Blue Bayou

PAPA KOMMT NICHT WIEDER

5,5/10


bluebayou© 2021 Focus Features


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: JUSTIN CHON

CAST: JUSTIN CHON, ALICIA VIKANDER, SYDNEY KOWALSKE, MARK O’BRIEN, EMORY COHEN, LINH DAN PHAM, VONDIE CURTIS-HALL U. A. 

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


In jeder zweiten (was heißt jeder zweiten: geradezu in jeder) altersübergreifenden Produktion feiern US-Entertainment-Konzerne wie Disney die Einheit, den Zusammenhalt und den Wert der Institution Familie. Wenn Mama, Papa und der Nachwuchs füreinander in die Bresche springen, dann ist das das höchste Gut, keine Frage. Kann ich auch so unterschreiben. Blickt man in den Vereinigten Staaten aber vom Bildschirmrand etwas weiter weg und dahinter, ist es aus mit diesem Wertebewusstsein. Da ist Familie nur noch in einer einzigen Ausgestaltung annähernd so, wie Disney es immer kolportiert: weiß, uramerikanisch und gefühlt seit Jahrtausenden schon dort geboren. Wir wissen, dass dem nicht so ist. Alle Nicht-Natives blicken zurück auf eingewanderte Ahnen, das kann man drehen und wenden wie man will. Die Politik der Integration war damals aber vielleicht nur ein Blatt im Wind, nicht von Bedeutung. Heutzutage ist Integration etwas für den Rechenschieber, ein seelenloses und unmenschliches Regelwerk, dass den hochgelobten Familiensinn mit Füßen tritt. Justin Chon, selbst gebürtiger Südkoreaner und wohnhaft in den USA, hatte wohl Menschen an seiner Seite, die sich rechtzeitig darum gekümmert haben, dass der Bub auch die amerikanische Staatsbürgerschaft erhält. Mittlerweile wird ihm wohl nicht jenes Schicksal widerfahren, dass sein alternatives Ich in Gestalt von Antonio zu spüren bekommt. Wobei mit etwas mehr Besonnenheit im Alltag ein Drama wie dieses wohl nicht entstanden wäre. Oder aber: es wäre sowieso so weit gekommen – wenn nicht früher, dann später.

Dieser Antonio lebt als herzensguter Stiefvater und Partner von Alicia Vikander (selbst Schwedin, hier spielt sie aber eine waschechte Amerikanerin) in New Orleans und verdingt sich für einen müden Gewinn als Tätowierer. In naher Zukunft werden die Einnahmen bald nicht mehr reichen, denn Nachwuchs bahnt sich an. Es wäre schon alles unangenehm und entbehrlich genug, steht der leibliche Vater der kleinen Jessie permanent auf der Matte, was unheimlich nervt. Allerdings ist das sein gutes Recht, und als der Streifenpolizist die Mutter seiner Tochter in einem Supermarkt zur Rede stellen will, eskaliert die Lage. Antonio wird verhaftet – und zum Fall für die Fremdenpolizei.

Gesetze sind eine Sache – sie zu befolgen eine andere. Gesetze sind ein Kind ihrer Zeit und führen sich selbst manchmal ad absurdum, wenn ihr Wechselwirken bis zur letzten Konsequenz exekutiert wird. Gesetze wie dieses, das Einwanderer, die bereits mehrere Dekaden im Land gelebt haben, als ein nicht vollwertiges Mitglied der Gesellschaft ausweisen, schreien aber danach, reflektiert zu werden. Was in einem Land wie diesen aber nicht passiert. Justin Chon lässt sich selbst gegen Windmühlen kämpfen, und darüber hinaus auch noch gegen seinen eigenen Anstand. Dabei verknüpft er die vagen, traumartigen Kindheitserinnerungen des Einzelkämpfers mit einer Sehnsucht nach einem stillen Ort der Geborgenheit inmitten des Louisiana Bayou (langsam fließende Gewässer inmitten einer Sumpflandschaft). Die impressionistischen Bildstile eines Kim Ki Duk oder Tran Anh Hung könnten dafür Pate gestanden haben – sonst aber verlässt sich Chon auf eine unruhige visuelle Erzählweise in grobkörnigen Bildern, die das wehmütig-nachmittägliche Sonnenlicht wie auf verblichenen Polaroidfotos aus den Siebzigern wirken lassen. Weh- und schwermütig ist auch der ganze Film, doch in erster Linie nur für Alicia Vikander (die eine herzzerreißende Version von Roy Orbisons Songklassiker schmettert), der kleinen Jessie und Justin Chon.

