt sich, fährt Pleiten ein. Tilgt seine eigenen Produktionen aus dem Streamingportal, weint dem Ergebnis von Elemental, Indiana Jones und Geistervilla nach. Die Zeit der Superhelden scheint vorbei zu sein, all die langweiligen Real Life-Überzeichnungen bekannter Zeichentrickfilme mögen anöden, Verfilmungen von Themenpark-Attraktionen ebenso. Tom Cruise hat mit Mission: Impossible – Dead Reckoning zwar seinen qualitativen Höhepunkt erreicht, doch danach wird das ganze Franchise wohl auch sein Ende finden müssen. Was aus DC und Warner wird, liegt in den Händen von James Gunn – der mit The Flash allerdings auch nichts zu lachen hat, rein was das Einspiel betrifft.

Auf Basis dieser Umwälzungen ist allerdings letzten Monat etwas ganz Erstaunliches passiert. Das Phänomen Barbenheimer. Klingt ein bisschen nach Lindenstraße, ist aber die Verschmelzung von Barbie und Oppenheimer, von zwei Filmen, die unterschiedlicher nicht sein können, die aber eines gemeinsam haben: eine Vision. Christopher Nolan, der Retter des Covid-Kinos und Mindfuck-Ästhet, lässt dieses Jahr die Bombe platzen – und alle wollen hin. Warum nur? Weil eine True Story rund um den Weltfrieden alle angeht? Weil der jährliche Nolan fast schon etwas Vertrautes darstellt? Schließlich ist Oppenheimer kein gefälliger Film, und hat nichts, was einen Blockbuster letztlich ausmacht. Die Biographie des Physikers unter dem politischen Himmel Amerikas ist spannend, aber dialoglastig und experimentell. Liefert stilsichere Schauwerte, zieht sich aber auf drei Stunden Länge. Will die Masse tatsächlich mal etwas anderes? Etwas, dass sie fordert, triggert und zum Nachdenken anregt? Jedenfalls hat diese Tatsache einen lautstarken Aha-Effekt zur Folge, der bei Barbie widerhallt – einem Spielzeugfilm für Jung und Alt, ein wandelnder Katalog aus Puppen und Mode, Plastikhäusern in Pink und überall das Logo von Mattel. Wer genau will denn sowas sehen? Einen fast zweistündigen Werbespot zur Erweiterung der Gewinnmarge?

Ganz so ist es nicht. Natürlich verspricht sich der Konzern davon genug Profit, um auch die nächsten Jahre ruhig schlafen zu können. Ein Verbrechen ist das allerdings keines. Schon gar nicht, wenn Product-Placement wie dieses, so offensichtlich und ungeniert, einfach nur dazu da ist, um als Stilmittel zu fungieren, das Greta Gerwig und Noah Baumbach in ihrem metaphysischen Märchen so dermaßen geschickt einsetzt, dass man tatsächlich von einer Art Paradigmenwechsel sprechen kann, wenn es darum geht, das Verhältnis zwischen Kunst und Kommerz neu zu evaluieren. Ich denke dabei an Andy Warhol, dem Pop-Art-Künstler, der mit dem Product Design bekannter Marken der Kunst jene Möglichkeit zugesprochen hat, auch massentauglich sein zu dürfen, ohne an Qualität zu verlieren. Gerwig folgt einem ähnlichen Weg. Für sie ist Barbie Campbell’s Tomatensuppe – und spielt damit herum, als hätte Mattel über gar nichts mehr zu bestimmen, außer über die eigene Hoffnung, dass die Sicht der Mumblecore-Autorenfilmerin den Konzern schadlos hält. Denn was sind sie denn, diese stereotypen Puppen mit ihren unrealistischen Maßen und ihrer heilen Welt? Was ist sie denn, diese Barbie, benannt nach Ruth Handlers Tochter Barbara, die dieses Spielzeug auf dem Markt brachte?

Nicht zu vergessen, da gibt es noch diesen Ken, der den heterosexuellen Beziehungsidealismus, sprich: genug Romantik ins Kinderzimmer bringen sollte, auf dem Niveau Grimm’scher Prinzessinnenmärchen, vorzugsweise in der Lieblingsfarbe kleiner Mädchen, nämlich Rosa mit all ihren Nuancen. Mit diesen Figuren, so dachte sich Gerwig, lässt sich die Diskrepanz zwischen den Geschlechtern auf eine für alle verständliche, augenzwinkernde Parabel herunterbrechen, die als behutsame Satire bestens funktioniert und überdies mit Margot Robbie und Ryan Gosling ein Paar gefunden hat, welches als Testimonial für soziale Gerechtigkeit zwischen Mann und Frau die lustvoll simplifizierte Message für die breite Masse hoch erhobenen Hauptes in die reale Welt trägt. Ich hätte nicht erwartet, dass Greta Gerwig sich selbst und ihren Prinzipien so sehr treu bleiben kann. Gerade dadurch gelingt ihr die Fusion von Kommerz und Kunst so leichthändig, als wäre die Marktwirtschaft längst schon devotes Werkzeug für Intellektuelle, um darzustellen, wo im gesellschaftlichen Miteinander Defizite existieren.

Barbie, Jahrzehnte im Geschäft und längst nicht nur mehr blond, hellhäutig und langbeinig, erfährt nun ihre lägst überfällige Bestimmung. Gerwigs ironischer und niemals tadelnder Film lässt zwischen La La Land und Pixars Toy Story die Puppen tanzen, einen bestens aufgelegten Ryan Gosling, der nicht nur Beach kann, sondern auch Komödie, übers Männerdasein singen und das Matriarchat dem Patriarchat eins auswischen. Das ist knallbunt, dann wieder schräges Revuekino. Letzten Endes aber folgt Barbie der Tatsache, dass Frauen ohne Männer jederzeit können – Männer ohne Frauen zwar auch, dafür müssen sie sich aber erstmal selbst finden. Ganz ohne Macht und Aufplustern.

