Cronos

DIE MADE IM SPECK DER EWIGKEIT

6,5/10

 

cronos© 1993 CNCAIMC

 

LAND: MEXIKO 1993

REGIE: GUILLERMO DEL TORO

CAST: FEDERICO LUPPI, RON PERLMAN, CLAUDIO BROOK, TAMARA SHANATH U. A.

 

Die Idee zu seinem Langfilmdebüt dürfte Guillermo del Toro wohl am Flohmarkt gekommen sein, oder bei einem Antiquitätenhändler. Davon gibt es sicher viele in Mexiko Stadt. Was man da allerlei Kurioses in die Finger bekommt, von dem man nicht mal weiß, wozu diese Artefakte überhaupt gut sein sollen. Da wird das Stöbern in alten Sachen tatsächlich zum Abenteuer. Kann also sein, dass der junge Guillermo irgendwann mal ein seltsames goldenes Ei im Sammelsurium sämtlicher Verlassenschaften zu Gesicht bekommen hat. Fabergé wird’s wohl nicht gewesen sein, vielleicht aber tatsächlich etwas Geheimnisvolles, etwas, dass sich durch einen versteckten Mechanismus hätte öffnen lassen. Ein schöner Ansatz für eine mysteriöse Geschichte, für eine Art Märchen zwischen Leben und Tod, zwischen Okkultem und den Schwächen der menschlichen Seele. Sein Hang zum Phantastischen, der wurde 2018 fürstlich mit dem Oscar belohnt – The Shape of Water war eine Liebensgeschichte zwischen dem Fremden und dem Vertrauten, zwischen dem Schwachen und dem Furchteinflößenden, weil Unbekannten. Die dunkle Seite der Fantasie, die kaum erschlossene Sphäre des Versteckten, Gejagten, die beschäftigt del Toro seit jeher. Sein Oscar-Film ist da sogar noch die versöhnlichste Version seiner (Alp)träume, meist sind es aber auch Geister, Vampire und Untote, die auf der Suche nach Erlösung sind.

In Cronos sind es die Sterblichen, oder sagen wir: ein Sterblicher, ein sogar schon etwas in die Jahre gekommener Antiquitätenhändler, der im Fundus seiner Altwaren eben jenes güldene mechanische Ei zu Tage befördert, dass ein seltsames Lebewesen in sich birgt – eine Larve, ein üppiges Insekt, dass die Fähigkeit besitzt, ewiges Leben zu schenken. Natürlich nur unter der Voraussetzung, gewisse Dinge und strenge Regeln zu beachten. Diese stehen in einem Buch, das wieder ganz wer anderer besitzt, der allerdings wieder das Ei sucht, und bei der Suche nach diesem Cronos-Apparat vor nichts zurückschreckt. Und da alle irgendwie ewig leben wollen, ist es in Folge schwierig, jeder Partei, die hier im Spiel ist, gerecht zu werden. Am ehesten noch Ron „Hellboy“ Perlman, der eigentlich nur seine Visage verschönern und gar nicht mal unsterblich werden will.

In diesem Vampir-Kleinod aus den frühen 90er Jahren steckt schon so Einiges, was Guillermo del Toro später in seinen weiteren Filmen gekonnt variiert. Das Paranormale fremdartiger Geschöpfe, der Mythos rund um die Unsterblichkeit, das stimm- wie wehrlose Mädchen mit einer Mission (z.B. Pans Labyrinth) oder der Stachel im Fleisch des Opfers (The Strain). Aber ist das schon Horror? Wenn jemand anderer mit diesen Versatzstücken hantiert hätte, dann ja. Bei del Toro genießt diese Finsternis eher eine seltsam wärmende Vertrautheit, etwas intensiv Poetisches, Folkloristisches, Opernhaftes. Auch Cronos schlägt in seiner Ausstattung, in seiner malerischen Farbgebung und bühnenhaften Opulenz bereits den stilistischen Weg für die nächsten Jahrzehnte filmischen Schaffens ein, und es soll del Toros Schaden nicht sein, seine Schauergeschichten auf diese melodiöse Art zu erzählen. Und ja, diese Art des Filmemachens ist eine Rückbesinnung auf ein Kino des Damals, was nicht heißen soll, dass die Erzählweise dieser Werke einem konservativen, vielleicht gar altbackenen Kanon folgt. Viel mehr zitiert Cronos neben all seinen morbiden Gleichnissen die Schnoddrigkeit früher Gangsterfilme aus der Epoche des frühen Film Noir. Dieser Mix ist es, der dem ganzen Setting seine unverwechselbare Note verleiht, dass sich seltsam, aber profitabel zu- und ineinander fügt. Für Fans des mexikanische Phantasten ist Cronos fast schon ein Muss, für Liebhaber des gediegenen Blutdurst-Grusels, die zum Beispiel auch Tony Scotts Begierde mit David Bowie mochten, ein im wahrsten Sinne des Wortes aufgewecktes Stück geschmackvolles Genrekino, wenn auch im Abgang etwas metallisch…

