Palästina 36 (2025)

UND SO BEGINNT ES

6,5/10


Karim Daoud Anaya als Yusuf im Film Palästina 36
© 2026 Polyfilm


LAND / JAHR: PALÄSTINA, VEREINIGTES KÖNIGREICH, FRANKREICH, DÄNEMARK, QATAR, SAUDI ARABIEN, JORDANIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: ANNEMARIE JACIR

KAMERA: HÉLÈNE LOUVART, SARAH BLUM, TIM FLEMING

CAST: HIAM ABBAS, KAMEL EL BASHA, YASMINE AL MASSRI, JALAL ALTAWIL, ROBERT ARAMAYO, SALEH BAKRI, YAFA BAKRI, KARIM DAOUD ANAYA, WARDI EILABOUNI, WARD HELOU, BILLY HOWLE, JEREMY IRONS, LIAM CUNNINGHAM, DHAFFER L’ABIDINE U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN



Der ganze Schrecken in einem Blick

In dieser einen Szene liegt die ganze Entsetzlichkeit des Themas, und die ganze Kraft eines Filmes. Und natürlich ist in dieser Szene ein Kind zu sein, gerade mal ein Teenager, vielleicht sogar noch jünger. Wir sehen das schreckensverzerrte Antlitz dieses Jungen, als er mitansehen muss, wie der Bus, in dem sein Vater sitzt, um deportiert zu werden, auf eine bewusst gelegte Mine fährt und dieser in die Luft fliegt.

Wir sehen seinen Schmerz, den diese Person tatsächlich zu spüren scheint. Gar nichts wirkt dabei so, als wäre es geprobt. Wie ist so etwas möglich? Wie können Kinderdarsteller immer und immer wieder Emotionen verkörpern, die so auf den Punkt gebracht wirken, als wären sie echt? Als würde genau in diesem Moment dieser Vater tatsächlich in Stücke gerissen?

Regisseurin und Drehbuchautorin Annemarie Jacir (When I Saw You, Wajib) setzt in dieser Szene sogar noch eines drauf – sie lässt alles noch langsamer ablaufen. Der Junge geht in die Knie, wirft sich in den Staub. Seine Schreie hören wir nicht, was es nur noch schlimmer macht, denn die entstehen im Kopf. Alles nur Pathos oder Wahrhaftigkeit?

Wo ansetzen, um den Konflikt zu verstehen?

Wenn man wissen will, wie eigentlich alles begonnen hat – dieser niemals ruhende Konflikt zwischen Muslimen und Juden, dann sollte man sogar noch viel früher ansetzen, mehrere Jahrhunderte vor Christus, als die Assyrer das jüdische Volk nach Babylonien verschleppten.

Seit damals ist es ein Hin und Her, ein Immigrieren und Emigrieren, ein Streit um Grund und Boden, um Verfolgung und Flucht. Immer und immer wieder. Und dann eben die Briten, die in ihrer Kolonialzeit sowieso nie etwas richtig machen konnten, weil ihnen Überblick und Kompetenz und auch Expertise fehlte, weil sie nur militärisch dachten und eben nicht gesellschaftspolitisch.

Der Konflikt von heute ist nicht das Thema

Der Nationalsozialismus in Europa veranlasste das jüdische Volk überdies, dorthin „heimzukehren“, von wo ihre Vorfahren fortgingen. Dumm nur, dass Palästina mittlerweile, und das seit dem siebten Jahrhundert, von arabischstämmigen Volksgruppen besiedelt wird. Ist dort nicht Platz für alle? Sollte man meinen. Wären da nicht diese unüberbrückbaren Ressentiments und ein damit einhergehender Rassismus gegenüber den jeweils anderen. Doch dieser Konflikt, eben der zwischen Juden und Arabern, ist in Jacirs Historienepos der alten Schule nicht das Thema.

Hier geht es um die britische Kolonialmacht – jene, die etwas zu sagen haben, sind mit Jeremy Irons, Liam Cunningham oder Robert Aramayo (Elrond in Die Ringe der Macht, Verflucht Normal) starbesetzt. Die eingewanderten Juden kommen hier nicht zu Wort, und was von ihnen bleibt, sind maximal tödliche Schüsse, die ganz für sich alleine einen Unmut streuen, der in einer ganz anderen Geschichte bis heute anhält.

Diese vielen Wahrheiten

Es lässt sich während des Films nur schwer unterdrücken, nicht doch irgendwann „Free Palestine“ zu rufen. Es geht gar nicht anders. Weil dieses Unrecht an das muslimische Palästina, so, wie es der Film darstellt, unsagbar ist und nur schwer ertragen werden kann. Hat sich das alles tatsächlich so zugetragen?