Barbie (2023)

M3GAN

ALITAS FIESE SCHWESTER

6/10


m3gan© 2023 Universal Pictures


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: GERARD JOHNSTONE

BUCH: AKELA COOPER

CAST: ALLISON WILLIAMS, VIOLET MCGRAW, AMIE DONALD, JENNA DAVIS (M3GANS STIMME), RONNY CHIENG, JEN VAN EPPS, BRIAN JORDAN ALVAREZ, STEPHANE GARNEAU-MONTEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Androiden sind nicht zum Vergnügen da. Künstliche Intelligenzen schon gar nicht. Sobald ein Programm die Möglichkeit hat, selbstständig zu lernen und sich unentwegt zu verbessern, kann sich unsere Spezies schon mal irgendeinen Tag in nicht allzu ferner Zukunft als den letzten in ihrer Existenz rot anstreichen. So reaktionsschnell und pragmatisch wie ein künstliches Gehirn, dem man noch dazu die Möglichkeit gibt, sich auch physisch auszudrücken, kann ein Mensch gar nicht sein. Wollen wir uns also wirklich selbst überholen, durch das, was wir aus unserem Know-How und unserer Intelligenz heraus geschaffen haben? Natürlich fällt uns das in den Rücken. In der alternativen Kinorealität von Terminator macht uns Skynet den Garaus, in Michael Crichtons Vergnügungspark-Horror Westworld wollen Androiden wie Yul Brunner endlich mal selbst bestimmen. HAL 2000 will anno 2001 um Gottes Willen nicht, dass ihn irgendjemand abdreht. Und da gibt es Beispiele noch und nöcher, gipfelnd in der philosophischen Frage aus Blade Runner, wo denn nun das Menschsein aufhört oder anfängt. Replikanten sind da längst die bessere Spezies und schaffen Monologe für die Ewigkeit, wie Rutger Hauer am Ende von Ridley Scotts Klassiker.

Doch man muss gar nicht so weit in die Zukunft blicken und gleich die ganze zivilisierte Welt in den Abgrund reißen. Es reicht auch, wenn das Spielzeug anfängt, Mätzchen zu machen. Wie in M3GAN, einem Science-Fiction-Thriller aus dem Hause Blumhouse und produziert von Saw-Spezialist James Wan, der diesem Toy Story-Alptraum nicht ganz so viel Blut entnimmt wie in anderen seiner Filme und das Publikum auch nicht vor lauter Jumpscares den Popcorn-Kübel als Sichtschutz empfiehlt. Bei M3GAN kann man die ganzen 100 Minuten Spielzeit getrost hinsehen, und zwar jede Sekunde, denn was hier wirklich fasziniert, ist weniger die auf etwas ausgetretenen Pfaden wandelnde Suspense-Story, sondern in erster Linie der Charakter dieser High-Tech-Humanoidin mit ihren großen, wasserklaren Augen, ihrer Puppenschnute und einem Hang zur Mode, die in den Siebzigern vielleicht der letzte Schrei war. Wie ihre größere Schwester aus der Zukunft, das künstliche Mädchen Alita, besteht M3GAN aus einem äußerst widerstandsfähigen Grundgerüst (warum nur?) und bewegt sich aufgrund eines ausgetüftelten Bewegungsapparates wie ein Mensch. Nur ab und an hört man mechanischen Schnurren – ein Soundeffekt, den der Film dezent einsetzt, um nicht plump zu wirken.

Diese 120cm große Spielgefährtin, die sich bald wohlhabende Familien um schlappe 10.000 Dollar leisten können, hält als Beta-Version in den Haushalt ihrer Schöpferin, AI-Tüftlerin Gemma (Allison Williams, bekannt aus Get Out), sehr bald Einzug. Und nicht nur dieser Roboter, auch Nichte Cady wohnt nach dem Unfalltod ihrer Eltern nun bei ihrer Tante und bläst bald Trübsal, einerseits aus Langeweile und andererseits natürlich aufgrund des Verlustes ihrer Familie. Als Trost sitzt nun bald M3GAN neben ihrem Bett und glänzt als autarke Puppe, die alles kann und viel mehr auf Cadys Wohlbefinden eingeht als ihr neuer Vormund, ist dieser doch mit dem Release des besten Spielzeugs der Welt beschäftigt. Und da entgehen ihr auch das eine oder andere Mal gewisse unrunde Feinheiten im Verhalten dieses kognitiv denkenden Konstrukts, das als oberste Priorität das leibliche und seelische Wohl ihrer Bezugsperson Cady ansieht. Und alles, was diese betrübt, fordert kühl berechnete, aber drastische Gegenmaßnahmen.

Es lässt sich denken, wohin das führt. Klar, M3GAN gerät außer Kontrolle. Seltsame Todesfälle häufen sich, und das kesse Roboter-Mädchen mit dem Hüftschwung massakriert sich durch die Nachbarschaft, ohne dass sich das Publikum davor ekeln muss. Aufgrund einer PG13-Schnittfassung sind explizite Gewaltszenen außen vor. Man fragt sich natürlich: Braucht es das, um guten Horror zu erzählen? Nun, das ist fast so, als würde man bei einem Gruselfilm alle Jumpscares skippen. Als würde man durch eine Geisterbahn fahren, und die Mechatronik versagt. Was bleibt, ist immer noch die Stimmung eines Films und eine Story, die auch ohne Effekte funktionieren soll. Bei M3GAN ist das nur bedingt der Fall. Das Quäntchen Horror lukriert sich aus der Fertigkeit der Puppe, geisterhaft zu erscheinen oder sich unnatürlichen Verrenkungen hinzugeben. Ein bisschen wie besessen sieht das aus, als bräuchten wir den nächsten Exorzisten. Und dennoch: M3GAN sieht man gerne zu, so wie man Alita gerne zugesehen hat, weil von diesen künstlichen Persönlichkeiten eine Faszination ausgeht, die Vladimir Nabokov wohl in seinem Roman Lolita beschrieben hat. Es ist diese den Mangas so eigene Mischung aus sexy Fräulein und martialischer Nemesis für so manche.

