Auslöschung

DAS UNIVERSUM IN DER SEIFENBLASE

9/10

 

null© 2018 Paramount Pictures / Netflix

 

LAND: USA 2018

REGIE: ALEX GARLAND

MIT NATALIE PORTMAN, OSCAR ISAAC, JENNIFER JASON LEIGH, GINA RODRIGUEZ, TESSA THOMPSON U. A.

 

Wenn der Zweck des Eroberns die Neugier des Menschen heiligt, fühlt sich Homo Sapiens verstanden und beauftragt. Kaum eine Triebkraft ist stärker als die, unbekannte Territorien entdecken zu wollen. Egal, ob fremde Dimensionen oder weiße Flecken auf der Landkarte, verborgene Zusammenhänge in der Physik oder den Geist in der Materie. Blicken wir zurück, war das Entdecken des Unbekannten fast ausschließlich aus wirtschaftlicher Sicht notwendig. Aus Gründen der Gier und neu gewonnener Macht. Alles andere bleibt der Freiheit des Individuums oblegen, durch die Welt zu reisen und Orte zu erschließen. Notwendig war das allerdings nicht. Genauso wenig wie die Erkundung des Universums. Doch würden wir uns danach richten, wären wir keine Menschen. Denn der Mensch will verstehen. Seine Neugier ist so unendlich wie der Kosmos. Gestillt muss sie werden. Und aufgewogen mit Wissen.

In Jeff VanderMeer´s erstem Band seiner Southern Reach-Trilogie wird erstmals die Neugier des Menschen dafür angewandt, die Welt zu retten. Erst dann kommt das Verstehenwollen. Wäre der Schimmer, der sich rund um einen Leuchtturm um Sumpf- und Waldland gelegt hat, nicht im Begriff, sich auszudehnen – gäbe es dann Menschen, die auch ohne Notwendigkeit hinter den in öligem Farbspektrum einer Seifenblase schimmernden Vorhang zu tauchen? Womöglich, wenn nicht bekannt wäre, dass Expeditionen, die schon vorher das Mysterium erkunden wollten, als verschollen gelten. Bis auf einen. Und der ist sterbenskrank. Kann sein, dass dieses Wunder einer Rückkehr die Neugier noch mehr anficht. Vor allem, weil der Schimmer, wie es scheint, nichts entdecken, sondern zerstören will. Die Ehefrau des Rückkehrers (erschreckend abgemagert: Natalie Portman), selbst Biologin und mit sinnmachendem Vorwissen für das bevorstehende Abenteuer ausgestattet, macht sich mit drei anderen Wissenschaftlerinnen auf den Weg, das Geheimnis zu lüften. Und dieses Geheimnis würde Denker wie Mönch Gregor Mendel bis hin zum Evolutionsbiologen Richard Dawkins schlaflose Nächte bereiten. Wobei schlaflos das geringere Übel wäre – Albträume, die die Mechanismen der Evolutionslehre dopen, wollen garantiert nicht geträumt werden. Weder von Darwin noch von Carl Sagan. Von mir schon gar nicht. Noch unwohler wird mir, wenn diesen Albträumen eine rudimentär machbare Realität zugrunde liegt. Wie die Maus und das Ohr, welches dem Tier aus dem Rücken wächst. Verantwortlich dafür sind die sogenannten Hox-Gene, die den Bauplan eines Tieres oder einer Pflanze in sich tragen, und die genau wissen, wo welcher Teil eines Körpers wie zu wachsen hat. Hox-Gene sind das Grundkonzept einer Lebensform. In diesen Genen harren Unmengen an Informationen ihrer endgültigen konstruktiven Bestimmung. Einige dieser „Befehle“, wie ich sie mal nenne, sind ausgeschalten. Andere nicht. Bringt man dieses Aus und Ein durcheinander, entstehen Monster. Missgeburten. Und bestenfalls neue, effiziente, perfekt angepasste Lebensformen. Neue Arten. Aus der Mikro- wird die Makroevolution. Über Äonen hinweg. Gene, so der Biologe Dawkins, können egoistisch sein. Sie sind die wahren Organismen, die wie Puppenspieler das Leben erschaffen und es leiten. Die Gen-Kolonie Mensch dirigieren, auf die Welt kommen und sterben lassen. Durch die Vererbungslehre kann ein Gen in seiner Information niemals verschwinden. Schon gar nicht, wenn es geklont wird. Oder selbst in einer Art mikroskopischen kambrischen Radiation auf explodierende Weise improvisiert.

