Herz aus Eis (2025)

IM BANNE DES IDOLS

7/10


© 2025 Filmgarten


ORIGINALTITEL: LA TOUR DE GLACE

LAND / JAHR: FRANKREICH, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: LUCILE HADŽIHALILOVIĆ

DREHBUCH: LUCILE HADŽIHALILOVIĆ, GEOFF COX

KAMERA: JONATHAN RICQUEBOURG

CAST: MARION COTILLARD, CLARA PACINI, AUGUST DIEHL, GASPAR NOÉ, MARINE GESBERT, LILAS-ROSE GILBERTI U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN



Wenn Oscarpreisträgerin Marion Cotillard das Set betritt, friert ringsherum die ganze Belegschaft ein. Bei dieser Divenhaftigkeit sehen sogar Liz Taylor und Angelina Jolie blass aus. Denn die Französin gibt hier den Inbegriff einer erhabenen Schauspielikone, die aus unerfindlichen Gründen so viel Einfluss und Macht besitzt, dass alle anderen vor ihr buckeln. Natürlich stellt sich die Frage, wieso man mit so jemandem die sowieso schon mühsamen Produktionsabläufe eines Filmdrehs erschweren muss – doch Filmstar ist eben Filmstar und sollte alle Erschwernisse mit der Wirkung aufs Publikum wieder wettmachen. Cristina, so nennt sich Cotillard im Film, ist Königin des Kinos und Königin in diesem Märchen, das in Herz aus Eis gerade nachgestellt wird. Dabei handelt es sich um eine relativ werkgetreue und man möchte fast schon sagen biedere Adaption der Geschichte von Hans Christian Andersen: Kunstschneelandschaften, graublauer Winterhimmel, in der Mitte des Szenarios ein Turm als Palast der eiskalten Adeligen, die unbedarfte Kinder bezirzt, um sie in ihr Refugium einzuladen, aus dem es kein Entkommen mehr gibt. Dieser Schneekönigin wollen sich alle unterwerfen, weil sie strahlt bis über alle Maßen.

Ein Märchen wird real

Das sieht auch das Waisenmädchen Jeanne so, die genug hat von ihrem ereignislosen Leben im Heim und über Berge und Täler wandert, um in der Stadt nach ihrem Idol zu suchen, nach Andersens glitzernder Figur. Das Schicksal will es, dass die Kleine durch Zufall an besagtes Filmset gerät, auf welchem sie Bekanntschaft mit dieser aparten Diva macht, die Jeanne von oben herab als ein Individuum wahrnimmt, das ihr vollends verfällt. Diese Unterwürfigkeit, Abhängigkeit, dieses Schmachten nach der Gunst einer Königin sowohl in der realen als auch in der inszenierten Welt, beschert Cristina einem Vampir gleich Nahrung und folglich Vitalität, lässt sie größer erscheinen und in ihrer Machtgier wachsen. Jeanne schlittert immer mehr in eine ungesunde Abhängigkeit, die so weit geht, dass die Diva bald alles von ihrem Günstling verlangen kann. Vielleicht sogar den Tod.

Hörigkeit und Missbrauch

Andersens Märchen über Abhängigkeit und Machtmissbrauch fährt unter der Regie von Gaspar Noés Lebensgefährtin Lucile Hadžihalilović auf zwei Ebenen dahin – erstens ist es die im Film stattfindende konventionelle Inszenierung des Klassikers, andererseits hebelt die Dimension, in dem der Filmdreh und die Beziehung zwischen Kind und Erwachsener stattfinden, die Kernaussage der Parabel nochmal aus, um sie an diesem erschütternd düsteren Beispiel eines Missbrauchs anzuwenden. Wie der Pakt mit dem Teufel fühlt sich dieser Weg in die Finsternis an, an welchem es schon bald einen Point of No Return geben könnte. Doch Herz aus Eis (im Original The Ice Tower) sieht in dem jungen Mädchen eine Protagonistin, die nicht auf einen Weg in die Verdammnis, sondern in die Erkenntnis geschickt wird. Das moralische Leuchtfeuer ist in dieser filmischen, klirrend kalten Winternacht unschwer zu erkennen, und auch Jeanne kann es wahrnehmen, wenn auch anfangs nur vage, weil die Verlockungen der Königin allzu betörend sind.