Palästina 36 macht zum Thema, oder besser gesagt, stellt sich der Reflexion, ob künstlerische Werke wie dieses, wenn es sich denn mit Geschichte beschäftigt, überhaupt jemals die Wahrheit abbilden können. Das Genre des Historienfilms ist niemals objektiv, und untermauert seine Wahrheit eigentlich nur mit den Fakten. Daraus lässt sich so einiges schließen, doch immer mit dem jeweils gefärbten Blick. Mit dem der Muslime, dem der Juden, vielleicht gar dem der Briten?

Das Recht liegt bei den Erzählenden

Alternativ teilt man einen Film wie diesen in drei Teile, und wechselt dabei die Perspektive. Betrachtet man Palästina 36, wird klar: Das hier ist aus der Sicht Palästinas, die Fakten liegen in der geschriebenen Geschichte, die Schilderungen diverser individueller Tragödien und Schicksale wirken als subjektive Interpretationen. Jacir bemüht sich, das militante Handeln vorzugsweise von Damals auf makellose Weise zu rechtfertigen.

Ist Jacirs Film demnach propagandistisch? Lieber eine von drei Wahrheiten, die man als solche so stehen lassen kann, weil es in einem Konflikt wie diesen mehrere gibt. Gerade bei diesem Thema aber ist es problematisch, die anderen Wahrheiten nicht darzustellen, es sei denn, die Intention für einen Film wie diesen ist eine ganz Bestimmte. Welche, lässt sich womöglich leicht erraten.

Palästina 36 (2025)

Der Medicus 2 (2025)

EIN MÄRCHEN VOM MITTELALTER

5/10



© 2025 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE: PHILIPP STÖLZL

DREHBUCH: STEWART HARCOURT, PHILIPP STÖLZL, CAROLINE BRUCKNER, JAN BERGER, MARC O. SENG, NACH MOTIVEN VON NOAH GORDON

KAMERA: FRANK GRIEBE

CAST: TOM PAYNE, EMILY COX, AIDAN GILLEN, ÁINE ROSE DALY, OWEN TEALE, LIAM CUNNINGHAM, EMMY RIGBY, SARA KESTELMAN, ANNE RATTE-POLLE, MALICK BAUER, FRANCIS FULTON-SMITH, ROSIE BOORE U. A.

LÄNGE: 2 STD 23 MIN



Noah Gordon hat Ende der Achtzigerjahre einen historischen Abenteuerroman mit dem Titel Der Medicus verfasst. Ein Bestseller, der, irgendwo zwischen Aladdin, Die Päpstin und Lawrence von Arabien, zumindest den Anspruch erhebt, mit realen historischen Figuren auskommen zu wollen, wenn schon Protagonist Rob Cole, der als Medizinstudent unter die lehrreichen Fittiche eines Gelehrten namens Avicenna gerät, in der Weltgeschichte nichts verloren zu haben scheint. Doch dagegen, da ist wirklich nichts einzuwenden. Zahlreiche historische Filme arbeiten auf diese Weise: Sie schaffen eine Identifikationsfigur, die es so nicht gegeben hat, einzig und allein, um den Leser in die Geschichte hineinzuziehen, um ihn mitfiebern und gleichzeitig lernen zu lassen, was zu dieser Zeit an diesem Ort an Geschichte wohl passiert sein mag.

Bezugspersonen durch die Geschichte

Frank Schätzings Roman Tod und Teufel zum Beispiel beschreibt das Köln der Frührenaissance akribisch genau und verwebt seine Antihelden in einen historischen Kriminalfall, den man auf diese Weise wohl noch nicht gelesen hat. Die Netflix-Serie The Last Kingdom setzt einen Universalhelden namens Uthred in das chaotische Geschehen Großbritanniens des neunten Jahrhunderts, um zahlreichen historischen Persönlichkeiten zu begegnen, die das frühe England geprägt hatten. Was dieser Serie dabei so grandios gelingt, ist, die Figur des Uthred nahtlos in das historische Geschehen einzuweben, um ihn danach daraus so zu entfernen, als wäre er eines aus den Fakten getilgtes Mysterium. Im Medicus war es immerhin der Gelehrte namens Avicenna, den es wirklich gegeben hat.

In der nun freien Fortsetzung, die auf keines der Arbeiten von Noah Gordon beruht, hat europäische Geschichte überhaupt keine Bedeutung mehr. Das einzige, woran wir uns orientieren können, ist England, das alte London, die Themse. Der Begriff Hakim taucht immer wieder auf, arabisch für Arzt und Gelehrter. Und damit war es das auch schon zum Thema Wissensvermittlung. Alles andere ist wild zusammenfabuliert, entbehrt jeglicher historischer Grundlage und setzt eine alternative vergangene Realität vor die Kamera, die ungefähr so relevant ist wie jene, die wir in Grimms Märchen entdecken.

