Weapons – Die Stunde des Verschwindens (2025)

HAMELN LIEGT IN PENNSYLVANIA

8/10


© 2025 Warner Bros. Entertainment


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: ZACH CREGGER

KAMERA: LARKIN SEIPLE

CAST: JULIA GARNER, JOSH BROLIN, ALDEN EHRENREICH, AUSTIN ABRAMS, BENEDICT WONG, CARY CHRISTOPHER, AMY MADIGAN, TOBY HUSS, JUNE DIANE RAPHAEL, SARA PAXTON, JUSTIN LONG U. A.

LÄNGE: 2 STD 19 MIN


Wie kleine Flugzeuge düsen die Schattenrisse sämtlicher Kinder aus der Nachbarschaft über die von nächtlichen Laternen beleuchteten, regennassen Asphaltwege und getrimmter Rasenflächen einem unbekannten Ziel entgegen. Diese Szene, die man bereits im Trailer zum Film Weapons – Die Stunde der Verschwindens verstört betrachten kann, lässt erschaudern. Was hat Zach Cregger jetzt wieder angestellt? Ist er der neue. Meister des Horrors, des subversiven, nachhaltigen Grusels? Leute, die Barbarian gesehen haben, können ungefähr erahnen, mit welchen Methoden der Autorenfilmer aus Virginia hier abermals das Genre neu definieren will.

Der Stilbruch als Methode

Mit Barbarian hat sich Cregger seinen Platz als innovativer Horrorfilmer bereits gesichert – erst kürzlich konnte ich den subversiven Querschläger von meiner Watchlist streichen, nicht ohne mir klar geworden zu sein, dass es noch unzählige Wege geben kann, wie man filmische Glaubenssätze und alteingesessene Do’s und Dont’s genüsslich über den Haufen wirft, weil man als Künstler niemandem folgen muss. Als Neuer Wilder, zu denen auch Ari Aster gehört oder die Gebrüder Philippou (Talk to Me), muss sich Cregger um nichts scheren. Er wirft das geradlinige Storytelling völlig über Bord und ordnet seine zutiefst mysteriösen Entwürfe zu einem Origami, dessen Form und Bedeutung man lange nicht versteht. Typisch für Cregger ist der kompromisslose Bruch mit der Tonalität, mitunter auch dem visuellen Stil. War Barbarian schon ein bisschen wie filmische Zwölftonmusik, spielt Weapons – Die Stunde des Vrschwindens auf der Klaviatur beklemmender Recaps, die immer wieder die selbe Geschichte erzählen – nur aus immer wieder anderen Blickwinkeln. Dieses Rückspulen, das Neusetzen der Perspektive und das mosaikartige Ergänzen eines erschreckend rätselhaften Falls, der nicht unwesentlich an die Sage des Rattenfängers von Hameln erinnert, mag eine ganze Menge Zuseherinnen und Zuseher irritieren. Was Cregger nämlich liefert, ist kein atmosphärische Near-History-Grusel wie das Conjuring-Universum rund um das Ehepaar Warren und die Puppe Annabelle. Es ist auch kein Geisterbahn-Horror wie bei Stephen King, der die Kleinstadt Derry als Spielplatz des Bösen entdeckt hat. Wobei: Zwischen Derry und David Lynchs nicht unwesentlich weniger schauderhaftem Folk-Horror-Hotspot Twin Peaks liegt irgendwo neben der Spur Maybrook, im Nordosten der USA, genauer gesagt in Pennsylvania, wo herbstfrische Mieselsucht die depressive Stimmung nach dem unerklärlichen Verschwinden von 17 Kindern nur noch unterstützt.