M3GAN nutz durchwegs gängige Versatzstücke, um seinen Thriller zu erzählen. Immer mal wieder jedoch blitzen Ambitionen durch, den Film als satirisches Psychodrama erscheinen zu lassen, das sowohl die Austauschbarkeit der Eltern als auch die bis ins Fatalistische getriebene Werteordnung von Kindern hinterfragt, die ihrem Spielzeug ihr Leben anvertrauen. Da hätten Gerard Johnstone und Skript-Autorin Akela Cooper noch viel mehr einhaken können. Genau diese Punkte hätten den Film in eine andere, gesellschaftskritische Richtung katapultiert, die mit ihrer gespenstischen Mentorin ihre Meisterin gefunden hätte.

M3GAN

Klaus

DER WEIHNACHTSMANN ALS MENSCH

7/10 


klaus© 2019 Netflix


LAND: SPANIEN, USA 2019

REGIE: SERGIO PABLOS

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): JASON SCHWARTZMAN, J. K. SIMMONS, RASHIDA JONES, JOAN CUSACK U. A. 

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


In Tagen wie diesen wird wieder vermehrt Weihnachtliches am Bildschirm konsumiert. In Ermangelung eines gemütlichen Kinobesuchs in der Adventzeit habe ich nun die letztjährig für den Oscar als bester Animationsfilm nominierte Tragikomödie Klaus einer Sichtung unterzogen. Für alle, die allerdings schon die Nase voll haben von Ho Ho Ho und sonstigem Nordpol-Kitsch, der ja in Dosen genossen durchaus anheimelnd wirkt, schnell aber wie ein Unmaß an Süßkram zu Unwohlsein führen kann – für alle also, die da schon die Nase voll haben, bevor es überhaupt so richtig angefangen hat, die könnten mit dieser Interpretation des Santa Clause-Mythos wohl am ehesten warmwerden. Denn die Richtung, die Klaus einschlägt, ist für einen Weihnachtsfilm, wie er normalerweise sein soll, eher auf dem geheimen Schleichweg unterwegs. Klar führt beides ans selbe Ziel, nämlich zum Weihnachtsmann mit all seinen Marotten und Gepflogenheiten, dem fliegenden Schlitten und den Rentieren und dem Kamin und so weiter und so fort. Doch wie sich Regisseur Sergio Pablos dorthin durcharbeitet, ist erstaunlich frei von aufgerüschtem Pathos.

Noch dazu beginnt die Geschichte irgendwo, nur nicht am Nordpol. Jasper ist vom Scheitel bis zur Sohle ein Taugenichts unter der Sonne und einer, der dem stolzen Papa, seines Zeichens Befehlshaber aller auszubildenden Postboten weit und breit, schwer auf der Tasche liegt. Zwecks Läuterung wird dieser kurzerhand an den Allerwertesten der hier bekannten Cartoonwelt verbannt – in das schräge Kaff Zwietrachtingen. Kenner des Asterix-Comics Nr.25 – Der große Graben – werden sich an vergnügliche Lesestunden zurückerinnert fühlen. In diesem Dorf gibt es genau woe dort zwei Parteien, die sich schon Generationen lang bekriegen. Gute Stimmung herrscht hier trotz winterlichem Ambiente keine. Die 6000 Briefe, die Jasper verschicken soll, sind unerreichbare Zukunftsmusik. Wäre da nicht jenseits des Waldes ein alter, griesgrämiger Holzfäller und -Spielzeugschnitzer, der die ganze verfahrene Situation vielleicht doch noch geradebiegen könnte.

Animiert und gezeichnet ist Klaus schlichtweg grandios. Angelehnt an die 2D-Optik klassischer Zeichentrickfilme aus dem Hause Disney, schafft es Pablos durch das Hinzuziehen von Schattierungen eine eigenwillig schimmernde Tiefe zu erzeugen. Das ist keine akkurate 3D-Optik wie bei Pixar. Die Charakterdesigns heben sich angenehm anders vom üblichen Animationsbrei ab, eben auch diese Mixtur aus Tiefe und Skizze verleiht dem Film eine ganz eigene Note, an der man sich lange nicht sattsehen kann, die immer neu erstaunt, die erfrischend bleibt bis zum Abspann. Das Dorf Zwietrachtingen trägt sogar ein bisschen Tim Burton-Kolorit – so liebevoll karikiert sind dessen Bewohner, so überhöht und überspitzt dessen Proportionen. Auch die Story selbst verspricht, mit launigem, keinesfalls infantilem Humor und durchaus auch ernsten Momenten eine Origin-Story rund um den Weihnachtmann auf die Beine zu stellen, die das Menschliche und durchaus nicht immer Perfekte dieser verehrten Figur in seinen Fokus nimmt. Der Weihnachtsmann ist hier längst nicht nur eine dickliche, kekseliebende und vergnüglich brummende Gestalt – sondern ganz einfach ein Individuum mit plausibler Biographie. Da auch Postbote Jesper nicht perfekt ist – und schlichtweg überhaupt niemand in diesem kauzigen Märchen rund um die Eigendynamik guter Taten – fühlt man sich als Zuseher ganz gut aufgehoben in diesem verspielten, bewegten Mikrokosmos eines liebevoll bizarren Werteparcours. Auch wenn die Apotheose von Holzmeister Klaus allzu plötzlich kommt – und gar nicht notwendig gewesen wäre.

