Malcolm & Marie

DIE KRÄNKUNG EINER NACHT

5,5/10


malcolm_marie© 2021 Netflix


LAND / JAHR: USA 2020

DREHBUCH UND REGIE: SAM LEVINSON

CAST: ZENDAYA, JOHN DAVID WASHINGTON

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Wie heisst das Zauberwort? Das lernt man schon im Kleinkindalter. Und eigentlich sind es zwei dieser Sorte. Bitte und Danke. Ein Basislehrgang in Sachen Respekt und Wertschätzung. Wie ist das in einer Beziehung? Muss man da auch andauernd Danke sagen? Ja, muss man. Denn nichts in einer Beziehung ist, nur weil es eine Beziehung ist, selbstverständlich. Das ist etwas, das muss Filmemacher Malcolm noch lernen. Der hat nämlich völlig vergessen, bei der Premiere seines Regiedebüts vor allem seiner besseren Hälfte jenen verbalen Tribut zu zollen, den sie verdient hätte. Meint Marie. Und schon ist die Lunte für eine hitzige Nacht aus Küssen und verbalen Schlägen gezündet. Eine knapp über hundert Minuten lange Wippschaukel an Stimmungen. Da ließe sich ja ein zweites Wer hat Angst vor Virginia Woolf? dahinter vermuten, Edward Albees Beziehungsdrama, ebenfalls an einem Abend, und vor allem einer, an dem sich beide nichts schenken.

Geschenkt haben sich Schauspielerin Zendaya (eben noch in Spiderman: Far from Home als Parkers nonkonforme Klassenkollegin – und schon im bauchfreien Abendkleid) und Tenet-Star John David Washington anlässlich dieses heimlichen Corona-Drehs erstmal ihren negativen Antigentest. Damit sie überhaupt so sehr auf Tuchfühlung gehen können, wie sie es in diesem Zwei-Personen-Drama tun. Location ist ein großzügig verglaster Bungalow irgendwo in Kalifornien, die elegante Bildsprache macht auf sophisticated Schwarzweiß und setzt obendrein noch auf eine angenehm grobkörnige Struktur der Bilder. Das ist schon mal erlesen, da kann man gut und gerne darin versinken. Dazu ein paar jazzige Musiknummern und, am Türrahmen lehnend, den Glimmstängel zwischen den Fingern. Lauren Bacall, Richard Burton, Humphrey Bogart oder wie sie alle heißen, hätten sich in diesen Rollen wohl wiedergefunden. Klar, das sind alles Stars mit unübersehbaren Egos. Malcolm und Marie haben diese auch – stolze Egos, die deren Kränkung zum Anlass nehmen, den Mittelpunkt auf sich zu lenken.

Womit sich die emotionale Teilnahme des Zusehers an diesem schicken Geplänkel mit dispkrepanten Stimmungsschwankungen in Grenzen hält. Sam Levinson hat gar nicht vor, wie ein Edward Albee wirklich ans Eingemachte zu gehen. Klar, die Vergangenheit holt sich ihre Erwähnungen, um diesen Hickhack besser zu verstehen. Die Bekümmernisse der Beiden, ihren Trotz und ihre ständige Eigenrotation, die bleiben in diesem Schloss aus Glas, finden keinen Bezugspunkt nach draußen und haben auf Dauer auch nichts wirklich Relevantes mehr zu berichten.

Annerkennung, Achtsamkeit – Zendaya unter artiger, allerdings aber professioneller Ausführung akkurater Regieanweisungen fordert dieses Verhalten ein, gibt aber nicht viel Einblick in ihre Psyche. John David Washington ebenso wenig, er ergeht sich in gut ausformulierte, aber völlig belanglose Monologe über Kritiker und Filmbiz, die den kargen Plot auf Spielfilmlänge strecken. Malcolm & Marie zelebriert eine eigene Welt, eine eigene gesellschaftliche Biosphäre, so fern von einem greifbar hemdsärmeligen Leben. Das ist das, was Sam Levinson schafft: Eine prätentiöse Blase, darin eine kunstvolle Fotoshow mit zwei hippen Stars, die noch einige Karrierestufen vor sich haben. Das ist Beziehungskiste mit Glamour.

Malcolm & Marie

Die Turteltauben

KRIMINACHT FÜR PAARE

5/10

 

turteltauben© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: MICHAEL SHOWALTER

CAST: KUMAIL NAJIANI, ISSA RAE, MOSES STORM, PAUL SPARKS, KYLE BORNHEIMER, ANNA CAMP U. A. 

 

Wer wissen will, wie und auf welchen Umwegen sich Standup-Komiker Kumail Nanjiani seine zukünftige Ehefrau Emily geangelt hat, dem sei die tragikomische, durchaus bezaubernde Liebesgeschichte The Big Sick ans Herz gelegt. Wirklich ein außergewöhnlicher Film, und ganz sicher deshalb, weil das oscarnominierte Drehbuch auf wahren Begebenheiten beruht. Nanjiani wurde mir damals erstmals zum Begriff – mit Zoe Kazan als Emily bezirzt und streitet sich ein wunderbares, gleichsam schwieriges Duo durch die Hürden des Lebens. Michael Showalter, ebenfalls Komiker, hat den Film inszeniert. Und jetzt, vormals fürs Kino und dann für Netflix, den Spaßvogel mit pakistanischen Wurzeln für eine weitere Komödie ins Boot geholt – einer quirligen Krimikomödie um zwei Turteltauben – also eigentlich um eine in die Jahre gekommene Partnerschaft, die sich nach dem obligaten Strohfeuer Jahre später langsam auseinanderlebt. Beide haben ihre Projekte, und nur ab und an fährt man zu den gemeinsamen Freunden auf ein Glas Wein.

Auf so einer Fahrt zum Dinner passiert das Unerwartete – ein Fahrradfahrer geigt ihnen vor den Kühler. Zum Glück nichts allzu Schlimmes passiert, der Typ radelt weiter, doch mit diesem Intermezzo war´s das aber noch längst nicht – ein Bulle in Zivil schmeisst sich ins Vehikel und will die Verfolgung aufnehmen – um den Mann vor den Augen der beiden Zeugen nun endgültig zu überfahren. Schockschwerenot – das kann doch kein Bulle sein! Und ehe sich die beiden versehen, sitzen sie bis über beide Ohren in einem Mordfall drin, der es, wie es das Schicksal nun mal so will, kurzerhand in die Medien schafft. Vor niemandem sind die beiden Hauptverdächtigen nun sicher. Einziger Weg: den Fall selber lösen.

Schwierig, schwierig, kann ich nur sagen, wenn es darum geht, im Subgenre der Krimikomödie noch originellen Stoff aufzutreiben. Issa Rae und Kumail Nanjiani sind ja wirklich ganz nett, und man schmunzelt bei ihrem „Was sich liebt das neckt sich“- Geplänkel, aber man schmunzelt auch nicht mehr als bei einer der x-beliebigen Beziehungs-Sitcoms aus dem 20minütigen Appetithappen-Fernsehen im Vorabend. Beide, Rae und Nanjiani, sind völlig von den Socken, müssen sich sammeln, tapsen in Fettnäpfchen oder leisten sich Peinlichkeiten. Amor und sonstige Schutzengel lassen sie aber gottlob auch nicht im Stich. Die Turteltauben orientiert sich an reifen Klassikern wie Kopfüber in die Nacht oder Schlaflos in New York. Erst kürzlich gab’s einen ähnlichen Spaßfilm, der die Nacht zum Tag machte und wo es um einen Spieleabend ging, der aus dem Ruder läuft. Ach ja, Game Night. Da war zumindest das Verwechslungspotenzial zwischen Spiel und Realität ganz reizvoll. Abgesehen davon aber ist es hier wie dort dieselbe Masche. Ich weiß schon jetzt nicht mehr, wovon der Mordfall überhaupt gehandelt hat, mir bleibt nur noch das schrille Einhorn- und Goldketten-Outfit der beiden Käuze zwecks Tarnung in Erinnerung, sonst allerdings sind wir von The Big Sick weit entfernt, weil´s hier auch nicht wirklich um irgendwelche besonderen Werte geht, außer um die einer Partnerschaft mit Durststrecken, die nicht unbedingt als versemmelt gelten muss. Schon gar nicht, wenn die unfreiwillig paartherapeutische nächtliche Katastrophe das Zusammenleben relativieren kann. Es zahlt sich aus, darauf zu warten. Und dabei kann man, nebenbei vielleicht, zur bequemen Berieselung diesen Film ansehen.

Die Turteltauben