Vielleicht liegt es am impulsiven Handeln des Protagonisten, welches dem Unglück, das hier noch folgen wird, einen anderen und besseren Ausweg verbaut. Das Schicksal einer entbehrungsreichen Kindheit ohne Wurzeln gewährt in Blue Bayou unbedachtem Handeln die Legitimation. Seltsamerweise erscheint es aber, als hätte Antonio nur mit halbem Herzen das getan, was notwendig gewesen wäre, um das Debakel eines verqueren Gesetzes auszubügeln. Vielleicht liegt es ja daran, dass Antonio Zeit seines Lebens gar nicht so genau weiß, wohin er schließlich gehört. Und das Schicksal, wie es auch ausfällt, wohl annehmen wird. Ein schmerzlicher Pragmatismus, der aber Distanz zum Film schafft.

Blue Bayou

Die Stadt ohne Juden

UTOPIE DES SCHEINBAR UNMÖGLICHEN

7/10

 

stadtohnejuden© 1924 / Foto: FAA/ZDF

 

LAND: ÖSTERREICH 1924

REGIE: HANS KARL BRESLAUER

CAST: JOHANNES RIEMANN, EUGEN NEUFELD, HANS MOSER, FERDINAND MEYERHOFER, ARMIN BERG U. A. 

 

Als hätte er es gewusst, der österreichische Schriftsteller Hugo Bettauer, der seinen Roman Die Stadt ohne Juden 3 Jahre vor seinem Tod aufgeschrieben hat. Als wäre die Prophezeiung eine metaphysische Tugend der Künstler. Nicht nur Bettauer, auch anderen war diese antisemitische Drift ein Dorn im Auge, ein unübersehbares Schwelen aus Missgunst, Niedertracht und faschistoiden Anomalien, das sich da abgezeichnet hat. Die 20er Jahre – ein brodelndes Jahrzehnt, gleichzeitig nach und vor dem Krieg. Das Chaos der Börsen, das Erstarken eines manipulativen Redners für den Nationalismus. All das und noch vieles mehr. In den 20ern, da konnte man gerade noch intellektuellen Widerstand leisten gegen ein zunehmend fanatisiertes Politpublikum. Da konnten Künstler gerade noch sagen, was ihnen im Kopf herumgeht, bevor die Meinungsfreiheit in wenigen Jahren flöten gehen wird. Hans Karl Breslauer hat Die Stadt ohne Juden zwei Jahre später verfilmt – diesen Roman von Übermorgen, diese Was-wäre-wenn-Vision von etwas Unmöglichem, von dem Auseinanderreißen einer Gesellschaft, die nur in ihrer Vielfalt so ergänzend und ausgleichend überleben kann. Utopia heißt auch die Stadt, in der diese politische Absurdität Gestalt annehmen kann. Es wird politisiert, in Gasthäusern philosophiert, die Ablehnung gegen jene Minderheit, die den Wohlstand anscheinend gepachtet hat und im Geiste des Kaufmannes von Venedig die Wirtschaft der Nicht-Juden am Laufen hält, in dem sie wie niemand sonst das Geld vermehren kann, unverhohlen hinausposaunt.

Was für ein Klischee, allerdings viel eher die Überzeichnung eines geduldeten Nischendaseins, in welchem sich das jüdische Volk zum Kenner der Materie aufschwingen konnte. Von diesem Klischee, dieser Abhängigkeit will sich der Ur-Utopia-Wiener befreit wissen. Diese Sache findet im Parlament Gehör, und ehe sich der gottgleiche Bundeskanzler versieht, findet der geplante Erlass positive Zustimmung. Das jüdische Volk hat also bis Weihnachten das Land zu verlassen. Der Exodus beginnt. Und niemand wird für möglich halten, was dann geschieht. Die Folgen werden spürbar sein, und dieses ethnisch gesäuberte Utopia wird sich diese Freiheit wohl ganz anders vorgestellt haben.