Klaus

Trolls World Tour

ANDERE SAITEN, ANDERE SITTEN

7/10

 

trollsworldtour© 2020 Universal Pictures Germany

 

LAND: USA 2020

REGIE: WALT DOHRN

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): ANNA KENDRICK, JUSTIN TIMBERLAKE, RACHEL BLOOM, JAMES CORDON, SAM ROCKWELL, KELLY CLARKSON U. A.

STIMMEN (DEUTSCHE SYNCHRO): LENA MEYER-LANDRUT, MARK FORSTER

 

Sie sind wieder da! Die kleine Gnome, Trolle oder was auch immer diese Spielzeugwichteln aus den 60ern sind, denen im Grunde genommen die Sonne aus dem Allerwertesten scheint und die eigentlich überhaupt nichts Besseres zu tun haben als abzutanzen, sich regelmäßig zu knuddeln oder einfach wahnsinnig seifige Musicalnummern zu schmettern. Ja, das sind sie, was soll man machen. Und es braucht schon einiges an Durchhaltevermögen, um zumindest die ersten zehn Minuten des Sequels, welches nun statt im Kino online zu streamen ist, durchzustehen. Wer in Spielwarenläden seinen Sprösslingen lieber alleine in die rosarote Puppenabteilung schickt, wer Superglamour im Color-Overkill irgendwo zwischen der Mönsterchen-Ausgabe von Mariah Carey, Niki Minaj und Selena Gomez nur mit einem Hochprozentigen vertragen kann, der wird wahrscheinlich nach diesen ersten Minuten  das Weite suchen. Aber, und ich lege es fast schon ans kleine Trollherz: Durchhalten lohnt sich. Wenn nämlich das zuckersüße Popland endlich mal aufhört zu singen und die Story sich nun entschlossen hat, in die Gänge zu kommen, schafft es Trolls World Tour nämlich tatsächlich, fast schon die Qualitäten des Originals zu erreichen.

Was man im neuen Film vermissen wird, das sind die riesenhaften Bergen. Diesmal machen die Kleinen nicht das Land jenseits ihres Elysiums unsicher, sondern fabrizieren eher lokal ein ziemliches Tohuwabohu, denn eines muss man hier auch wissen: Troll ist nicht gleich Troll. Sie definieren sich durch ihre Musik, und die ist, wie wir wissen, in verschiedenster Form anhörbar. Von Klassik über Jazz bis zu Techno – alles da. Wäre ja schön, könnte jedes Genre in Frieden mit dem Nachbarn leben, doch die Stromgitarren-Fraktion denkt da anders. Sie nimmt Queens We Will Rock You ziemlich wörtlich und startet eine breit gefächerte Invasion. Poppy und der mittlerweile nicht mehr ganz so graue Branch müssen dem natürlich einen Riegel vorschieben, ist doch auch ihre Welt bedroht. Also goes Pop the World und trifft auf sämtliche Klangmeister und Musikwesen, die alle ihren speziellen Rhythmus haben.

Fast könnte man Trolls World Tour als musikpädagogischen Beitrag sehen. Auf ihrer Reise quer durch allerlei bunte Bundesstaaten erschließt sich den kleinen Ohren eine erquickende Fülle an noch nie gehörten Melodien, die den Zusehern genauso Freude macht. Klarerweise geht’s hier viel weniger um die Story selbst, die auf eine Notenzeile passt, sondern viel mehr um diese Fülle an liebevollen Details, welche die genrespezifischen Schrullen und Eigenheiten so mancher Musikrichtung wohlwollend karikieren. Schnell lässt sich der ganz persönliche Favorit definieren, der nicht zwingend mit der persönlichen Lieblingsmusik im Einklang stehen muss. Bei mir wär’s Mr. Smoothjazz – eine herrlich schmeichelnde Parodie. Aber, was sag´ ich: seht – oder besser – hört doch einfach selbst!

Trolls World Tour

Playmobil: Der Film

SPIELEND DURCHS ABENTEUER

5,5/10

 

playmobil-film© 2019 Concorde Filmverleih

 

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: LINO DISALVO

CAST: ANYA TAYLOR-JOY, GABRIEL BATEMAN

UND DEN STIMMEN VON: DANIEL RADCLIFFE/MATTHIAS SCHWEIGHÖFER, MEGHAN TRAINOR/BEATRICE EGLI, ADAM LAMBERT/RALF SCHMITZ U. A.

 

Dass die Macher den orangeblauen, kleinen Roboter auf Rädern in die Riege der Filmhelden aufgenommen haben, war dann doch eine Überraschung. Das kleine, gelenkige Spielzeug hatte ich schon als Kind in den 80ern, und so wie es in Playmobil: Der Film aussieht, hat sich das robuste Teil kein bisschen verändert. Mein Exemplar existiert auch heute noch, irgendwo inmitten der Kisten voll Spielzeug, aus denen mein Sohn jeden Tag aus dem Vollen schöpft, um Burgen, mittelalterliche Städte oder Wälder aus dem Teppich zu stampfen. Mitunter dürfen es auch die punischen Kriege sein, die da, hochgerüstet bis zur letzten Zickzackperücke, in die Idylle des Kinderzimmers hereinbrechen. Neben LEGO, das vor allem dazu da ist, den kreativen Baumeister in uns zu wecken, ist Playmobil ein Spielzeugkonzept, dass das kreative Geschichtenerzählen fördert. Das fällt der jungen Generation Smartphone zusehends schwerer. Gegen die vorgefertigten Welten der Computerspiele ist Playmobil nämlich wie ein unbeschriebenes Blatt. Die Herausforderung bei diesem analogen Spiel ist es, Welten und Szenarien von der Pieke auf selbst zu erfinden. Das hat seinen Reiz. Und da Playmobil noch dazu fast unkaputtbar ist, muss man auch nicht ständig Sorge tragen, der mühsam zusammengebaute Millennium Falke von LEGO bricht irgendwann während des Spiels auseinander.

