Vom Gießen des Zitronenbaums

FÜHL´ DICH WIE ZUHAUSE

7,5/10

 

VomGiessenDesZitronenbaums© 2019 Neue Visionen

 

ORIGINALTITEl: IT MUST BE HEAVEN

LAND: KATAR, DEUTSCHLAND, KANADA, TÜRKEI, PALÄSTINA 2019

REGIE: ELIA SULEIMAN

CAST: ELIA SULEIMAN, ALI SULIMAN, TARIK KOPTY, KAREEM GHNEIM, GAEL GARCIA BERNAL U. A.

 

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, heißt es im Volksmund. Wenn aber keiner singt, bleibt die Frage, wo es am besten zu verbleiben wäre, eine, der man nachgehen sollte. Diese Frage wird umso dringlicher, umso weniger jemand einen Boden unter seinen Füßen hat, den er als sein Heimatland bezeichnen kann. Elia Suleiman, um den es hier geht und der sich auch selber spielt, der hat das nicht. Boden unter den Füßen ja, aber kein Heimatland. Wo er wohnt und lebt, das ist Israel, und um es genau zu nehmen kommt der Filmemacher aus Nazareth. Noch nie was von Elia Suleiman gehört? Ich bis vor Kurzem jedenfalls nicht, und es verwundert auch nicht so sehr, wenn klar wird, das dessen letzter Film schon zehn Jahre zurückliegt. Für sein Werk Göttliche Intervention hat er 2001 sogar den großen Preis der Jury in Cannes gewonnen. Suleiman ist also, was das Kino Arabiens betrifft, längst kein unbeschriebenes Blatt, sondern vielmehr ein Sprachrohr, ein so künstlerisches wie politisches, und alles für sein Volk aus Palästina.

Mit Vom Gießen des Zirtronenbaums, der ja im Original völlig anders heisst, nämlich It must be Heaven, ist sicherlich nicht die Sorte von Kino, die unsereins mitsamt der Masse gewohnt ist. Umso besser, würde ich sagen. Neue Denkweisen, Blickwinkel und Narrative sind hochwillkommen, noch dazu, wenn es in eine Richtung geht, die der legendäre Franzose und Situationskomiker Jacques Tati schon mal an den Tag gelegt hat. Wer seine Filme kennt, der weiß: Tati, der als Monsieur Hulot die Tücken der Moderne oder das seltsame Verhalten der urlaubmachenden Bourgeoise genau beobachtet hat, war niemals ein Mann großer Worte. Das ist Suleiman auch nicht. Denn Suleiman, der schweigt. Und beobachtet. Blickt sich um – und wundert sich. Während Tati aber noch selbst, durch seine fast schon absichtliche Unerfahrenheit diverse Slapstickkatastrophen heraufbeschworen hat, bleibt der wortabgewandte Denker und Flaneur stets auf Distanz zu dem, was passiert. Und es passiert von ganz alleine. Worum es in Vom Gießen des Zitronenbaums überhaupt geht? Das ist schwer zu sagen, so ganz genau weiß man das nicht. Nur, dass der einsame Eigenbrötler irgendwann Witwer wurde, den Nachbarn beim Pflücken der hauseigenen Zitronen ertappt und daraufhin seine Koffer packt, um davonzureisen, Richtung Paris. Und von dort Richtung New York. Was er dort macht? Im Grunde das, was er auch daheim in Nazareth getan hat. Schweigen und beobachten, dabei versuchend, hinter den Absurditäten menschlichen Verhaltens einen Zusammenhang zu erkennen. Die kleinen alltäglichen Miniaturen, die Suleiman beschreibt, passieren ohne sein Zutun, es ist eine absonderliche, etwas hilflose Welt, die er sieht. Eine seltsam spielerische, sich stets widersprechende, gedankenverlorene Welt, die nichts von ihren eigenen existenziellen Zusammenhängen versteht. Es ist humoristisch, das schon. Und manchmal tragikomisch. Und manchmal erstarrt das Schmunzeln.

