Sie glauben an Engel, Hr. Drowak? (2025)

WEHMUTSSEUFZEN IM FLASCHENWALD

7/10


© 2025 Zieglerfilm / X-Verleih AG


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, SCHWEIZ 2025

REGIE: NICOLAS STEINER

DREHBUCH: BETTINA GUNDERMANN

KAMERA: MARKUS NESTROY

CAST: LUNA WEDLER, KARL MARKOVICS, LARS EIDINGER, DOMINIQUE PINON, NIKOLAI GEMEL, SAGA AGNES SUSANNA SARKOLA, JAN BÜLOW, VERA FLÜCK, PAUL SCHRÖDER, BETTINA STUCKY, BARBARA COLCERIU U. A.

LÄNGE: 2 STD 7 MIN



Dworak? Nein, Drowak. Leicht stolpert man über diesen Namen, dessen Konsonante r augenscheinlich nicht dort sitzt, wo sie sitzen soll, nämlich zwischen zwei Vokalen. Diese Schwierigkeit, über diesen Namen zu gelangen, entspricht auch ganz der Schwierigkeit, sich Drowak selbst anzunähern. Einem mit dem Leben nicht mehr mitziehenden alten Zausel, der sein Wehmutsseufzen, wenn es denn hochkommt, in die Hälse sämtlicher Flaschen bläst, die gefüllt sind mit allem, was Alkohol enthält. Ein Säufer unter dem trüben Licht einer geschäftigen Sozialdystopie, die es vielleicht nur gut meint mit ihren Rechtsbrechern und Außenseitern, und sie dazu verdonnert, Buße zu tun auf eine Weise, die sie an die Quelle ihrer Inspiration bringen soll. Dort, wo die ureigene Begabung wohnt, und die damit einhergehende Kreativität. Einmal ausgelebt, soll sie Rehabilitation und Heilung bringen.

Hilf dir selbst, sonst helf‘ ich dir

In diesem alternativen Entwurf einer sehr nah in der Zukunft liegenden Welt werden Individuen wie Drowak dazu verpflichtet, ihren kreativen Dienst zu leisten. Der kann mannigfaltig ausfallen, ob im Schauspiel oder in der bildenden Kunst. Drowak wählt als einziger die Schreibkunst, schließlich weiß er aus Erfahrung: Da hat er was am Kasten. Einzig und allein: es fehlt die intrinsische Motivation, und dafür gibt es vom Staat bereitgestellte Betreuerinnen und Betreuer, die motivierend unter die Arme greifen sollen. Bei Drowak beißt sich eine junge Dame wie Luna Wedlers Figur der Lena Jakobi gefühlt alle Zähne aus. Wobei sie gleich erkennt: Dieser alte, verlotterte Griesgram, dieser schwere Alkoholiker, der es nicht lassen kann – der hat einen weichen Kern, eine verbitterte, traurige Seele. Ihn aus dem Loch herauszuholen hätte Erfolgsgarantie, würde die selbst sehr einsame Lena, die daheim mit ihren lebensgroßen Puppen spricht, nicht der Ehrgeiz übermannen. Was letztlich nach hinten losgeht.

Empfohlen sei der Setzkastenblick

Visueller Overkill, keine stringente Handlung – nur ein paar Kritikpunkte ganz anderer redaktioneller Meinungen, mit denen das Langfilmdebüt von Nicolas Steiner klarkommen darf. Oder auch nicht, schließlich sind Meinungen verschieden, was man ohnehin immer wieder betonen muss, wenn sich mindestens zwei über die Qualität eines Films streiten. Bei Sie glauben an Engel, Hr. Drowak? sollte man tun, was man schon bei Mascha Schilinskis In die Sonne schauen getan hat: Sich einfach hineinfallen lassen, ohne groß zu überlegen. Die Dinge wahrnehmen, sich darauf konzentrieren. Die virtuose Kamera, die einmal extreme Close Ups einfängt, um dann wieder brutalistischer Architektur in der Totalen zu frönen, mitverfolgen und sie vor allem auch akzeptieren. So kann ich, der diese Herangehensweise an Steiners Film praktiziert hat, weder visuellen Overkill noch eine fehlende stringente Handlung entdecken.

