Wohin der Wind uns trägt (2025)

GELEGENHEIT MACHT ZUKUNFT

7,5/10


Eya Bellagha und Slim Baccar unterwegs nach Djerba im Roadmovie Wohin der Wind uns trägt
© 2025 Polyfilm


ORIGINALTITEL: WHERE THE WIND COMES FROM

LAND / JAHR: TUNESIEN, KATAR, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: AMEL GUELLATY

KAMERA: FRIDA MARZOUK

CAST: EYA BELLAGHA, SLIM BACCAR, SONDOS BELHASSEN, MAYA BLOUZA, LOBNA NOOMENE U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN



In Tunis ist es auch nicht gerade so, als hätte man dort die Zukunft verpasst oder wüsste nicht, was alles im Zeitalter der Information möglich sein kann. Nur weil es Nordafrika ist, braucht Europa nicht annehmen, dass Chancengleichheit nicht gefragt sei. Dabei war Tunesien wie fast jeder Staat an der afrikanischen Mittelmeerküste französische Kolonie – und bis heute verbindet die Kolonialmacht und ihre nun unabhängigen Gebiete zumindest das Zugeständnis Frankreichs, Menschen von dort nach Europa zu lassen.

Wie es dort dann weitergeht, ist eine andere Sache. Doch so weit sind wir hier noch nicht, denn der Wind, der die beiden Freunde Alyssa und Mehdi weiter tragen soll als die Möglichkeiten es hergeben, hat noch nicht mal angefangen, als Südwind seine Pflicht zu tun.

Das innige Beispiel einer Freundschaft

Alyssa und Mehdi – das ist kein Liebespaar. Beide kenne sich von klein auf, sind so etwas wie Bruder und Schwester – haben also eine Beziehung, die in den 80ern Harry und Sally für unmöglich hielten. Und die so viel Gewicht hat, dass nichts beide auch nur jemals entzweien könnte.

Vielleicht aber hält die Zukunft  Schicksale bereit, die für Konflikte sorgen. Die beide in unterschiedliche Richtungen treibt. Bobachtet man Alyssa und Mehdi aber, wie sie versuchen, die trostlose Unbeweglichkeit ihres Status Quo zwischen familiärer Verpflichtung und Jobsuche hier in Tunis zu überwinden, konfrontiert Wohin der Wind uns trägt (Im Original noch treffender: Where the Wind Comes From) sein Publikum mit dem energiegeladenen Abenteuer einer Orientierungssuche.

Nach der Decke strecken? Ist nicht!

Und taucht dabei tief in die inneren Welten seiner beiden jungen Helden ab, die wissen, wie man Gelegenheiten am Schopf packt. Nur so, nur durch Improvisation, Wagemut und Dreistigkeit, scheint man als Young Adult hier in Nordafrika nach dem Arabischen Frühling voranzukommen – man muss nur die Grenzen, die einem gesteckt werden, links liegen und Verantwortung für andere gegen Eigenverantwortung tauschen. Einen zielgerichteten, aufmüpfigen Egoismus entwickeln. Und nach Djerba düsen.

Also klauen Alyssa (berührend authentisch: Eya Bellagha) und Mehdi kurzerhand den nicht unauffälligen Jeep eines Bekannten, um zu einem Zeichenwettbewerb auf der Touristeninsel vor Tunesiens Küste zu gelangen. Mehdi ist schließlich hochtalentiert, entwirft surreale Bilder, versteht das Handwerk – und hat sein Werk auch schon eingereicht.

Belastungsprobe für Werte und Prinzipien

Auf dem Weg dorthin aber mag der eine oder andere Engpass beide vor Herausforderungen stellen, die sie so noch nicht kannten. Sie mögen ihre Prinzipien vielleicht manchmal verraten, die eigenen Grenzen dehnen und Erfahrungen sammeln, die sehr viel auch mit der Rolle der Frau in einem muslimischen Land zu tun hat. Und dem, was man ihr zugesteht, tun zu dürfen – oder auch nicht.

Roadmovies gibt es viele. Selbstfindungen währenddessen ebenso. Doch was Amel Guellaty ganz besonders hier gelungen ist, und wodurch sie ihre Reise zu etwas ganz Besonderem werden lässt, ist diese gnadenlos bedingungslose Freundschaft, dieses Zueinanderhalten und das tiefe Vertrauen, das beide einander schenken.