Das Unheil im Banalen

Tief betroffen davon ist Lehrerin Justine (Julia Garner), da die verschwundenen Kinder allesamt aus ihrer Klasse stammen – bis auf einen, den jungen Alex. Hier legt Cregger schon die erste Spur, doch viel anfangen kann man damit noch nicht. Im weiteren Verlauf rückt Josh Brolin ins Bild, er selbst verzweifelter Vater, der versucht, ein System hinter all den Vorkommnissen zu finden. Cregger splittet seinen Horror aber noch mehr auf – durch die Gegend geistert neben dem Schuldirektor Benedict Wong ein Polizist und ein Junkie, spätestens da variiert die knallharte Mystery seinen Rhythmus, erzählt scheinbar völlig andere Geschichten, wagt den Schritt ins Komödiantische, was irritierender nicht sein könnte. So bewegt und variiert Weapons – Die Stunde des Verschwindens ist, so kurios ist seine Eskalation, mutiert zum brachialen Horror, zur Kasperliade, zum investigativen Kriminalfall. Die Metaebene, die sich zivilisationskritischen Betrachtungen über Macht, Instrumentalisierung und Missbrauch hingibt könnte einem dabei glatt entgehen.

Cregger, der sein Können nach Barbarian nochmal perfektioniert, weiß, dass er auf diese Weise Genre-Vorbilder auch mal zitieren darf, dass er Formeln verwenden und nur anders aneinanderknüpfen braucht, um sein eigenes Ding zu gestalten. Zwischen Folk-Budenzauber, der Inkarnation des Bösen und zynischen Schicksalsschlägen wirkt die knackige, brillant geschnittene Collage wie aus einem Guss. Ob man lachen oder sich fürchten soll – manchmal ist dabei die Entscheidung die falsche, und genau das macht Weapons so besonders. Denn gerade im Harmlosen liegt das Unheil auf fruchtbaren Boden.

Weapons – Die Stunde des Verschwindens (2025)

Fair Play (2023)

MANN HAT ES – FRAU AUCH

7,5/10


fairplay© 2023 MRC II Distribution Company, L.P.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE / DREHBUCH: CHLOE DOMONT

CAST: PHOEBE DYNEVOR, ALDEN EHRENREICH, EDDIE MARSAN, RICH SOMMER, GERALDINE SOMMERVILLE, SEBASTIAN DE SOUZA, BRANDON BASSIR, SIA ALIPOUR U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Sie sind jung, sie sind ehrgeizig und aufstrebend, sie sind… von gestern. Zumindest einer der beiden, und zwar er, der ach so verständnisvolle Mann im Haus, genannt Luke. Als Analyst in einem Investmentunternehmen teilt er sich den Arbeitsplatz mit seiner Geliebten und alsbald Verlobten, der nicht minder karriereorientierten Emily. Noch ist alles eitel Wonne, beide sind beruflich auf Augenhöhe, beide müssen sich vom CEO Mr. Campbell (fies: Eddie Marsan), einem sardonischen Kapitalhai, der keinen Respekt vor Untergebenen hat, Beleidigungen jedweder Art gefallen lassen und dürfen ganz sicher nichts Privates mit in die Firma nehmen. Daher ist auch die Liaison der beiden streng geheim. Beide tun so, als wäre nichts. Daheim aber ist die Liebe am Lodern, die Leidenschaft ebenso, und die Männlichkeit drauf und dran, ins stereotype Heldenhafte zu wachsen, geht doch das Gerücht um, das Luke alsbald den Preis für seine Zielstrebigkeit kassieren wird: als neuer Portfoliomanager (was immer das auch ist) soll er den ins Off gekickten Vorgänger, der schon mal Nerven schmeißend die Elektronik seines Büros zertrümmert hat, bevor er gehen hat müssen, ersetzen.

Normalerweise könnte man meinen: Natürlich bekommt der Mann den Zuschlag, wir leben schließlich und leider Gottes in einer diskriminierenden Welt. Doch es kommt anders. Emily gerät in den Fokus der Chefetage – nicht, weil Frauenquoten erfüllt werden müssen, sondern weil sie genau das leistet, was Campbell als vielversprechend für die Erfolgskurve seiner gnadenlosen Diktatur betrachtet. Und nun stellt sich die Frage: Ist Luke als Mann von Morgen bereits so weit in der neuen und gerechten Ordnung einer Gesellschaft angekommen, die akzeptiert, wenn das „schwache Geschlecht“ plötzlich mehr Macht und Geld hat als jenes angeblich starke, das immer noch glaubt, Frauen beschützen zu müssen?