Wovon genau will Vom Gießen des Zitronenbaums eigentlich berichten? Wohin will Suleiman? In einer Szene gibt der Filmemacher angeblich ein Interview zu seinem Film, den wir uns gerade ansehen, irgendwo in einem kleinen Stadttheater, dessen Publikum animalische Kostüme trägt. Dort stellt ein Moderator fest, das Suleiman eigentlich der perfekte Fremde ist. Einer, der überall fremd ist. Der nirgendwo hingehört, und theoretisch aber überall zuhause sein kann. Will er das? Ist das die bessere Wahl, überall gleichsam fremd zu sein? Es ist ein für diese Erkenntnis leichtfüßiges Statement, das Elia Suleiman hier abgibt, für das fiktive Land Palästina, das sich als eine Art Utopia sogar von einem Kartenleger für die ferne Zukunft weissagen lässt. So irrt die rat- und rastlose Figur mit Hut durch die Grottenbahn einer modernen Gesellschaft, die den Bezug zu wesentlichen Dingen verliert. Suleiman versucht, diesen Bezug allerdings nicht zu verlieren, bleibt ein Skizzierender und Suchender, der seinen Zitronenbaum gießt, damit ein anderer schamlos dessen Früchte pflückt. Das ist politisches Statement, oder nicht? Nicht ganz. Besser ein politisches Understatement, aber das vom Feinsten.

Vom Gießen des Zitronenbaums

Aladdin (2019)

EIN BLAUES WUNDER ERLEBEN

7/10

 

aladdin2019© 2019 Disney Germany GmbH

 

LAND: USA 2019

REGIE: GUY RITCHIE

CAST: MENA MASSOUD, NAOMI SCOTT, WILL SMITH, MARWAN KENZARI, NASIM PEDRAD U. A.

 

Was bin ich froh, dass unser Auge elektromagnetische Strahlung von einer Wellenlänge zwischen 380 und 760 Nanometer wahrnehmen kann. Es ist das reflektierte Licht, das es sieht. Und zwar in von uns unterscheidbaren rund 20 Millionen Nuancen. Ein Wunder, um es salopp auszudrücken. Gut, dass das Kino schon in den frühen 30ern begonnen hat, Farbe zu bekennen. Und sich anfangs dieser üppigen Strahlkraft in reinstem Technicolor bedient hat. Mit Aladdin hat Disney tatsächlich gefühlt alle 20 Millionen Schattierungen aus dem Malkasten gekippt, direkt in die fiktive, an historisch ähnlichen Begebenheiten angelehnte, frei erfundene Welt von Scheherezade hinein. Und das Volk, es strahlt. Ein Pomp ist das, ein Fest verliebter Details, die da auf das altersdurchmischte Publikum einprasselt. Da wünscht man sich, im Kino auf die Pausetaste drücken zu können, um wirklich jeden Winkel im Breitbild entdecken zu können. So aber bleibt der Blick nur an einigen wenigen Szenen hängen, aber die sind schon perfekt genug platziert, um den Eindruck einer Märchenwelt zu erlangen, die das wahre Bagdad eines Harun Al Raschid, unter dessen tatsächlicher Regentschaft die Sammlung der Märchen aus tausendundeiner Nacht erst entstanden sind, in den spärlichen Schatten einzelner Dattelpalmen stellt. Der Palast, er funkelt und schillert, ihm zu Füßen ein turbulenter Alltag zwischen Tuchverkäufern, Fladenbrotbäckern und Tagedieben, wie unser Held Aladdin einer ist. Der gerät wie durch Zufall an die traumhaft schöne Tochter des Sultans, Prinzessin Jasmin, die in Allerweltskleidung (immer noch von großem Stil) einen auf gewöhnlich macht und hungernden Kindern Brote klaut. Aladdin rettet sie natürlich von der Stadtwache und fällt dabei dem Großwesir Dschafar ins Auge, der in ihm den richtigen Kandidaten zur Beschaffung einer ominösen Lampe sieht. Der Rest ist natürlich eine bekannte Geschichte, sofern entweder das originäre Märchen oder der Zeichentrickfilm von Disney aus dem Jahr 1995 geläufig ist. Der war damals eine Sensation: Mit Witz, sympathischen Figuren, von aufgeweckt abenteuerlichem Reiz und mit dem Herz am rechten Fleck. Die Stimme des blauen Dschinni: Robin Williams.