Wirklich spannend an Die Stadt ohne Juden ist neben einer prophetischen Grundstimmung vor allem auch die Tatsache, dass dieses Werk lange Zeit als verschollen galt. Die letzte Aufführung des Filmes, die kontrovers diskutiert wurde, fand 1933 statt. Dann: nichts mehr, knapp 60 Jahre lang. Bis 1991 im Filmmuseum der Niederlande eine der letzten Kopien gefunden wurde. Die Qualität ließ zu wünschen übrig. Doch es wird noch besser kommen. Wir schreiben 2015, Paris. Auf einem Flohmarkt findet ein Filmsammler eine weitere Rolle und übergibt sie dem Österreichischen Filmmuseum, das folglich das Budget zusammenkratzen konnte, um eine vollständige Restaurierung zu starten. Entstaubt, gereinigt, neu vertont und in Duplex eingefärbt, wie zuvor schon Fritz Langs Metropolis oder Das Wachsfigurenkabinett, beides Beiträge des expressionistischen Films wie eben Breslauers Werk. Es ist ein klarer, vielleicht zu stark vereinfachter, aber energischer Blick zurück in das mahnende Denken der Liberalen. Man kann auch sagen eine Art Denkmal, vielleicht gar eine Hymne auf das jüdische Volk und eine Predigt gegen das aufkeimende Hitlerdeutschland, dass sich Anfang der 30er längst festgesetzt hat. Wir sehen Szenen auf den Gassen und Straßen Wiens, mitunter klar erkennbar das aufgebrachte Volk direkt vor dem Volksgarten. Die Outdoor-Szenen sind ungewöhnlich dokumentarisch, ihrer Zeit geradezu voraus. In dieses turbulente Geschehen mischt sich ein bekanntes Konterfei: das des jungen Hans Moser, auf seine Art unverkennbar als kauziger, nörgelnde Grantler, der als Antisemit Bernard letzten Endes den Verstand verliert und in einem bizarren Konstrukt seiner Gedanken als verlorenes Häufchen Elend keine Zukunft hat. Kunstvoll auch die Neuvertonung zwischen stark verfremdeten Wienerlied,  Massenlärm und Kletzmermusik, was die irre Vision Bettauers nochmal unterstreicht. Die Realität hat den Film dann längst eingeholt, und zwar um Lichtjahre. Umso erschreckender der Einblick in den Ist-Zustand von damals, der das Unvorstellbare nur in zumutbaren Ansätzen vorwegnehmen konnte.

Die Stadt ohne Juden

The Promise

DIE EPIK EINES GENOZIDS

6,5/10

 

thepromise© capelight pictures 2004-2017

 

LAND: USA, SPANIEN 2017

REGIE: TERRY GEORGE

CAST: OSCAR ISAAC, CHRISTIAN BALE, CHARLOTTE LE BON, ANGELA SARAFYAN, TOM HOLLANDER, JAMES CROMWELL, JEAN RENO U. A. 

 

18 Jahre nach den Ereignissen im damaligen Osmanischen Reich hat der begnadete Schriftsteller Franz Werfel 1933 einen epischen Roman verfasst, welcher an den Widerstand der Armenier gegen die Türken am Berg Musa Dagh im September 1915 erinnert. Damals, nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, hatte das osmanische Komitee für Einheit und Fortschritt – welcher Zynismus! – nichts anderes zu tun gehabt, als das Volk der Armenier zu vertreiben und massenhaft zu töten. Ein Völkermord, wie er im Schwarzbuch steht. Fast hätte ich vermutet, vorliegendes Werk ist Werfels Tausendseiter im Filmformat. Falsch gedacht – der irische, politisch motivierte Regisseur Terry George, der 2004 mit Hotel Ruanda bereits einen ganz anderen Genozid zum Thema hatte und die Geschichte eines schwarzafrikanischen Oscar Schindler auf bewegende Weise erzählen konnte, erinnert sich nun an das Genre epischer Monumental- und Cinemascope-Filme wie Vom Winde verweht oder an wuchtige literarische Werke wie Tolstoi´s Krieg und Frieden, um eine fiktive Dreiecksgeschichte zu erzählen, die vor dem Hintergrund der systematischen Auslöschung der Armenier erzählt wird.