Cronos

Der Distelfink

DAS GLÜCK IST EIN VOGERL

5/10

 

distelfink© 2019 Warner Bros. Pictures Germany

 

LAND: USA 2018

REGIE: JOHN CROWLEY

CAST: ANSEL ELGORT, OAKES FEGLEY, NICOLE KIDMAN, JEFFREY WRIGHT, LUKE WILSON, SARAH PAULSON, ASHLEIGH CUMMINGS, FINN WOLFHARDT U. A.

 

Wie lange sitze ich denn jetzt schon hier im Kino? Es fühlt sich an wie ein ganzer Nachmittag, obwohl die Länge des Filmes nur zweieinhalb Stunden beträgt – das bringt eigentlich schon jeder Blockbuster auf die Reihe, doch John Crowleys neuer Film Der Distelfink ist fast schon eine Art Paradoxon: Seine inhaltliche Epik sprengt den zeitlichen Rahmen in einer seltsam anderen Dimension. Was der verfilmte Roman erzählt, geht, so könnte man sagen, auf keine Kuhhaut, oder entzieht sich gerne dem völlig natürlichen Begriff vom Vergehen der Zeit. Nach zweieinhalb Stunden ist das Popcorn schon seit Ewigkeiten aufgegessen, jede Sitzposition eingenommen und die Gedanken vielleicht schon auf dem Heimweg. Eine Auszeichnung für einen gelungen Film ist das allerdings nicht. Gelungen wäre er dann, ließe sich die Dauer dessen nicht so greifbar spüren. Oder wäre die Dauer dessen sind so exorbitant verzerrt.

Andreij Rubljow von Andeij Tarkowski ist auch so ein Epos. Auch nicht deutlich überlang, aber gefühlt ewig. Oder die Verfilmung von Thomas Manns Buddenbrooks mit Armin Müller Stahl. Ein Schmöker fürwahr, filmtechnisch aber auch relativ eingestrichen, um ihn überhaupt schaubar zu machen. Längen von knapp 3 Stunden übersteigen diese Filme alle nicht. Das sollte man doch aushalten können. Ja, man hält es aus. Man hält auch den Distelfink aus. Doch dieses über Jahrzehnte gesponnene, enorm vielschichtige Drama um Trauma, Schmerz und Erinnerung lässt sich nur schwer in ein Spielfilmformat pressen, muss Abstriche machen, genau dort, wo man eigentlich mehr wissen will, und quält sich in spürbarer Überforderung durch ein vakuumverpacktes Drehbuch, das glaubt, all die relevanten Eckpunkte der Geschichte entdeckt und erörtert zu haben. Nun, ich würde meinen: Mitnichten. Der Roman rund um das kleine Vogelbildnis von Carel Fabritius, sage und schreibe über 1000 Seiten lang, hat angesichts des Plots wirklich eine Menge zu erzählen. Und es ist kein stringentes Werk – es wechselt zwischen den Zeiten, ist Coming of Age-Geschichte und Kunstkrimi, Trauerspiel und Bewältugungsdrama. Nichts, was sich über einen einfachen Nenner brechen lässt. Da steckt viel drin, und eine Etappe im Leben von Theodore Dexter ist so relevant wie die andere, sind einfach nicht wegzulassen, um den Erzählfluss zu erhalten.