In Guy Ritchies Neuverfilmung dirigiert Will Smith das Wunschkonzert, mit blassblauem Teint (eigentlich ist er Navyblau), gewinnendem Schmunzeln und einnehmendem Talent zum Showmaster. Die Wahl des ehemaligen Prinz von Bel Air war eine gute – Smith ist nach einigen schwächeren Ausflügen ins ernstere Fach wieder dort gelandet, wo er sein Charisma aus der Lampe lassen kann: in einer komödiantischen, aber niemals albernen Rolle voller gutherziger Untertöne und der bescheidenen Sehnsucht nach Freiheit. Das nimmt man dem Flaschengeist, ohne lange zu überlegen, locker ab. So wie Aladdins Schwärmerei für die schöne Unbekannte. Das alles liegt natürlich an einem Ensemble, welches vor lauter Spielfreude gar nicht mehr weiß wohin damit. Einziges Ventil: lasset uns singen! Und auch das gelingt, obwohl ich Musicals nicht sonderlich mag. Warum mich die melodiösen Monologe dennoch überzeugt haben? Nun, weil der lässige Guy Ritchie die Nummernrevue so lückenlos in die Handlung verwebt wie die Knoten bei einem Perserteppich. Mit dem Ergebnis, dass besungene Actionsequenzen a la Indiana Jones neuerdings die Schule machen und ohne die in die Suqs der Altstadt geschmetterten Zwei- und Mehrzeiler das ganze Brimborium nur mehr der halbe Spaß sein könnte. Also lauschen wir den arabischen Rhythmen, verlieben uns in hüftschwingende Exotik und bemerken bald, dass das passive Lümmeln im Kinositz einem zaghaften Schultershake gewichen ist. Das geht ins Ohr, was Aladdin und Co hier zum Besten geben, und nimmt auch nicht überhand, sodass man es leid wäre, in ein reines Musical gegangen zu sein. Ganz Musiktheater ist es nämlich auch nicht, und das ist richtig so. Viel wichtiger scheint die Opulenz des Zauberspiels zu sein, an dem Ferdinand Raimund seine ganze Freude gehabt hätte und sowieso schon üppigst ausgestattete Filme wie Hook plötzlich entsättigter wirken. Farbe ist in Aladdin das neue Schwarz, Prunk das neue Feng Shui und die alte Tradition des Geschichtenerzählens gerade wieder innovativ. Guy Ritchie, der natürlich gerne Legenden konterkariert, weiß, dass Aladdin so was nicht verlangt. Natürlich auch, weil Disney das nicht will. Und Familienfilme wie dieser mit bewährtem Storytelling am besten funktionieren.

Der charmante Witz, der kommt allerdings trotzdem nicht zu kurz, ganz im Gegenteil. Zu lachen, schmunzeln und träumen gibt es viel. Und selbst Ritchies Vorliebe für Slow-Motion inmitten rasanter Parcours finden ihren Platz. Natürlich ist es Kinokitsch, natürlich auch vorhersehbar. Aber wie Kinder, die Märchen immer und immer wieder hören wollen, und sich in der unverrückbaren Ordnung von Gut, Böse, Gerechtigkeit und Liebe immer und immer wieder festigen wollen, sind auch wir Erwachsenen davon nicht ausgenommen. Das ist schon eine eigene realitätsvergessene Magie, die tröstend erscheint und glücklich macht. Eine Art Fluchtkino, das gut tut.

Aladdin (2019)

Robin Hood (2019)

LANGFINGER AM LAUFSTEG

5/10

 

ROBIN HOOD© 2018 Studiocanal

 

LAND: USA 2018

REGIE: OTTO BATHURST

CAST: TARON EGERTON, JAMIE FOXX, BEN MENDELSOHN, EVE HEWSON, JAMIE DORNAN U. A.

 

Das muss doch der neue Guy Ritchie sein, dachte ich so bei mir, als ich letzten Herbst den Trailer zu Robin Hood im Internet entdeckte. Das sieht doch aus wie King Arthur, nur die Mode ist ziemlich anders, aber sei’s drum, nicht ganz Mittelalter, aber Hauptsache fliegende Pfeile. Werde ich mir wohl ansehen. Die ersten Kritiken aus den Medien bescherten der Neuauflage allerdings keinen guten Einstand. Von bunter Zeitverschwendung bis zu grottigem Müll war alles zu lesen, einzig die Zeitschrift cinema war womöglich von dem neuen Konzept über den Helden aus dem Sherwood Forest recht angetan. Gut, da treffen Meinungen aufeinander, so soll es ja auch sein. Und das hat dann, nachdem ich kurzzeitig fast schon abgesprungen wäre, doch noch meine Neugier geweckt. Ist dieses Herumgehampel in schneller MTV-Optik wirklich so sehr zu vergessen – oder hat das Ganze nicht doch was?

