Victorian Psycho (2026)

DIE VERNÜNFTIGSTE PERSON ÜBERHAUPT

7/10


Maika Monroe als Winifred Notty in Victorian Psycho
© 2026 Bleecker Street


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: ZACHARY WIGON

DREHBUCH: VIRGINIA FEITO, NACH IHREM ROMAN

KAMERA: NICO AGUILAR

CAST: MAIKA MONROE, JASON ISAACS, RUTH GORDON, THOMASIN MCKENZIE, JACOBI JUPE, AMY DE BHRÚN, PAUL REID U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN



Als Abschlussfilm des großartigen Slash Festivals hat sich Markus Keuschnigg einen besonderen Leckerbissen aufgehoben – einen dieses Jahr in Cannes für den Un Certain Regard nominierten Killerfilm, der selbstredend nicht so banal daherkommt wie vielleicht vermutet, sonst würde man ihm auch nicht „den anderen Blick“ attestieren.

Kein Slasher und kein Metzelfilm, keine Home Invasion oder die Origin-Story gepflegter Bösartigkeit ist das, was andere vielleicht hier erwarten. Zachary Wigon (u. a. Sanctuary mit Margaret Qualley) nimmt sich des Romans der Schriftstellerin Virginia Feito an, die für diesen Film gleich auch das Drehbuch schrieb, kennt sie ihre Figuren doch wohl am besten. Und die sind alles andere als schwarzweiß gezeichnet, hart kontrastiert oder bequem in eine Schublade zu quetschen.

Unwesen im Anwesen

Die Familie in diesem Anwesen mag zwar gesellschaftlichen Normen folgen und nach außen hin alles erfüllen, was es damals zu erfüllen galt, im Inneren aber kocht so manches kurz vor der Oberfläche vor sich hin. Ruth Wilson als auf ihren Nachwuchs fixierte Gattin von Jason Isaacs, der bemüht aufgeräumt und höflich wirkt. Dann sind da noch zwei Kinder, die bereits in viel zu jungen Jahren ihre rebellische Ader entdecken – und Haushälterin Thomasin McKenzie, etwas simpel im Gemüt, gutherzig und mit dem Herzen auf der Zunge, was angesichts einer Person wie Winifred Notty entweder die ideale Methode ist, um ihr näherzukommen – oder das Gegenteil bewirkt. Denn Notty klingt wie Naughty.

Alles nur eine Frage der Sichtweise

Denn Winifred Notty ist Maika Monroe. Und Maika Monroe ist Winifred Notty – eine schräge Persönlichkeit mit dem Zeug zur popkulturellen Ikone. Scheinbar besitzt sie genug Prinzipien, um der fehlenden Kinderstube ausreichend Struktur zu geben. Die Eltern sind anfangs begeistert, und natürlich ahnt niemand etwas von Nottys blutiger Vorgeschichte. Denn die Dame ist eine Psychopathin, seelisch zerrüttet, krank im Gemüt und mordend aus einer Notwendigkeit heraus.

Sie selbst bezeichnet sich als die vernünftigste Person überhaupt. Eine krude Annahme, die ihre Rechtfertigung aus einem ganz bestimmten Blickwinkel bezieht. Die Welt lässt sich schließlich auch mit anderen Augen sehen, mit denen einer im Geiste Verwirrten, die nichts anderes will als die Gunst, die ihr zusteht. Das fordert Opfer, wenngleich nicht unentwegt. Notty will den Worst Case einer Bluttat immer wieder hinauszögern. Das macht sie menschlich, das weckt Sympathien. Sympathien für eine Mörderin?

Sympathy for the Devil

Wie war das noch gleich mit Grenouille aus dem Roman Das Parfum von Patrick Süskind? Ein Werk aus der Sicht eines Menschen, der die Welt und den Wert von Leben anders sieht. Oder was ist mit Bret Easton Ellis‘ elegantem Freizeitmörder Patrick Bateman? Ein Mann, der nichts fühlt, nichts empfindet, das Produkt seiner Welt ist? Auch hat das Kino- und Fernsehpublikum seit jeher Verständnis für die Moral der Selbstjustiz, wenn es denn die „Bösen“ trifft. Ach, wäre die Welt doch so einfach. In Victorian Psycho ist sie es nicht.

Diese Antithese zu Mary Poppins hat dennoch das Herz irgendwie am rechten Fleck, und diese Sympathie für die Dunkelheit irritiert. Vielleicht mag Maika Monroe ihrer Figur als Schutz vor einer gewissen Ächtung das Verhalten eines komödiantischen Charakters angedichtet haben. Ihre praktizierte Etikette, ihre offensichtliche Anständigkeit mögen zu dick aufgetragen sein, um Züge ihres wahren Wesens nicht zu erkennen. Und dennoch tut es niemand. Das manövriert Victorian Psycho mehr ins Eck einer Groteske und nimmt dem zugrunde liegenden Charakterdrama jene Ernsthaftigkeit, die es wohl eher verdient hätte.

Ordentlich abgeliefert

Dennoch ist Monroes Spiel eine Glanzleistung – kennt man sie bereits in anderen Rollen, ist diese hier so erfrischend anders, dass sie damit ihre Bandbreite an schauspielerischen Möglichkeiten zu ihren Gunsten neu absteckt. Victorian Psycho wird dadurch zum letzten Kapitel einer bedauernswerten Lebensgeschichte, die die eigene verquere Wahrheit einfach nicht abschütteln kann.

Victorian Psycho (2026)

Pearl (2022)

EINE PERLE VERLIERT DIE FASSUNG

7/10


pearl© 2022 Universal Pictures


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: TI WEST

DREHBUCH: TI WEST, MIA GOTH

CAST: MIA GOTH, DAVID CORENSWET, TANDI WRIGHT, MATTHEW SUNDERLAND, EMMA JENKINS-PURRO, ALISTAIR SEWELL U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Niemand ist bei den Kälbern? Natürlich nicht. Die hübsche junge Pearl will eigentlich etwas ganz anderes aus ihrem Leben anstellen als nur das Vieh bei guter Gesundheit zu halten und den als Pflegefall dahinsiechenden Vater pflegen. Doch wir befinden uns am Anfang des 20. Jahrhunderts, die spanische Grippe geißelt den Erdball wie vor kurzem Covid, nur noch um einen Tick tödlicher. Der Erste Weltkrieg geht langsam seinem Ende zu. Und da ist es am klügsten, sich nach der Decke zu strecken und das Beste aus dem zu machen, was man hat. So zumindest meint es die strenge Institution namens Mutter, die Pearl keinerlei Freiheiten schenkt, sondern stets an ihre Pflicht erinnert, für Haus und Hof geradezustehen.

Was aber, wenn die große weite Welt lockt? Wenn Frau sich selbst dazu ausersehen fühlt, ein Star zu werden? Margot Robbie hat das in Babylon – Rausch der Ekstase schließlich auch hinbekommen, also zumindest anfangs. Wieso sollte Pearl nicht auch das Zeug dazu haben? Eine strahlende Erscheinung ist sie ja. Wenn sie aber dauerstrahlt, kann einem schon anders werden. Und wenn sie dann auch noch zu blaffen beginnt und nicht versteht, warum ihr die Welt nicht zu Füßen liegt, ließe sich der Pfaffe schon zur letzten Ölung bitten.

Mit dieser fast schon ikonischen Figur einer taufrischen Psychopathin gelingt es Ti West, eine neue Institution für das Subgenre des Slasher-Horrors zu schaffen. Eine, die zu Halloween neben Michael Myers, Freddy Kruger und Jason Voorhees die Gegend unsicher macht – in rotem Festtagskleid, mit zwei Zöpfen und bewaffnet mit Axt oder Heugabel. Dabei scheint sie nur tanzen zu wollen – und mehr Beweggründe für ihre Meuchelei zu haben als all die anderen genannten gesichtslosen Killermaschinen. Da hat Pearl ihnen einiges voraus. Nämlich den unverschämten Wunsch auf Selbstbestimmung. Dumm nur, dass eine grundlabile Persönlichkeit wie Pearl nicht anders kann als lustvolles Töten als einfachste Methode zu wählen, ihrem Käfig zu entkommen. Doch da wartet weder Regenbogen noch eine Yellow Brick Road. Wenn’s hochkommt, ist da nur die Vogelscheuche.

Wer Ti Wests 70er-Slasher X gesehen hat – ebenfalls mit Mia Goth, nur in einer anderen Rolle – wird sich beim Gedanken daran, wie die beiden Alten in der heruntergekommenen Ranch vor lauter Neid auf die Jugend eine Filmcrew systematisch dezimiert, die Nackenhaare aufstellen. Die Herrin des Hauses, immer noch getrieben von der Sehnsucht, ein Star zu sein, ist Pearl in hohem Alter. Mit diesem, in enormem Ausmaß den Stil der Technicolor-Filme imitierenden Prequel hält ein leidenschaftlicher Coming of Killer-Film Einzug, der als Reminiszenz aufs frühe Mörderkino genauso funktioniert wie auf Hitchcocks Psychohorror, in welchem ein Motel zum Schauplatz garstiger Alltagsroutine wird. Die Eltern-Kind-Diskrepanzen sind da wie dort ein Thema, und wenn Mia Goth, die hier heult und grinst und kreischt wie eine Furie, zu ihrem Geständnis ansetzt, verzichtet Pearl darauf, nur platter Effekt-Manierismus bleiben zu wollen. Wests Film strebt ebenso nach Größerem wie Mia Goths Figur selbst. Wenn man auch nur irgendwie „Sympathy for the Devil“ entwickeln kann; wenn Filme Zugänge schaffen in eine Welt aus Tod, Verderben und geistiger Verwirrung, dann funktioniert das nur im Rahmen eines entrückten Horrormärchens, das seinen strohaufwirbelnden Judy Garland-Albtraum satirisch konnotiert, ihn aber ernster nimmt als es den Anschein hat. Und das ist das Perfide daran.