Nun flimmert also auch zu diesem Patent der entsprechende Film über die Leinwand, sehr viel später als LEGO, doch Playmobil will dem Bauklotzriesen mit den rundkantigen Zylinderkopfmännchen das Medium Kino letztendlich doch nicht alleine überlassen. Und wenn schon ein Abenteuer über die nasenlosen, rundköpfigen Smiling Faces, dann gleich eines, das die gesamte Bandbreite der Spielewelten abdecken kann. Klar, was dabei herauskommt: ein Marketingfilm, der Lust auf Shopping machen soll. Denn natürlich gibt es, so wie bei allen LEGO-Filmen auch, jede Menge Sets zu erstehen, welche Figuren vom alten Rom bis in die Welt der 007-Agenten im Sortiment haben. Playmobil: Der Film ist also in erster Linie ein Abenteuer, das bei bereits etablierten Playmobil-Fans Wünsche weckt. Und alle anderen? Nun, die sehen einen teils bemüht lustigen Film, der im Groben an die Idee von Jumanji erinnert und den rasanten Grundtonus sämtlicher CGI- Spielzeugfilme auch für sich beansprucht. Andauernd finden sich die beiden elternlosen Geschwister Marla und Charlie in anderen Welten wieder, wobei wenig Zeit bleibt, sich wirklich auf diese ganzen Szenerien einzustellen, in die sie wie durch ein Wunder während des nächtlichen Betretens einer Spielzeugmesse hineingesaugt werden. Vom Live-Act also ins animierte Kinderkino, das sich wie eine abendfüllende Folge von Serien wie Super 4 oder Mia and Me anfühlt. Playmobil: Der Film ist enorm kurzweilig, das aber ganz ohne Brummschädel im Nachhinein. Viel nachdenken braucht man dabei nicht, hauptsächlich nur Details entdecken und im Geiste bereits eine Liste machen, welche Figuren als nächstes angeschafft werden sollen. Der juvenilen Sammelwut kann man als freundlich mahnendes Elternteil aber mit Hinweis auf den Ist-Zustand des Sortiments spielend einfach Einhalt gebieten. Wenn man es geschickt anstellt, lässt sich der Film daher auch relativ spesenfrei genießen, bis auf den Preis der Kinokarte natürlich.

Was Playmobil: Der Film allerdings fehlt, das sind die Referenzen an die Pop- und Nerdkultur, wie es LEGO stets in petto hat. Das Leinwandabenteuer der Firma Geobra Brandstätter spart sich daher jeglichen Witz, der vielleicht nur für die erwachsene Begleitperson bestimmt ist – und ist folglich ein astreiner Kinderfilm, der auch nur dann elterliches Publikum begeistern kann, wenn dieses mit den Playmobilwelten des eigenen Nachwuchses vertraut ist, oder mitunter in völlig autark entwickelter Sammelfreude gerne seltene Sets über Second-Hand-Plattformen ersteht. Vielleicht auch, wenn die Nostalgie der eigenen Kindheit zuschlägt. Dann sind wir Eltern den spielfreudigen Grundschülern immer noch ein willkommener Partner, wenn es darum geht, in 10 cm Zimmerhöhe liebevoll detaillierte Welten im Stegreif entstehen zu lassen. Lino DiSalvo, seines Zeichens Head of Animation bei Filmen wie zum Beispiel Die Eiskönigin, hat mit seinem ersten Produkt-Spielfilm ebenfalls auf sehr viel Details gesetzt – zu entdecken gibt es für Kenner also einiges. Alle anderen freuen sich mit, wenn die Kids bei den Eskapaden von Wikinger, Ritter und Co völlig aus dem Häuschen sind.

Playmobil: Der Film

A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando

SPIELZEUG, DAS SICH SELBER FINDET

7/10

 

TOY STORY 4©2019 Disney/Pixar. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2019

REGIE: JOSH COOLEY

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): TOM HANKS, TIM ALLEN, ANNIE POTTS, JOAN CUSACK, JORDAN PEELE, KEEANU REEVES, LAURIE METCALF U. A.

 

Mein Blick schweift über die Sitzreihen des noch beleuchteten Kinosaales und sagt mir, dass die Zielgruppe für den in Kürze startenden Film im Vergleich zu anderen Genrekanditaten doch etwas aus der Norm fällt. In Toy Story verblüfft die Tatsache, dass vorwiegend und zu keinem verschwindenden Teil auch Erwachsene ohne juvenilen Anhang, sowohl in weiblicher wie männlicher Buddy-Duo-Formation, Platz genommen haben. Da sind wir und die Kids in der vorderen Reihe eher eine Ausnahme, und das lässt sich auch ganz leicht erklären. Denn Toy Story, das war in den guten Neunzigern, und zwar genau in den Iden selbiger, der spielfilmlange Einstand für Pixar, dem Team hinter der Schreibtischlampe. Fans der ersten Stunde sind wohl heute hier einige versammelt, und dank eines bis in die Gegenwart gelungen fortgeführten Franchise ist die Sympathie für Cowboy Woody, Buzz Lightyear und Konsorten aller Machart eine ungetrübte. Es ist schon etwas Besonderes, wenn bereits drei Teile nicht im mindesten weniger gut sind als der Vorgänger oder der Nachfolger. Nach 24 Jahren allerdings, wo die Kids von damals selber Kids haben und sich gerne an die guten alten Animationszeiten auf der Leinwand erinnern, müssen auch Woody und seine Freunde eine Veränderung durchmachen, es kann ja nicht so weitergehen wie bisher. Irgendwann muss das Spielzeug auch erwachsen werden. Oder sich selber finden. Wie eben ganz aktuell im Kino im vierten Abenteuer Toy Story: Alles hört auf kein Kommando.