An diese Umkehrrechnung macht sich Langfilmdebütantin Chloe Domont heran, ohne auf Klammern, Plus- und Minuszeichen zu vergessen. Diese Gleichung geht auf, ihr selbst verfasstes Karrieredrama ist spannend und aufwühlend wie ein Thriller, bissig wie eine Satire und so beobachtend wie ein Psychodrama. Netflix holt sich Fair Play – ein Titel, der recht austauschbar anmutet, aber man sollte sich nicht davon abschrecken lassen – als eines seiner Highlights des diesjährigen Streaming-Jahres ins Programm. Wer hätte das gedacht, dass ein Werk, von dem man glauben hätte können, es wäre ein regressiver Schmachtfetzen mit Liebe, Intrigen und wilder Romantik im Stile der 50 Shades of Grey, letztendlich eine Schärfe an den Tag legt, die gesellschaftlichen Machtkämpfen wie Michael Crichtons Enthüllung längst das Wasser reichen kann. Prickelnde Erotik, erwartbares Hickhack im Rahmen eines zu erwartenden Rosenkrieges – ganz so einfach macht es sich Chloe Domont in ihrem selbst verfassten Skript zum Glück nicht.

Dankenswerterweise darf Alden Ehrenreich, der junge und zu Unrecht verschmähte Han Solo, seinen normativen Gentleman raushängen lassen – verständnisvoll, scheinbar aufgeschlossen dafür, Paradigmenwechsel gutzuheißen und liberal bis dorthinaus, um seiner besseren Hälfte jenen Erfolg zu gönnen, den wohl er selbst gerne gehabt hätte. Zugegeben, das ist nicht leicht, die eigene Niederlage wegzustecken. Doch wo hört da die in Fleisch und Blut übergegangene Erziehung von vorgestern auf, als wir alle noch die alten und unfairen Rollenbilder gelehrt bekamen? Wo fängt die Loslösung davon eigentlich an? Und ist sie überhaupt schon im Gange? Oder sind das alles nur Lippenbekenntnisse? Dieser Analyse muss sich Ehrenreich stellen, während Phoebe Dynevor (bekannt aus Bridgerton) die neue Ordnung dankend annimmt, ohne dabei aber in einen ähnlichen Chauvinismus zu verfallen, wie ihn Männer manchmal haben. Dieses Ungleichgewicht und der stets scheiternde Versuch, berufliche Neuordnung nicht gleich als Entmannung anzusehen, machen Fair Play zu einer stets aufgeräumten und niemals allzu dreckigen, aber intelligenten Nabelschau, die, noch viel stärker oder zumindest gleich stark wie Greta Gerwigs Satire Barbie, gerade jene Versatzstücke seziert, die urbanes Mann-Sein öffentlich ausmacht. In der erbarmungslosen Welt des Geldes und des Erfolges, die keinerlei Werte kennt, außer den der Gewinnmarge, sind noble Vorsätze wie Fürze im Wind.

Es tut fast körperlich weh, Ehrenreich bei seiner Entmannung zuzusehen. Erschreckend dabei ist: Nichts davon scheint so sehr überzeichnet, um lachhaft zu wirken. Die Verzweiflung, die masochistische Lust an der Erniedrigung, die eruptive Gewalt als letztes Machtinstrument, das einem Mann wohl bleibt: Selten war ein Film über das Ringen der Geschlechter so glasklar.

Fair Play (2023)

Cocaine Bear (2023)

TATZEN WEG VON DROGEN!

