Madame Kika (2025)

DIE DOMINA ALS THERAPEUTIN

7,5/10

 

© 2025 Stadtkino Filmverleih

 

LAND / JAHR: BELGIEN 2025

REGIE: ALEXE POUKINE

DREHBUCH: ALEXE POUKINE, THOMAS VAN ZUYLEN

KAMERA: COLIN LÉVÊQUE

CAST: MANON CLAVEL, SUZANNE ELBAZ, MAKITA SAMBA, THOMAS COUMANS, ETHELLE GONZALES LARDUED, ANAËL SNOEK, KADIJA LECLERE, BERNARD BLANCAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN



Es wäre interessant zu erfahren, ob jemand innerhalb meiner Leserschaft und wenn schon nicht dort, dann zumindest im persönlichen Dunstkreis selbiger, den Service eine Domina schon mal in Anspruch genommen hat. Der Begriff sagt schon alles: Es geht um Dominanz, folglich auch um Unterwerfung, und das wiederum sind Formen einer gelebten, sexuell konnotierten Auslebung innerer Fantasien, die sich, über den Kamm geschoren, als BDSM verbuchen lassen, was soviel heisst wie Bondage & Discipline, Dominance & Submission Sadism & Masochism. Wir haben hier alles, was nicht der sexuellen Normalität entspricht, worauf man natürlich wieder hinterfragen könnte: Was ist in diesem Sektor schon normal?

Ventil des Schmerzes

Eine gewisse Offenheit gegenüber anderer sexueller Herangehensweisen, als wir sie praktizieren oder nicht praktizieren, sollte bei Betrachtung des Films Madame Kika zumindest ansatzweise vorhanden sein – was nicht heisst, dass bei der einen oder anderen indirekten Darstellung einer  „Perversion“ die Frage aufkommt, ob das, was man sieht, nicht völlig krank ist. Oder dass jene, die solche Dinge praktizieren, zum Therapeuten gehören. Spätestens da meldet sich Regisseurin und Autorenfilmerin Alexe Poukine mit einem Zwischenruf: Ist Mann oder Frau mal da angekommen, sich Methoden wie diesen auszusetzen, braucht es tatsächlich keine Therapie mehr. Denn das umgangssprachliche SadoMaso kann genau als solche funktionieren. Als Therapie, oder Radikaltherapie. Also Ventil, Sprachrohr oder Bühne, um auszuleben, was die Seele sonst zerfrisst.

Getragene Slips zum Sonderpreis

Nicht zwingend muss man dabei als im Leben gescheiterte Person alle Karten bereits ausgespielt haben oder mit dem Latein ans Ende gekommen sein. Es lässt sich diese Nische an speziellen Dienstleistungen auch ganz gut dafür nutzen, einer prekären finanziellen Situation entgegenzuwirken. Um zum Beispiel neben einem schlecht bezahlten Job jede Menge Geld relativ leicht dazuzuverdienen. Wobei sich die Annahme, BDSM sei ans Dienstleistung genau das, nämlich relativ leicht auszuüben, als falsch herausstellt. Im wahrsten Sinne des Wortes am eigenen Leib erfährt dies titelgebende Sozialarbeiterin Kika (Manon Clavel in ihrem Spielfilmdebüt), die sich, wie es der Zufall will, frisch verliebt. Auf Glück folgt jedoch Pech: Partner David verstirbt bei einem Unfall und hinterlässt Kika und ihrer Tochter eine Wohnung, aus die sie bald ausziehen müssen, weil eben nicht mehr leistbar. Wohin also nun? Zurück zur alten Beziehung? Bei den Großeltern leben? Fürs neue Eigenheim reicht das Geld nicht, also kommt Kika auf eine ganz besondere Idee, auf die sie eine ihrer Klientinnen gebracht haben: Sie verkauft ihre getragene Unterwäsche – Kunden dafür gibt es tatsächlich. Willkommen in der Welt der für viele gewöhnungsbedürftigen Sexualpraktiken.