Andy, das Kind von Cowboy Woody, ist schon im letzten Film erwachsen geworden. Und Bonnie, das kleine spielfreudige Vorschulmädchen mit ausgeprägtem Sinn für Erdachtes, findet wohl mehr Freude an einer selbst gebastelten Göffelfigur namens Forky als an den mittlerweile zur Flohmarktware zählenden Altspielzeug aus den 90ern. Woody muss sich daher umorientieren, bevor er aus Unachtsamkeit verlorengeht. Und entdeckt in sich die Rolle des selbstlosen Beschützers, der das neurotische Watschelbesteck erstmal vor der Mülltonne rettet, um dann einen Antiquitätenladen unsicher zu machen, der so einiges Potenzial für einen abendfüllenden Spielfilm bereithält. Der bis in die hintersten Lurchecken akribisch rekonstruierte Hallenflohmarkt mitsamt verstaubtem Mehrfachstecker und detailverliebt gestalteter Ladenhüter lässt nicht nur die Puppen tanzen (das Image der gruseligen Bauchrednerpuppe werden die staksenden Holzkasper garantiert bis zum Weltenende nicht mehr los), sondern auch die Outlaws rund um Woody dermaßen waghalsig improvisieren, dass man A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando zumindest stellenweise als das „Fast & Furious“ der Spielzeugwelt bezeichnen kann. Wenn Porzellinchen in adretter Mad Max-Manier im selbstgebauten Stinktier-Vehikel durch die Niederungen eines Jahrmarkts brettert oder der selbstzweifelnde Duke Kaboom zum Stunt des Jahrhunderts ansetzt, dann hat Pixar durchaus ein gewitztes Spektakel vom Computer gelassen, dass den Live-Act-MacGyver blass aussehen lässt und Suspense längst nichts mehr nur Erwachsenenkram sein muss.

Storyboardzeichner Josh Cooley sitzt diesmal im Regiestuhl, und es lässt sich erkennen, dass Bildidee und Umsetzung aus einer Hand gehen. Insofern steht das 3. Sequel all den anderen Teilen in punkto Spielzeugstunts um nichts nach, im Gegenteil, es setzt noch eins drauf. Allerdings nicht nur bei den haarsträubend gut animierten Hetzjagden quer durchs adulte Interieur. A Toy Story will zwischen all dem Slapstick auch etwas ernster sein. Und verliert dabei manchmal leicht den Überblick. Gefühlt ein jedes Spielzeug sucht seine wahre Bestimmung, hat sie gefunden oder trauert Bewährtem nach. Muss sich neu definieren oder Vergangenes zurücklassen. In Cooleys Film ist Abschied und Neuanfang das große Thema, Umorientierung und das Hören auf die innere Stimme. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen, aber in A Toy Story ist Zeit Spielgeld und keiner will Bonnie nach ihrem Göffel weinen sehen. Also ist das ganze Abenteuer aufgrund des straff gezogenen Zeitrahmens durchaus fesselnd, voll schlagfertigem Humor und sowieso satt an liebevoll skizzierten Charakteren, die so angenehm durch den Wind sind, wie Spielzeug eben sein muss. Längst nicht perfekt, und – ob auf sich alleine gestellt oder durch die Augen eines Kindes – immer bereit, neu entdeckt zu werden.

A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando

Bumblebee

HEAVY METAL ZUM FRÜHSTÜCK

6/10

 

null© 2018 Paramount Pictures

 

LAND: USA 2018

REGIE: TRAVIS KNIGHT

CAST: HAILEE STEINFELD, JOHN CENA, PAMELA ADLON, KENNETH CHOI, JOHN ORTIZ U. A.

 

Ein Schlaukopf, ein Muskelprotz, eine Ausgeflippte, eine Prinzessin und ein Freak – wer kann diese letzten Zeilen des Jugendklassikers The Breakfast Club nicht nachsprechen? Natürlich jene, die ihn noch nicht gesehen haben (und das dringend nachholen sollten) und folglich auch das eine oder andere Bonmot aus dem aktuellen Transformers-Ableger wohl weniger erkennen werden. Und jetzt, jetzt ist es passiert – jetzt habe ich Transformers gesagt. Für Cineasten sowas wie das Weihwasser für den Teufel, oder? Was Michael Bay da in bereits gefühlten hundert Teilen hier angerichtet hat, ist, als würde man sämtliche Schrotthalden der Welt in einen Malstrom werfen, nur um zu sehen wie es quietscht, birst und detoniert. Nichts gegen die visuelle Raffinesse in manchen Szenen – doch das Geklotze ist selbst für Hardcore-Destruktivisten enervierend. Wieso im Namen aller Talismane, die da unter den Cockpitspiegeln sämtlicher Kraftwägen baumeln, habe ich mir einen Transformers-Film angetan? Weil ich, wie so oft (und auch zuletzt bei Robin Hood) neugierig wurde. Neugierig, wie denn das Hasbro-Spielzeug dramaturgisch überhaupt noch anders verpackt werden kann. Und ob das funktioniert, bei all diesen extraterrestrischen Kolossen, die unsereins so verwundbar scheinen lassen wie Schmetterlingsflügel.