The Promise bot schon im Vorfeld, bevor der Film überhaupt noch in den Kinos anlief oder von irgendeinem Publikum gesehen wurde, genug Stoff, um sowohl von den militanten Leugnern als auch von den Verfechtern der Aufklärung hitzig diskutiert zu werden. Da lässt sich wieder mal deutlich erkennen, wie sehr Journalismus menschliches Verhalten beeinflussen kann, vor allem wenn nichts Greifbares zugrundeliegt, sondern nur die Tatsache, dass das Schicksal der Armenier Thema eines Filmes werden wird. Allerdings lockte The Promise auch nach der Premiere nur wenige Menschen ins Kino – das haben womöglich Filme über Minderheiten so an sich. Grausamkeiten von Menschen an Menschen locken anscheinend nur, wenn es fiktiver Horror ist, weniger geschichtliche Tatsache, wobei Terry George alles daransetzt, nicht nur das Grauen in explizit arrangierten Szenen nachzustellen, sondern auch eine prosaische Liebesgeschichte zu erzählen, die von Sehnsucht, Eifersucht, Versprechen und Leidenschaft geprägt ist. Eine durchaus romantische Konstellation theatralischen Ausmaßes erwächst zwischen dem armenischen Medizinstudenten Michael, einem amerikanischen Reporter namens Chris und dessen armenischer, allerdings in Paris aufgewachsener Freundin Ana. Erschwerend hinzu kommt, dass Michael sich unsterblich in Ana verliebt, während daheim in der Provinz die Verlobte mit der Mitgift wartet, die letzten Endes das Studium finanzieren soll. Das alleine wäre schon heikel genug, allerdings von relativ trivialer Natur – wären nicht alle drei Kinder ihrer Zeit, nämlich Zeitzeugen der erstarkenden Endzeit des ersten Weltkriegs. Wie die Hutus in Ruanda haben auch die Osmanen in Kleinasien nur auf das Signal gewartet, um zuzuschlagen. Die Vertreibung der christlichen Armenier soll angeblich in den Wirren eines Krieges untergehen – gäbe es nicht Kriegsberichterstatter wie Chris, angenehm zurückhaltend gespielt von Christian Bale, die über die schändliche Ausnahmepolitik der dortigen Regierung berichten.

Terry George findet mit seinem Kameramann Javier Aguirresarobe und all seinen Ausstattern beeindruckende Bilder aus einer vergangenen Epoche, die sowohl die Schönheit des Landes, den orientalischen Zauber Konstantinopels als auch die Tragödie der Vernichtung in farbintensiven Bildern einfangen. Menschenschlangen ziehen durch die Ödnis, ganz so, wie Fotografien von damals die Verbrechen bezeugen. Die Schlacht am Musa Dagh am Ende des Filmes hat dann schon bibelgleiche Ausmaße. Große Gefühle sind hier nun Thema, das Beklagen der Toten und das Wiederfinden der Geliebten. Historisches Pathos in Reinkultur, professionell inszeniert, auch wenn das Schicksal von „Poe Dameron“ Oscar Isaac gegen Ende vielleicht etwas über die Maßen strapaziert wird.

The Promise lässt sicher nicht kalt, das große Drama packt den Gerechtigkeitssinn, der uns Wohlerzogenen innewohnt, gehörig und schmerzhaft am Schopf. Sehgewohnheiten neu zu definieren ist aber ebensowenig die Absicht des Films wie ein junges Publikum abzuholen – George´s Epos ist ein Zugeständnis an Traditionalisten älteren Semesters. Das ist immerhin noch malerisches, bestens gelerntes Breitwandkino im Stile Spielfilmlängen sprengender Klassiker – und selbst wie aus einem anderen, vergangenen Jahrhundert.

The Promise