Feels Like Home (2025)

AUTOKRATIE AM MITTAGSTISCH

7,5/10


"Papa" Tibor Szervét, Rozi Lovas, Áron Molnar u. a. im Film Feels Like Home von Gábor Holtai
© 2026 Stadtkino Filmverleih


ORIGINALTITEL: ITT ÉEZEM MAGAM OTTHON

LAND / JAHR: UNGARN 2025

REGIE / DREHBUCH: GÁBOR HOLTAI

KAMERA: DÁNIEL SZÖKE

CAST: ROZI LOVAS, ÁRON MOLNÁR, TIBOR SZERVÉT, DORKA GRYLLUS, BETTINA JÓZSA, ISTVAN ZNAMENAK, KORNÉL SIMON, SOMA SIMON U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN



Ungarischer Blockbuster

Ohne Geld ka Musi? Nicht so beim ungarischen Filmemacher Gábor Hotlai und seinem Langfilmdebüt Feels Like Home. Wer hätte gedacht, dass sich auch ohne staatliche Förderung – denn die hätte die Orban-Regierung nie gegeben – ein Film auf die Beine stellen lässt, der alle Stückchen spielt, und so professionell wirkt, als hätte er alles Geld der Welt. Letztendlich reüssierte der beklemmende Thriller zu einem der erfolgreichsten Independentfilme überhaupt in Ungarn – mit mehr als 215.000 Besuchern, die alleine nur aufgrund von gezielten Social Media Kampagnen und vor allem dank Mundpropaganda ins Kino strömten.

Orbanistan im Zinshaus

Bei uns in Österreich wird Feels Like Home, obschon im Stadtkino Filmverleih, wohl kaum die Ehre zuteil werden, auf großer Leinwand zu erstrahlen. Welch ein Glück, ihn beim Slash ½ Filmfestival noch ergattert zu haben, als letztes Werk im Rahmen dieses schmucken Ausflugs in die obskuren Tiefen des Fantastischen, von allegorischen Versuchsanordnungen bis zu mythologischem Ringelpiez. Feels Like Home zählt klar zu ersterem und ist als politische Parabel kaum zu übersehen. Denn Gábor Holtai, der hat es sich zur Aufgabe gemacht, das damals noch über die eigenen staatlichen Grenzen hinweg schillernde Orbanistan versandfertig zu konservieren und in einer stattlichen Zinshauswohnung auszulagern.

Sei nicht, wer du bist

Wie lässt sich das verstehen? Um das zu begreifen, dauert es einige Zeit – und fühlt sich, zumindest für ein Entführungsopfer wie Rita (Rozi Lovas), quälend lange an. Denn die wird eines Tages ganz plötzlich, auf dem Weg nach Hause, gekidnappt. Als sie erwacht, befindet sie sich in einem karg möblierten Zimmer, eine Stehlampe spendet spärliches Licht. Ihr gegenüber ein freundlich lächelnder Mann kräftigen Formats – also jemand, der lieber nicht verärgert werden will. Dieser Jemand aber fordert Rita auf, sich als seine Schwester Szilvi zu bekennen. Und verlangt damit die Aufgabe ihrer Identität.

Ganz schön beklemmend, was Gábor Hotlai seinem Publikum hier auftischt. Eine bizarre Situation folgt auf die nächste, Rita wird nach und nach klar, womit sie es zu tun hat. Was für ein System sich dahinter verbirgt, warum sie jemand sein muss, der sie nicht ist. Und wer all die anderen in dieser Familie sind, die Szilvi auf eine Art willkommen heißen, als wäre sie nur eine Zeit lang weggewesen.

Die Macht des alten Mannes

Über allem aber steht eine patriarchal geführte Autokratie. Holtai seziert ein politisches Konstrukt, nachdem er es auf die Größe einer Familie kleingeschrumpft hat. Im Kleinen, Überschaubaren, lassen sich Mechanismen viel klarer erkennen – und jedes noch so kleine Rädchen einzeln betrachten. Wie absurd erscheint so eine tendenziell totalitäre Struktur, und wie gefährlich kann sie für den oder die einzelne werden, wenn die Gedanken der Rebellion keimen, der Flucht und des Ausbruchs. Wie also lässt sich diese Unterdrückung brechen, wie so ein absurder Machtapparat stürzen? Ist Familie nicht selten so ein kleines Orbanistan, ein kleines Putinland, ein New Trump City, in der eine gehorchende Gefolgschaft ihr Tun irgendwann nicht mehr hinterfragt?

Die Sehnsucht, von Nutzen zu sein

Diese Mehrzimmerwohnung, die wie eine Zeitblase erscheint, als wäre man noch hinter dem Eisernen Vorhang, ist über lange Zeit das Versuchslabor für ein straff inszeniertes, messerscharfes Experiment. Zwischen Erniedrigung und frommem Hinterherhecheln erforscht Holtai die Psychologie der Unterworfenen, ihre Beweggründe und ans Stockholm-Syndrom erinnernde Verhaltensweisen, die mit einem ungestillten gesellschaftlichen Bedürfnis einhergehen. Feels Like Home legt all das offen, er behandelt die Wurzel des Übels in all seine Legitimation. Ein irrer Psychokrieg entbrennt, gespickt mit Gift, Galle und psychologischem Stacheldraht.

Ob Zuhause oder Heimatland – was macht das schon für einen Unterschied. In diesem Thriller ist Macht und Gehorsam kein persönliches Eigentum. Diktatoren, seid gewarnt.

Feels Like Home (2025)

Freaks Out (2021)

MANEGE FREI FÜR DIE VERFOLGTEN

7/10


freaksout© 2022 Metropolitan Film Export


LAND / JAHR: ITALIEN, BELGIEN 2021

REGIE: GABRIELE MAINETTI

DREHBUCH; NICOLA CUAGLIANONE, GABRIELE MAINETTI

CAST: AURORA GIOVINAZZO, FRANZ ROGOWSKI, CLAUDIO SANTAMARIA, PIETRO CASTELLITTO, GIANCARLO MARTINI, GIORGIO TIRABASSI, MAX MAZZOTTA, SEBASTIAN HÜLK, ANNA TENTA U. A.

LÄNGE: 2 STD 21 MIN


Wer weiß, was die vermaledeiten Nazis noch so alles getrieben haben, von dem wir nichts wissen. Was, wenn sie tatsächlich versucht haben, mithilfe paranormaler Phänomene, die dann folglich nicht mehr als solche deklariert, sondern wissenschaftlich eingestuft und nutzbar gemacht wurden, das Schicksal der Welt zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Nicht auszudenken, wenn es ihnen gelungen wäre. Für dieses Szenario hat das Kino schon so einiges über die Leinwand flimmern lassen. Bekanntestes Beispiel: Die Bundeslade aus Jäger des verlorenen Schatzes. In Mike Mignolas Hellboy haben im Okkulten versierte Nazi-Größen das Tor zu einer Dimension geöffnet, aus welcher ein kauziger, roter Teufel entschlüpfte. Und was ist mit der Geheimorganisation Hydra aus dem Marvel-Universum? Red Skull und seine Armee aus Supersoldaten, die alle so zugeschlagen hätten wie Captain America?

Es gibt so einiges an showtauglichen Albträumen, mit welchen nicht nur das Kino, sondern auch das Fernsehen die Niederträchtigkeit der Faschisten noch zusätzlich angereichert hat. Mit Freaks Out setzt der Italiener Gabriele Mainetti zwar nicht noch eins drauf, fügt aber den Psychopathen des dritten Reiches noch einen abgründig-charismatischen Wirrkopf hinzu: Man möchte es nicht glauben, es ist Franz Rogowski. Liebkind des deutschen Independent-Kinos und, wie man sieht, offen für jedes Genre. Warum nicht auch für einen phantastischen Streifen wie diesen, der 2021 bei den Filmfestspielen von Venedig seine Premiere feierte.