Pearl (2022)

Lady Macbeth

HERRIN DES HAUSES

6/10

 

ladymacbeth© 2017 Koch Media 

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2016

REGIE: WILLIAM OLDROYD

CAST: FLORENCE PUGH, COSMO JARVIS, PAUL HILTON, NAOMIE ACKIE, CHRISTOPHER FAIRBANK U. A. 

 

Der intrigante Wahnsinn hat einen Namen, und zwar einen sehr klassisch-literarischen: nämlich Lady Macbeth. Kenner des Shakespeare-Königsdramas wissen, dass diese Dame keine unwesentliche Rolle dabei spielt, wenn Heerführer Macbeth an die Macht kommt. Der wiederum war fast schon Marionette in ihren Fingern, und beide gehen sogar so weit, neben dem altbekannten Königsmord auch noch einen Kindsmord zu begehen. Als Folge dieser grauenhaften Handlungen des tyrannischen Ehepaares verfallen beide natürlich dem Wahnsinn, ein klarer Fall von logischer Konsequenz für den englischen Dichter, denn so viel Bosheit darf nicht ungesühnt bleiben. Kein erbauliches Stück also, diese Tragödie, in der entweder alle den Verstand verlieren oder sterben. Nikolai Leskow hat diesen Stoff adaptiert, in seiner Novelle Lady Macbeth von Mzensk. Er hat das Ganze mal etliche hundert Jahre in die etwas hellere Zukunft geholt, und zwar ins 19. Jahrhundert. Tyrannen wettern auch da, zum Beispiel an diesem herrschaftlichen Landsitz eines britischen Patriarchen, dessen Sohn im Zuge eines Landkaufs die Tochter des Verkäufers ehelichen hat müssen, für die er so gut wie nichts empfindet, die ihm mehr Klotz am Bein als sonst was ist. Und die dieser aber auch dementsprechend unschön behandelt. Die Erfüllung ehelicher Pflichten gibt’s sowieso nicht, und vor die Tür darf die junge Frau auch nicht gehen. Schlimmer noch ist der Schwiegervater – ein Scheusal unter dem Herrn, erniedrigend, abstoßend und bis in jede Faser seines Altersgrants alles Nonkonforme ablehnend. Da lobe ich mir den Papa von Jane Austens Emma – dieser hier ist die krasse Antithese. Catherine ist also in einem goldenen Käfig gefangen, wenn man so will. hat keine Rechte, aber auch keine Pflichten. Ist nichts, nur verheiratet. Langweilt sich tagaus, tagein – bis sie auf den Stallburschen Sebastian trifft, mit dem sie natürlich eine Liaison beginnt.

Sebastian, gespielt von Singer und Songwriter Cosmo Jarvis, steht natürlich als Heerführer Macbeth zwischen den Pferden, den koketten Dienstmädchen und der Herrin des Hauses. Und entscheidet sich nach einem Nacht- und Nebel-Quickie, mit letzterer gemeinsame Sache zu machen. Lady Macbeth ist die seit den Oscars 2020 in aller Munde befindliche Florence Pugh, die eben erst für ihre Rolle in Greta Gerwigs Little Women nominiert wurde und in Ari Asters Midsommar um ihr Leben plärren muss. Pugh hätte ja jetzt sogar mit Black Widow noch größer rauskommen sollen, doch der Blockbuster wurde ja bekanntlich verschoben. Immerhin gibt’s noch Richard Oldroyds Filmadaption von Leskows Theaterstück, und da zeigt die 24jährige, was sie prinzipiell sonst noch drauf hat – die Masche einer teils raschsüchtigen, teils habgierigen, teils emanzipierten Intrigantin. Sie tut das, ohne groß mit der Wimper zu zucken. Man sieht aber, dass sie stets hinter ihrem starren Blick und ihrer guten Miene böse Pläne schmiedet, die den anderen nicht gut bekommen. Es ist kein Geheimnis, was folgen wird. Und es folgt nichts Gutes, in diesem kalten, seelenlosen Gemäuer. Die Seelen aber, die hier hausen, haben selbige schon längst jemand anderem verkauft. Karge vier Wände, hie und da elegante Möbel, und alles, das Leblose wie das Lebendige, umgibt eine Aura der Kälte, sei sie nun berechnend oder tief verwurzelt. Diesen Film ohne zusätzliches wärmendes Textil zu sehen, ist fast schon unmöglich.

Oldroyd inszeniert akkurate, klare Bilder, verzichtet auf Schnörkel, und lässt auch sein Ensemble unter erschreckender Gefühlsarmut leiden, die selbst beim Unvorstellbaren Probleme hat, sich zu artikulieren. Diese In Cold Blood-Adaption eines klassischen Stoffes ist in strenge Formen gegossen, bleibt abweisend und ohne Reue. Und jene, die so etwas ähnliches vielleicht ansatzweise empfinden, haben in der Welt von Lady Macbeth nichts verloren.

Lady Macbeth