Schlag mich, heile mich

Fäkalien im Plastiksackerl, Wickelstunde für ältere Männer – angesichts solcher Bedürfnisse ist das schnöde Auspeitschen nackter männlicher Hinterteile direkt profan. Und doch gelingt es Regisseurin Poukine all diese frei geäußerten, nicht mehr ganz so geheimen Wünsche auf behutsame, wohlwollend neugierige Art zu hinterfragen. Dabei verwöhnt uns Madame Kika nicht nur mit dieser einen Seite der Dienstleistung am Ende der sexuellen Nahrungskette – wohl deutlich mehr Gewicht liegt in der existenziellen Entwicklung besagter Alltags-Entdeckerin selbst, die im Zuge ihrer Genese zur Domina bald schon selbst den einen oder anderen Schmerz nicht mehr verdrängen will.

Irgendwann will Madame Kika von einem Kunden wissen, was für einen Nutzen diese ausgeübte Gewalt denn eigentlich habe? Es ist ein Schmerz, sagt dieser, den er steuern kann, wenn schon die Pein eines chronischen Nervenleidens keine Sekunde Ruhe lässt. Es ist ein Schmerz, den man kontrollieren kann. Es ist das Hindurchgejagtwerden durch die Dunkelheit, von der man weiß, sie hat ein Ende, sobald man Rot sagt. Orange ist dabei die Farbe der Linderung.

Zwischen Sozial- und Psychodrama

Kontrolle, Selbstbestimmung, die vereinbarte Dosis des Abgründigen: Madame Kika widmet sich des drohenden Verlustes der eigenen Regie in einer unkalkulierbaren, unberechenbaren Welt, in der man plötzlich vor dem Nichts stehen kann. Konzeptionelle Sexualität ist dabei ein Anker, der einen nicht ins gänzlich Ungewisse weitertreibt. Mit dieser Erkenntnis im Beipack akzeptiert man erst und schätzt dann gar die erratische, oft arg sprunghafte Erzählform. Das Ausgesparte strafft den Film, und dort, worauf es ankommt, fehlt keine Minute. In dieser bizarren Welt der rotlichternen Servicekultur ergibt sich die Chance, weniger die voyeuristische Ader auszuleben als vielmehr besser verstehen zu können, wie wenig so viele mit dem konventionellen Regelwerk etwas anfangen können, das zur sozial integren Selbstheilung rät.

Dass Poukine dabei immer wieder zu sehr den Fokus auf das Sozialdrama legt, die der Psychostudie manchmal den Rang abläuft – darüber lässt sich hinwegsehen. Letztlich bleibt Madame Kika vor allem als gewagter, exotischer Lokalaugenschein, den man, je nach Vorlieben, sonst wohl kaum wagen würde zu begehen, in Erinnerung. Könnte ja sein, dass sich dabei eine seltsame Welt auftut.

Madame Kika (2025)

Honey Boy

OH MEIN PAPA…

6,5/10


honeyboy© 2020 Amazon Studios

LAND: USA 2020

REGIE: ALMA HA’REL

DREHBUCH: SHIA LABEOUF

CAST: SHIA LABEOUF, NOAH JUPE, LUCAS HEDGES, CLIFTON COLLINS JR., FKA TWIGS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


…war eine wunderbare Clown“. Nicht nur Freddy Quinn, sondern auch Shia LaBeouf können davon ein Liedchen singen. Letzterer beruft sich dabei aber auf seine eigene Art von entbehrungsreicher Kindheit, aus der es sich nicht unbeschadet hervorgehen lässt, sowas bringt je nach Intensität eine posttraumatische Belastungsstörung mit sich. Erstens ist einem Kind mit gerade mal zwölf Jahren der Status eines Kinderstars auch nicht egal, und zweitens übernimmt man als Kind mit gerade mal zwölf Jahren auch nicht gerne die Verantwortung über eine Vaterfigur, die nicht von sich behaupten kann, für den eigenen Nachwuchs ein gutes Vorbild zu sein. Im Film heißt der Junge Otis, und Oh mein Papa deswegen, weil nämlicher tatsächlich mit clownesken Nummern inklusive Theaterhuhn sein Geld verdient hat. Aber wie so oft im Showbiz: die rote Nase kommt dann eher vom Hochprozentigen. Um den Altvorderen wieder auf die Spur zu holen, gibt´s einen neuen Job. Auftraggeber: der eigene Sohn, der aufgrund seines Engagements ein gutes Einkommen hat und der seinen Vater somit aus der Gosse holt. Was nicht heißt, dass Otis nicht auch noch einen väterlichen Support vom Jugendamt beigesteuert bekommt – der aber für den leiblichen Vater ein rotes Tuch zu sein scheint. Bei so einem Durcheinander erzieherischer Parameter sind Konflikte und Abstürze vorprogrammiert.