Gut, eines vorweg: was der jüngste aller Robin Hood-Darsteller – sieht man mal von der animierten Kinderserie auf kika ab – da geritten hat, waren sicher keine Pferde. Obwohl sie genauso aussehen. Aber Pferde rennen niemals wie ein stoßstangenverstärkter SUV mit Vollgas durch eine geschlossene und eisenbeschlagene, zweiflügelige Pforte. Und tänzeln auch nicht auf den Dächern herum. Abbremsen und Totalverweigerung wäre angesagt, aber dann wären wir um eine fulminante Actionszene gekommen, von denen es sehr viele gibt in diesem leichtgewichtigen Parcourlauf, der vor den Mauern eines eigenwillig kreierten Nottingham von der Leine gelassen wird. Das alte England sieht ein bisschen aus wie das alte China, Balkenbauten wie aus schwarzem Kapla beherbergen ritterliches Wachpersonal in gusseisernen Eishockey-Masken, in den Bergen dahinter lodert das Grubengas in einem ascheverregneten Bergwerk, das an einen Vorort von Mordor gemahnt. Eigenwillig, ja – aber auch irgendwie durchdacht. Dazu kommt die Auswahl der Kostüme für alle möglichen Anlässe, vom gesteppten Gambeson des Robin von Locksley selbst bis zum straffen grauen Mäntelchen des Sheriffs von Nottingham – Ben Mendelsohn in einer Weiterführung seiner Figur des Orson Krennic aus Rogue One mit ganz viel schwarzer, wenn auch reißerisch aufgesetzter Vergangenheit. Mode also, so weit das gehetzte Auge reicht, als wäre Zoolander in der Zeit zurückgereist, als wäre die Triebfeder zur Heimkehr aus den Kreuzzügen die Möglichkeit, sich endlich mal fashionable zu präsentieren. Hätte das Burgtheater die berühmte Legende des Rächers der Armen auf dem Spielplan – gut möglich, dass die mittelalterliche Geschichte in einem exaltiertem Mix aus Modedesign, archaischen Elementen und moderner Umfunktion alltäglicher Utensilien genauso aussehen könnte.

Abgesehen vom Kostüm- und Requisitenmix und den postmodernen Einflüssen wie zB. einer Straßenschlacht ganz im Stile politischer Unruhen aus den letzten Jahrzehnten bleibt Robin Hood von Otto Bathurst so flüchtig wie ein schweres Element aus dem Periodensystem und so überdekoriert wie ein amerikanischer Christbaum. Dahinter: wenig Drama, wenig Gefühl, und auch kein Engagement, wenn es darum geht, dem Ball der altbekannten Geschichte einen anderen Drall zu verleihen, auch wenn zu Beginn der Erzähler aus dem off direkt prophetisch eine ganz andere Sicht der Dinge verspricht. Das stimmt schon, die Sicht der Dinge ist eine andere, moderner und zeitgeistiger. Aber die ist voller Floskeln, mangelnder Aufmerksamkeit und den Reizen billigen Vergnügens. Taron Egerton hat schon etwas Spitzbübisches an sich, wenn er so durch die Luft fliegt und den Häschern ein Schnippchen nach dem anderen schlägt. Irgendwie aber bleibt der Junge blass und tritt charakterlich auf der Stelle. Auch Mendelsohn und Jamie Foxx haben keine Zeit für all den Kram, der eine legendäre Geschichte erst mitreißend macht. Von verlorenen Söhnen bis hin zur Wiederkehr von den Toten – da ist alles so empfunden wie ein Emoticon am Ende einer Whatsapp-Nachricht. Das hat wenig Substanz, ist aber geschmeidig wie ein guter Werbespot, der ein Produkt bewirbt, das es schon lange, sehr lange auf dem Markt gibt. Und sich als Marke des grünen Outlaw eigentlich nicht neu erfinden müsste.

Grottenschlecht ist der Robin Hood für die „Was guckst du?“ -Generation trotzdem nicht. Bunte Zeitverschwendung vielleicht. Aber eine ohne Leerlauf, da permanent am Strudeln. Und so kommt es, dass der schicke Actioner wenig bleibenden Eindruck hinterlässt.

Robin Hood (2019)