Das unbekannte Mädchen

DRAUSSEN VOR DER TÜR

7/10


dasunbekanntemaedchen© 2016 temperclay film


LAND / JAHR: BELGIEN, FRANKREICH 2016

BUCH / REGIE: JEAN-PIERRE & LUC DARDENNE

CAST: ADÈLE HAENEL, OLIVIER BONNAUD, JÉRÉMIE RENIER, LOUKA MINNELLA, CHRISTELLE CORNIL, NADÈGE OUEDRAOGO U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Diese Wahl wird sie wohl nicht mehr treffen. Als praktische Ärztin namens Jenny steht Adèle Haenel (großartig in Die Blumen von gestern oder Portrait einer jungen Frau in Flammen) vor einem ordentlichen Dilemma. Soll sie den potenziellen Patienten oder die Patientin noch außerhalb der Ordinationszeiten in die Praxis lassen? Klares Nein – es gelten die Geschäftsregeln, irgendwo muss man schließlich den Schlussstrich ziehen, denn als Arzt ist Frau schließlich auch nur ein Mensch mit Bedürfnissen. Diese Vorgehensweise wäre halb so wild gewesen, und Haenels Filmfigur hätte an dieser kurzen Episode wohl keinen Gedanken mehr verschwendet – würde sich tags darauf nicht herausstellen, dass jenes Mädchen, dass da etwas verspätet Sturm geläutet hat, tot aufgefunden wird. Womöglich ermordet. Diese Nachricht sitzt tief – und das Gewissen nagt sowohl an Weltbild, Arbeitsmoral und der eigenen Auffassung vom guten Menschen. Jenny lässt das Unglück keine Ruhe mehr, und sie forscht nach. Will wissen, wer dieses Mädchen war und warum sie geläutet hat. Dringt vor in die Biografie einer völlig unbekannten Person, die sonst nur eine anonyme Zahl in den Sterberegistern des Landes gewesen wäre.

Also nochmal: aufnehmen oder abweisen? Hilfe ermöglichen, oder hilflos sterben lassen? Dieses Dilemma lässt sich offensichtlich auf ein ganz anderes Level heben, und zwar lässt es sich in eine politische Frage umformulieren, die vor allem jene betrifft, die meilenweit gereist sind, womit auch immer, um Schutz zu suchen. Die Brüder Dardenne, Kenner des filmischen Neorealismus und dort zuhause, wo der sozialpolitische Schuh drückt, individualisieren ein großes Problem der Neuzeit und stellen in Das unbekannte Mädchen die Flüchtlingsfrage in einen humanistischen, überschaubaren und – ganz wichtig – beantwortbaren Kontext. Wo endet die Bereitschaft, zu helfen? Endet sie überhaupt irgendwo und irgendwann? Ist man als Mensch nicht sogar dazu verpflichtet? Kann einem sowas überhaupt jemals gar nichts angehen? Auf politischer Ebene verrät der organisatorische Pragmatismus eines Landes menschliche Werte. Heruntergebrochen auf ein Individuum ist diese Ordnung nicht mehr umsetzbar. Im Flüchtlingsdrama Styx sieht sich eine Seglerin irgendwo am Atlantik verpflichtet, die Passagiere eines havarierten Flüchtlingsbootes aufzunehmen – obwohl sie laut Gesetz gar nicht interagieren sollte. Im echten Leben hat die deutsche Kapitänin Carola Rackete staatlichen Flüchtlingsverordnungen zuwidergehandelt und Hilfsbedürftige einfach nicht sterben lassen. Ärztin Jenny hat die Regeln – und die Intuition. Entschieden hat sie sich für ersteres – um festzustellen, dass der Mensch ohne altruistische Intention die Gemeinschaft unserer Art in einem sozialdarwinistischen Wettkampf anfeuert.

Verblüffend, wie die Dardennes ein humanphilosophisches Weltproblem zwar nicht als klassische Parabel, jedoch immerhin als vereinfachtes, hochemotionales Gleichnis darstellen, ohne in sentimentales Betroffenheitskino abzugleiten. Das macht zum Beispiel der britische Kollege Ken Loach auch nie. Beiden liegt sehr viel daran, dass sich Menschen in ihrem Verhalten auch weiterhin in den Spiegel sehen können.