Platz für die inneren Welten

Berührende Momente wechseln mit dreistem Schicksals-Gambling – doch überzogen wird das Ganze nie. Eine gewisse verspielte Verträumtheit und eine Liebe zu ihren Figuren bringt Guellaty auch dazu, die inneren Welten von Alyssa in dezent gesetzten, surrealen Szenen zu visualisieren. Bei Mehdi muss sie das nicht tun – er hat seine Bilder, die seine Gefühlswelt zeigen.

Diese erfrischend unverkrampfte Sicht auf die Welt, verbunden mit dem empfundenen Recht junger Menschen, der Welt den eigenen Stempel aufzudrücken, egal wie – das trägt eine Wahrhaftigkeit in sich, die so bescheiden und virtuos daherkommt, dass sich jede Vermutung, in einem Betroffenheitsfilm nur more of the same erzählt zu bekommen, im Wüstenwind zerstreut.

Dann dreht sich der Wind

Frech und fröhlich, doch genauso mit Angst im Herzen und Wille im Verstand, fahren die beiden einer Zukunft entgegen, die so ungewiss ist, dass sich Kilometer für Kilometer nur improvisieren lässt. Irgendetwas wird passieren, hin zu Neuem oder zurück zu Altem, neu betrachtet. Eine Reise, fast schon so wie bei Paolo Coelho, nur mit dem Wind, der sich immer wieder dreht.

Wohin der Wind uns trägt (2025)

Is This Thing On? (2025)

ANLEITUNG ZUM GEMEINSAM UNGLÜCKLICHSEIN

8/10

 

Laura Dern und Will Arnett in Is This Thing On?© 2025 Searchlight Pictures All Rights Reserved.

 

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: BRADLEY COOPER

DREHBUCH: BRADLEY COOPER, WILL ARNETT, MARK CHAPPEL

KAMERA: MATTHEW LIBATIQUE

CAST: WILL ARNETT, LAURA DERN, SEAN HAYES, BRADLEY COOPER, CIARÁN HINDS, AMY SEDARIS, CHRISTINE EBERSOLE, ANDRA DAY, PEYTON MANNING U. A.

LÄNGE: 2 STD 4 MIN



Erst neuerdings hat der bayrische Kabarettist Michael Mittermeier in der von ihm wohl sehr geschätzten Wienerstadt einen Comedy-Keller eröffnet. Dieser hier, genannt Lucky Punch, dürfte die paar Etablissements, die es schon gibt, ganz gut ergänzen. So wie es scheint, lassen manche dieser Clubs einen das Mikro schnappen und drauflos improvisieren. Stand-Up Comedy nennt sich das. Fast sowas wie eine Stegreifbühne für Leute, die denken, sie wären lustig und eloquent genug, um damit ein ganzes Kellerpublikum zu begeistern.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Wie schwer sowas ist – eben lustig zu sein, die Leute zum Lachen zu bringen; den Humor an sich (denn jede und jeder hat einen anderen Sinn dafür) aus den Gedanken zu kitzeln – kann man sich denken. Umso mehr Hut ab, wenn sich da manche auf die Bühne zu stellen und losplaudern. So, wie es Alex Novak macht, dargestellt von Will Arnett, der das Zerbrechen seiner Ehe zum Anlass nimmt, um sich alles von der Seele zu reden, was eigentlich niemandem etwas angeht, was er aber so verpackt, dass es dann doch seine Relevanz hat, um vorgetragen zu werden. Ehefrau Laura Dern weiß davon zuerst nichts. Und zwar lange nicht. Was aber ist passiert?

Wenn man glaubt, sich verloren zu haben

Bradley Coopers neuer Film beginnt mit einer emotional erstaunlich aufgeräumten Alltagsszene eines Ehepaares im Badezimmer. Beim Zähneputzen stellen beide fest: es ist aus. Ob nur vorübergehend, ist nicht ganz klar. Kein Streit, keine Tränen, rein gar nichts. Als wäre die Liebe tatsächlich erloschen. Doch in Wahrheit trügt hier der Schein, und ganz andere Dinge sind hier am Querlaufen, deren Pfade geradegerückt werden müssen. Das geht nur, wenn beide sich selbst wieder finden. Schließlich haben sie sich verloren, in einem diffusen, allerdings funktionierenden Miteinander, in dem die eigene Persönlichkeit nicht mal in der anderen aufgeht, sondern in der Annahme, dieser keine Priorität mehr einräumen zu dürfen.