5/10


cocainebear© 2023 Universal Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: ELIZABETH BANKS

BUCH: JIMMY WARDEN

CAST: KERI RUSSELL, O’SHEA JACKSON JR., ALDEN EHRENREICH, RAY LIOTTA, ISIAH WHITLOCK JR., CHRISTIAN CONVERY, BROOKLYNN PRINCE, MARGO MARTINDALE, JESSE TYLER FERGUSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Dieser Film hier beruht keinesfalls auf wahren Ereignissen. Doch wenn man unbedingt will: Einen wahren Kern hat er. Und zwar jenen Zeitungsbericht, der anno 1985 über einen tot aufgefundenen Schwarzbären berichtete, der eine Ladung Koks verschlang, die aus einem Flugzeug über Waldgebiet abgeworfen wurde. Natürlich hat das Tier keinen wilden Trip hingelegt wie in vorliegender Horrorkomödie, stattdessen hat es sich die Überdosis gleich beim ersten Mal gegeben, nichtsahnend, was für Folgen das nach sich ziehen würde. Hätte der Bär das nur besser gewusst. Doch Drogen sind nun mal nicht Teil seines Ökosystems. Sie sollten nicht mal Teil des Öko- und Sozialsystems von uns Menschen sein, doch die Gier ist nicht nur ein Hund, sondern ein Bär. Und so dachte sich Elizabeth Banks, die ohnehin wenig zimperlich ist, was ihre Regieprojekte betrifft, wie es wohl wäre, den Problemfall Drogenmissbrauch auf einen Outdoor-Slasher herunterzusimplifizieren. Die morbid-skurrile True Story mag da Motivation genug gewesen sein, um Keri Russel, Ex-Han Solo Alden Ehrenreich und Ray Liotta in seiner letzten Rolle durch den Forst zu schicken.

Wie sie da so über Wurzeln stolpern und den Farn niederrennen, trifft wohl den momentanen Zeitgeist wie die Akupunkturnadel den Nerv: Die Epoche der Rückeroberungen großer Wildtiere ist angebrochen. In den Wäldern Österreichs tummeln sich deutlich mehr Wölfe, und Italien hat gerade erst einen Todesfall verzeichnen müssen, der vom Angriff einer Bärin herrührte. Das Volk wettert um Gerechtigkeit, doch es ist ja nicht so, als hätte das Tier seinen Mord von langer Tatze geplant. Wie sehr sich der Mensch vom Koexistenzverständnis mit der Wildnis entfernt hat, mag fassungslos erstaunen. In absehbarer Zeit werden wieder Jäger durch diverse Reservate streunen, um den Bestand gerade mal von der roten Liste gesprungener Spezies zu reduzieren. Diese Panik wäre vielleicht nur gerechtfertigt, hätten sich all diese Tiere vorab zum Gruppenrausch eingefunden. Wie vorliegender Film beweist, reicht auch einer, um sich alle zu holen, die nicht bei drei auf den Bäumen sind.

Elizabeth Banks schickt somit mehrere Protagonisten ins Rennen um den Survival-Pokal. Es sind dies zwei schulschwänzende Kinder, es sind dies jene, die ihre Drogen zurückwollen, und es sind dies jene, die als Ranger für Recht und Ordnung sorgen müssen. Jede und jeder wird seine ganz persönliche Begegnung mit Meisterin Petz verarbeiten müssen, sofern dafür noch Zeit bleibt. Cocaine Bear legt gleich zu Beginn ein verliebtes Trekking-Pärchen auf den Teller vom Killer-Bärchen, das Trauma ist garantiert. Weiter geht’s mit einem unentschlossenen Gepansche zwischen 80er Jahre-Tierhorror inklusive Gore-Feierlichkeiten und groteskem Trash, bei welchem nicht mehr viel fehlt und der Sharknado würde toben. Dabei nutzt der Film aber geschickt zahlreiche Momente unmittelbarer Situationskomik, die sich in einer gewissen Plausibilität übereinander türmen. Eine schräge Situation folgt der nächsten, die Kills haben es durchwegs in sich und fallen härter aus als gedacht.

Wer hemdsärmelige Tabula Rasa-Happenings dieser Art mag, mit Zombibern vertraut ist und sich irgendwie befriedigt fühlt, wenn Wildtiere mit ihrem Freibrief fürs (illegal motivierte) Partymachen wedeln, wird an Cocaine Bear sein Vergnügen finden. Abgesehen davon aber bleibt der Genrefilm – wie viele andere dieser Art – bestürzend flach, derb und letzten Endes weit vorhersehbarer als tierisches Verhalten.

Cocaine Bear (2023)

Solo: A Star Wars Story

HAN SHOT FIRST!