Das unbekannte Mädchen

Me, We

DIE QUADRATUR DER NÄCHSTENLIEBE

6/10


mewe02© 2021 Filmladen


LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2021

BUCH / REGIE: DAVID CLAY DIAZ

CAST: VERENA ALTENBERGER, LUKAS MIKO, BARBARA ROMANER, ALEXANDER SRTSCHIN, ANTON NOORI, THOMAS OTROK U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Angesichts der Lage in Afghanistan ist das Thema wieder in aller politischer Munde: wie den Menschen helfen, die dem Taliban-Regime entfliehen wollen? Aufnehmen? Ablehnen? Überhaupt keine Hilfe leisten, weil das Boot voll ist? Bei der Sache mit der Hilfe – mit dem sogenannten Altruismus oder dem Beistehen des schwächer Aufgestellten – ist die Bereitschaft der anderen meist eine, die sich mit dem eigenen Ego vereinbaren lassen soll. Mit zu viel Selbstlosigkeit würde man die Komfortzone der eigenen Existenzblase verlassen. Wer will das schon? Wer kann das schon? Wer hat nicht schon genug Probleme? Alles interessante Fragen, die der aus Paraguay stammende Filmemacher David Clay Diaz in seinem vierteiligen Episodenfilm aufwerfen will, dabei aber mit diesen vier Teilen ordentlich durcheinander gerät. Was aber die Relevanz seiner Arbeit zumindest inhaltlich nicht schmälert. Denn da sind starke Momente dabei, die allesamt den gleichen Schluss ziehen.

Wir haben in einer Episode die diesjährige Buhlschaft aus Salzburg, Verena Altenberger, die als freiwillige Helferin nach Lesbos reist, um sich gestrandeten Flüchtlingen aus dem nahen Osten anzunehmen. Wir haben andererseits Lukas Miko als Leiter in einem österreichischen Asylantenheim, der mit einigen Insassen so seine Probleme hat. In erster Linie mit einem Afrikaner, der die errichtete Harmonie vehement stört. Andernorts gibt es einen jungen Österreicher (vielversprechend: Alexander Srtschin), der sich mit einigen Freunden zusammentut, um als „Schutzengel“ junge Mädchen sicher nach Hause zu eskortieren. Zu guter Letzt holt sich eine liberale Single-Frau mittleren Alters – einfach, weil es andere auch tun – einen Flüchtling ins Zuhause. Wer weiß, wofür dieser noch gut sein kann.

Alle vier Ansätze sind mal grundverschieden. Altenbergers Figur der um alles in der Welt helfen wollenden Mittelschichts-Bürgerin sucht in ihrem Tun genauso eine Selbstbestätigung wie der junge Österreicher, der den Helden der Nacht spielt. Lukas Miko als erfahrener Heimleiter müsste mit dem provokanten Afrikaner Aba eigentlich gut umgehen können. Dennoch scheitert er an seinem Ich-Konzept und hütet sich davor, das, was er bisher erreicht hat, aufs Spiel zu setzen. Auch Barbara Romaner als die alleinstehende Lady will nicht länger alleine sein, darüber hinaus entspricht es dem Trend. Alle vier nutzen, völlig unbewusst oder auch zum Teil bewusst oder aber auch nur verdrängt, die Not der anderen, um das eigene Ego auf variable Weise zu bereichern. Dabei allerdings sei ihnen auf alle Fälle zugestanden, dass sie ihr Tun aus einer hehren Bereitschaft heraus umsetzen. Clay Diaz gibt der Bedeutung des Altruismus wieder seinen Ursprung zurück – demnach lässt sich dieser ohne Eigennutz und biographischem Kolorit kaum ausleben. Am Elegantesten schließt Altenbergers Griechenland-Episode dabei den Kreislauf des Helfens und vertauscht beinahe schon die Rollen.