Damit komme ich wieder zurück zu Auslöschung, zu diesem Faszinosum von Film über ein Universum in der Seifenblase, dessen Bedeutung ich mal nur ein ganz klein wenig versucht habe, zu erklären. Denn leicht macht es Alex Garlands überraschende Odyssee ins Unbekannte niemanden. Das hatte der Drehbuchautor und Regisseur von Ex Machina auch gar nicht vor. Die Geschichte, die er erzählt, lebt in der Tradition osteuropäischer Phantasten wie Stanislaw Lem, der mit Solaris gleich einen ganzen telepathischen Planeten als kollektiven Organismus beschreibt und den Gebrüdern Strugatzki, die mit Picknick am Wegesrand, verfilmt unter dem Titel Stalker, Menschen in eine verbotene Zone schicken, in der Naturgesetze aufgehoben und die innersten Wünsche wahr werden. So ähnlich wie Stalker lässt sich Auslöschung tatsächlich auch betrachten. Beide Menschengruppen betreten eine Zone des Fremden, in der gewohnte Paradigmen außer Kraft geraten oder neu justiert werden. Andrej Tarkowskij hat mit Stalker ein metaphysisches Meisterwerk der intellektuellen, philosophischen Science-Fiction erschaffen. Mit Auslöschung wäre der russicche Filmemacher sehr zufrieden gewesen, vielleicht sogar ein bisschen neidisch. Weil Alex Garland mit seinem außergewöhnlichen, bedächtig erzählten Entwurf, in dessen Ruhe die eigentliche Kraft liegt, etwas nicht weniger Beeindruckendes zustande gebracht hat.

Schon klar, warum Paramount Auslöschung nicht wirklich auf die breite Masse loslassen wollte. Denn Auslöschung ist nach Interstellar von Christopher Nolan und Arrival von Denis Villeneuve eine weitere Perle extraordinären Kopfkinos, die mögliche Utopien, Gedankengänge und Hypothesen in entfesseltem Schaffensdrang illustriert und anspruchsvolle Fabulierkunst für neugierige Zielgruppen zaubert. Auslöschung verstört gleichermaßen wie es betört. Und wirkt so beklemmend wie in seiner Ästhetik verwundernd. Einzutauchen in diesen scheinbar surrealen, aber in Wahrheit unglaublich plausiblen, psychedelischen Wahrnehmungstrip führt zu einem Erlebnis, das man gerne im Kino gesehen hätte – der aber auch am TV-Gerät seine Wirkung nicht verfehlt. Auslöschung mag durchaus Elemente des Horrorkinos aufweisen, Elemente des Survivalthrillers, Elemente eines stillen Psychodramas. Unterlegt mit einem außerordnetlich sphärischen, wuchtigen Sound komponiert Garland aus allen Teilen eine so grausam schöne Kinoerfahrung, die lange nachhallt, zum Denken anregt, neugierig auf die Welt und ihr Funktionieren macht und das Bewusstsein schafft, dass das Medium Film doch noch reine, fordernde Magie sein kann, ohne auf Marktforschung aufbauen zu müssen. Wie hat Stephen Hawking schon gesagt: Erinnern Sie sich daran, nach oben zu den Sternen zu blicken – und nicht nach unten auf Ihre Füße. Versuchen Sie, einen Sinn zu erkennen in dem, was Sie sind, und fragen Sie sich, was das Universum existieren lässt. Seien Sie neugierig!

Genau diesen Imperativ hat sich das Medium Kino mit Garland´s neuem Film zu Herzen genommen.

Auslöschung

True Story

DER TEUFEL UND SEIN SCHREIBER

6/10

 

truestory© 2015 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2015

REGIE: RUPERT GOOLD

MIT JAMES FRANCO, JONAH HILL, FELICITY JONES U. A.

 

