Deutschstunde

EXEMPEL DES UNGEHORSAMS

7,5/10

 

deutschstunde© 2019 Constantin Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2019

REGIE: CHRISTIAN SCHWOCHOW

CAST: ULRICH NOETHEN, TOBIAS MORETTI, LEVI EISENBLÄTTER, SONJA RICHTER, MARIA DRAGUS, JOHANNA WOKALEK U. A.

 

Wer sich einen angenehmen Kinoabend machen möchte und danach den Saal beschwingt verlassen will, der sollte um Deutschstunde einen großen Bogen machen. Die Verfilmung des Romans von Siegfried Lenz ist seit der italienischen Machtparabel Dogman wohl der sauerste, aber im Nachhinein auch schmackhafteste Apfel, in den sich als Kinogeher in der letzten Zeit beißen ließ. Was eben nicht heißen soll, dass ich es bereut hätte, mich der Deutschstunde mit aller literaturaffinen Aufmerksamkeit hinzugeben. Christian Schwochows Film ist wie der Moment nach dem Einschlag einer Fliegerbombe. Der Boden vibriert, und überall fliegen Dreck, Erde und tote Tiere herum. Dieses Nachbeben ist angesiedelt an der Nordküste Deutschlands, dort, wo Wattspaziergänge zur Tagesordnung gehören und der Wind unablässig bläst. Wo es regnet, stürmt und man rund 365 Tage im Jahr Regenmäntel tragen muss, um die Feuchtigkeit draußen zu halten.

Ungefähr so erdig, seltsam zwielichtig und mit Druck auf der Brust ist Deutschstunde auch geworden. Die Weite, das Meer, der Blick in die Unendlichkeit sind Täuschung und unstillbare Sehnsucht. Selten lässt sich Unglück mit Strandspaziergängen vereinbaren – hier schon. Für den jungen Siggi ist das Watt, die Weite des unwirtlichen Nordens ein Fluchtziel, das sich andauernd nach hinten verschiebt, je näher er ihm kommt. Doch wovor flieht er? Vor einem Schatten, den er nicht abschütteln kann, vor dem Schatten seines Vaters, der als fleischgewordenes Opfer der Pflicht seinen Sohn zu einem aufrechten Befehlsempfänger indoktrinieren will. Die Schatten, die sind in Deutschstunde sehr lang, tauchen die ohnehin engen, kargen vier Wände der mit Rietgras bedeckten Häuser in beklemmende Düsternis. Nichts ist wirklich hell in diesem Film, alles verharrt in einer Art Mitternachtsschimmer, wie er in den Sommern des hohen Nordens den Tag unendlich sein lässt. Der Vater als cesarenhaft aufspielender Big Brother, der seinen langjährigen Freund Max Nansen zum Wohle des Reichs verrät, ist eine Bedrohung, gegen die es sich aufzulehnen hat. Dieser Widerstand ist ein stiller, heimlicher, voll der Angst und des trotzigen Mutes. Schwochow hat diese kompromisslose, fast schon entseelte Figur mit einem Ulrich Noethen besetzt, der sich gegen jede Sympathie und mit dem Schneid zur Grauenhaftigkeit entschieden hat, sich einer rücksichtslosen Radikalität hinzugeben. Als sein Freund, Freidenker und Maler, aber auch als ideologischer Feind: Tobias Moretti, ein eremitischer, bescheidener Expressionist, in die Jahre gekommen, gesetzt und irgendwie zärtlich. Einer, der sich stets treu bleibt. Verfechter einer eigenen Meinung, einer Idee über das Leben und die Existenz. Vater Jespen hingegen hat das nicht. Die Figur in Uniform ist eine leere Hülle, befüllt mit den Dogmen jener, die gerade an der Macht sind. Ein Opfer der Pflicht, wie man sagt. Ein Psychopath der Ordnung. Brillant, wie diese Charakterstudie dank des Schauspielers funktioniert.

Siggi Jespen selbst, ein verletzter, gedemütigter Junge, frisch im Geiste und fähig, sein eigenes Weltbild zu entwerfen, entdeckt sehr bald, wie bedrohlich fassadenhaftes Mitläufertum sein kann, und wie unreflektiert die aufoktroyierte Pflicht einer verbrecherischen Ideologie. Erinnerungen an Oskar Mazerath mit seiner Blechtrommel und an die Thematik aus Michael Hanekes Das weiße Band werden wach. Auch hier, in diesem kargen, düsteren Kosmos einer patriarchalen Unterdrückung, beginnt der Widerstand des Nachwuchses in gezielten Terroraktionen gegen die Obrigkeit. eine Studie über die Essenz des menschlichen Konflikts. Deutschstunde zeichnet ein ähnliches, sogar noch komplexeres Bild, ergänzt es mit dem Wert der freien Gedanken, der Lust an der Identität und des Individualismus. Und der immerwährend wachen Fähigkeit, Normen zu hinterfragen.

Mit diesem Manifest auf die freie Wahrnehmung unserer Welt, auf den autarken Intellekt des Einzelnen, treibt Siegfried Lenz in seinem Roman den Widerstand gegen den unerbittlichen Patriarchen anhand eines geradezu aktionistischen Beispiels, welches die parasitären Eigenschaften blinden Gehorsams ad absurdum führt, auf die Spitze. Und wird zu einem wuchtigen Loblied auf das Recht der eigenen Meinung, dem Grundprinzip jeder Demokratie. Das hat Schwochow in tragödienhafter Intensität, mit Feuer, Flamme und dem Symbolismus tröstlicher Endlichkeit eingefangen. Der Tod nämlich, das ist die einzige Pflicht, die wir eingehen. Darüber hinaus sind die Möglichkeiten, sich selbst treu zu bleiben, so vielgestaltig wie das Farbspektrum auf den Werken des Malers Max Nansen, dessen Verlust seiner Bilder, seiner Weltbilder sozusagen, tief betrübt. Die Freuden der Pflicht, so das Thema des Aufsatzes in dieser Deutschstunde, gerät zur epischen Abhandlung, fast schon zum wissenschaftlichen Experiment. Ein großer, starker Film, unbequemer Zündstoff bis in das staubig-modrige Interieur verlassener Gehöfte und muffiger Einzelzellen, und eine so wetternde wie aufmüpfige Anleitung zum Ungehorsam.

Deutschstunde

The Danish Girl

WIE IM FALSCHEN FILM

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danishgirl

Das Leben ist wie eine Bühne. Wie ein Film oder überhaupt wie eine Serie in mehreren Staffeln, in denen der Cast immer wieder wechselt, Nebenrollen zu Hauptrollen und Hauptrollen zu Nebenrollen werden, bevor sie ganz verschwinden. Der Hauptdarsteller bleibt immer gleich. Wie kann es denn anders sein im eigenen Leben. Doch was, wenn man das Gefühl hat, man ist im falschen Film? Spielt die falsche Rolle? Was, wenn man das Skript zu seinem eigenen Leben nicht lernen will? Oder nicht lernen kann.

So oder ähnlich muss es dem dänischen Landschaftsmaler Einar Wegener ergangen sein – wie vielen intersexuellen Menschen, die ihre undefinierte Rolle in ihrem eigenen Leben weder als Mann noch als Frau ausleben konnten. Einar Wegener führte zuerst eine heterosexuelle Beziehung und war mit Gerda Wegener liiert – ebenso eine Künstlerin. Und sogar eine, die die Sehnsucht ihres Mannes nach seiner eigenen femininen Seite anfangs selbst für eine reizvolle erotische Komponente wahrgenommen und seine Lust am Tragen von Frauenkleidern in der Öffentlichkeit als einmaliges gesellschaftliches Wagnis gesehen und unterstützt hat. Was danach kam, konnte selbst sie nicht voraussehen. Die Frau in Einar Wegener war entfesselt. Die wahre Identität und das Bewusstsein, die ganze Zeit über die falsche Rolle gespielt zu haben, brachen sich Bahn. Der dänische Maler Wegener war nicht mehr. Stattdessen trat Lili Elbe in Erscheinung, das ehrlich gefühlte Geschlecht. Leider jedoch im falschen Körper. Und damit begann das wirkliche Drama. Denn aus dem eigenen Körper kann mich nicht heraus, es sei denn, man passt die menschliche Hülle dem Innersten an. Ein Ding der Unmöglichkeit, überhaupt in den 30er Jahren. Könnte man meinen. Doch die Medizin schlief auch damals nicht. Und die Problematik der Intersexualität war vor allem in medizinisch-wissenschaftlichen Kreisen längst nicht unbekannt. So war Lili Elbe der erste Mensch, der sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hat.

Tom Hoopers aufschlussreiche Biografie und dramatische Dokumentation der damaligen Ereignisse ist ein einfühlsames, künstlerisch hochwertiges Melodram geworden. „Stephen Hawking“ Eddie Redmayne meistert seine schwierige Rolle mit Hingabe. In vielen Szenen, vor allem in der zweiten Hälfte des Filmes, hat man das Gefühl, dass Redmayne selbst seine wahre Identität hinter seiner darzustellenden Figur zu vergessen scheint. Lili Elbe ist Redmayne. Und umgekehrt. Diese Intensität des Schauspielens ist man normalerweise nur von akribischen Schauspielextremisten wie Daniel Day Lewis gewohnt. Doch der spätere Newt Scamander und frühere Astrophysiker Hawking, der für die Rolle des an Muskelschwund leidenden Superhirns den Oscar erhielt, steht nun mit dieser Rolle ganz alleine auf einem Podest über vielen anderen seiner Zunft. Das Schicksal dieses Menschen dürfte ihm sehr am Herzen gelegen haben. So scheint es zumindest. Tom Hooper, der uns die Adelsbiografie The King´s Speech bescherte, und Kameramann Danny Cohen tauchen das sensible Arthauskino in erlesene Bildmalereien, die an Caspar David Friedrich oder Vermeer erinnern. Meist im Weitwinkel, erfasst die Kamera museale, entrückte Stillleben, auf denen die Werke Gerda Wegeners, die später meist nur Portraits von Lili Elbe zeigen, wie Portale in die zerrissene Psyche des verzweifelten Künstlers Wegener wirken. Alicia Vikander übrigens, die als Gerda Wegener Lili Elbes Schicksal bis zum tragisch-bitteren Ende begleitet, steht Redmayne um nichts nach. Ihre Darstellung ist fast annähernd so intensiv und wandelt sich von der lasziv-verspielten Draufgängerin der Malerszene zur gescheiterten Ehefrau voller Pflichtschuldigkeit und freundschaftliche Treue dem Menschen gegenüber, der einmal ihre große Liebe war.

Auf alle Fälle ist The Danish Girl großes Kino für aufgeschlossene Anspruchsvolle und Liebhaber epischer Biografien. Redmayne wird wahrscheinlich niemals mehr besser spielen, aber wenn er das Niveau hält, kann man sich auf seine zukünftige Filmografie nur noch freuen.

The Danish Girl