Und daher verwundert es nicht, dass Honey Boy auf zwei Zeitebenen fährt, um Symptom und Ursache gegenüberzustellen. Als erwachsener Otis (also eigentlich Shia LaBeouf) gibt Lucas Hedges den rastlosen Set-Tiger, der im 24Stunden-Takt und mit allerlei unterstützenden Drogen andauernd auf hundert Sachen fährt und mitunter auch so manchen Schaden verursacht. Was folgt, ist eine Zwangseinweisung in ein Therapiezentrum, um der Psyche Herr zu werden. Im Zuge dessen erzählt Hedges aus seiner Vergangenheit – in der wir Noah Jupe (bekannt aus Wunder oder A Quiet Place) und natürlich einem verfremdeten Shia LaBeouf begegnen, mit Halbglatze und schulterlangem Haar, was irgendwie widerlich aussieht. Ungefähr genauso gibt sich der Filmvater, zeigt sich von einer sagenhaft herablassenden Seite und meint, auf diese Weise die Abhängigkeit von seinem Sohn kompensieren zu können. Honey Boy wird zu einem familiären Krankheitsbild, zu einer kleinen, konzentrierten Studie über Abhängigkeiten und dem Hinterfragen von hierarchischer Ordnung innerhalb eines Familiensystems. Unterm Strich wird klar, dass die Hilflosigkeit der eigenen Eltern zu einer Bürde der Verantwortung für den Nachwuchs wird, der diesen Brocken einfach niemals stemmen kann – und auch niemals sollte.

Shia LaBeouf sieht man vermutlich mit anderen Augen. Und nicht nur ihn, vielleicht auch so manch eine andere exaltierte Rampensau, die womöglich niemals jemanden hatte, der in der Erziehung die so wichtigen Grenzen gezogen hat. Eine intime, persönliche Arbeit ist Honey Boy geworden – nichts fürs große Kino. Aber ganz bestimmt für den Ex-Transformers-Star – als erklärendes Statement für sein eigenes Verhalten.

Honey Boy

Willkommen in Marwen

MINIMUNDUS FÜR DIE SEELE

6,5/10

 

Untitled Robert Zemeckis Project© 2019 Universal Pictures International Germany

 

LAND: USA 2019

REGIE: ROBERT ZEMECKIS

CAST: STEVE CARRELL, LESLIE MANN, DIANE KRUGER, MERRITT WEVER, GWENDOLINE CHRISTIE, ELZA GONZÁLES U. A.

 

Einem Schulfreund von mir, dem ist ähnliches passiert. Wurde zu später Stunde an einer Imbissbude von seltsamen Typen bedrängt, die ihn auf einen Pfefferoni einladen wollten. Nach dankender Ablehnung dann eine wie aus heiterem Himmel ungebändigte Entladung hasserfüllter Aggression. Die Folge: Gesichtsfrakturen, Spitalsaufenthalt, Gerichtstermine und ein Trauma, das lange nachhält. Und überwunden werden kann, wenn man nicht allein bleibt. Therapie, Familie und Freunde, das alles kann vieles wieder gut machen, auf dem Weg zurück in den Alltag. Manch einer aber scheint so sehr zu verzweifeln, so sehr erniedrigt und gebrochen worden zu sein, dass die Erschaffung einer erdachten Reserve-Welt das einzig probate Mittel scheint. Wie bei Mark Hogencamp. Der ist einer, der war mal Illustrator mit begnadetem Talent. Und einer, der gerne Frauenschuhe trug, am liebsten High Heels. Genau weiß Hogencamp das auch nicht mehr. Aber was weiß er schon, oder besser gesagt was weiß er noch, nachdem ihm Neonazis auf offener Straße das Gedächtnis aus dem Kopf geprügelt haben. Kellnerin Wendy hat ihn dann gefunden. Und das Leben wurde ein anderes, ganz anders als zuvor.

