Backrooms (2026)

NIMMERLANDS PIRATEN ODER:
VON MAUERN UND IHREM DAHINTER

7,5/10


Chiwetel Ejiofor auf Erkundungstour in den Backrooms
© 2026 Courtesy of A24/Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: KANE PARSONS

DREHBUCH: ROBERTO PATINO, WILL SOODIK

KAMERA: JEREMY COX

CAST: CHIWETEL EJIOFOR, RENATE REINSVE, MARK DUPLASS, FINN BENNETT, LUKITA MAXWELL, AVAN JOGIA, KRISTA KOSONEN, ROBERT BOBROCZKYI U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN



„Folge dem Kaninchen!“ So heisst in Lewis Carrols psychologischem Sinnbild Alice im Wunderland, einer viktorianischen Coming-of-Age Geschichte, die das Innere eines Mädchens nach außen kehrt. Wir wissen alle: Alice taucht ein in eine Welt, für die seltsame Verfremdung der Realität ein Hilfsausdruck ist, die ihr aber insofern vertraut vorkommt, da sich Zustände manifestieren, die sich als ihre eigenen erkennen lassen.

Rabattaktion auf Reisen ins Ich!

Diese Psychofantastik hat sich mehrere Jahrzehnte später an die Gegebenheiten der Gegenwart angepasst. Kein Kaninchen mehr, kein Hutmacher, keine Spielkartenarmeen und kein Jabberwocky. Willkommen im Zeitalter des Kapitalismus, der Konzerne und der Anonymisierung des eigenen Ichs. Da hinein ist Kane Parsons geboren. In eine Welt, die kaum mehr weiße Flecken aufweist, die bis auf wenige Inseln und Täler als erschlossen gilt, wo niemand mehr auf Entdeckungsreise geht wie anno dazumal Columbus, Humboldt oder James Cook.

Die Idee von der Welt in der Welt

Beides, das Mysterium der Reise ins eigene Ich und der Drang, hinter das bereits Entdeckte zu blicken, um selbst noch mal Entdecker zu werden, lässt das Multidimensionale des Marvel-Universums genauso reifen wie die Grundidee der Gebrüder Duffer und ihren Stranger Things, die das Upside Down geschaffen haben – eine Welt, die später als manifestierte Kopfgeburt eines Psychopathen analysiert werden wird – und die reale Welt mit dieser verwaschenen Kopie ihrer selbst zeitgleich und ineinander existieren lässt.

Das Verständnis der Räumlichkeit wird dabei ausgehebelt – ob die Zeit selbst dabei verzerrt wird, mag man noch hinterfragen, denn klar ist: Zeit und Raum können nicht unabhängig voneinander existieren. Das Erfassen des Raumes ergibt sich durch die Kenntnis der Zeit, die man braucht, um ihn zu durchqueren – um es ganz simpel auszudrücken.

Betretbare Geisteszustände oder: Irgend etwas stimmt hier nicht

Kane Parsons war gerade mal elf, als der Netflix-Hype Stranger Things vom hauseigenen Bildschirm waberte. Die Idee der verkehrten Realität oder einer verzerrten Ausgeburt einer selbigen könnte aus diesem Fernseherlebnis entstanden sein, vielleicht aber auch aus dem Lesen von Stanislav Lems Solaris – und der Begeisterung für einen ganz großen Kino-Surrealisten: David Lynch.

Wenn jemand etwas mit Räumen zu tun hat, die in Zwischenwelten und einerseits in der Realität und auch wieder nicht existieren, dann ist das dieses in die Filmgeschichte eingegangene Mastermind, das mit Twin Peaks und seinen als White und Black Lodge bezeichneten Welten aus Schachbrettböden und roten Vorhängen auch Eulen nicht mehr sein ließ, was sie schienen. In ihnen tanzen Zwerge und sprechen rückwärts, ein gealterter FBI Agent Cooper sitzt in einem roten Fauteuil, auch Laura Palmer schreit sich dort die Seele aus dem Leib. All das erscheint vertraut und doch verkehrt, mit diesem Knick der Realität und dem Gefühl, irgend etwas – und tatsächlich ist dieses Etwas enorm – stimmt hier nicht.