Die früheren Leben des Sigmund Freud

Im Zentrum des konstruierten Bilderreigens an Mittelalterklischees steht abermals Rob Cole, der nach einem Sturm vor der Südküste Englands Schiffbruch erleidet und mit seinen Gelehrtenkollegen, einem Sohn im Arm und der Trauer ob seiner ums Leben gekommenen Geliebten versucht, im London des 11. Jahrhunderts Fuß zu fassen. Mit im Gepäck: Ein ledergebunder Wälzer mit allerhand neumodischem Gesundheitskram. Schließlich wissen wir: das alte Arabien war in so frühen Zeiten dem in Finsternis und Aberglauben dahinsiechenden Europa mehrere Nasenlängen voraus. Damit einhergehend drängt Cole das Bedürfnis, Gesundheit leistbar werden zu lassen, und zwar für jede und jeden, ob arm oder reich, ob schwarz oder weiß. Das alles natürlich ohne Versicherung, ohne Selbstbehalt, ohne Bereicherung der Gesundheitskasse. Mit dieser Einstellung stößt Cole bei der Gilde der Mediziner auf Missfallen. Und nicht nur dort: Auch des Königs sinistre Gattin Mercia, die sich so nennt wie ein ganzes Königreich, hat wenig Lust daran, denn kranken Monarchen gesund zu sehen. Cole gelingt es aber, diesen zu heilen und überdies noch die einzig würdige Thronerbin Ilane (womöglich abgeleitet von Insane) aus ihrem Siechtum zu befreien. Das tut er mit erstaunlicher Kenntnis über Psychotherapie und selbiger Analyse, zum damaligen Zeitpunkt eher nicht wirklich State of the Art, es sei denn, Freud wäre durch die Zeit gereist.

Konventionelles in schönen Bildern

Es entspinnt sich ein pittoresk-biederes Märchen aus den Überbleibseln einer zugestandenen Geschichtsschreibung, von versteckten Königstöchtern, integren Herrschern, die Vernunft walten lassen wollen, dies aber nicht können, weil Intrigen, wie einst in Game of Thrones, alles zersetzen. Apropos Game of Thrones: Philipp Stölzl weiß, wie er sein Publikum ins Kino bringt. Er besetzt ganz einfach die eine oder andere Rolle mit bekannten Gesichtern aus dieser Jahrhundertserie, darunter Liam Cunningham als Märchenbuchkönig und natürlich „Kleinfinger“ Aidan Gillen, der den Intriganten aus dem FF beherrscht. Auch Emily Cox, die in eingangs erwähnter Serie The Last Kingdom eine tragende Rolle spielt, will auch hier in gelangweilter Bösartigkeit die Macht an sich reißen. Diesen Leuten sieht man schließlich gerne zu, auch wenn sich die Handlung allzu sehr in konventionellen Bahnen bewegt und mit einer Vorherhsehbarkeit klarkommen muss, da scheinen selbst Rumpelstilzchen und Co mit Storytwists nur so um sich zu werfen. Wie Stölzl und sein Postproduktionsteam es aber zustande bringt, Der Medicus 2 mit solch epischen Bildern zu illustrieren – vorrangig vom frühmittelalterlichen London – ist bemerkenswert. Schön anzusehen ist das ganze ja durchaus, die pure Erfindung des Mittelalters aber eine bittere Enttäuschung.

Der Medicus 2 (2025)

Die letzte Fahrt der Demeter (2023)

HOLZKLASSE, ABER MIT BORDMENÜ

6/10


demeter2© 2023 Universal Studios and Amblin Entertainment. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA, DEUTSCHLAND 2023