Zwischen Lummerland und Ostblockcharme

Die Tragikomödie rund um diesen Herrn Drowak hat im Grunde alles, was sie benötigt. Sehr viel Schicksal, eine schmerzliche Vergangenheit in Farbe, die Suche nach dem einzigen und wahren Ich, das sich im Schöpferischen manifestiert – und sehr viel Alkohol, bis hin zum Toilettenreiniger. Dem ganzen übergeordnet ist diese diffuse, traumartige Gesellschaftspolitik, deren Vorsitz ein clownesker Lars Eidinger einnimmt, der so entrückt wirkt, als wäre er ein Bewohner auf Michael Endes Insel Lummerland. Dieses Lummerland besteht in Sie glauben an Engel, Hr. Drowak? aus dieser ohnmächtigen, beklemmenden Düsternis einer von Bürokratie überrumpelten und vereinsamten Welt, in der Nähe etwas Suspektes ist. In der sich die innere Freiheit an den Erfahrungen eines bisher gelebten Lebens unentwegt aufreibt. Und als wäre wieder einmal die Welt eines Jean-Pierre Jeunet nicht weit – denn so bizarr mag es mitunter in Drowaks Welt auch zugehen – taucht einer wie Dominique Pinon auf, den wir schon seit Delicatessen kennen, und ohne den Jeunet niemals auch nur einen Film machen will. Als Drowaks Nachbar erzählt dieser eine nebenher laufende, bittersüße Groteske, ohne dass Steiner dabei den Faden verliert. Schließlich kann er auf das Drehbuch der deutschen Schriftstellerin Bettina Gundermann zugreifen, die von vornherein klarmacht, welch existenzialistische Literatur ihr Euvre färbt.

Klar schreit ein Stoff wie dieser nach Schwarzweiß, damit auch jede Falte, das Papiermaché von Lenas Puppengesichter und jedes gespenstisch vollgeräumte Stiegenhaus, das Kafkas Ämterhorror auf spielerische Weise interpretiert, als sattes Relief die Leinwand strukturiert. Zwischendurch der farbige Kontrapunkt eines gelben Kleides in einem der atemberaubendsten Kinobilder des heurigen Jahres.

David Lynch meets Hans Moser

Das große Drama des entmündigten geistigen Eigentums, der veruntreuten und übervorteilten Kunst, die man vielleicht nur für sich selbst und seinen liebsten Menschen auf dieser Welt aus sich herauslässt – das große Drama eines Verratenen (den vielleicht sogar Hans Moser hätte spielen können) hält beharrlich an seinem Stil fest und rudert niemals völlig orientierungslos mit den Armen, um dick aufzutragen. Nicolas Steiner weiß, was er tut. Farben, Formen, Symbole – alle sind sie von Anfang an festgelegt, so erzählt Sie glauben an Engel, Hr. Drowak? recht präzise seine tiefgründige Geschichte, die sich manchmal fast zu sehr in einer selbstbemitleidenden Düsternis verliert und ins Universum eines David Lynch eintaucht, wenn statt Hasen ganz andere Nager auf der Matte stehen.

Sie glauben an Engel, Hr. Drowak? (2025)

Little Women

ERST RECHT, WEIL ICH EIN MÄDCHEN BIN

7/10

 

littlewomen© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: GRETA GERWIG

CAST: SAOIRSE RONAN, FLORENCE PUGH, EMMA WATSON, ELIZA SCANLEN, LAURA DERN, MERYL STREEP, TIMOTHEÉ CHALAMET, CHRIS COOPER U. A.

 

Die ehemalige Mumblecore-Ikone Greta Gerwig, oft unter der Regie von Noah Baumbach (der mittlerweile ihr Partner ist, aber das nur so am Rande), hat wieder getan, was sie am besten kann: Im Grunde eigentlich über sich selbst erzählen. Was natürlich Hand und Fuß hat, denn nichts ist authentischer und ehrlicher als die Reflexion aufs eigene Leben, die Frau hier mit ins Spiel bringt. Das Spiel selbst, das ist kein neuer Hut mehr. Es ist die ich weiß nicht wievielte Verfilmung eines Coming of Age-Romans der US-Autorin Louisa May Alcott, im Grunde die amerikanische Antwort auf den ungefähr zeitgleich entstandenen Trotzkopf von Emmy van Rhoden. Alcotts Buch aber dürfte so etwas wie die Jungmädchen-Pflichtlektüre in allen Bundesstaaten gewesen sein. Nirgendwo sonst hätten Mädchen, mit dem Blick in die Zukunft und von Träumen, Wünschen und Sehnsüchten geprägt, ihre Seelenwelt wohl besser verstanden gewusst als hier. Erstaunlich dabei: für jedes Mädchen scheint in Little Women etwas dabei gewesen zu sein, Seelenverwandte also leicht zu finden. Im Zentrum steht natürlich Jo March, die schriftstellerisch Begabte. Freiheitsliebend, nonkonform, ein Sturkopf schlechthin, aber auffallend klug und daher alles und jeden hinterfragend. Natürlich fällt die Wahl der Lieblings-Romanfigur in erster Linie auf diese junge Dame. Sie nimmt sich heraus, was sich andere verwehren – das Streben nach den eigenen Zielen. Das ist eine Darstellung, weit ihrer Zeit voraus. Und völlig klar – Gerwig sieht auch speziell in Jo March ihr Alter Ego, ihre Verbündete, hat sie doch im Rahmen eines cinema-Interviews offenbart, auch selbst mit Little Women aufgewachsen zu sein und aus dem beharrlichen Verhalten ihres jungen Idols selbst genug Motivation gewonnen zu haben, um überhaupt die künstlerische Laufbahn als Autorenfilmerin einzuschlagen.

