Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit

ICH SEHE, WAS DU NICHT SIEHST

8/10

 

vangogh© 2019 DCM

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH 2019

REGIE: JULIAN SCHNABEL

CAST: WILLEM DAFOE, OSCAR ISAAC, EMANUELLE SEIGNER, MADS MIKKELSEN, RUPERT FRIEND, MATTHIEU AMALRIC U. A.

 

Der Maler Julian Schnabel, der sieht die Welt, wie wir wissen, ohnehin mit eigenen Augen. Wer seine Buchverfilmung Schmetterling & Taucherglocke gesehen hat, wird wissen, was ich meine. Die andere Sicht auf Dinge, die uns umgeben, die sind für den 68jährigen Filmemacher und Vertreter des Neoexpressionismus ein kryptisches Phänomen, das er versucht, zu lüften. Warum die Welt, in der wir leben, so unzählige unterschiedliche Realitäten besitzt und wie diese individuelle Realität am besten festgehalten werden kann – das sind experimentelle Versuche, in die sich Schnabel Hals über Kopf zu stürzen scheint. In seinem Film über den am Locked-In-Syndrom leidenden Jean-Dominique Bauby verweilt die Kamera stets oder immer wieder in der Perspektive des Erkrankten. Die Sicht auf die Existenz, auf das ihn Umgebende, die überrascht uns. Und sie überrascht uns auch in Schnabels aktuellem Film, in einer Biografie, die bei Weitem nicht neu ist: das Leben des Künstlers Vincent van Gogh, mitsamt Strohhut und Staffelei.

Zu diesem posthumen Superstar der Avantgarde mit all seinen Darstellungen diverser französischer Landschaften und natürlich mit Vasen voller Sonnenblumen gibt es bereits allerlei filmische Statements. Kirk Douglas hat den Mann verkörpert, Tim Roth – sogar Martin Scorsese. Und erst 2017 gab es diesen Animationsfilm Loving Vincent, der die Hintergründe seines gewaltsamen Todes (von welchem ich eigentlich gar nichts wusste) in Form bewegter Pinselstriche aufzuarbeiten versucht. Bis dato habe ich diesen Film noch auf meiner Liste, vielleicht, weil mich der dekorative Fokus auf den Bildstil des Künstlers in anstrengender Spielfilmlänge bislang doch etwas abgeschreckt hat. Womöglich werde ich das aber jetzt nachholen, einfach, um das etwas verschlafene  Interesse an der Kunstgeschichte wieder wachzurütteln, und um danach wieder mal ins Museum zu gehen, weil Lust auf Kunst, die entfacht Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit zumindest bei mir auf eine Weise, die über das gestaltete Werk an der Wand hinausgeht.

Die vorliegende Annäherung an Van Gogh erwähnt zwar sehr wohl all die einschneidenden Wendepunkte innerhalb der letzten Jahre des Malers, und ist handlungstechnisch klar als das Fragment einer Biografie zu betrachten. Allerdings – Schnabel will eigentlich etwas ganz anderes. Er hat sich den rothaarigen Visionär erwählt, um an einem ganz anderen Ende anzusetzen, um ein Philosophikum aus den Angeln zu heben, das all jenen Ichs gewidmet ist, die ihrer Zeit weit voraus waren. Schnabel wagt einen berauschenden Exkurs über das Wesen des Schöpferischen und geht anhand eines imaginären Interviews mit Vincent van Gogh der Frage nach, was dem obsessiven Akt des Erschaffens eines Werks eigentlich vorausgeht. Ist es eine labile Psyche, sind es Traumata? Ist es die Angst vor etwas? Vielleicht Kummer oder Leid? Van Gogh sagt in einer Szene selbst, das jedwede menschliche Qual das Beste sei, um Kunst zu schaffen. Dass Genesung etwas ist, dass dem Prozess des Kreativen eigentlich nur in die Quere kommen kann. Der ewig Leidende, larmoyante Fremdkörper innerhalb einer den impressionistischen Gefälligkeiten eines Renoir, Monet oder Degas gesinnten Gesellschaft steht Rede und Antwort, manchmal sich selbst, manchmal Künstlerkollegen wie Paul Gauguin, Doktoren und Geistlichen – über Tod, dem Göttlichen und der Wahrnehmung. Willem Dafoe verleiht dem Gehetzten und aus der Zeit Gefallenen eine entrückte wie bedrückende Intensität. Sein Blick verliert sich in der Weite der Landschaft, für Van Gogh die Schwelle zur Ewigkeit. Dafoe gibt sich trotzig, mutig, verschüchtert – und bleibt vor allem einsam und allein mit sich und seiner Fähigkeit, mehr zu sehen als andere. Eine schauspielerische Wucht ist das, diese fahrige Suche nach Nähe, der Julian Schnabel entgegenkommt – und wie selten in einer Künstlerbiografie das Publikum die alles ertragen müssenden Seufzer eines Außenseiters spüren lässt, dessen intime Zwiesprache gestört wird, die aber, so seltsam es klingt, gestört werden will.

Kameramann Benoît Delhomme folgt wie schon zuvor Janusz Kaminski den visuellen Ideen Schnabels auf Schritt und Tritt – das Auge trottet in stetiger Unruhe zwischen traumwandlerischer Ekstase und begreifen wollendem Wachzustand einem Drang hinterher, eins zu werden mit dem Natürlichen, um dann das Erlebte auf Leinwand und Papier zu bannen. Irrlichternd hetzt der Film über Äcker, Felder und durch verwachsene Wälder Richtung Sonne, findet maximal Ruhe in alten Gemäuern, die von früher erzählen oder Blackouts, und in denen sich ein Diskurs über das Wesen kreativer Kräfte in gehaltvollen Gleichnissen Bahn bricht. Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit ist eine cineastische Erfahrung, bereichernd, nachvollziehbar und glücklich verloren in den abstrakten Gedanken eines Genies.

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit

Nach einer wahren Geschichte

LASS DICH VON DER MUSE KÜSSEN

6/10

 

NACH EINER WAHREN GESCHICHTE© 2018 Studiocanal

 

LAND: FRANKREICH 2017

REGIE: ROMAN POLANSKI

CAST: EMMANUELLE SEIGNER, EVA GREEN, VINCENT PEREZ U. A.

 

Wie flötete die deutsche Band Relax in den Achtzigern nicht so schön: „A weißes Blattl Papier, das liegt scho Stunden vor mir…“ Treffender könnte ich es auch nicht formulieren, wenn es darum geht, den kreativen Stillstand von Delphine de Vigan in knappe Worte zu fassen. Die Bestseller-Autorin, die tut sich für ihr neues Werk sichtlich schwer. Denn es soll nicht irgendein Buch werden, es soll sogar noch besser werden als der heißgeliebte Vorgänger, für welchen Delphine stundenlang Autogramme und Interviews geben muss. Autoren sind da ordentlich unter Druck, Erwartungen zu erfüllen und Gewesenes zu toppen. Da kann man von Glück reden, wenn da plötzlich jemand ist, der Tür und Tor öffnet für neue Ideen. Doch dieser jemand ist sonderbar genug, um ihn vielleicht sogar als Hirngespinst abzutun, als eine aus dem Nichts erschienene Muse, die nur sichtbar ist für die Künstlerin selbst – oder doch nicht? Ist Elle, wie sich die Fremde und bald unangenehm Vertraute nennt, nicht doch so real wie alle anderen? Doch warum ist sie allgegenwärtig, während all die anderen sozialen Kontakte sich bald rar machen? Und warum hat Elle vis a vis von Delphines Wohnung Unterkunft bezogen? Zufall? Oder ist es der kranke Geist eines manischen Fans, der die Wortgewandte stalkt und endlich zum Schreiben des einzig wahren, großen Romans nötigt?

Die Kritiker waren diesmal wenig angetan von Roman Polanskis jüngstem Film. Amerikas Persona non Grata, mittlerweile auch schon weit über 80 Jahre alt, besinnt sich allerdings – und das ist für manche, die seine frühen Werke nicht kennen, vielleicht nicht sofort zu erkennen – auf die Wirkung seiner psychologischen Suspense, wie er ihn bereits in Der Mieter oder Ekel famos zur unverwechselbaren Handschrift ausformuliert hat. Natürlich ist Der Mieter, mit Polanski selbst in der Hauptrolle, um ganze Zinshäuser erschreckender und beklemmender. Auch Ekel ist um Längen dichter und intensiver als Nach einer wahren Geschichte. Warum aber die unheilvolle Schreibblockade einer Schriftstellerin, die tatsächlich existiert und tatsächlich diesen Roman über sich selbst geschrieben hat, dennoch seinen ganz eigentümlichen Reiz hat, das liegt in der Absenz einer definierten Wahrheit. Ob alles nur Einbildung ist oder die einnehmende Seelenverwandte real ist, bleibt Vermutung. Fakt ist zumindest, dass Delphine dank ihrer Home-Invasorin, die noch dazu wie selbstverständlich Kost und Logis fordert, wirklich wieder das Schwarze aufs Papier bringt. Und das ist nicht unbedingt die große, innere, einzig wahre Autobiographie von Delphine selbst, sondern etwas ganz anderes. Etwas, das gefährlich werden kann. Und es dauert nicht lange, da stellt sich sowas wie Abhängigkeit ein, ein Gefüge aus Meister und Diener.

Was so klingt wie Stephen King´s Misery, ist ansatzweise tatsächlich so. Nur leiser, versteckter, fast unauffällig ereignislos. Knochen splittern hier keine, dafür aber bleibt der Schreiberling da wie dort ans Bett gefesselt und ist der Gnade oder Ungnade eines monströsen Egos ausgeliefert. Das Heil in der Flucht sucht Polanski´s Ehefrau Emmanuelle Seigner aber nicht vor gekränkter Wut, sondern eigentlich vor sich selbst und ihrer Verantwortung den Lesern gegenüber. Schreiben ist also immer noch ein Zwiegespräch mit sich und seinen inneren Dämonen, Ängsten und einem tadelnden Gewissen. Aber auch das ist nur eine Auflösung von vielen, die diese seltsamen Vorkommnisse erklären können. Nach einer wahren Geschichte ist ein astreiner Polanski, das merkt man an den Dialogen, an der schwelenden Paranoia des Alltags. Fast aber hätten Seigner und Eva Green das Vorhaben des polnischen Meisters konterkariert. Das Spiel von Ex-Bond-Liebe Eva Green ist zu offensichtlich maskenhaft, Subtilität fehlt hier ganz. Und Emanuelle Seigner wirkt manchmal zu verschlafen, um die bizarren Umstände auch wirklich in vollem Ausmaß wahrzunehmen. Das lässt das Psychospiel manchmal zu schleppend wirken, und oft tritt Nach einer wahren Geschichte auf der Stelle, wenn Polanski zu betont alles im Unklaren lassen will. Wer den bewährten Grundtonus seiner intellektuellen Paranoia-Krimis aber zu schätzen weiß, wird am Ende doch versöhnlich schmunzeln.

Nach einer wahren Geschichte