REGIE: ANDRÉ ØVREDAL

DREHBUCH: BRAGI F. SCHUT

CAST: COREY HAWKINS, AISLING FRANCIOSI, LIAM GUNNINGHAM, DAVID DASTMALCHIAN, JAVIER BOTET, JON JON BRIONES, STEFAN KAPICIC, NIKOLAI NIKOLAEFF, WOODY NORMAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Max Schreck hätte wohl auch gern solche Schwingen aufklappen wollen wie sein um 101 Jahre später erschienenes Pendant. Mit solchen Schwingen wäre vieles leichter gefallen. Als Vampir, verwandt mit Fledermäusen, sollte jede Dracula-Inkarnation solche Extras besitzen. Im Laufe der Zeit aber ist der charismatische Graf immer weniger Bestie als vielmehr Aristokrat geworden – ein stattlicher, schon etwas in die Jahre gekommener Gentleman mit grauenvollem und für viele auch tödlich endendem Understatement. Einer, der vorgibt, etwas anderes zu sein – bis es zu spät ist. Das ist taktische Perfektion, das ist Psychoterror und geschickte Manipulation. Doch Dracula ist immer noch ein Vampir – ein Dämon. Und von daher durchaus animalisch, bestialisch, teuflisch. In André Øvredals Literatur-Exegese bleibt von Bela Lugosi, Christopher Lee oder Claes Bang nicht mehr viel bis gar nichts über. Die letzte Fahrt der Demeter bringt den Edelmann mit finsteren Absichten zurück zu seinen Anfängen, lässt ihn herumkriechen wie Gollum, lässt ihn jagen und schlachten. Dracula ist hier all seines Anstands beraubt, doch nach wie vor mit messerscharfem Verstand gesegnet, der sich für sinistre Spielchen mit der Schiffscrew bestens eignet.

Auch in Friedrich Wilhelm Murnaus Klassiker von 1922 werden die frisch geschrubbten Blanken des russischen Handelsschiffes mit Blut getränkt – wir alle kennen das ikonische Standbild der schwarzweißen Schreckensgestalt, wie sie über der Reling aufragt – klauenbewehrte Hände, kahler Kopf, glühende Augen und spitze Zähne. Diesem Bildnis muss man immer mal wieder Tribut zollen, und auch Øvredal scheint davon mehr als fasziniert zu sein.

Doch nicht nur diese Art des Gothic-Horrors taugt zur Wiedererweckung, sondern auch Ridley Scotts finstere Figur des Xenomorph aus dessen Suspense-Hit Alien. So, wie dieser sein Wesen eins werden ließ mit der frei liegenden Technik eines Raumschiffs, so lässt Øvredal seinen Übervampir genauso mit dem rustikalen Interieur unter Deck der Demeter verschmelzen. Beeindruckend wird es dann, wenn man zweimal hinsehen muss, um die ausgemergelten, aschfahlen und ins bläuliche Licht einer Vollmondnacht getauchten Gelenke zwischen den Tisch- und Stuhlbeinen in der Kapitänskajüte auszumachen. Wenn sich das Wesen dann langsam bewegt und aufrichtet, um von einem Moment auf den anderen verschwunden zu sein, treibt Die letzte Fahrt der Demeter seine illustre Schauermär zu einem Höhepunkt hin, der immer näher rückt – letztlich aber ausbleibt.

Øvredals Hochsee-Grusler garniert seinen geschickten Monsterhorror mit Licht, Schatten und Unschärfen, dennoch lässt sich die Geschichte weder auf Biegen und Brechen noch sonst wie einem anderen Schicksal zuführen, will man als Literaturverfilmung dem zugrundeliegenden Werk von Bram Stoker auch treu bleiben. Die letzte Fahrt der Demeter hegt keine Szene lang den Anspruch, einen avantgardistischen Ausbruch zu wagen. Was zählt, ist die Tradition. So bleibt der Film sowohl von seiner Gestaltung als auch von der chronologisch bedachten Erzählweise ein Kind vergangener Zeiten, ein Überbleibsel aus opulenten Universal– oder Hammerfilm-Abenteuern früherer Dekaden – als James Mason, Ernest Borgnine oder Vincent Price noch Seemansgarn erzählen konnten, sofern sie überlebten.

Liam Cunningham, der Zwiebelritter aus Game of Thrones, belebt in klassischer Perfektion die Rolle des vollbärtigen Kapitäns; seine ohnehin gebremste Laune, die ein Teamleader eben haben muss, weicht sorgenvoller Verzweiflung. Er ist es auch, der die ganze Geschichte noch dazu aus dem Off erzählt, um den romantisch-finsteren Petroleumlampen-Charakter noch zu verstärken. Doch man weiß, wie es endet. Die letzte Fahrt der Demeter hat weder Twists noch dramaturgische Raffinessen parat. Hätte das denn sein müssen? Nicht unbedingt.

Mittelpunkt, Kernstück und der Joker in den Handkarten ist immer noch der Vampir. Wäre dieser wohl mehr in den Dialog mit der ohnehin zum Tode verdammten Crew gegangen; wäre das blutdürstende Monster nicht allzu sehr scheinbaren Instinkten unterworfen worden, wäre Draculas bisherige Biografie sichtbarer – und die Figur an sich bedeutender geworden. Øvredal aber will den Langzahn als Tier – in einem Logbuchthriller der bewährten Art, allerdings angereichert mit düsteren Kupferstichen, die in sturmumtosten Nächten und bei Kerzenlicht ihre stärkste Wirkung erzielen.

Die letzte Fahrt der Demeter (2023)