Klingt fast ein bisschen nach In Sachen Henry. Wer sich noch erinnern kann – Harrison Ford wurde da zwar nicht halbtot geschlagen, allerdings wurde ihm in den Kopf geschossen. Willkommen in Marwen hätte eine ähnliche Leidens- und Genesungsgeschichte werden können – bewegt sich aber auf ganz anderen Pfaden und lässt sich nur bedingt mit Mike Nichols Drama vergleichen. Dieser tatsächlich existierende Hogencamp, der wusste zwar noch, wer er war, doch die feinmotorischen Skills für seine Arbeit, die waren dahin. Stattdessen hielten Furcht, Schmerz und Ohnmacht Einzug in das Leben einer wie ausgewechselten Persönlichkeit. Und irgendwann waren sie dann da: Puppen. So groß wie Barbies und meistens weiblich. Und jede von ihnen ein Äquivalent zu real existierenden Frauen, die nach besagtem Tag X an seiner Seite blieben. Letztendlich auch die neue Nachbarin, die rothaarige Nicol. Diese Puppen – die sind aber längst mehr als nur der Ausdruck einer Leidenschaft fürs Sammeln. Sie sind die Bewohner einer fiktiven belgischen Stadt namens Marwen zur Zeit des zweiten Weltkriegs. Marwen – das setzt sich zusammen aus Mar für Mark und Wen für Wendy, seiner Lebensretterin. Bedroht wird die dörfliche Idylle im Vorgarten von gewaltbereiten, fiesen Nazi-Schergen, die ungefähr das platte sinistere Charisma der Schurken aus Inglourious Basterds haben. Wer in dieser erträumten und auf Foto gebannten Parallelwelt aber zuletzt lacht, lacht am besten – Marks letztes Fünkchen Widerstand in Gestalt des mutigen US-Piloten Captain Hogie, eine Art John Wayne als Beschützer seiner selbst und all der Bewohner Marwens. Und dieses Minimundus für die Seele, dieser schreinartige Kurort, der zieht sich bis in die eigenen vier Wände und dominiert Hogencamps ganzes Dasein.

Allerdings – und das ist ein wichtiger Unterschied – nicht auf eine Weise, die mit einer Flucht vor der Realität gleichkommt. In Filmen wie Pans Labyrinth, Sucker Punch oder Mirrormask suchen vorwiegend junge Mädchen in einer von ihnen erdachten Welt als inhärenter Teil die Lösung für ihr Problem. Ebenso in Sieben Minuten nach Mitternacht oder I Kill Giants interagieren die psychisch Leidenden mit Wesen, die nur in ihrer Vorstellung existieren. Oder sagen wir so – sie sind überzeugt davon, dass sie existieren, für den Moment, ohne diese Realität hinterfragen zu wollen. Mark Hogencamp betrachtet seine Welt stets von außen, er ist Fotograf, ein Beobachter, er erdenkt das Abenteuer, welches wir sehen, als normalen kreativen Prozess, wie jeder andere Künstler auch, der Geschichten erfindet, um erlittene Kränkung zu bannen und auf eine verfremdete, simplifizierte Weise wiederholt durchzuspielen.

Robert Zemeckis, Schöpfer von Klassikern wie Forrest Gump, kennt sich mit realen Schicksalen und Grenzgängern auf alle Fälle gut aus. Und er hat eine Vorliebe dafür, mit Motion Capture zu experimentieren. Die Legende von Beowulf oder der Weihnachtsfilm Der Polarexpress waren erste Pionierarbeiten auf diesem mittlerweile ums x-fache verfeinerten Gebiet der Charakter-Animation. Mit dem Fotokünstler Hogencamp hat Zemeckis die Biographie eines Menschen aufgegriffen, der seine Katharsis selbst gewählt hat und sich so therapieren konnte. Interessant auch, wie Zemeckis sich selbst zitiert, vor allem seinen Klassiker Zurück in die Zukunft, als Wunschtraum dafür, Geschehenes ungeschehen zu machen. Im Ganzen ist die True Story für ihr Genre ungewohnt bunt, dabei durchaus berührend und irgendwie kurios, aber niemals belächelnd. Ein kleines Psychodrama aus der Vorstadt, mit einem sagenhaft guten Steve Carrell, der wie ein Protagonist aus einer Episode von Elisabeth T. Spiras Alltagsgeschichten mit seinem dackelgroßen Jeep voller Figuren die Straße entlangstolpert. Das sind an sich sehr persönliche, verletzliche Momente, die das animierte Puppentheater, das irgendwann sogar die Realität durchdringt, wie einen schützenden Vorhang umgibt. Dieser Vorhang, der mag, kennt man die Hintergründe nicht, relativ dick aufgetragen sein und nicht dem Zweck entsprechen. Mit dem trashigen Miniaturdrama, dass sich parallel oder als Teil von Hogencamps Psychogramm abspielt, kann man sich entweder identifizieren, es verstehen oder fragwürdig finden. Doch der Weg zur Befreiung von den eigenen Dämonen muss nicht gefallen. Sondern vor allem eines: er muss heilen.