7/10

 

null© 2017 Lucasfilm Ltd. & ™, All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2017

REGIE: RON HOWARD

MIT ALDEN EHRENREICH, WOODY HARRELSON, EMILIA CLARKE, DONALD CLOVER, PAUL BETTANY, JOONAS SUATOMU, THANDIE NEWTON U. A.

 

Achtung, Übersetzungsfehler! In Episode IV: Eine neue Hoffnung brüstet sich Weltraum-Ikone Han Solo, tadellos gespielt von Harrison Ford, den Kossalflug in 12 Parsecs hingelegt zu haben. Kossalflug? Da stimmt was nicht. Im Original heißt es nämlich Kessel, und das macht wieder mehr Sinn, wenn Nerds wie meine Wenigkeit wissen, dass es sich hierbei um einen Bergbau-Planeten handelt, der sich schwer orten lässt, da er sich hinter einem galaktischen Nadelöhr befindet, dem sogenannten Mahlstrom. Unter 20 Parsecs ist da schon eine Leistung – aber 12? Eine kleine Erwähnung in George Lucas´ Original von 1977 – und nun ein ganzer Film, der die Geschichte dazu erzählt. Interessiert hat es Star Wars Fans schon immer, was damals wirklich passiert ist. Und um die ganze Erwähnung am Rande der Galaxis auch noch gehaltvoll aufzumöbeln, gibt es noch ein How I met my Wookie als spektakulären Bonus ganz oben drauf.

Die Lego-Trickser Phil Lord und Chris Miller wollten aus dem Stoff, aus dem die verwegenen Helden sind, eine humoristische Improvisationsshow machen. Das ist Disney-Queen Kathleen Kennedy so ziemlich sauer aufgestoßen. Die Folge war ein fliegender Wechsel am Regiestuhl, Experte Ron Howard, der mit Apollo 13 schon erfolgreich gezeigt hat, dass er Dinge im Weltraum ganz gut bewegen kann, hat sich der Sache angenommen. Ob mit Begeisterung oder einfach um seinen Job zu erledigen, wissen wir nicht. Immerhin aber zeichnet Star Wars-Storyteller Lawrence Kasdan wieder einmal fürs Drehbuch verantwortlich, das kann ja schon mal nicht schlecht sein. Solo: A Star Wars Story hat nämlich neben Star Wars VII: Das Erwachen der Macht in mir wohl die meiste Neugier geweckt. Sie zu stillen war wahrhaftig erholsam, wenngleich Howard´s Film längst nicht alles richtig gemacht hat.

Die Frage, die sich bei diesem Abenteuer ohnehin jeder stellt: Wird Alden Ehrenreich in die Fußstapfen von Harrison Ford treten können? Viel mehr müsste die Frage lauten: Kann Alden Ehrenreich die entsprechenden Fußstapfen vorgeben, in denen Harrison Ford dann später treten wird? Tatsächlich muss ich dem Jungspund nicht wirklich die Leviten lesen. Er hat die Figur, die er mal sein wird, richtig gut studiert. So zusammenkonstruiert und einstudiert mag es in manchen Szenen auch wirklich wirken, und zugegeben, der Erwartungsdruck auf seinen Schultern hat sich sicher so angefühlt wie eine Wookie-Massage. Trotzdem gibt er sein Bestes, hat in seinen besten Szenen sogar auch Ford´s Mimik drauf. Vergessen darf man aber nicht, dass Ehrenreichs Han Solo ein Charakter ist, der erst zu dem wird, wie wir ihn aus Episode IV kennen. Heruntergebrochen auf die Persönlichkeit des Ex-Sternenakademikers und imperialen Soldaten, der lieber gestern als morgen stiften geht, mag Ehrenreich-Han noch wie ein risikofreudiger Freigeist wirken, der noch grün hinter den Ohren ist, dem man noch so einiges vormachen und der sich für Dinge wie den Hyperraumsprung noch begeistern kann. Ford-Han ist immer noch ein risikofreudiger Freigeist, vormachen kann man ihm aber nichts mehr. In Episode IV dürfte er schon so gut wie allem begegnet sein. Der Entwicklungsbogen stimmt also. Den Han Solo Lookalike-Contest hat Ehrenreich für sich entschieden. Wie sieht es aber mit dem Rest des Films aus?