In Me, We – dem kürzesten Gedicht überhaupt und von Muhammad Ali – steckt ganz schön viel Selbstreflexion, zumindest Reflexion für den Zuseher, der als Dritter klar sieht, wonach all die helfenden Hände greifen wollen. Me, We sagt ja im Grunde auch schon alles – und hinterlässt mit dem fehlenden You die größte Lücke.

Lücken gibt es auch im szenischen Konzept des Films – und das ist der eigentliche und einzige Stolperstein. Während andere, wie zum Beispiel Jim Jarmusch, ihre Episoden in ihrer kompakten Gesamtheit ins Werk einbinden, sieht Clay Diaz einen Vorteil darin, seine Geschichten zu zerschnipseln und all diese kurzen Szenen abwechselnd zu arrangieren. Das Ergebnis ist ein ruheloser, durchaus enervierender Zickzackkurs durch vier Episoden gleichzeitig, die mit dem, was sie auszusagen hätten, unter mehr Bedachtsamkeit wirksamer gewesen wären.

Me, We

Waren einmal Revoluzzer

STÖRE MEINE KREISE NICHT

5/10

 

wareneinmalrevoluzzer© 2019 Filmladen

 

LAND: ÖSTERREICH 2019

REGIE: JOHANNA MODER

CAST: JULIA JENTSCH, MANUEL RUBEY, AENNE SCHWARZ, MARCEL MOHAB, YELENA TRONINA, TAMBET TUISK, JOSEF HADER U. A.

 

Endlich mal tun, was sich gut anfühlt. Endlich mal Welten bewegen, und diesmal nicht zum Eigennutz. Vom Lippenbekenntnis bis zur durchdachten Aktion kann ja eigentlich nicht mehr viel schiefgehen, denn wer einmal etwas ändern will, und wer einfach einmal über seinen Schatten springen will, der wird es auch schaffen, ein Gutmensch zu sein. Die Komfortzone ist dann nur noch etwas für bequeme Couchkonsumierer, die medial verbreitete Heldentaten wie jene der Kapitänin Carola Rackete fast schon mit Eigenlob abnicken.

Zwei befreundete Paare um die 40, die einen kinderlos, die anderen inklusive Nachwuchs vierköpfig, erhalten die seltene Gelegenheit, einem Freund aus früheren Zeiten, der in Russland von den Behörden anscheinend gesucht wird und untertauchen hat müssen, nicht nur finanziell unter die Arme zu greifen, sondern auch gleich nach Österreich zu holen. Da braucht man doch nur ein paar gefälschte Papiere und Stillschweigen gegenüber Außenstehenden. Was genau sich Pawel zuschulden hat kommen lassen, ist nicht wichtig. Das vermeintlich demokratische Russland hat´s schließlich nicht so mit Meinungsfreiheiten, also stecken bestimmt verletzte Menschenrechte dahinter. Pawel kommt also in Wien an – und nicht nur er: Frau und Kind sind ebenfalls mit von der Partie. Als die drei so verloren am Bahnsteig und später dann in Julia Jentschs Wohnung stehen, wäre es längst Zeit gewesen für Teil 2 des Projekts Alltagsaltruismus. Doch den gibt es nicht. Und so stören die drei Flüchtigen mit der Zeit die kommod eingerichtete Komfortzone der vier Individualisten, die nichts lieber gehabt hätten, als die Willkommenskultur beim freundlichen Winken zu belassen.