Im Großraumbüro von Agent Cooper als Lost Place

Dabei wäre die Bezeichnung fürs Lynchs Expeditionen in Dimensionen dahinter als Traumwelten zu schwach. Sie sind mehr als das. Sie hegen schließlich die Vermutung, dass diese aus Raum und Zeit losgelösten Hirn-Welten als Makro-Welten tatsächlich, und zwar auf Quantenebene, existieren könnten.

Womit wir eine weitere Möglichkeit in Betracht ziehen, nun endlich auch Parsons Backrooms begreifen zu können. Denn die sind wie Lynchs Welten eine verfremdete vertraute Realität, die wie billige Kopien wirken, die eine eigene Mathematik schaffen – die der leeren Quader. Sie geben sich voll und ganz einer der Natur inhärenten Geometrie hin – ganz in Gelb.

Dieses Gelb alleine wirkt schon toxisch, doch je tiefer Chiwetel Ejiofor als Protagonist Clark in diese Welt eindringt, die als materialisiertes Ich auch für andere zugänglich scheint und eben nicht nur für sich selbst, je variabler wird das alles. Je tiefer und weiter es also in diese Backrooms hineingeht, desto gefährlicher, schmutziger und dunkler werden sie.

Jemandem einen Hund beschreiben, der noch nie einen Hund gesehen hat

Es drängt sich der Vergleich auf, dass Backrooms vom Unterbewusstsein handelt. Was denn sonst? Das Unterbewusste existiert, als gebrochener Spiegel der Realität. Was für eine Freud(e), diese Ordnung der uns gewohnten Dreidimensionalität aufzuheben. Diesen Spaß hatte sich schon Zeichner M. C. Escher gemacht, in dem er seine unmöglichen Architekturen auf Papier brachte, in dem er die Möbius-Schleife einfach weitergeführt hat.

Auch die Backrooms sind unendlich, einen kleinen Hinweis gibt Parsons mit einem Filmzitat aus Die unendliche Geschichte. Auch hier wieder: Eine rein aus der eigenen Fantasie erzeugte Welt. Somit ist Backrooms mit seiner Prämisse längst nicht neu. Nur zeitgemäßer, weniger märchenhaft. Weniger bombastisch wie bei den Duffer-Brüdern. Sondern psychoanalytischer, essentieller. Direkt an den Molekülen andockend.

Ein Hype, ganz für sich allein

Diese Idee wurde 2019 zum Hype, dieser Hype zu einer der wuchtigsten Creepypastas im Internet. Und natürlich muss das Studio A24 hier aufspringen und ganz in seinem Sinne diese faszinierende Welt, die , wenn man sich lange genug damit beschäftigt, in ihrer Unlogik vorne und hinten völlig logisch erscheint, auf die Leinwand bringen.

Junge Erwachsenen zwischen 16 und 25 Jahren stürmen also die Kinos sogar an heißen Sommertagen. Die Frage, ob Parsons Regiedebüt gelungen ist oder missglückt, stellt sich gar nicht. Sein Film genügt sich in seiner Prämisse völlig selbst, braucht da weder Feedback noch ein Qualitätssiegel. Das dieses Sich-selbst-Genügen genau das ist, was an dieser Sache so fasziniert, ist das Schöne daran.

Es bellt der andalusische Hund

Doch auch wenn man Backrooms bewerten will: Parsons überlässt den Kinofilm zu seiner Youtube-Legende nicht ganz dem Zufall. Und womöglich weiß er selbst nicht so genau, wen er da glücklich macht mit seinem Werk. David Lynch hätte es gefallen, er würde seine Wesenheiten als elegante Hommage wiederfinden, ohne sie benutzt zu sehen.

Gehen wir noch weiter in der Zeit zurück, würde Luis Buñuel sich darin bestätigt sehen, dass Einrichtung nicht mehr ist als der symbolische Platzhalter für das belastende Materielle, für die Schwere der Existenz. Wer je Buñuels Der andalusische Hund gesehen hat, wird bei all dem Gerümpel in dieser Backrooms-Dimension ein verwandtes Motiv erkennen, nämlich jenen Mann, der beim Durchqueren eines Zimmers einen ganzen Bulk an Möbel hinter sich herzieht. Renate Reinsve gibt Antwort: Von Jeremy Cox genial gefilmt, probt sie derweil die Flucht durch einen Sofa-Parkour.