Gerwig holt sich für ihre strahlende Hauptfigur erneut Saoirse Ronan an Bord. Das war schon bei Lady Bird alles andere als ein Fehler, und ist es auch bei Little Women. Um Ronan herum dreht sich der ganze Film. Sie legt eine solch erfrischende Natürlichkeit an den Tag, so eine unaufgeregte Selbstsicherheit und findet für ihren Charakter so viele unterschiedliche Facetten, dass man das Gefühl hat, keiner kann und darf sich ihr in den Weg stellen. Sie verkörpert eine Frauenfigur, die als Soll-Zustand weiblicher Selbstverwirklichung zeitlos gültig bleibt. Deswegen auch Gerwigs Griff nach einem über hundert Jahre alten Roman, der, obwohl er ein Sitten- und Gesellschaftsbild seiner Zeit ist, genau dieses zu einem temporären Korsett reduziert, das sich abstreifen lässt, das nicht zwingend getragen werden muss, denn die Frage ist ja dabei auch, wer schreibt dieses Korsett denn vor? Und wer beurteilt, ob und wann Frauen talentiert genug sind, um die Elite aufzumischen? Ihre Little Women gehen aus sich heraus, wo andere vielleicht in Deckung gehen. Und probieren aus, wo andere Angst haben zu scheitern.

Die Qualität dieser Neuverfilmung liegt genau dort, wo sie sein soll: in vier völlig autarken Charakterstudien, die als Jo, Amy, Meg und Beth aus dem Zeitgeist der 60er Jahre des neunzehnten Jahrhunderts penibel, mit viele Geduld und Liebe zur genauen Beobachtung herausgearbeitet wurden. Da hat sich Gerwig beim Schreiben wirklich ins Zeug gelegt. Und nicht nur sie – neben Saoirse Ronan auch und vor allem Florence Pugh als impulsives Energiebündel zwischen familiärem Pflichtbewusstsein und individueller Freiheit. Was Laura Dern betrifft – es ist irgendwie beruhigend, zu sehen, dass ihr auch noch ganz andere, viel subtilere Filmfiguren gut zu Gesicht stehen als nur die resolute Powerfrau und Anwältin, die ihr Geschäft versteht. Letzten Endes aber geht es bei Alcotts Little Women auch nicht ohne die männliche Komponente, nur zwingend reich muss diese nicht sein. Somit haben wir hier keine militante Female Power gegen ein plakatives Patriarchat, sondern einen zuversichtlichen Lovesong auf ein Miteinander der Geschlechter, ohne sich der Männerrolle zwingend entledigen zu müssen. Da macht Gerwig vieles richtig, bleibt diplomatisch und vernünftig, trotz all der großen Emotionen.

Etwas fahrig wird dann die technische Umsetzung ihres fein ausgestatteten Films, insbesondere gibt’s so manche Probleme im Wechsel der Zeitebenen, die sie glaubt geschickt verzahnt zu haben – dabei wäre, wie ich finde, hier ein langsamerer, ausgewogener Rhythmus zwischen den Szenen und all den Erinnerungen die bessere Wahl gewesen. Nichtsdestotrotz aber bleibt ein kluger Film über Young Adults in Erinnerung, der sich die Freiheit nimmt, irgendwann nicht mehr zwischen Realität und romantischer Heile-Welt-Poesie zu unterscheiden, auch wenn diese vielleicht doch nur im Buche steht, all die jungen Frauen aber umso stärker motiviert, an sich selbst zu glauben.

Little Women