Solo: A Star Wars Story wirkt wie ein staubig-schlampiger Schnellschuss aus der Hüfte. Wie einer dieser Spaghetti-Western aus Italien, wie der ungezählte Aufguss einer Django-Projektiloper, die abgerissen und schmutzig einschlägige Zielgruppen verwöhnt. Solo: A Star Wars Story ist stellenweise fast schon ein bisschen Grindhouse. Je dreckiger, je desolater – um so besser! Wirklich strahlend hell wird es im jüngsten Streiflicht aus dem Lucas-Universum nicht wirklich. Die weit weit entfernte Galaxis ist ein Dritte Welt-Ödland, ein Somalia des Universums, wo Armut, Nahrungsknappheit, Verbrechersyndikate und Sklaventreiber herrschen. Die schöne neue Welt unter der Fuchtel des Imperiums ist düsterer denn je, bizarre Ausgeburten von fremden Planeten tummeln sich unter den fahl scheinenden Lampen diverser Sabacc-Spielhöllen oder torkeln unter Tage halbot als Zwangsarbeiter im Dienste des Imperators durch giftige Stollen. Solo bleibt dem rauen, abgenutzten Look von Rogue One: A Star Wars Story so ziemlich treu, die Szenen an der Front allerdings sind noch apokalyptischer als bereits gesehen. Star Wars: Battlefront lässt grüßen, so finster und schlammverkrustet wie aus den Weltkriegsreißern der späten Siebziger. Knallbunt wie ein Papagei hingegen der junge Lando Calrissian – Donald Glover gelingt die narzisstische Hinterfotzigkeit des späteren Gasminen-Besitzers im Vergleich zu Ehrenreich mit genüsslicher Leichtigkeit.

Schön und märchenhaft ist dieses angeblich magische Universum längst nicht mehr. Und so weit weg von Macht, Rebellion und Imperium waren wir bisher auch noch nicht. Doch wie sehr sich auch Solo: A Star Wars Story anstrengt, so undergroundig wie eine ungehobelte Firefly-Version zu sein – dank seiner visuellen Brillanz ist der Ableger immer noch ein willkommener Hingucker, der die Liebe zum Detail zelebriert und dem Extended Universe neue Völkerscharen hinzufügt. Der Teufel im Detail steckt hingegen in der Story. Kasdan und Sohn kritzeln die Erzählung in einer gewissen unharmonischen Schieflage aufs Blatt. Cameos und Referenzen, die auf der Hand gelegen wären, werden (einstweilen noch?) schmählich ignoriert, dafür hegen manche Ereignisse die vage Vermutung, dass Solo womöglich längst nicht mehr dem Kanon von George Lucas folgt. Schlüsselszenen werden zu Randvermerken, geplante Wendungen sind so gewollt plötzlich, dass sie aufgesetzt wirken. Die geschmeidige Stringenz von Rogue One gilt als vermisst. Es lässt sich somit nicht verbergen, dass Solo unschön aus der Taufe gehoben wurde. Wenn Szenen neu gedreht, wenn Macher wechseln und zeitweise im Grunde gar nichts mehr stimmt. In den Szenenwechseln werden Lücken fühlbar, die Schnittfolge hapert, am Ende läuft einiges sogar ins Leere. Wen schert schon das Schicksal so mancher Figuren, die gerne ein Sequel gehabt hätten? Doch Moment – wie in den Medien zu lesen ist, haben Ehrenreich und Emilia Clarke für weitere Fortsetzungen unterschrieben. Das würde mir den nörgelnden Wind aus den Segeln nehmen. Dann wäre nämlich soweit alles wieder gut. Fraglich nur, ob auf Basis dieser im Einspiel hinterherhinkenden Räuberpistole, die schon ganz gut gefällt, erstmals aber so richtig Haare lässt. Von denen hat aber Chewie dem Erbauer sei Dank noch genug 😉

Solo: A Star Wars Story