Willkommen in Marwen

Der verlorene Sohn

SEELENGEISSELN MIT DEM BIBELGÜRTEL

6,5/1

 

BOY ERASED© 2018 Kyle Kaplan / Focus Features

 

ORIGINALTITEL: BOY ERASED

LAND: USA 2018

REGIE: JOEL EDGERTON

CAST: LUCAS HEDGES, NICOLE KIDMAN, RUSSEL CROWE, JOEL EDGERTON U. A.

 

Der liebe Gott will das alles gar nicht. Nicht diese Qual, nicht diese Verzweiflung. Menschen, die im mehrere Bundesstaaten umfassenden Biblebelt ihre Homosexualität entdecken, können sich glücklich schätzen, wenn es keiner merkt. Denn gleichgeschlechtliche Liebe, die ist im Südosten der USA etwas, das für all die anderen frommen Gläubigen nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Da muss die mittelalterliche Ahnung einer manipulativen Finsternis herhalten, die sich im Hexenwahn Europas und in der Manifestation des Teufels in den Dingen des Alltags schon Jahrhunderte zuvor austoben konnte, zum Leidwesen tausender unschuldiger Opfer. Erschreckend, dass sich diese Auslegung der heiligen Schrift im Pietismus der evangelikalen Kirche in zwar gesitteter, aber nicht weniger grausamen Form erhalten hat. Denn Homosexualität ist nichts, was den lieben Gott sauer aufstößt. Sondern Teil einer komplexen Biologie, die weder umgepolt, noch verdrängt, noch weggebetet werden kann.

Diese Erkenntnis hat der 19jährige Jared nach seinem Austreibungsseminar allerdings auch erlangt. Und noch etwas ist ihm klar geworden: Das die Reparativtherapie des bigotten (ebenfalls homosexuellen) Seminarleiters Victor Sykes nichts anderes als sektiererische Gehirnwäsche sein kann, in der Schwule und Lesben Sünden bekennen müssen, die sie bei Gott nicht getan haben. Schon wieder Gott, obwohl Vater unser in Joel Edgertons Film nur lediglich namentlich erwähnt wird – und sich ganz weit entfernt hat von Menschen, die die Weisheit mit dem letzten Abendmahl gegessen und keine Ahnung davon haben, wie das Wesen Mensch überhaupt funktioniert. Das sind auch die, die womöglich daran glauben, dass unsere Welt erst 6000 Jahre alt ist. So einem Schwachsinn sind junge Menschen wie Jared ausgeliefert. In Person des eigenen Vaters (schwerfällig: Russel Crowe), Victor Sykes und der Gesellschaft eines ahnungslos intoleranten Glaubens. Denn Glauben heißt doch nichts wissen. Und weiß man einmal mehr, ist man verdächtig. Jared, der fügt sich erstmal, macht gute Miene zum beschämenden Spiel. Und findet sich im Laufe des therapeutischen Programms in einem zermürbenden Umfeld aus Erniedrigung und den Abnötigungen absurder Geständnisse wieder. Und irgendwie, so erscheint es mir, gibt es Szenen in diesem auf wahren Begebenheiten beruhenden Drama, die mich an Stanley Kubricks Antikriegsfilm Full Metal Jacket erinnern. Auch in dieser seelenbrechenden Vorhölle haben Bestimmer jungen Menschen deren Identität geraubt – zwar nicht ihre sexuelle, aber sonst den ganzen Rest. Die Ideale, die nach diesem Flächenbrand zurückbleiben, sind jene, die zur erfolgreichen Vernichtung des anderen führen, und die bereits im Drill der Kadetten ihren Anfang nimmt. Da wie dort gibt es manche, die der psychischen Geißelung nicht standhalten können. Und bevor es zu spät ist, zieht Jared die Reißleine.