Rogowski gibt einen völlig verpeilten Sonderling, der aufgrund seiner zwölf statt zehn Finger aus der Armee ausgeschlossen wurde. Nicht so sein Bruder, der dort ein hohes Tier wurde. Was macht ein „Freak“ wie dieser nun in einer Diktatur, die das Andersartige für vogelfrei erklärt, wegsperrt oder vergast? Durch den gegebenen familiären Einfluss darf Franz als zylindertragender Direktor seine Lust an der Exzentrik zumindest im Rahmen eines von ihm ins Leben gerufenen Zirkusses ausleben, der in Rom Halt macht und der jedoch im eigentlichen Sinne als Kulisse für ein sehr ehrgeiziges Projekt herhalten muss, in welchem der wie Hanussen mit dem Übersinnlichen begabte Wirrkopf die Lösung für all die Probleme sieht, die das Deutsche Reich im letzten Kriegsjahr so umtreibt. Franz will eine Gruppe aus Superhelden zusammenstellen. Und ja, es gibt sie. Sie erscheinen gar in seinen zukunftsweisenden Visionen, die sogar vom Selbstmord Hitlers berichten und noch viel weiter gehen. Diese mit außergewöhnlichen Fähigkeiten begabten Leute sind allerdings eine Theatertruppe für sich, die eigentlich nur die Flucht aus Europa im Sinn haben. Es ist dies ein Wolfsmensch, eine Art Magneto, ein Insektenbeschwörer, ein schrulliger Gandalf und eine Feuerteufelin, die ihre Gabe eigentlich nur als Bürde sieht.

Mutanten mit derartigen Fähigkeiten sind nicht neu. Bei den X-Men gibt es sie alle. Auch bei Hellboy zählen einige Außenseiter, die ihre Andersartigkeit mit nichts verbergen können, zu den Experten des B.U.A.P. Mainettis märchenhafter Kriegs- und Zirkusfilm allerdings lässt die Idee eines alle unter einen Hut bringenden Vereins außen vor. In diesem von Gott verlassenen Italien während des Krieges tummeln sich verlorene Seelen auf den Straßen herum, die wie aus einer tragikomischen Filmballade Federico Fellinis über die Hügel Italiens vagabundieren, auf der Suche nach dem großen Glück. Tatsächlich erinnert so manche Szene an bittersüße Filmmomente des großen Cinecittà-Visionärs – insbesondere das deutlich expositionierte Einzelschicksal des Flammenmädchens Matilde hat erzählerische Kraft und Ausdauer. Ihr Weg zur Selbstbestimmung ist der eine rote Faden des Films, der andere ist Franz Rogowskis leidenschaftlich verkörperte Figur des Antagonisten. Zwei Ausgestoßene, die unterschiedlicher nicht sein können. Die versuchen, sich den Respekt des Normalen zu verdienen, um Teil des großen Ganzen, und vor allem: nicht allein zu sein.

Mit viel Aufwand, enormer Ausstattung und im letzten Drittel ordentlichen Gefechten zwischen Nazis und den italienischen Partisanen gelingt hier ein opulentes Spektakel zwischen bizarrer Sensationsshow wie in Guillermo del Toros Nightmare Alley, dem Dreckigen Dutzend und einem regimekritischen Ur-Pinocchio. Dieser ganze Mix passt so gut zusammen wie die Zutaten für ein wissenschaftliches Experiment, dessen Resultat sein Publikum zum Staunen bringen soll. Für die große Leinwand wäre das fantasievolle und dramatische Abenteuer viel eher geeignet gewesen als so manches, das den Zuschlag fürs Kino letztendlich erhält. Freaks Out ist nur im weitesten Sinne als Superheldenkino zu verstehen und entfernt es sich vom oft geprobten Idealismus begabter Gutmenschen. Letzten Endes will sich hier niemand irgendeinem Credo verschreiben müssen oder von anderen instrumentalisiert werden – diese Bescheidenheit, diese Lust an der Selbstbestimmung, gibt dem blutig-melancholischen Abenteuer seinen Esprit.