Es gibt literarische Wälzer, die lassen sich tatsächlich gut kürzen. Der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil zu Beispiel. Da kenne ich zwar keinen Film davon, allerdings aber ein Theaterstück, und das war, auf 2 Stunden Spielzeit runtergekürzt, die geschmeidige Essenz von tausenden von Seiten Lesestoff. Die Strudelhofstiege von Heimito von Doderer, aktuell in der Josefstadt in Wien, quält sich wiederum sichtlich durch den Theaterabend, während Die letzten Tage der Menschheit, bis zum Gehtnichtmehr komprimiert auf 5 Stunden interaktives Kulturerlebnis samt Dinner sein will. Der Distelfink hat da auch ganz schön zu tun, nicht aus dem Ruder zu laufen. Dieser Film ist harte Arbeit, weitaus mehr für die Macher als für das Publikum. Immerhin – besetzt ist das ganze Werk meines Erachtens wirklich gut. Ansel Elgort als kunstsinniger Geschäftsmann im Stile von Patricia Highsmiths Mr. Ripley schlägt elegant die Brücke zwischen verlorener Kindheit und der Sehnsucht eines Erwachsenen nach einer alternativen Vergangenheit. Stranger Things-Star Finn Wolfhardt, für mich eine lohnenswerte Neuentdeckung, brilliert als halbwüchsiger Leidensgenosse des jungen Theo und Sarah Paulson als schrille Stiefmutter bleibt ebenfalls in Erinnerung. Was hält all den Cast jetzt zusammen? Ein ordentlich dichter Stoff, der sich nicht ganz aufrollen lässt, der vor allem in der letzten halben Stunde den Drang verspürt, in fahriger Hektik den Brocken Pulitzer-Literatur zu Ende zu bringen. Das Element des Kunstkrimis hinkt dem der tragischen Jugend deutlich hinterher, fühlt sich an wie ein schlecht verklebtes Stückwerk. Aus einem Guss ist Der Distelfink jedenfalls nicht, seine Regie allerdings tüchtig beim Bestreben, der Vorlage gerecht zu werden. Ob die gute Absicht einen Film bereits entsprechend auszeichnet? Das man nicht schlecht von ihm denkt – vielleicht. Mit Brooklyn hatte Crowley einfach mehr Spielraum zwischen den Zeilen, während im Distelfink zwischen den Zeilen nochmals Zeilen sind, die auch noch irgendwie rein müssen. Und wenn sie gestrichen werden, bleiben Lücken. Das ist die Krux, wenn das Kino sich an Literatur, die einfach als Literatur gelesen werden will, zu schaffen macht. Da bleibt am Ende zwar engagierte, aber kurzatmige Liebhaberei, die immer auf der Suche ist nach dem Ende des Buches.

Der Distelfink

A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando

SPIELZEUG, DAS SICH SELBER FINDET

7/10

 

TOY STORY 4©2019 Disney/Pixar. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2019

REGIE: JOSH COOLEY

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): TOM HANKS, TIM ALLEN, ANNIE POTTS, JOAN CUSACK, JORDAN PEELE, KEEANU REEVES, LAURIE METCALF U. A.

 

Mein Blick schweift über die Sitzreihen des noch beleuchteten Kinosaales und sagt mir, dass die Zielgruppe für den in Kürze startenden Film im Vergleich zu anderen Genrekanditaten doch etwas aus der Norm fällt. In Toy Story verblüfft die Tatsache, dass vorwiegend und zu keinem verschwindenden Teil auch Erwachsene ohne juvenilen Anhang, sowohl in weiblicher wie männlicher Buddy-Duo-Formation, Platz genommen haben. Da sind wir und die Kids in der vorderen Reihe eher eine Ausnahme, und das lässt sich auch ganz leicht erklären. Denn Toy Story, das war in den guten Neunzigern, und zwar genau in den Iden selbiger, der spielfilmlange Einstand für Pixar, dem Team hinter der Schreibtischlampe. Fans der ersten Stunde sind wohl heute hier einige versammelt, und dank eines bis in die Gegenwart gelungen fortgeführten Franchise ist die Sympathie für Cowboy Woody, Buzz Lightyear und Konsorten aller Machart eine ungetrübte. Es ist schon etwas Besonderes, wenn bereits drei Teile nicht im mindesten weniger gut sind als der Vorgänger oder der Nachfolger. Nach 24 Jahren allerdings, wo die Kids von damals selber Kids haben und sich gerne an die guten alten Animationszeiten auf der Leinwand erinnern, müssen auch Woody und seine Freunde eine Veränderung durchmachen, es kann ja nicht so weitergehen wie bisher. Irgendwann muss das Spielzeug auch erwachsen werden. Oder sich selber finden. Wie eben ganz aktuell im Kino im vierten Abenteuer Toy Story: Alles hört auf kein Kommando.