Als Dokumentation wird alles nur noch gruseliger

Backrooms ist somit die aktuellste Antwort auf ein vernachlässigtes Filmgenre – und überhaupt auf einen vernachlässigten und sehr oft als reiner Dekor fehlinterpretierte Stil: Den Surrealismus. Parsons versteht, worum es dabei geht. Womöglich versteht er es wie sonst kaum jemand, der sich nach David Lynch daran versucht hat.

Parsons wird zum Spezialisten, der es sich aber nicht nehmen lässt, seinen Vorbildern sichtbar für alle zu huldigen. Und dazu gehört neben bereits erwähntem auch The Blair Witch Project – ohne Found Footage-Horror wäre Backrooms nur das halbe Zimmer. Der Wille zum Erforschen und Erlangen von Erkenntnis hat schon in den Neunzigern die Hexenjäger im Wald auflaufen lassen: Jetzt opfern sich bekannte Gesichter aus Film und Fernsehen, um der Wahrheit auf den Leib zu rücken.

Erklär‘ mir Schrödingers Gesichter

Den Horror-Regeln unterwirft sich Backrooms nur bedingt, nur solange es seinen Reminiszenzen dient. Dass er sich dabei komplett dem psychologischen – oder gar psychotherapeutischen– Aspekt unterwirft, dem will er, den Duffer-Brüdern gleich, mit der Möglichkeit eines profanen, aber immer noch rätselhaften Mysteriums entgegenwirken. Das beschert ihm eine gewisse Balance und entzieht ihm damit den Vorwurf, in irgendein Geschwurble abzudriften.

Backrooms ist verankert und gleichzeitig auch losgelöst. Und schafft obendrein, seit dem SW-Independentfilm Fremont, eines der irrsten und schönsten Schlussbilder zugleich, das im Quantengedächtnis eines Malers wie Francis Bacon, der mit seinen multiplen Gesichtern immer schon verstört hat, verankert bleibt.

Dafür alleine ist Parsons Film schon sehenswert, neben all den Details, die wie eine gebührenfreie Spielwiese für jene Enthusiasten anmutet, die in ihrem Kopf genug Abenteuer für ein ganzes Leben finden – und manchmal sonst nichts brauchen.

Backrooms (2026)

I Saw the TV Glow (2024)

TWILIGHT ZONE FÜR SERIENJUNKIES

5/10


isawthetvglow© 2024 Pink Opaque LLC


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: JANE SCHOENBRUN

CAST: JUSTICE SMITH, BRIGETTE LUNDY-PAINE, IAN FOREMAN, HELENA HOWARD, FRED DURST, DANIELLE DEADWYLER U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Das war noch was, als in den Achtzigern und Neunzigern tagtäglich und immer zur selben Uhrzeit die Straßen und Gassen leergefegt waren, wenn auf den wenigen Fernsehkanälen, die man hatte, die Lieblingsserie lief. VHS-Rekorder hatten da noch die wenigsten, später aber dann doch vermehrt, doch als Junkie eines speziellen Formats wollte sich keiner nachsagen lassen, nicht als erster den brandneuen Stoff bereits gesichtet zu haben. Am neuesten Stand zu sein war oberstes Gebot, das wochenlange Warten auf die nächste Folge nur eine Qual. So passiert bei Falcon Crest, Twin Peaks oder Buffy – Im Bann der Dämonen. Letztere ließ Sarah Michelle Gellar groß werden, die toughe Blondine schnetzelte sich sieben Staffeln lang durch Horden von Vampire, Dämonen und sonstigem Gesocks, das aus dem Höllenschlund in der kalifornischen Kleinstadt Sunnydale emporstieg. In I Saw the TV Glow ist es die Serie The Punk Opaque, die sehr stark an den von Joss Whedon erdachten Kult erinnert. Dieser farbintensive Nebel begleitet ein Duo aus zwei jungen Frauen, die nicht viel anderes ihre Mission nennen als Kreaturen aller Art ebenfalls das Fürchten zu lehren wie Buffy, um aber an ein richtig fieses Mondgesicht heranzukommen, dass seine Gegner gerne mal in eine mitternächtliche Dimension sperrt, aus der es kein Entkommen gibt, es sei denn, jemand von außerhalb wappnet sich zur Extraktion. Wie gebannt hängt hier nun Maddy (Brigette Lundy-Paine, u. a. Schloss aus Glas) im Rhythmus des Fernsehprogramms vor der Glotze, und es dauert nicht lang, da gesellt sich der deutlich jüngere Owen (Justice Smith, u. a. Jurassic World, Dungeons & Dragons) hinzu. Beide sind nicht gerade mit einfühlsamen Familien gesegnet, beide sind sich mehr oder weniger selbst überlassen in ihrer Reifung zum Erwachsenen. Die Serie wird zum Zufluchtsort, zur Sucht, zum eigentlich viel besseren Leben. Je mehr die beiden Außenseiter aber diese pinken Nebel inhalieren, je mehr scheinen trostlose Realität und anregende Fiktion zu verschwimmen. Langsam stellen sich Maddy und Owen die Frage, ob nicht ihre Welt die eigentliche Fiktion ist, und The Pink Opaque das echte Leben. Vielleicht, weil sie nicht so kompliziert scheint und klarer erkennbar, worauf es ankommt.

Mystery oder gar Fantasy mit später Coming of Age-Geschichte zu verknüpfen – das ist bekanntlich alles andere als neu. Kein Genre eignet sich besser als das Phantastische, um mit dem komplexen Thema des Erwachsenwerdens einen Deal einzugehen. Die nichtbinäre Person Jane Schoenbrun (We’re All Going to the World’s Fair) sieht in diesem Dilemma, als junger Mensch nirgendwo hinzugehören, eine kaum zu bewältigende Mission, der man am besten mit traumverlorener Lethargie begegnet. Vielleicht genügt es ja, das auf Wohnstraßen applizierte Schwarzlicht-Graffiti zu bewundern, während man auf dem Weg zum nächsten Fernseher noch dazu von sphärischem Licht in allen Pink- und Violetttönen begleitet wird, das sowieso schon den Eindruck erweckt, niemals in der harten, urbanen, rücksichtslosen Realität namens Leben verankert zu sein. I Saw the TV Glow schlurft und schleicht durch eine dem Chemiehaushalt von Teenagern unterworfenen, leicht bis schwer depressive Twilight-Zone, ohne dabei Enthusiasmus und Leidenschaft für irgendetwas zu empfinden. Das mögen die diffus in Szene gesetzten Erwachsenen ihren Kindern Maddy und Owen längst ausgetrieben haben. Der Enthusiasmus springt aber auch nicht auf mich, dem Zuseher über. Das mag vielleicht auch an den traurigen Mix an Musiknummern aus der Independent-Nische liegen, die einzeln gehört als melodisch-melancholische Novemberstimmung wohldosiert funktionieren, in Spielfilmlänge aber die einschläfernde Wirkung eines erratischen Wachtraums, den man schwer beeinflussen kann, da man wie paralysiert im Bett liegt, nur noch verstärken.

Schoenbrun arbeitet mit Symbolen und immer wieder mit den Farben, das unter Schwarzlicht leuchtende Graffiti verschmilzt mit dem ungesunden Licht ausgedienter Röhrenbildschirme. Wie die dargestellte Sucht zweier Suchender, die ihre Welt und Existenz hinterfragen, bleibt I Saw the TV Glow lediglich bei seiner dekorativen Symptombetrachtung, die den Jugendlichen wenig Persönlichkeit lässt. Zu gleichförmig wirken beide, und nicht mal die Zeitspanne von vielen Jahren, die der Film umspannt, lässt bei diesen eine Entwicklung zu. Gefangen im Pink Opaque chillt der unnahbare Selbstfindungstrip in einem immermüden Tal der Ratlosigkeit, die rosarote Brille beschönigt zwar die Optik – das, worauf es ankommt, allerdings nicht.