Regisseurin und Drehbuchautorin Johanna Moder hat bei ihrem zweiten Kinofilm ihre Einstandsfrage ordentlich ausformuliert: wie sieht es wohl aus, wenn das intellektuelle Klientel aus Studierten und Künstlern, die so sehr offen für alles sind, solange es nicht die eigenen Kreise stört, Verantwortung übernehmen müssen für ihren undurchdachten Aktivismus? Wahrscheinlich sieht es genauso aus wie in Waren einmal Revoluzzer. Zu diesem Titel singt Clara Luzia einen recht ironischen Song, und zumindest drei der vier (denn Manuel Rubey als Songwriter im Selbstversuch weiß von nichts) gelangen zur ernüchternden Erkenntnis, erstmal Gutmensch zu sich selbst sein zu müssen, bevor andere in den Genuss der humanitären Hilfe kommen. Moders Film ist diesbezüglich relativ ernüchternd, und auch längst nicht so zynisch oder gar satirisch. Julia Jentsch, Aenne Schwarz, Manuel Ruben und Marcel Mohab bilden ein hervorragendes Ensemble, wunderbar aufeinander eingespielt, völlig natürlich agierend und ohne Bühnen-Überhöhung. Diese Natürlichkeit findet sich allerdings auch im Drehbuch Moders wieder: Was das heißt? So gut sich die Story auch anlässt, so beiläufig verwässert sie. Klar, ich muss nicht auf Biegen und Brechen in diesem zwischenmenschlichen Dilemma eine Lösung finden. Zumindest aber eine Erkenntnis auch für den Zuseher, oder irgendetwas, das zu neuen Sichtweisen anspornt, wäre eine runde Sache gewesen. So allerdings gerät die Tragikomödie viel zu redundant, Konflikte wiederholen sich. Da keiner mit dieser Situation zurechtkommt, bleibt auch viel trendig gefilmter Leerlauf zwischen einem fahrigen Hin und Her aus Möchtegern und Ruhebedürftigkeit. Im Grunde ist Waren einmal Revoluzzer zu lange geraten, und aus der wunderbaren Ausgangssituation bleibt ein gut gespieltes, aber ratloses Durcheinander ohne Aussicht darauf, als Revoluzzer in die Geschichte einzugehen. Vielleicht gibt’s auch wirklich keine Lösung, und der übersättigte Wohlstand des Westens hat prinzipiell mal keine Kapazitäten mehr.

Waren einmal Revoluzzer

Styx

SCHIFFE VERSENKEN FÜR ALTRUISTEN

7/10

 

styx© 2018 Benedict Neuenfels, Filmladen

 

LAND: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2018

REGIE: WOLFGANG FISCHER

CAST: SUSANNE WOLFF, GEDION WESEKA ODUOR U. A.

 

Willkommen in der Unterwelt. Bevor wir in den Hades vordringen können, müssen wir einen Fluss überqueren, der das Totenreich neunmal umfließt. Schwimmend geht das nicht, dazu braucht es einen Fährmann. Charon heißt er, und er will einen Obulus, eine Münze. Die legten die alten Griechen auf die Zunge des Toten, damit er eingeht in das Reich der Finsternis, in welchem schon Orpheus und Eurydike vorgedrungen und niemals wieder zurückgekehrt waren. Der Fluss, dessen Name ist Styx, übersetzt Wasser des Grauens. Styx ist auch der Name einer Göttin, der Tochter von Okeanos. Abgeleitet davon: Ozean. Auf solchem kurvt der Segler Asa Gray, unterwegs von Gibraltar nach Asuncion, einer kleinen Insel südlich von Sankt Helena, unberührtes Paradies und schon seinerzeit Faszinosum von Charles Darwin, der hier angelegt hat. Die Ärztin Rike, die macht sich alleine auf den Weg, wie vor einigen Jahren Robert Redford in All is Lost. Doch Redford, der konnte dem Sturm auf offener See nicht standhalten. Rike, gespielt von Theaterschauspielerin Susanne Wolff, schafft es zwar, Wind und Wetter zu trotzen, ist aber ungefähr auf der Höhe der Kapverdischen Inseln einer ganz anderen Katastrophe ausgesetzt, die nicht weniger verheerend ist. Und für die es eigentlich keine Lösung gibt, zumindest nicht für das kleine Boot, konzipiert für maximal zwei Personen.
Dieses Unglück ist ein havarierter Fischkutter, bis über die Grenze der Belastbarkeit vollbeladen mit Flüchtlingen, die, dehydriert und am Ende ihrer Kräfte, verzweifelt rufen und winken, ins Wasser stürzen, untergehen. Das ist ein menschliches Desaster, das können wir uns nicht vorstellen. Das kann sich Ärztin Rike genauso wenig vorstellen. Besonnen, wie sie ist, funkt sie die Küstenwache an. Mayday Mayday, heißt es. Der Notruf wird gehört, Hilfe ist am Weg. Doch das rettende Schiff, das kommt nicht. Und die junge Nautikerin muss eine Entscheidung treffen, der sie nicht entkommen kann. Denn was sie erst später merkt: Das Gewässer des Styx, das liegt unter ihr, gluckert in kleinen Wellen um den Bootskiel herum. Chiron fragt nach dem Obulus. Doch den gibt es nicht. Nicht für alle.

Der Österreicher Wolfgang Fischer hat ein konzentriertes, und doch episch weites Kammerspiel entworfen, selbst verfasst und gedreht. Gesprochen wird wenig, fast ausnahmslos über Funk. Sein Film Styx ist in Zeiten wie diesen höchst brisant, vermeidet es aber, was bei Filmen wie solchen leicht passieren kann, den Moralapostel zu spielen oder gar auf zu simple Art und Weise den erhobenen Zeigefinger zu recken. Was Fischer will, ist ein Gleichnis errichten, auf instabilem Grund. Eine Parabel über Ignoranz und Zivilcourage. Über die Selbstlosigkeit des Einzelnen im Angesicht einer humanitären Katastrophe und der eiskalten Erbarmungslosigkeit vieler, nämlich jener, die eine Nation erst ausmachen, die wiederum von einer dem Fremden ablehnenden Politik geprägt wird, unter dem Vorwand, erstmal auf sich selbst schauen zu müssen. Es sind die Flüchtlinge, die keiner will, für die niemand verantwortlich ist, da wir schließlich nicht als Weltenbürger auf die Welt gekommen sind, sondern als Patriot eines Staates, der sich künstlich abgrenzt. Dass unser Planet im Grunde gar keine Grenzen hat, sieht niemand mehr. Das sehen vielleicht nur die, die über die Weite segeln, wie einst Odysseus, wie einst Christoph Kolumbus oder Magellan. Der Mensch ist in Fischers Styx längst nicht mehr von gleicher Wichtigkeit. Flüchtlinge werden zu Untermenschen, sie werden wieder zu Sklaven eines Ungleichgewichts. Mittendrin eine wohlhabende Weiße, die als einzige den Obulus hat, um in die Unterwelt vorzudringen. Aber will sie das denn? Das ist nicht die Frage. Sie muss. Weil es menschlich ist. Weil genau das uns besonders macht.

Styx führt zu einem völlig anderen Umkehrschluss als das thematisch sehr ähnliche, französische Seglerdrama Turning Tide mit François Cluzet. Weil Sytx mehr erzählen will. Fischer sucht einen gemeinsamen Nenner der Beschützenden und zu Schützenden, und dabei wagt er sich durchaus vor in den Versuch einer metaphorischen Darstellung, die auf den ersten Blick ratlos zurücklassen könnte, mit ein bisschen Abstand aber den Eindruck erweckt, zu Ende gedacht zu sein. Styx ist kein filmisches Mahnmal, vielmehr eine Reinigung des Blickes und ein Wiederfinden des Anstands. Ein kluger Film, der sich zwischen den Bildern liest. Und der die Segel so setzt, um am Weltproblem nicht vorbeizuschippern.

Styx

Die kleine Hexe

SO GEHT MÄRCHENKINO

8/10


kleinehexe© 2018 Constantin Film


LAND: DEUTSCHLAND, SCHWEIZ 2018

REGIE: MICHAEL SCHAERER

MIT KAROLINE HERFURTH, SUSANNE VON BORSODY, AXEL PRAHL (STIMME) U. A.


Wenn der Räuber Hotzenplotz durch den finsteren Tann streift, oder das kleine Gespenst unter den Dachbalken spukt, wissen lesefreudige Kinder, dass sie all diese phantastischen Welten dem deutschsprachigen Autor Otfried Preußler zu verdanken haben. Der gebürtige Böhme hat Motive der Märchen- und Fabelwelten auf gutmütige Art und mit voller Herz und Seele in vergnügliche, humanistische Erzählungen verpackt. Was daraus entstanden ist, sind zeitlose Klassiker, die zwar die Welt sehr wohl aus Hell und Dunkel darstellen, aber das Gute triumphieren lassen. Vor allem das Gute zwischen den Menschen. Oder zwischen den Menschen und den Wesen, die diese traumartigen Welten bevölkern. Eines davon ist eine kleine Hexe, die mit ihrem sprechenden Raben Abraxas tief im Wald in einem pittoresk eingerichteten Hexenhaus darauf wartet, zur Walpurgisnacht auf den Blocksberg eingeladen zu werden. Leider vergebens, denn mit ihren 127 Jahren ist die kleine Hexe noch viel zu jung. Und auch viel zu gutherzig. Das wissen die alten, krummnasigen Weiberleut´, die das arglose Medium des Waldes auf die Probe stellen wollen. Ein Jahr hat es Zeit, alle Sprüche aus einer gigantischen Schwarte von Buch auswendig zu lernen. Um dann zur Prüfung anzutreten. Doch statt zu pauken, sind dem Hexlein die Sorgen der Menschen deutlich wichtiger. Was macht das Gutsein wirklich aus, fragt sich die langnasige, rothaarige Budenzauberin mit dem kecken Grinsen – und stellt natürlich fest, das Gutes zu tun deutlich mehr Spaß macht als so zu sein, wie frau als Hexe zu sein hat.

Preußlers Bücher leben von der Natürlichkeit und der Herzlichkeit seiner Helden. Um Verfilmungen des Autors auch ungefähr so hinzubekommen, dafür bedarf es einer Rückkehr zum guten alten Märchenkino. Und damit meine ich das Märchenkino der späten Siebziger oder frühen Achtziger, vorwiegend aus Tschechien oder Deutschland. Liebevoll ausgestattete Geschichten voll naivem Charme und längst ohne Anspruch, fotorealistisch genau alles Magische bebildern zu wollen. Echt muss es sich anfühlen, vielleicht sogar ein bisschen unbeholfen, kauzig und mit viel Platz für die eigene Fantasie. Da haben Computertricksereien und Kamerafahrten deluxe überhaupt nichts verloren. Regisseur Michael Schwaerer blickt zurück nach vorne, putzt sein Hexenfilmchen mit allerlei hübschen Details auf und wählt einen ganz speziellen Stil des Retro-Kinos, der ganz hervorragend dafür geeignet ist, das Genre des mitteleuropäischen Märchenfilms zu bebildern. Ich kann zwar noch nicht behaupten, dass ich hier einen fabulierfreudigen, leidenschaftlichen Trend ausmachen kann, aber genauso eine ähnliche Filmsprache hat schon Johannes Naber für seine 2016 veröffentlichten Verfilmung von Wilhelm Hauffs Märchen Das kalte Herz verwendet. Spezielle Welten, in denen sich das Sandmännchen in lupenreinem Stop-Motion wohlfühlen soll. Die zu den Träumen passen, die wir als Kinder gehabt haben. Voller Ecken und Kanten, unvollkommen, aber beseelt bis in die Fingerspitzen.

Auch Karoline Herfurth scheint diese Magie zu spüren. Sie weiß ihre kleine Hexe mit Leidenschaft zu verkörpern, voll kindlicher Neugier, voll der Unsicherheit und voller Sinn fürs Gute. So reitet sie auf Besen wie Harry Potter, zaubert fast unbemerkt vor sich hin wie Mary Poppins und albert rotzfrech herum wie Pippi Langstrumpf. Ihr zur Seite der sprechende Rabe, weit entfernt von sterilem CGI, oder wenn, dann nur ein bisschen. Dafür mit der Inperfektion einer bewegten Puppe, die aber durch die Gegend wackelt und flattert wie zu Ray Harryhausen´s besten Zeiten. ich sage nur: die goldene Eule aus Kampf der Titanen.

Die kleine Hexe ist vor allem durch Herfurth´s Spielfreudigkeit und der schönen nostalgischen Knusperhaus-Optik ein beglückendes und berauschendes kleines Erlebnis, nicht nur für Kinder, sondern auch für deren Eltern, die wissen wollen, wie gut pädagogisch wertvolles Literaturkino aussehen kann. Heia Walpurgisnacht!

Die kleine Hexe