Andy, das Kind von Cowboy Woody, ist schon im letzten Film erwachsen geworden. Und Bonnie, das kleine spielfreudige Vorschulmädchen mit ausgeprägtem Sinn für Erdachtes, findet wohl mehr Freude an einer selbst gebastelten Göffelfigur namens Forky als an den mittlerweile zur Flohmarktware zählenden Altspielzeug aus den 90ern. Woody muss sich daher umorientieren, bevor er aus Unachtsamkeit verlorengeht. Und entdeckt in sich die Rolle des selbstlosen Beschützers, der das neurotische Watschelbesteck erstmal vor der Mülltonne rettet, um dann einen Antiquitätenladen unsicher zu machen, der so einiges Potenzial für einen abendfüllenden Spielfilm bereithält. Der bis in die hintersten Lurchecken akribisch rekonstruierte Hallenflohmarkt mitsamt verstaubtem Mehrfachstecker und detailverliebt gestalteter Ladenhüter lässt nicht nur die Puppen tanzen (das Image der gruseligen Bauchrednerpuppe werden die staksenden Holzkasper garantiert bis zum Weltenende nicht mehr los), sondern auch die Outlaws rund um Woody dermaßen waghalsig improvisieren, dass man A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando zumindest stellenweise als das „Fast & Furious“ der Spielzeugwelt bezeichnen kann. Wenn Porzellinchen in adretter Mad Max-Manier im selbstgebauten Stinktier-Vehikel durch die Niederungen eines Jahrmarkts brettert oder der selbstzweifelnde Duke Kaboom zum Stunt des Jahrhunderts ansetzt, dann hat Pixar durchaus ein gewitztes Spektakel vom Computer gelassen, dass den Live-Act-MacGyver blass aussehen lässt und Suspense längst nichts mehr nur Erwachsenenkram sein muss.

Storyboardzeichner Josh Cooley sitzt diesmal im Regiestuhl, und es lässt sich erkennen, dass Bildidee und Umsetzung aus einer Hand gehen. Insofern steht das 3. Sequel all den anderen Teilen in punkto Spielzeugstunts um nichts nach, im Gegenteil, es setzt noch eins drauf. Allerdings nicht nur bei den haarsträubend gut animierten Hetzjagden quer durchs adulte Interieur. A Toy Story will zwischen all dem Slapstick auch etwas ernster sein. Und verliert dabei manchmal leicht den Überblick. Gefühlt ein jedes Spielzeug sucht seine wahre Bestimmung, hat sie gefunden oder trauert Bewährtem nach. Muss sich neu definieren oder Vergangenes zurücklassen. In Cooleys Film ist Abschied und Neuanfang das große Thema, Umorientierung und das Hören auf die innere Stimme. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen, aber in A Toy Story ist Zeit Spielgeld und keiner will Bonnie nach ihrem Göffel weinen sehen. Also ist das ganze Abenteuer aufgrund des straff gezogenen Zeitrahmens durchaus fesselnd, voll schlagfertigem Humor und sowieso satt an liebevoll skizzierten Charakteren, die so angenehm durch den Wind sind, wie Spielzeug eben sein muss. Längst nicht perfekt, und – ob auf sich alleine gestellt oder durch die Augen eines Kindes – immer bereit, neu entdeckt zu werden.

A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando