Bad Times at the El Royale

FREIES SPIEL DER GÄSTE

7/10

 

elroyale© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2018

REGIE: DREW GODDARD

CAST: JEFF BRIDGES, CHRIS HEMSWORTH, DAKOTA JOHNSON, JON HAMM, CYNTHIA EVIRO, LEWIS PULLMANN U. A.

 

In diesem Film werden ganz klar die Grenzen überschritten: Denn das besagte Hotel El Royale, das liegt genau auf einer roten Linie, die Kalifornien von Nevada trennt. Wie originell, muss ich zugeben. Einmal ist man im sonnigen Westen, dann wieder im Land des Glücksspiels. Da lässt sich hin und her hüpfen oder direkt auf dem Grat entlang balancieren, wenn man nichts getrunken hat. Dieses Hotel, das liegt wie The Cabin in the Woods völlig abgelegen im forstlichen Nirgendwo, umgeben von Tannen, und überhaupt ist gerade wahrlich keine Hochsaison. Die Gäste sind an einer Hand abzuzählen: Ein katholischer Priester, eine Sängerin, ein Staubsaugervertreter und ein Hippie-Girl, denn wir schreiben ja die 60er, die Quentin Tarantino auch so gerne zelebriert. Der Verdacht liegt nahe, dass alle irgendetwas gemeinsam haben. Und dass der Concierge des Hauses – übrigens die einzige Belegschaft des Etablissements – Seltsames im Schilde führt. Oder etwa nicht? Vielleicht ist jeder der Gäste nur zufällig hier. Vielleicht hat gar nichts davon irgendetwas mit der Prologsequenz des Filmes zu tun, die auf vorwitzige Art von verstecktem Diebesgut erzählt. Nichts Genaues weiß man als Zuseher also nicht. In diesem Alles-Ist-Möglich-Zustand spielt das Kammerspiel von Drew Goddard (wie schon erwähnt: The Cabin in the Woods) seine besten Karten aus.

Es ist, als würde man The Hateful Eight mit den literarischen Gewitternächten eines Agatha Christie-Krimis kombinieren. Spontan betrachtet eine feine Mischung. Auch bei näherem Hinsehen immer noch knackig genug, um dranzubleiben. Bad Times at the El Royale gliedert sich wie in Tarantinos Hateful Eight in mehrere Kapitel, welche die Geschehnisse immer wieder aus einem anderen Blickwinkel neu aufrollen. Jede der Figuren bekommt seine eigene knappe Sequenz, und trotz einer Spielfilmlänge von knapp zweieinhalb Stunden verliert sich Goddards Drehbuch nie in ausufernden Kurzbiografien. Da reichen assoziative Skizzen und ungefähre Andeutungen, die der aufmerksame Zuseher im Geiste schnell ergänzt. Das macht den Thriller zu einem Puzzlespiel mit zwar mindestens tausend Steinen, dessen Motiv erstrahlt aber in farbenfroher Abwechslung und erleichtert des Rätsels Lösung auf gefällige Weise. Wenn es dann schüttet wie aus Schaffeln, und die Leuchtröhrenlettern des El Royale-Schriftzuges ihr verruchtes Rot in den Nachthimmel werfen, kommt eines zum anderen, und die Falschen zum Handkuss. Dabei gebärdet sich „Thor“ Chris Hemsworth in brustfreiem Outfit gerade mal so, als hätte er nie Thor gespielt, und jeglicher Marvel-Manierismus ist spurlos verschwunden. Auch Jeff Bridges lässt sich in diesem „krummen Haus“ nur zu gerne auf einen Drink einladen, wobei die Abgründe wie bei David Lynch eigentlich gleich ums Eck liegen, oder hinter der nächsten Mauer.

Bad Times at the El Royale ist eine liebevoll ausgestattete Fingerübung in Sachen Suspense, in kräftige Farben und voller klassischer Kniffe. Das Hotel selbst ist mit all seinem perlenden Retrocharme atemberaubend ausgestattet, natürlich eine Bühne par excellence, und tatsächlich diente für den Dreh ein Hotel, nämlich die Cal Neva Lodge, die wiederum tatsächlich an der Grenze der beiden Bundesstaaten liegt. Erwartungshaltungen werden zwar unterwandert, allerdings nicht so  verblüffend weiträumig wie ich vielleicht vermutet hätte. Dafür entschädigt ein satter Soundtrack mit alten Hadern von Deep Purple bis zu den Righteous Brothers mit Unchained Melody, interpretiert von Cynthia Eviro, die tatsächlich einiges aus ihrem Repertoire zum Besten gibt. Dabei beweist Goddard in seiner Auswahl zeitgenössischer Klassiker und der Idee, eine der Hauptfiguren auch selbst singen zu lassen, genauso ein feines Händchen wie der viel (und – versprochen – zum letzten Mal) zitierte Tarantino, wenn nicht gar um eine Plattennadel feiner. Musik ist in Bad Times at the El Royale also ein wichtiges Tool, Musik und Ausstattung, und der Quotient aus beidem ist Stimmung, die ganz allein aus dem Verqueren, dass in der aufgeladenen Gewitterluft liegt, genussvolle Spannung produziert. Ein cooles Stück Krimi also – theatralisch, dramatisch und verhängnisvoll.

Bad Times at the El Royale

A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando

SPIELZEUG, DAS SICH SELBER FINDET

7/10

 

TOY STORY 4©2019 Disney/Pixar. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2019

REGIE: JOSH COOLEY

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): TOM HANKS, TIM ALLEN, ANNIE POTTS, JOAN CUSACK, JORDAN PEELE, KEEANU REEVES, LAURIE METCALF U. A.

 

Mein Blick schweift über die Sitzreihen des noch beleuchteten Kinosaales und sagt mir, dass die Zielgruppe für den in Kürze startenden Film im Vergleich zu anderen Genrekanditaten doch etwas aus der Norm fällt. In Toy Story verblüfft die Tatsache, dass vorwiegend und zu keinem verschwindenden Teil auch Erwachsene ohne juvenilen Anhang, sowohl in weiblicher wie männlicher Buddy-Duo-Formation, Platz genommen haben. Da sind wir und die Kids in der vorderen Reihe eher eine Ausnahme, und das lässt sich auch ganz leicht erklären. Denn Toy Story, das war in den guten Neunzigern, und zwar genau in den Iden selbiger, der spielfilmlange Einstand für Pixar, dem Team hinter der Schreibtischlampe. Fans der ersten Stunde sind wohl heute hier einige versammelt, und dank eines bis in die Gegenwart gelungen fortgeführten Franchise ist die Sympathie für Cowboy Woody, Buzz Lightyear und Konsorten aller Machart eine ungetrübte. Es ist schon etwas Besonderes, wenn bereits drei Teile nicht im mindesten weniger gut sind als der Vorgänger oder der Nachfolger. Nach 24 Jahren allerdings, wo die Kids von damals selber Kids haben und sich gerne an die guten alten Animationszeiten auf der Leinwand erinnern, müssen auch Woody und seine Freunde eine Veränderung durchmachen, es kann ja nicht so weitergehen wie bisher. Irgendwann muss das Spielzeug auch erwachsen werden. Oder sich selber finden. Wie eben ganz aktuell im Kino im vierten Abenteuer Toy Story: Alles hört auf kein Kommando.

Andy, das Kind von Cowboy Woody, ist schon im letzten Film erwachsen geworden. Und Bonnie, das kleine spielfreudige Vorschulmädchen mit ausgeprägtem Sinn für Erdachtes, findet wohl mehr Freude an einer selbst gebastelten Göffelfigur namens Forky als an den mittlerweile zur Flohmarktware zählenden Altspielzeug aus den 90ern. Woody muss sich daher umorientieren, bevor er aus Unachtsamkeit verlorengeht. Und entdeckt in sich die Rolle des selbstlosen Beschützers, der das neurotische Watschelbesteck erstmal vor der Mülltonne rettet, um dann einen Antiquitätenladen unsicher zu machen, der so einiges Potenzial für einen abendfüllenden Spielfilm bereithält. Der bis in die hintersten Lurchecken akribisch rekonstruierte Hallenflohmarkt mitsamt verstaubtem Mehrfachstecker und detailverliebt gestalteter Ladenhüter lässt nicht nur die Puppen tanzen (das Image der gruseligen Bauchrednerpuppe werden die staksenden Holzkasper garantiert bis zum Weltenende nicht mehr los), sondern auch die Outlaws rund um Woody dermaßen waghalsig improvisieren, dass man A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando zumindest stellenweise als das „Fast & Furious“ der Spielzeugwelt bezeichnen kann. Wenn Porzellinchen in adretter Mad Max-Manier im selbstgebauten Stinktier-Vehikel durch die Niederungen eines Jahrmarkts brettert oder der selbstzweifelnde Duke Kaboom zum Stunt des Jahrhunderts ansetzt, dann hat Pixar durchaus ein gewitztes Spektakel vom Computer gelassen, dass den Live-Act-MacGyver blass aussehen lässt und Suspense längst nichts mehr nur Erwachsenenkram sein muss.

Storyboardzeichner Josh Cooley sitzt diesmal im Regiestuhl, und es lässt sich erkennen, dass Bildidee und Umsetzung aus einer Hand gehen. Insofern steht das 3. Sequel all den anderen Teilen in punkto Spielzeugstunts um nichts nach, im Gegenteil, es setzt noch eins drauf. Allerdings nicht nur bei den haarsträubend gut animierten Hetzjagden quer durchs adulte Interieur. A Toy Story will zwischen all dem Slapstick auch etwas ernster sein. Und verliert dabei manchmal leicht den Überblick. Gefühlt ein jedes Spielzeug sucht seine wahre Bestimmung, hat sie gefunden oder trauert Bewährtem nach. Muss sich neu definieren oder Vergangenes zurücklassen. In Cooleys Film ist Abschied und Neuanfang das große Thema, Umorientierung und das Hören auf die innere Stimme. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen, aber in A Toy Story ist Zeit Spielgeld und keiner will Bonnie nach ihrem Göffel weinen sehen. Also ist das ganze Abenteuer aufgrund des straff gezogenen Zeitrahmens durchaus fesselnd, voll schlagfertigem Humor und sowieso satt an liebevoll skizzierten Charakteren, die so angenehm durch den Wind sind, wie Spielzeug eben sein muss. Längst nicht perfekt, und – ob auf sich alleine gestellt oder durch die Augen eines Kindes – immer bereit, neu entdeckt zu werden.

A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando

Ein königlicher Tausch

MIT HOFKNICKS IN EIN FREMDES LEBEN

7/10

 

koeniglichertausch2© 2019 Thimfilm

 

LAND: FRANKREICH, BELGIEN 2019

REGIE: MARC DUGUAIN

CAST: LAMBERT WILSON, ANAMARIA VARTOLOMEI, OLIVIER GOURMET, JULIANE LEPOUREAU, IGOR VAN DESSEL U. A.

 

Tu Felix Austria, nube! – Das probateste Mittel für politischen Ausgleich war im Hause Habsburg schon immer jenes der Vermählung. Der Frieden war da weitestgehend gesichert, wer verwandt ist, kann und darf sich nicht bekriegen, zumindest wäre das nicht die feine royale Art. Diesen Leitspruch, den hatte aber nicht nur das habsburgische Königshaus, auf diese verbindlichen Worte sind auch die Franzosen und die Spanier aufgesprungen. Und da wird gleich mal nachgesehen, wer von den Sprösslingen sich nicht schon dafür eignen würde, verkauft zu werden. Denn nichts anderes ist diese Methode, ein politischer Deal, der sich über die Bedürfnisse eines Menschen, dessen Träume und Pläne hinwegsetzt. Der blaublütigem Nachwuchs keine Rechte zubilligt, außer jene, für den Fortbestand des Königshauses zu funktionieren. Das war damals bittere Realität. Bist du reich und mächtig und mit Regenten verwandt, musst du sehen wo du bleibst. Und diese Bleibe, die ist anderswo in der Fremde, bei Leuten die man nicht kennt, und bei einem Partner, den man nicht liebt. Bringt die Liaison dann irgendwann nichts mehr – ab auf den höfischen Müllplatz.

Die vierjährige Maria Anna Victoria wird also dem elfjährigen Spross der Franzosen an die Seite gestellt, natürlich noch nicht vermählt, aber das kommt schon noch, bis aus der vierjährigen dann eine gebärfähige Dame werden wird. Die ältere Tochter des Franzosen Philipp (historisch betrachtet war diese gerade mal 12 Jahre alt, im Film ist sie aber weitaus reifer) muss im Gegenzug nach Spanien, an die Seite des Prinzen von Asturien. Ein Verschachern also, des eigenen Fleisch und Bluts, fernab jeglicher Menschenrechte, und man braucht nicht glauben, dass Prunk und Wohlstand alleine alles wieder ins Lot bringen. Obwohl der Prunk, der hat in Marc Dugains Monarchendrama einen beachtlichen und gleichzeitig staunenswerten Stellenwert. Was Giorgos Lanthimos erst Anfang des Jahres mit The Favourite, seinem ebenfalls prunksüchtigen Einblick in den Intrigenstadl des britischen Königshauses mit schräger Optik und erdrückend schweren, holzvertäfelten Zimmerfluchten in preisverdächtige Höhen gehisst hat, hat Duguain weniger ins Groteske gezerrt. Seine erlesene Opulenz öffnet sich tabernakelgleich in fast schon sakraler, teils symmetrischer Vollendung. Ein bisschen wie die Tableaus eines Peter Greenaway, aber weniger malerischer und ölschinkenschwer. Direkt luftig, rötlich schimmernd wie im Schein offener Kamine. Inmitten des perückten Hofstaates Lambert Wilson in einer außerordentlich pointierten Rolle royaler Dekadenz und Wehleidigkeit, um ihn herum buckelnde Gestalten und kindheitsverlorene Jugend. Diese buckelnden Kreaturen hat Lanthimos auch, wie das bei Hofe eben so gewesen sein muss. Die Bilderwelten aus Ein königlicher Tausch sind unglaublich akkurat und aus der Leinwand geradezu herausziseliert. Da sieht man als Zuseher ganz genau, dass die Inszenierung von Macht in der Hochzeit des Barocks ein hedonistisches Schwelgen auf den geknechteten Köpfen ganzer Völker war. Absolutismus also in seiner gierigsten Form. Die Opfer waren dabei eben auch die Kinder. Ein königlicher Tausch beschreibt diese menschenverachtende Systematik und das sinnlose Unglück der beiden jungen Menschen trotz all der Ausstattung als ein Zeugnis karger Armut. Beeindruckend, wie der Film es schafft, die Fülle an Reichtum so sinn- und wertlos erscheinen zu lassen, wie billige Fassade, die nichts behübscht. Nur Defizite, mit gleißendem Stuck überschüttet. Stephen Frears hat das in Gefährliche Liebschaften natürlich anders, aber ähnlich demaskiert.

Ein königlicher Tausch ist eine ernüchternde, resignierende Episode aus einem zivilisatorischen Selbstversuch, der irgendwann nur scheitern konnte. Kein Happy End, kein Durchbrennen, kein Spiel gegen die Regeln. Das macht diesen französischen Kostümfilm zu einem sehenswerten Gleichnis für einen Notstand in Sachen Menschenwürde.

Ein königlicher Tausch

Den Sternen so nah

RETTET GARDNER ELLIOTT!

7/10

 

THE SPACE BETWEEN US© 2017 Tobis Film GmbH

 

ORIGINAL: THE SPACE BETWEEN US

LAND: USA 2017

REGIE: PETER CHELSOM

CAST: ASA BUTTERFIED, BRITT ROBERTSON, GARY OLDMAN, CARLA GUGINO U. A.

 

Ridley Scotts großangekündigter Marsbesuch ist auch schon wieder eine Weile her. Vier Jahre sind schon ins Land gezogen, da wäre ein bemanntes Raumschiff nach unserem Stand der Technik auch schon einmal hin und retour geflogen. Mark Watney haben wir also schon gerettet, der ist wieder sicher auf Erden gelandet, nachdem man ihn eigentlich mehr oder weniger nach guter alter Kevin-Manier allein zuhause gelassen hat, auf einem Planeten ohne atembarem Luftgemisch und auf dem es saukalt ist. Schön anzusehen ist er ja, der Mars. Und eine Kolonie dort mit Sicherheit zumindest die erste Zeit abenteuerlich genug, um es dort auszuhalten. Natürlich ist das nichts für Kinder. Oder doch? Das Tempelhüpfen würde etwas epischer ausfallen, ungefähr Marke Stabhochsprung, nur ohne Stab. Fußbälle würden weiter gekickt werden als sonst wo und die Sandkiste wäre so groß so weit das Auge in dieser rötlichbraunen Welt reicht. Allerdings – die Zahl an Spielgefährten wäre endenwollend. Das ist ernüchternder als die ewige Warterei unseres Astronauten-Kevin Mark Watney. Doch so ist es mit Gardner Elliott passiert. Der Junge: ein blinder Passagier, heimlich ausgetragen von einer Astronautin, die um alles in der Welt am roten Planeten Pionierarbeit leisten wollte. Schwanger ins Weltall geht natürlich gar nicht, bei all diesen riskanten Variablen, aber irgendwie hat es doch funktioniert. Und jetzt retten wir nicht mehr Mark Watney, sondern Gardner Elliott, der aber Probleme hat, auf der Erde im wahrsten Sinne des Wortes Fuß zu fassen, ist doch seine Physiognomie eher auf die Schwerkraft des Mars ausgerichtet als auf die des blauen Planeten. Was das für physische Komplikationen nach sich ziehen kann, und wie sehr ein Teenager unbedingt altersadäquates soziales Umfeld braucht, davon erzählt Peter Chelsoms leichtfüßiges Abenteuer rund um ein Planetenhopping im Solsystem und um die erste Liebe.

Liebe gab es bei Ridley Scotts astrotechnischem Thriller keine, aber Peter Chelsom ist immer schon ein Romantiker gewesen, Gefühle haben da auch jenseits des terrestrischen Orbits ihren Platz. Also verliebt sich Gardner Elliott erstmal in seine Chat-Freundin, der er natürlich verheimlicht hat, dass er nicht gleich um die Ecke wohnt. Das Science-Fiction-Abenteuer für die jüngere Generation, im Original viel trefflicher mit The Space between us tituliert, zeigt auf sympathisch formulierte Art, wie der erste extraterrestrische Erdling gleichzeitig zum ersten Homo marsianus wird. Darwin würde sich im Rahmen seiner Idee zur adaptiven Radiaton mehr als bestätigt fühlen, es würde ihm gefallen zu sehen, wie schnell Anpassungen an extrem unterschiedliche Lebensräume vonstatten gehen können. Doch Daheim ist Daheim, und der Mars trotz aller lebensfeindlichen Abzüge die Heimat von Asa Butterfield, der schon in Enders Game der Auserwählte war – und hier jetzt nochmals. An seiner Seite aber statt Harrison Ford Oscar-Preisträger Gary Oldman als vergrämter Wissenschafter mit langer Mähne. Gut gespielt, aber routiniert. Brit Roberston (u. a. A World Beyond) hingegen als Gardner Elliotts Schwarm weiß da schon etwas mehr die Sehnsucht eines einsamen Teenies zu vermitteln, und die Chemie zwischen den Jungdarstellern stimmt. Das hat schon weitaus mehr greifbare Romantik als all diese Twilight-Originale und -Ableger, weil hier angenehmerweise keine Antagonisten den Frieden stören, sondern nur  der Brückenschlag zwischen zwei Welten zur unüberwindbaren Challenge wird. Es ist, als träfen die Geschichten eines John Green auf den bereits schon zitierten Marsianer – Den Sternen so nah erzählt von Einzelgängern und der Einsamkeit von Pionieren, von junger Liebe und einer Zukunft, in der Mann und Frau sich irgendwann nicht nur entscheiden müssen, welchen Nachnamen sie tragen, sondern auch, zu welchem Planeten sie gehören wollen.

Den Sternen so nah

Rocketman

DURCH DIE ROSAROTE BRILLE

7/10

 

null© 2019 Paramount Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: DEXTER FLETCHER

CAST: TARON EGERTON, JAMIE BELL, RICHARD MADDEN, BRYCE DALLAS HOWARD, STEVEN MACKINTOSH U. A.

 

Was haben Freddy Mercury und Elton John eigentlich gemeinsam? Auf den ersten und auch auf den zweiten Blick sehr vieles. Ein unglaubliches, musikalisches Talent, das absolute Gehör und das Zeug zu einer Repräsentanz, die die Dimensionen einer One-Man-Show oft schon mal durchbrochen hat. Beide sind schwul, haben markanten Zahnwuchs und einen Hang zu exzentrischen Outfits, Elton John vorzugsweise Brillen und Mercury hautenge Trikots. Und noch etwas haben sie gemeinsam, man möchte meinen ein gemeinsames Leid, nämlich ihren Manager John Reid. In Bohemian Rhapsody durfte „Kleinfinger“ Aidan Gillen in die Rolle der profitgierigen rechten Hand seiner hörigen Superstars schlüpfen. In Rocketman darf das Richard Madden, ebenfalls aus Westeros übersiedelt, in die Welt der Biopics und der Aufs und Abs legendärer Bühnenkünstler, die sich durch die Schattenseiten des Ruhms nun mal durchwühlen müssen, mit all ihren sirenengleichen Versuchungen, die dann gottlob abendfüllend überwunden werden können.

Der Mensch ist für das permanente Reiten am Wellenkamm grundsätzlich nicht gemacht, das geht an die Substanz, und fordert folglich Substanzen, die das Defizit wettmachen sollen. Hinzu kommt mitunter elterliches Versagen aus der Kindheit wie bei Reginald Dwight der Fall, und fertig ist der Mix aus mangelnder Selbstliebe und die Sehnsucht, geliebt zu werden. Da bei einem Star meist nur die Fassade geliebt wird, ist sowas selten erfüllend. Elton John hat aber, wie man unlängst in Cannes gesehen hat, wirklich die Kurve gekriegt. Schön, sich sowas im Kino anzusehen. Denn das ist die lose Storyline, die quasi als straffes Libretto Dexter Fletchers Musical-Chartshow dramatisches Rückgrat verleiht. Womit wir wieder bei der nächsten Gemeinsamkeit mit Bohemian Rhapsody wären. Fletcher hat auch beim Oscar-geadelten Musikfilm der Queen-Band Hand angelegt, nachdem Bryan Singer aus uns bekannten Gründen gebeten wurde, das Handtuch zu werfen. Fletcher hat es aufgefangen, und die Sache zu einem guten Ende gebracht. Im Zuge dieses Erfolges, und da wohl nur der halbe Film unter seinen Fittichen stand, war etwas Ähnliches in der Art nur das Weiterführen einer gemähten Wiese. Wenn schon gerade warmgelaufen, muss man die Energie auch irgendwie weiter nutzen – für die Schicksalssymphonie eines kaum weniger kultisch verehrten Großmeisters der Pop-Komposition. Und da Dexter Fletcher diesmal von Anfang an dabei war, und die quirlige Leichtigkeit seiner Sportlerdramödie Eddie the Eagle weiteres in der Art verspricht, beginnen deshalb auch hier trotz aller Gemeinsamkeiten zum Queen-Film langsam Differenzen hochzusickern.

Während Bohemian Rhapsody als prosaisches Drama all seine fetzigen Ohrwürmer vom dargestellten Künstlerteam erarbeiten ließ und sie Teil des chronologischen Geschehens waren, baut Rocketman das musikalische Erbe Elton Johns als erzählerisches Mittel ein: Voila, wir haben ein Musical. Und was für eines. Natürlich, Ohrwurm-Bühnenshows sind schnelle Abkassierer, regelrechte Crowdpleaser, die das große Geld garantieren, und das auf sehr einfachem Weg. Da geht’s gar nicht um die Geschichte dahinter, da geht es um den Rhythmus und den Groove, und den schmachtenden Abnicken wohlbekanner Evergreens. Das war so bei Falco, beim We Will Rock You-Musical, bei Mamma Mia oder bei I am from Austria. Zuerst waren da die Songs, und das Drumherum bekommen wir schon hin. Das ist natürlich Instant-Kultur, wie das Aufgießen einer Päckchensuppe – aber den Leuten gefällt’s. Also darf und soll auch Rocketman das Gleiche tun. Nicht leiden, nicht Probleme wälzen, sondern gefällig aufspielen wie beim Crocodile Rock, wo alles, was keine Flügel hat, fliegt.

Fletchers Filmoperette ist eine schillernde Rampensau, und wie hier Drama mit Bühnenshow kombiniert wird, einfach virtuos. Taron Egerton, der seit Fletchers Eddie-Hommage nie mehr wieder so gut war, taumelt in erfolgstrunkenem Zustand vom luxuriösen Wohnzimmer auf die Bühne, vom Krankenhaus an den Flügel, vom Flanieren auf einer Party in seinen nächsten Song. Wie Egerton sie bringt, hat eine ganz eigene Färbung, ist nicht Elton Johns Timbre, aber das macht nichts, ganz im Gegenteil – so lernt man bekannte Melodien plötzlich neu kennen. Keine Szene, die nicht ein paar Takte seiner Stücke anspielt, und seien sie auch noch so unplugged, noch so verborgen zwischen den Textzeilen. Rocketman schippert ganz eindeutig im Erfolgsfahrwasser von Bohemian Rhapsody, legt seine Songs aber ganz anders auf. Sie sind wichtiger als der ganze biographische Rest, doch greifen sie umschmeichelnd auf Stationen eines Lebens zurück, die fast schon generisch sind für das Ruhm-Handling eines Weltstars. Elton John war dafür bestens geeignet.

Rocketman