Kriminalpsychologen haben sich an diesem Fall sicher die Zähne ausgebissen – und das nicht, weil der Mörder nicht zu überführen gewesen wäre. Vielmehr sind es die Beweggründe, die eine so unvorstellbar schlimme Tat zur Folge gehabt hat. Das Motiv ist meist immer am schwierigsten nachzuvollziehen. Als unergründliches Beispiel für die Psyche eines Menschen, der sein eigen Fleisch und Blut am Gewissen hat – oder zumindest am Gewissen haben könnte – führt das Kriminaldrama True Story den authentischen Fall eines Familienvaters an, der seine Frau und seine drei kleinen Kinder ermordet, in Koffer verpackt und versenkt haben soll. Was ist das wohl für ein Mensch? Und ist es überhaupt ein Mensch? Vielleicht ist der Täter Opfer einer Psychose, denn nach vorsätzlichem Mord sieht das Ganze auch nicht aus. Kurzschlussreaktion? Dazu bin ich selbst zu wenig Profiler, um diese Fragen zu beantworten. Die kann nicht mal der Journalist Mike Finkel beantworten, einst renommierter Journalist der New York Times, der sich aber mit einer bewusst falsch recherchierten Geschichte über Entwicklungshilfe in Afrika selbst den Podest hinter dem Allerwertesten weggezogen hat. Wieder am Boden der Tatsachen, fällt ihm die Sache mit dem vermeintlichen Mörder Christian Longo in den Schoß. So gesehen nicht verlockender als andere Kriminalfälle – nur Longo hat bei der Verhaftung die Identität eben jenes Journalisten angenommen. Natürlich muss Finkel da zuschlagen, schon allein, weil sonst keiner den in Verruf geratenen Schreiberling engagiert.

Kurze Zeit später sitzen sich beide gegenüber – der Mörder und sein Sprachrohr nach draußen. Der Teufel und sein Memoirenschreiber. Der manipulativen Redner und sein Laufbursche. Szenarien, die wir schon aus anderen gewichtigen Spannungsfilmen kennen. Mir fällt Der Totmacher mit Götz George ein. Eine Spielfilmlänge lang steht der bis zur Unkenntlichkeit getarnte Tatort-Star als Massenmörder Fritz Haarmann in einem Zimmer Rede und Antwort. Bedrückend, niederschmetternd, faszinierend. Jodie Foster blickt Anthony Hopkins durch die Glasscheibe bis ins Innerste seiner schwarzen Seele. Und Edward Norton führt Richard Gere auf geniale Weise hinters Zwielicht. James Franco, Mutlitalent und Alleskönner, kann auch in die Fußstapfen genannter Schauspielgrößen treten, wenn es heißt, einen des Mordes beschuldigten Horrorvater zu spielen. Seine Miene ist Tarnung pur, sein müder Blick versteckt hellwache Taktik. Oder doch nicht? Jonah Hill, der im Grunde auch alles spielen kann, was man ihm vorsetzt, scheint von dem verschlossenen Geheimnistuer ziemlich fasziniert. Ganz so wie der Interviewer von Fritz Haarmann. Oder Agent Starling von Hannibal Lecter. Abstoßend sind sie ja, die bösen Buben – aber andererseits ist das unergründlich Böse sowas wie eine Freiheit der Bestie, die sich keiner wirklich leisten kann. Der Journalist Finkel will die ganze Wahrheit wissen – und beginnt, dafür die eigene Seele preiszugeben.

Es ist so wie mit dem Abgrund, in den man hineinblickt. Es kommt immer darauf an, mit welcher Intensität oder welcher bizarren Leidenschaft man das macht. Theaterregisseur Rupert Goold begibt sich mit der Verfilmung des gleichnamigen Berichts von Journalist Finkel nicht weit weg von seinem eigentlichen Metier. True Story ist ein Kammerspiel, enorm nüchtern, reduziert und in graue Düsternis getaucht – einzig durch den orangen Overall des Sträflings zeitweise von aufweckender Farbgebung. Jonah Hill blickt streng, freudlos und begierig, alles zu hören, und sei es auch noch so verstörend. Franco dirigiert, manipuliert und heischt Mitleid. Dazwischen, oder eher aus der Distanz: Felicity Jones, die die Mechanismen des Psychoduells der beiden Egomanen als einzige erkennt. Für den Zuseher wird bald klar, was Sache ist. Und auch, was wirklich dahintersteckt. Dass sich diese Geschichte tatsächlich so ereignet hat, ist fast kaum zu glauben – viel zu bühnentauglich hört sich die ganze Begebenheit an.

Das gegenseitige Ergötzen am Gegenüber ist fast schon ekelhaft, doch wert, verfilmt worden zu sein. Spaß macht der Film allerdings keinen. Hobbykriminalisten und Fans von True Crime-Stories dürften den grauenvollen Einzelheiten der Ermordung sachlich gegenüberstehen – Zartbesaitete könnte die tragische Geschichte, die glücklicherweise meist nur erzählt wird, ziemlich beschäftigen – vor allem weil sich das Warum und Wieso im diffusen Zwielicht der Haftanstalt verstörend bedeckt hält. Und der Teufel über alles erhaben zu sein scheint. Übrigens: Briefkontakt haben die beiden immer noch (Stand 2015).

True Story