Joel Edgerton, der neben der Regie auch die Rolle des jovial-durchtriebenen Reparativtherapeuten übernommen hat, ist natürlich nicht ganz so gnadenlos perfide wie „Sergeant Hartmann“ R. Lee Ermey, aber jemand, dessen bekehrender Eifer Angst macht. Klar führt diese fragwürdige Indoktrinierung in einer Institution, die es nur gut für sich selbst meint, Erfolg maximal zur Leugnung von einem selbst. Das mitanzusehen, ist keine erquickende Bibelrunde zur Festigung der Gemeinde, und auch keine zwei Stunden entspannende Kinounterhaltung. Mit Der verlorene Sohn oder Boy Erased, wie der Film im Original heißt, arbeitet Edgerton Fakten auf, die Empörung fordern. Sein Film ist der erhellende Bildbericht eines Skandales, eine Reportage über verzweifelten Selbstverrat, über die Zensur der Freiheit, festgehalten in herbstlichen, fast ausgedörrten Bildern. Lucas Hedges, der mit Manchester by the Sea erstmals auf sich aufmerksam machte, bietet mit einer wieder mal famosen Nicole Kidman als hin und hergerissene, aber allen voran liebende Mutter überzeugende Schauspielkunst. In Rollen, die sicherlich nicht leicht zu interpretieren oder auszubalancieren sind. Die durchaus belasten können, wenn man beim Verstehen der filmischen Identität keine halben Sachen machen will.

Der verlorene Sohn bespricht ein Thema, das natürlich bereits vorhandenes, notwendiges Interesse voraussetzt. Das ungeschönte, allerdings aber auch hoch emotionale Drama ist ein sehr spezieller Film, der vor allem jenen, die sich ebenfalls die eigene sexuelle Orientierung verbieten, und zwar aus religiösen Gründen, etwas mitgeben können auf den Weg zu mehr Eigenakzeptanz und einem festeren Boden unter den Füßen.

Der verlorene Sohn

Licht

DEN EIGENEN AUGEN NICHT TRAUEN

8/10

 

licht05© Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

 

LAND: ÖSTERREICH 2017

REGIE: BARBARA ALBERT

MIT MARIA DRAGUS, DEVID STRIESOW, LUKAS MIKO, STEFANIE REINSPERGER U. A.

 

Was waren das nur für Zeiten! Rund ein Jahrzehnt vor der französischen Revolution, Maria Theresia, am Ende ihrer Reformen, aber immer noch am Kaiserstuhl und Wunderknabe Wolfgang Amadeus Mozart rührte die adelige Zuhörerschaft zu Tränen. Es war die Hochzeit des französischen Rokokos, hervorgegangen aus dem engelsgleichen Barock. Mit dieser Kunst- und Moderichtung schwappte auch das Pariser Lebensgefühl mit all seinem Sprachkolorit ins Herz Europas – in die blattgoldene Wienerstadt. Frankreich – das war damals en vogue. Wer frankophil war, war up to date, würde man heute sagen. Das Zeitalter der Perücken erreichte groteske Ausmaße. Je höher, desto besser. Je mehr Blumen und Zierrat im silbergrauen Haar – umso lieber war man gesehen, auf den nicht enden wollenden Banketten, Kammermusikkonzerten und bizarren Stelldicheins aus Körperpuder, Schminke und golden verzierten Samtgewändern. Der Rokoko – den kann man sich heutzutage ja gar nicht mehr wirklich vorstellen. Was damals zu viel war, ist heute wahrscheinlich zu wenig. Die auf Äußerlichkeiten und Etikette fixierte absolutistische Gesellschaft, eigentlich der Albtraum einer Seitenblicke-Revue auf sündteurem und klassendenkendem Niveau, frönte gefälliger Oberflächlichkeit und maßloser Zerstreuung. Am liebsten mit Musik, tönend aus dem Cembalo oder Hammerklavier, virtuos umgesetzt von talentiertem Nachwuchs, deren verdächtiges Talent womöglich mit dem eines Wolfgang Amadeus gleichzusetzen war. Dumm nur, wenn so ein Wunderkind zwar leistungstechnisch für Applaus in getäfelten Sälen sorgt, vom Aussehen her aber allerdings noch ausbaufähig wäre.

Und wie es der Zufall so will, gab es zur damaligen Zeit in Wien einen umstrittenen Wunderheiler mit dem Namen Franz Anton Mesmer, der sich des animalischen Magnetismus bedient hat. Alle, die noch nicht Roger Spottiswoode´s Biografie Mesmer mit Alan Rickman gesehen haben, werden sich jetzt fragen: Animalischer Magnetismus – was ist das für ein esoterischer Humbug? Laut dem Exzentriker vom Bodensee eine Energie, die sowohl alle Organismen als auch tote Materie durchdringt. Die überall vorkommt – und die sich leiten lässt. Man kann sie weder riechen, noch schmecken, noch sehen. Ganz so wie die menschliche Seele. Oder noch weniger, denn das Gewicht der menschlichen Seele lässt sich ja bekanntlich auf 23 g definieren. Die Magnetlinien, die durch Berühren und Streicheln umgeleitet werden, sollen die unterschiedlichsten menschlichen Beschwerden lindern. So auch Blindheit. Eines dieser Wunder, die tatsächlich stattgefunden haben sollen, erzählt von einem musisch hochbegabten Mädchen namens Maria Theresia von Paradis, eine blinde Pianistin, die im Jahr 1777 unter Mesmers Therapie tatsächlich wieder sehen konnte. Doch stimmt das? Konnte sie das wirklich? Oder war es nur der Wunsch, zu sehen? Ein Mysterium, dessen Verfilmung sich Regisseurin Barbara Albert auf höchst sehenswerte Weise angenommen hat.

Die Wirkung ihres penibel recherchierten Zeitbilds verdankt sie neben ihrem Gespür für Atmosphäre und Timing in erster Linie ihrer Hauptdarstellerin Maria Dragus. Zu Beginn des Filmes sieht man die junge Dame unter opulentem Kopfschmuck vor einem Hammerklavier sitzend und wild mit den Augen rollend. Keine Frage, diese Schauspielerin muss tatsächlich blind sein. Kennt man Maria Dragus aber bereits aus anderen Filmen, weiß man, dass das womöglich nicht stimmt. Allerdings – wenn bei einer Rolle wie dieser das Gespielte vom tatsächlichen Umstand nicht mehr zu unterscheiden ist, dann muss man beeindruckt die Perücke zücken. Licht lebt von Dragus´ Performance wie die Farben der bunten Herrenröcke von selbigem. Ihr zur Seite ein fulminant aufspielender Lukas Miko als patriarchalische Vaterfigur mit Geltungsdrang, verletztem Stolz und falscher Fürsorge. Wie kaum eine andere Figur im Film transportiert er die Geisteshaltung der damaligen Zeit nahtlos ins Hier und Heute.

Barbara Albert´s handwerklich ausgefeiltes Sittengemälde beeindruckt aber auch durch die Sprache. Das 18. Jahrhundert ist auch die Zeit gewesen, in der all die frankophone Wortgewalt über unsere geliebte deutsche Sprache hereingebrochen war. Entstanden sind Gallizismen, die wir teilweise heute noch verwenden. Gekonnt vollführt Kathrin Resetarits in ihrer Drehbuchfassung des Romans Alissa Walsers einen Gesellschaftstanz historischer Linguistik zwischen antiquiertem Sprachschatz und phonetischer Exotik. Ein Genuss, dem teils absichtlich gestelzten, höfischem Gerede und gleichzeitig lokalem Sprachkolorit zuzuhören. Ländlicher Dialekt ist hier ebenso zu hören wie deutsche Färbung bei Devid Striesows gemischtem Klang aus Theaterdeutsch und bemühtem Altwiener Slang.

Neben Die beste aller Welten von Adrian Goiginger zählt Alberts opulentes, berauschendes Kostümdrama Licht womöglich zu den faszinierendsten und stärksten österreichischen Filmen der letzten Zeit. Auf alle Fälle zu den besten dieses Jahres.

Licht