Ein konstruktiverer Woody Allen

Is This Thing On?, stellt der Film bereits im Titel die Frage. Läuft da noch was, oder nichts mehr? Bradley Cooper und Will Arnett, die mit Mark Chappel gemeinsam das Skript verfassten, lassen sich für die Beantwortung dieser Frage lange Zeit, doch es lässt sich schon erahnen: Arnetts Figur ist diese Trennung jedenfalls nicht gleichgültig, wuchtet er doch immer wieder, da er im Stand-Up seine neue Leidenschaft entdeckt hat, das Thema auf die Bühne.

Klar dreht sich viel ums eigene Ego, doch erstaunlicherweise nicht so viel wie in den Beziehungsfilmen von Woody Allen. Der legt seine meist psychisch etwas in Mitleidenschaft gezogenen Figuren auf die imaginäre Couch, analysiert sie und macht sich daraus seinen tragikomischen Spaß aus Worten und Skurrilitäten. Gelingt natürlich, wir alle kennen die Stärken seiner Psychokomödien. Coopers Beobachtung einer Ehe aber ist weniger Psychoanalyse als Verhaltenstherapie, als proaktive, konstruktive Lehr- und Lernstunde in Sachen Wahrnehmung, Wertschätzung und Selbstbetrachtung.

Was soll das mit dem Beziehungs-Soll?

Beziehungen, die schon lange existieren, haben meistens einen guten Grund, warum sie das tun. Vielleicht, weil man sich aneinander gewöhnt hat. Weil man Veränderungen nicht schätzt, nur weil man zu bequem ist, um diese herbeizuführen. Weil ein neues Leben sehr aufwändig ist. Oder: weil man sich ganz einfach selbst vergessen hat.

Laura Dern und Will Arnett erarbeiten sich in Is This Thing On? ihr eigenes Leben, ihre eigene Leidenschaft zurück. Für sich selbst, und für ihr Gegenüber. Mehr Abstand klärt die Sicht auf die Dinge? In diesem Fall ja. In diesem Fall setzt Cooper auf fokussierte Weise seine charmant-witzige, gefühlvolle Reise ins gar nicht dunkle Herz einer scheinbar gescheiterten Beziehung Schritt für Schritt und Auftritt für Auftritt in die richtige, vielleicht einzig richtige Richtung, ohne sich mit oberflächlichem Klamauk aufzuhalten oder sich in Nebensächlichkeiten zu verlieren, die die ganze Geschichte aufpeppen sollen. Er setzt sich zwar selbst als schräger Künstler in Szene, doch diese Nebenfigur hat Grund genug, um ein Teil des Spiegels zu sein, in den Will Arnett blickt.

Letztlich durchfährt ihn eine unglaublich weise Erkenntnis, die man selbst als Zuseherin oder Zuseher nutzen und mitnehmen kann. Für die eigene Zweisamkeit. Für das eigene Glück des Miteinanders, welches mehr aushält, als man glauben möchte. Sogar jede Menge Unglück.

Is This Thing On? (2025)

Was ist Liebe wert – Materialists (2025)

SO ROMANTISCH IST DER PARTNERHANDEL

6,5/10


© 2025 Sony Pictures


ORIGINALTITEL: MATERIALISTS

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: CELINE SONG

KAMERA: SHABIER KIRCHNER

CAST: DAKOTA JOHNSON, CHRIS EVANS, PEDRO PASCAL, ZOE WINTERS, SAWYER SPIELBERG, DASHA NEKRASOVA, MARIN IRELAND, LOUISA JACOBSON, EDDIE CAHILL U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Man möchte meinen, man fände sich bei Was ist Liebe wert in einer gediegenen, hipp-biederen Dramödie von Albert Brooks oder Nancy Meyers wieder, wo frisch verliebte Babyboomer und deren Nachkommen in Verstrickungen verwickelt sind, die fast ausschließlich für den Valentinstag geeignet sind – oder dem eigenen Jahrestag, oder passend sind fürs weihnachtliche Abhängen vor dem Fernseher, wenn die Liebe bereits durch den Magen ging. Leicht vergisst man bei diesem Film hier, inszeniert und geschrieben von Celine Song, den eigentlichen Titel: Materialists – Materialisten, Kapitalisten, sehnsüchtige Follower des guten, reichen, bürgerlichen Jetset-Lebens, die gerne Jetset-Partner hätten, die das eitle Selbst servicieren. Wenig überraschend geht es dabei weniger um die inneren Werte. Natürlich, die müssen schließlich auch stimmen, doch wenn man im viktorianischen Zeitalter dem Wissenschaftler Viktor Frankenstein begegnet wäre und gewusst hätte, er könne Menschen basteln, hätten einige den Mann oder die Frau ihrer Träume bestellt. Als wäre es ein Universalversand für Menschen, sitzen bedürftige Singles einer wie aus dem Ei gepellten, bildschönen Businessfrau namens Dakota Johnson gegenüber, die in gelerntem Kundenverständnis den Ansprüchen materialistischer einsamer Seelen lauscht, die sich einerseits weltgewandt und andererseits gar nichts von der Welt verstehen und auch nicht, worauf es ankommt. Es ist, als wäre der Wunschpartner die Farbe in einem Musterkatalog, als wäre Johnson die Spezialistin für Inneneinrichtung, als könnte man in der erwünschten Zweisamkeit jeden Zufall ausschließen, je genauer die Parameter gesetzt werden.

Celine Song, die vor zwei Jahren mit ihrem introvertierten, leise melodisch klingenden Sehnsuchtsdrama Past Lives für Aufsehen gesorgt und damit garantiert hat, dass man die Filmemacherin so schnell nicht wieder vergisst, weiß auch auf indirektem Wege die gesellschaftlichen Irrungen im Zeitalter künstlicher Intelligenz nachzuzitieren. Es scheint, als wäre es möglich, einen Partner mithilfe eines Prompts entstehen zu lassen. Makellos und akkurat, das Mindeste für die Liebe. Derlei Ansprüche hat eben auch Dakota Johnson, die als Lucy Mason den Spuren von Marylin Monroe und Lauren Bacall folgt und sich nur dann Männer angelt, wenn sie Millionäre sind. Da hat ihr Ex John (in erfrischend chaotischer, liebevoller Grunge-Manier: Chris Evans) längst das Nachsehen. Pedro Pascal, Liebkind Hollywoods und womöglich dank seines unkomplizierten Teamspirits gefühlt in jeder Produktion dabei, hat das nicht. Der ist stinkreich, charmant bis in die Zehennägel und fast schon zu glatt, um wirklich authentisch zu sein. Je länger man aber diesem adretten Gentlemen bei der stilvollen Anmache zusieht, umso mehr glaubt man selbst daran, dass dieser Harry Castillo so ist, wie er ist. Eine, wie man später herausfinden wird, durchkomponierte Fassade des Selbstbetrugs.

So, Dakota, wer soll nun dein Herzblatt sein?, tönt Susi es aus dem Off wie damals in Rudi Carrell’s Herzblatt-Show. Inmitten peripheren Erwachens so mancher Partnersuchenden, die feststellen, sich allzu sehr auf die Oberfläche verlassen zu haben, kurven Johnson und ihre beiden Männer in wortgewandten, aber allzu enstressten Gesprächen über Wert und Unmöglichkeit von Zweisamkeit an romantischen Plattitüden vorbei. Die Eloquenz, der geistreiche Exkurs zum Zeitgeist, den sich Celine Song von der Seele geschrieben zu haben scheint, heben die augenscheinlich formelhafte, urbane Lovestory aus dem Morast ausgetretener Klischees, um im Hier und Jetzt anzudocken. Mitunter auch dort, wo toxische Männlichkeit gut getarnt die Partnerlosen beschenkt, wo Selbstinszenierung und Rollenbilder ihr Fett wegbekommen, dabei aber gleichzeitig neu erfunden werden.

Songs Wege gehen letztlich allesamt Richtung Herz, das hat sich im Genrekino wie diesem seit Jahrzehnten nicht verändert. Den Willen, im Kino zu sehen, wie andere das Richtige tun, können Filmemacher nicht ignorieren, wohl aber die Art und Weise, wie man ihn erfüllt.

Was ist Liebe wert – Materialists (2025)

Flow (2024)

WENN TIERE DEN HUMANISMUS PROBEN

7/10


© 2024 Polyfilm


ORIGINALTITEL: STRAUME

LAND / JAHR: LETTLAND, BELGIEN, FRANKREICH 2024

REGIE: GINTS ZILBALODIS

DREHBUCH: GINTS ZILBALODIS, MATĪSS KAŽA

MUSIK: RIHARDS ZAĻUPE

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Das Ganze ist wie ein Traum. Niemand weiß, wo genau sich dieses Szenario abspielt, niemand weiß, ob es jemals Menschen waren, die diesen seltsamen Planeten, der unserer Erde so sehr ähnelt und dann wieder doch nicht, besiedelt hatten. Klar ist: Eine Zivilisation, gleich der unseren, ist der großen Katastrophe erlegen. Es scheint, als wäre die biblische Sintflut über alles und jeden gekommen, der sich selbst keine Arche gefunden hat. Und selbst an den höchsten Punkten dieser Welt glänzt das menschenähnliche Individuum durch Abwesenheit. Was passiert war, lässt sich nicht herausfinden. Was vorher war, auch nicht. Was ist, das sehr wohl: Eine Welt ohne uns, ohne Dualität, ohne Niederträchtigkeit, Gier, Krieg und Elend. Eine Art Eden kehrt zurück, nachdem das Wasser den Unrat einer schweren Zeit fortgespült hat. Was bleibt, ist die Fauna. Eine schwarze Katze zum Beispiel, namen- und wortlos, schnurrend, miauend, fauchend maximal. Das kleine Wesen versucht zu überleben, stößt dabei auf einen Hund, verliert diesen wieder aus den Augen, trifft dann, nachdem alles in den Fluten versinkt, auf ein kleines Segelboot, in dem ein gemütliches Capybara hockt und den Neuankömmling anfangs noch kritisch beäugt, dann aber akzeptiert. Die trockene Nussschale dient bald noch anderen Individuen als Schutz vor den Unwirtlichkeiten der Natur, unter anderem einem Katta und einem storchenartigen Vogel, der sehr an einen Sekretär erinnert, nur ohne dessen Färbung.

Bizarre Felsnadeln ragen in den Himmel, versunkene Städte erinnern an Venedig, zerstörte Boote an den vergeblichen Versuch einer Zivilisation, zu überleben. Und dann wagt Regisseur Gints Zilbalodis (Away – Vom Finden des Glücks) seine große gesellschaftsphilosophische Betrachtung, indem er seine zusammengewürfelte Gruppe unterschiedlichster Lebensformen einer intuitiven probe unterzieht. Allen voran stellt er die Frage: Was bewegt eine diverse Gesellschaft, aus ihrer Existenzblase zu treten, um miteinander zu kooperieren? Ist es das Chaos? Ist es die Heimatlosigkeit? Der Motor einer kognitiven Evolution tritt in Kraft. Im Grunde ist es doch so, das, würde die Welt in ihrer Ordnung verharren, keines dieser Tiere aufeinander zugehen würde. Tiere sind Spezialisten, sie entwickeln keine Toleranz und interagieren unterstützend innerhalb ihrer eigenen Art. Dann aber die Katastrophe, das Übergreifen aus dem eigenen Radius hinaus in jenen der anderen. Was entsteht, ist Altruismus, Faktoren des menschlichen Zusammenlebens und der Akzeptanz. Einheit trotz oder gerade durch Vielfalt – Flow macht dabei nicht den Fehler, Katze, Hund und Co zu vermenschlichen, sondern lässt sie in ihrem tierischen Verhalten fest verankert, während der humanistische Faktor lediglich hinzukommt. Man könnte natürlich Entertainment-Werke wie Madagaskar als weiteres Beispiel nennen, auch hier muss eine tierische Gruppe aus Löwe, Giraffe, Zebra, Nilpferd und Pinguin eine Zweckgemeinschaft eingehen, doch hier ist es vorrangig der Kalauer und die vermenschlichte Darstellung der Tiere mitsamt zeitgemäßer Phrasendrescherei. Madagaskar führt da auch nichts anderes im Schilde als Spaß haben zu wollen, während Flow auffallend mehr erzählt, es kehrt Orwells Farm der Tiere um, schafft Zuversichtlichkeit und Vertrauen in einer unberechenbaren Welt, in der nichts mehr so ist, wie es einmal war. Auch Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger ließe sich vergleichen, nur ohne menschlichem Faktor als Person – dieser offenbart sich lediglich als Idee.

Darüber hinaus begeistert Flow nicht nur dank seiner diversitätsbejahenden Botschaft, sondern ist dank seiner farbsatten, dynamischen Bildwelten, die dank der entschleunigten Kamera in sich ruhende Momente der Betrachtung zulässt,  für die große Leinwand gemacht. Das Wasser gluckert, sprudelt, fließt, der Wind bläst, der Hund bellt, das Capybara grunzt, der Vogel kreischt. Sie alle haben ihre Art zu kommunizieren, und auch wenn sie sich untereinander kaum verstehen, so ist es die Geste des Respekts, der sie alle weiterbringt. In dieser universellen filmischen Botschaft kann man sich verlieren und treiben lassen. Denn niemand geht in dieser und in anderen Welten jemals verloren.

Flow (2024)