Freaks Out (2021)

Der Pfad (2022)

DIE ZUVERSICHT JUNGER UNBEUGSAMER

6/10


derpfad© 2022 Warner Bros. Deutschland


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, SPANIEN 2022

REGIE: TOBIAS WIEMANN

BUCH: RÜDIGER BERTRAM, JYETTE-MERLE BÖHRNSEN

CAST: JULIUS WECKAUF, NONNA CARDONER, VOLKER BRUCH, JYETTE-MERLE BÖHRNSEN, LUCAS PRISOR, BRUNA CUSÍ, ANNA MARIA MÜHE U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Älteren Kindern und Jugendlichen die verheerende Zeit des Nazi-Regimes näherzubringen, ist eine noble und auch äußerst wichtige Sache, welche das Kino der Gegenwart als seine Pflicht ansieht, hier ab und an auch den belehrenden und erkenntnisfördernden Part zu übernehmen. Vor vier Jahren flimmerte die Verfilmung des Buches Als Hitler das rosa Kaninchen stahl ebenfalls schon über die Leinwand – und ja, solide inszeniert und in gewissem Maße schonend für jugendliche Gemüter hat Caroline Link hier das Drama von Flucht, permanenter Angst und Heimatverlust auf ein vernünftiges Maß an Intensität heruntergebrochen. Verständlich, nachvollziehbar, für Kinder das Abenteuer eines Ausnahmezustandes, der Stress verursacht.

Der Pfad von Tobias Wiemann (u. a. Amelie rennt) ist ebenfalls so ein Film, gemacht für Jugendliche, gefällig in seinem Drama und auffallend gnadenlos hinsichtlich einer omnipräsenten Bedrohung, die den beiden Kindern gefühlt aus allen Richtungen auf die Pelle rückt. Sehr bald auf sich allein gestellt, müssen sie einen Zustand meistern, den man normalerweise nur aus Fantasyromanen kennt, und dort ist es das Abenteuer des Guten gegen das Böse, mit offensichtlichem Erfolg für ersteres, denn wir leben in einer Welt der Moral in Märchen und Fiktion. Die Realität, die Geschichte Europas, sieht natürlich anders aus. Und so mag das Abenteuer stellvertretend für Gräuel stehen, die nicht mal noch Halbwüchsigen nicht nur die Familie, sondern auch das Leben entreißen will. Dagegen stemmt sich Rolf (Julius Weckauf, großer Durchbruch mit Der Junge muss an die frische Luft – und zwar zu Recht) mit seinem Vater Ludwig (Volker Bruch, Kommissar Gideon Rath aus Babylon Berlin), der als kritischer Journalist Anfang der Vierzigerjahre auf die Abschussliste gerät. Bis nach Paris und dann nach Marseille haben sich beide durchgeschlagen, jetzt heißt es noch über die Pyrenäen und dann an die Küste, wo ein Flüchtlingsschiff wartet und beide in die USA bringen soll, wo bereits die Mutter wartet. Im Rucksack hat Rolf stets ein Buch Erich Kästners: Der 35. Mai. Eine Geschichte, in der alles möglich und auf den Kopf gestellt scheint – in Zeiten wie diesen ein trostspendender, mentaler Support. Mithilfe von Nuria, einer ortsansässigen Bergführerin und selbst noch nicht mal ein Teenager, gelangen sie ins Gebirge – wo das Schicksal sich wenden wird. Und Rolf von seinem Vater Abschied nehmen muss.

Ähnlich wie Wie zwischen Himmel und Erde, Maria Blumencrons selbst verfilmte Erlebnisse einer Flucht aus dem kommunistischen China über den Himalaya will Der Pfad sich ganz sicher nicht nur auf den Survival-Trip zweier Kinder konzentrieren, sondern auch den politischen Aspekt betrachten. Von Menschenschmugglern und Fluchtrouten ist die Rede, von Deals und Bestechung zur Befreiung von Rebellen, die für die gute Sache kämpfen. Und von der Akzeptanz des Unmöglichen, die einhergeht mit dem zwangsläufig viel zu früh geführten Schritt aus der Welt der Kindheit in eine ernüchternd-brutale Realität. Wie Julius Weckauf „erwachsen“ werden muss, weil ihm sonst nichts anderes übrigbleibt, weil auch die Obhut der Eltern fehlt, zeigt sich als stark gespieltes Jugendkino mit dem Herzen am rechten Fleck und einer wunderbaren Chemie zwischen den beiden Jungstars, die zwischen lakonischem Humor und Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit stets die Contenance der Unbeugsamen wahren.

Der Pfad (2022)