Sich von den Rezensionen anderer überhaupt nicht leiten zu lassen, da braucht es schon parabolschirmgroße Scheuklappen. Irgendwie beeinflusst das immer, und so auch die relativ positiven Stimmen, die mich dann doch zu einer Sichtung von Bumblebee motiviert haben. Gemeinsam mit Besucherkonstellationen wie Vater-Sohn, After-Work-Kollegen und jungen Ehepaaren konnte das Getöse – oder Nicht-Getöse dann beginnen. Und all die positiven Stimmen weitestgehend abnickend kann ich sagen: Ja, Bumblebee von Travis Knight (Kubo – der tapfere Samurai) geht in eine andere Richtung, mitunter sogar in eine, die nostalgisches Erinnern weckt. Nämlich an die guten alten Jugendfilme der Siebziger-Generation. Und damit meine ich jene, die mit der Magie des Phantastischen kokettierten. Was fällt mir da ein? Natürlich E.T., die Freundschaft eines Jungen mit einem knorrigen Alien. Und wer kann sich noch an den Flug des Navigators erinnern? Das Raumschiff – der absolute Hingucker. Oder an Nummer 5 lebt? Da hatte es Ally Sheedy (die Ausgeflippte aus erwähntem Breakfast-Club) mit einem sprechenden Roboter zu tun, der die spätere Figur von Pixar´s Wall-E schon vorwegnahm. In all diesen Fällen standen Freundschaft, soziale Nähe und innere Werte im Mittelpunkt. Das „Über-sich-Hinauswachsen“ und der Mut der Schwächeren. Travis Knight hat sich dieser Elemente im Rückblick auf eine ganze Epoche kluger Coming-of-Age-Filme besonnen, sie entstaubt und wieder vereint. Entstanden ist ein Film. der vom Zeitgeist daher irgendwie aus dem Rahmen fällt, dafür aber statt dröhnender Kopfschmerzen den narrativen Beat der 80er auf gefällige Zimmerlautstärke dreht, ohne die Nachbarn zu alarmieren.

Herzstück des Ganzen ist dabei zweifellos eine hingebungsvolle Hailee Steinfeld, die als Halbwaise mit Mama, Stiefpapa und einem nervigen Bruder über den Tod ihres Vaters hinwegkommen muss, gerne an fahrbaren Untersätzen schraubt und es nicht fassen kann, als ein ziemlich ramponierter VW-Käfer in Signalgelb plötzlich humanoide Gestalt annimmt. Dieser verängstigte, stumme Bumblebee, der von den Häschern der Decepticons verfolgt wird, findet in der einzelgängerischen Charlie eine vertraute Seele. Beide fühlen sich verlassen, unverstanden und fehl am Platz. „Ich bin ich“ war gestern, der Sinn ihres Daseins wartet also auf Input. Ein kleiner Breakfast-Club, und in diesen Szenen des Miteinander und Füreinander liegt der Charme des Films. Mal humorvoll, mal emotional, nie albern. Zumindest dann nicht, wenn zum Beispiel „Charlie“ Hailee Steinfeld den wortlosen Karosserie-Buster Keaton, der nur anhand seines Autoradios kommuniziert, trendige Popmusik näherbringt. Bumblebee ist ein Roboter mit Herz und kleinem Ego, ein Nummer 5, aber auch ein Wall-E, vor allem was die Eloquenz angeht – und sogar ein bisschen Alf, wenn er in einer der besten Szenen im Bemühen, alles richtig zu machen, versehentlich die elterliche Wohnung verwüstet.

Das auf Basis der Actionfiguren errichtete Element der kriegerischen Vorgeschichte für Michael Bay´s Filmreihe ist hingegen nicht der Rede wert. Decepticons und Autobots hin oder her, darum geht es nicht wirklich. Schon, auch – und womöglich auf Wunsch von Produzent Bay, aber es ist nicht sonderlich relevant und wütet auch eher im Hintergrund, in radikal reduziertem Gekloppe, im Grunde relativ austauschbar. Letzteres sind auch die charakterschwachen Stereotypen aus Militär und Wissenschaft, allesamt lächerlich hohl – aber das waren die Figuren aus den 80er-Filmen vermutlich auch, nur haben wir die bisweilen verklärt oder verdrängt. Darüber mag man gern mit den Augen rollen – und es gnadenhalber hinnehmen, wenn auf der Haben-Seite Alien-Herbie mit dem Mädchen von nebenan verstecken spielt. Da könnte man fast den Geist in der Maschine vermuten – und hoffen, dass Bumblebee als Spin Off von der Maschekseite als Stand-Alone keine Sequels nach sich zieht, die nur wieder das hervorbringen, was bei Michael Bay schiefgelaufen ist. Als Stand-Alone wäre dann der kauzige Gigant aus dem All ein lichter Moment inmitten martialischer Zerstörungswut. Versöhnlich und trotz der tonnenschweren Mechanik ungewohnt leichtfüßig. Wie „Freak“ Judd Nelson, der am Ende des Breakfast Club über den Sportplatz schlendert.

Bumblebee

Christopher Robin

VON NICHTS UND IRGENDWAS

7/10

 

null© 2018 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2018

REGIE: MARC FORSTER

CAST: EWAN MCGREGOR, HAYLEY ATWELL, TOBY JONES, MARK GATISS, ADRIAN SCARBOROUGH U. A.