I Saw the TV Glow (2024)

Bergman Island

IM GEISTE ALTER SCHWEDEN

7/10


bergmanisland© Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: FRANKREICH, SCHWEDEN, BELGIEN, DEUTSCHLAND 2021

BUCH / REGIE: MIA HANSEN-LØVE

CAST: VICKY KRIEPS, TIM ROTH, MIA WASIKOWSKA, ANDERS DANIELSEN LIE U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


In guter Stimmung? Dem kann abgeholfen werden, und zwar am besten mit einem der Filme von Ingmar Bergman, dem Meister des depressiven Kinos in Richtung Psychose. Doch es gibt auch Sanfteres aus seinem Œuvre, wie zum Beispiel das grandiose Epos Fanny & Alexander. Ein Kult schlechthin: Das siebente SiegelMax von Sydow spielt Schach mit dem Tod. Diese Szene kennt fast ein jeder. Hartgesottenen wäre Das Schweigen oder Die Stunde des Wolfs nahezulegen. Für Melancholiker mit Liebe zum Surrealen das für mich beste Werk seines Schaffens: Wilde Erdbeeren. Einige davon haben die Breitenseer Lichtspiele, eines der ältesten Kinos der Welt, vor ewigen Zeiten mal in einer Retrospektive gebracht. Filmgeschichte für Feinschmecker. Wenn man nach sowas nicht schon genug oder aber an Ingmar Bergman einen Narren gefressen hat, so bucht man gleich den nächsten Urlaub auf der schwedischen Insel Fårö, auf welcher der Altmeister und Vater von neun Kindern aus sechs Beziehungen bis zu seinem Tod gelebt hat. Und damit nicht genug: das pittoreske Eiland bietet auch allerhand Filmschauplätze, die tatsächlich im Rahmen einer sogenannten Bergman-Safari zu besichtigen sind.

Falls aber gerade das nötige Kleingeld und auch die Zeit fehlt, tun es auch die knapp zwei Stunden Film von Mia Hansen-Løve: Bergman Island. Dabei scheint es fast unmöglich, im Zuge eines tatsächlichen Ausflugs auf die Insel mehr zu erfahren als während dieser knietiefen Verbeugung vor einem Idol des europäischen Autorenkinos. Es ist, als wäre man dort gewesen. Und man weiß auch: das Haus aus dem Film Wie in einem Spiegel hat es zum Beispiel nie gegeben. Insiderwissen für Filmnerds. Allen anderen, die Ingmar Bergman nicht kennen oder noch nie einen Film von ihm gesehen haben, werden sich während dieser zwei Stunden aufgrund irrelevanter Informationen regelrecht langweilen.

Ich gehöre nicht dazu, ich kenne Ingmar Bergmans Schaffen zu einem beträchtlichen Teil. Auch Tim Roth und Vicky Krieps sind im Bilde, reisen sie doch zur Erweiterung ihres kreativen Schaffens als Filmemacher an dieses Fleckchen europäische Erde, um in einem herrlichen Ferienanwesen einschließlich des Ehebettes aus dem Film Szenen einer Ehe nächste Projekte zu erarbeiten. Tim Roth alias Tony, ein renommierter Regisseur, fällt das Arbeiten leicht, da sprudeln die Ideen. Vicky Krieps alias Chris tut sich im Schatten ihres Künstlerpartners sichtlich schwerer und muss erst mal die Gegend in sich aufnehmen, um auf andere Gedanken zu kommen. Was dabei entsteht, ist der Stoff für einen Film mit autobiographischen Zügen.

Bergman Island ist ein spezieller Film für ein spezialisiertes Publikum, für Filmhistoriker und Autorenfilmfans, die vielleicht selbst gerne schreiben, über Inspiration selbst einiges zum Besten geben können und Schreibblockaden als etwas wirklich Schmerzliches empfinden. Vicky Krieps, seit Der seidene Faden mit internationalen Stars auf Augenhöhe, erforscht mit respektvoller Neugier Bergmans Geist, der über allem schwebt – ihr fiktives Alter Ego Mia Wasikowska ist dann bereit für die Wehmut einer unerfüllten, grenzenlos scheinenden Liebe aus schmerzlichen Erinnerungen und neuem Auflodern. Mit dem Einbruch einer zweiten narrativen Ebene, die am Ende geschickt mit der Realität kokettiert, erhält die vom schwedischen Fremdenverkehrsamt sicherlich mit einem ganzen Jahresbudget gesponserte Künstlerelegie dann auch die notwendige Tiefe und Emotion, um als das Mystery-Psychogramm einer Autorenfilmerin meine Empfehlung zu erlangen.

Bergman Island