 

„Dummer alter Bär“, wird er von seinem Besitzer gerne genannt. Freundlich ist das nicht. Doch Christopher Robin, der Junge in den seltsamen Hosen und Riemenschuhen, darf ihn getrost so nennen. Das macht dem tapsenden Honigbären nichts aus. Denn Winnie Puuh oder nur Puuh, der stellt keine Ansprüche. Erwartet sich nichts. Lebt jeden Tag, als wäre es sein Lieblingstag, denn das ist immer Heute. Doch wenn zum Beispiel Gestern noch dazu Morgen ist, dann wäre das schon zu viel Tag. Was jetzt etwas kompliziert klingt, aber seine Logik hat, obwohl Winnie Puuh alles andere als eine Geistesriese ist. Wenn Hunde sprechen könnten, wäre Winnie Puuh einer dieser unendlich treuen Vierbeiner, die bedingungslose Freundschaft leben und zur Stelle sind, wenn sich Kummer breit macht. Den kleinen Bären mit den herzzerreißend dreinblickenden Knopfaugen und der sanften Stimme umgibt eine Art meditative Aura der inneren Einkehr, der Ruhe und des Rückzugs, wo der umtriebige Mensch, ob Alt oder Jung, sein Denken und Handeln wieder rebooten kann und vielleicht draufkommt, was wirklich wichtig ist im Leben. Winnie Puuh weiß das natürlich auch nicht, andererseits aber irgendwie schon. Und wirkt dadurch manchmal richtig weise, wie Yoda, nur ohne Lichtschwert, stattdessen mit Honig ums Mäulchen.

Erst viele Jahre später nach dem Abschied von Christoper Robin vom 100 Morgen Wald und nach zügig durchblätterten Kapiteln lässt gleichnamiger Film seine Handlung überhaupt erst beginnen. Der Hüter seiner Stofftiere ist jetzt erwachsen und ein Arbeitstier, ohne Zeit für Frau und Kind, und ohne einen verschwendeten Gedanken an seine Spielgefährten von damals, alleine deswegen, weil es an Zeit fehlt. Puuh und Konsorten geraten in Vergessenheit, dementsprechend unwirtlich sieht’s im Wald der Heffalumps und Wusels auch aus. Als der Haussegen der Robins so richtig schief hängt, findet der kleine Honigbär wie durch Zufall den Weg zu seinem Meister – wie ein Wink des Schicksals, der dann auf Umwegen vieles wieder geradebiegt.

Regisseur Marc Forster, der schon mit Dramen aus unterschiedlichsten Genres experimentiert hat, betritt mit Christopher Robin nicht unbedingt Neuland – ein ähnlicher Film über das Schaffen von Peter Pan-Erfinder James Matthew Barry zählt bereits zu seinem Oeuvre. Dennoch ist dieser Film hier irgendwie anders. Einerseits könnte Christopher Robin die Fortsetzung zur ebenfalls in diesem Jahr erschienenen und sehr sehenswerten Biografie Goodbye Christoper Robin sein, andererseits aber auch der allumfassende Epilog zu allen bisher erzählten Zeichentrickabenteuern, die Winnie Puuh und seine Freunde so erlebt haben. Etwas metaphysisch Biographisches, ein phantastischer Film längst nicht nur für Fans jüngeren Semesters. Forster erzählt vom Erwachsensein, vom Verlust der Kindheit und vom Ernst des Lebens, ja sogar ansatzweise vom Krieg. Dinge, mit denen die ganz Kleinen, die Winnie Puuh´s gezeichnete Abenteuer kennen, nicht allzu viel anfangen können. Schulkinder allerdings, die von Pflicht, Eigenverantwortung und einer gewissen Eigendynamik des sozialen Lebens so ihre Ahnung haben, werden Christopher Robin als einen Film genießen, der garantiert nicht unterfordert und neben all dem unbekümmerten Spaß auch melancholische, fast schon traurig tönende Saiten anschlägt.

Denn diese Stofftiere, diese Seelenbären und Seelentiger, mieselsüchtigen Esel und ängstlichen Schweinchen, diese Verkörperungen all der Gefühlswelten eines Kindes im Erwachsenen, sind so dermaßen ansprechend zum Leben erweckt, dass ich es kaum glauben kann. Winnie Puuh als Realfilm – meine Skepsis dazu hat sich im Vorfeld relativ lange gehalten. Nach Sichtung dieses Films weiß ich, wie gewissenhaft und mit wie viel Liebe zum Detail und Respekt zur Vorlage Ikonen des Kinderzimmers aus der zweiten Dimension hervorgeholt werden können – hinein in eine unglaublich reale Welt, erdfarben und von schwindendem Tageslicht. Das regennasse, graue London und der nebelverhangene Märchenwald zaubern eine poetische Tristesse, mittendrin eine zusammengenähte Menagerie, abgenutzt und reif für den Flohmarkt, gleichermaßen aber so unbezahlbar wertvoll wie eine Erinnerung an die Kindheit, die man niemals missen möchte. Da trotten sie dahin, entkitscht bis zum Gehtnichtmehr, maximal das Ferkel strahlt in abgewetztem Altrosa, jedes dieser herzensguten Wesen in seiner eigenen Welt. Forster findet mit seinem begnadeten Kameramann Matthias Koenigswieser atmosphärische Bilder eines entrückten Alltags, dazwischen, wie Sternschnuppen aus dem Augenwinkel, das so Schräge wie Zauberhafte aus alten Spielzeugkisten. Die Kultfiguren aus Milne´s Feder erleben literaturadäquat unaufgeregte Abenteuer voll kauzigem Slapstick und charakterlichen Pointen. Spenden Trost, Zuversicht und eine unerschütterliche Zuflucht vor den Widrigkeiten, die ein Leben so mit sich bringt. Da wäre es ja mehr als angebracht, nach dem Besuch im Kino wieder das eigene alte Stofftier vom Dachboden zu holen, um es wieder mal so richtig durchzuknuddeln.

Christopher Robin