Ein Film wie eine Winternacht

Hadžihalilovićs Film ist langsam, schleichend und sperrig. Als wären es Bruchstücke einer zu Boden geschmetterten Eisskulptur, setzt die Filmemacherin diese Mär zu einem gespenstischen Mosaik zusammen, das nicht ganz passt, weil dazwischen Elemente fehlen, die den Erzählfluss geschmeidiger machen könnten. Doch genauso scharfkantig wie Eissplitter und so schneidend wie Kälte ist dieses Tauziehen zwischen Macht und Ohnmacht aus Bruchstücken zusammengesetzt. Das Fragmentarische lässt die Geschichte wie ein Traum in einem Traum wirken, bedrohlich entrückt und schwer rekapitulierbar. Kann sein, das manchen Herz aus Eis zu träge erscheint, doch diese Schwermut hat ihren Zweck. Als Winterschlaf eines heimatlosen Individuums, in dem selbiges einer Willkür erliegt, lässt sich diese Vision betrachten. Der Wunsch, Jeanne möge erwachen, drängt sich immer mehr in den Vordergrund. Cotillard als die Mächtige scheint dabei als ewig existierende Entität dem Kind auf unbewusste Weise zu lehren, sich im Leben zurechtzufinden und Gefahren zu erkennen.

Herz aus Eis ist das magische und zugleich ungefällige Konstrukt eines sozialen Gleichnisses, fast schon jenseits der Spielwiesen von Politik und Showbusiness und universell zu betrachten. Jungschauspielerin Clara Pacini begegnet in ihrem zerbrechlich-sinnlichen Spiel der längst versierten Cotillard auf Augenhöhe – beiden gelingt in ihrem schleichenden Duell, das Eis dieser fröstelnden Sachlichkeit aufzubrechen. Der Funke flackert spät, aber doch. Und klingt nach wie manches Märchen, dessen Metaebene man als Kind nur unbewusst mitgenommen hat. Um es dann, im Unterbewusstsein, reifen zu lassen.

Herz aus Eis (2025)

Universal Language (2024)

BABEL LIEGT IN KANADA

8,5/10


universallanguage© 2024 Viennale


LAND / JAHR: KANADA 2024

REGIE: MATTHEW RANKIN

DREHBUCH: ILA FIROUZABADI, PIROUZ NEMATI, MATTHEW RANKIN

CAST: MATTHEW RANKIN, PIROUZ NEMATI, ROJINA ESMAEILI, SABA VAHEDYOUSEFI, SOBHAN JAVADI, MANI SOLEYMANLOU, DANIELLE FICHAUD U. A.

LÄNGE: 1 STD 29 MIN


Eines hatten mehrere Filme in der Auswahl der Viennale gemeinsam: In ihnen war es saukalt. In Anora herrschten Minusgrade, in The Damned froren sich sämtliche Soldaten der Nordstaaten während des Bürgerkrieges den Allerwertesten ab, und in Universal Language wird Winnipeg, die Hauptstadt Manitobas in Kanada, zur urbanen Frostbeule, in der es so kalt ist, dass die Wäsche am Balkon, die andere zum Trocknen aufhängen, bretthart gefriert. Allerdings, so ließ sich Darsteller Pirouz Nemati während eines Q&A nach dem Film entlocken, ist die Darstellung der Kälte in diesem Film keinesfalls übertrieben. Den Klimawandel würde man dort wohl kaum vermuten, wohl schon eher den Wandel der Sprachen. Denn so seltsam es auch klingen mag und, sofern man sich nicht selbst davon überzeugen könnte, es niemals glauben möchte: In Winnipeg spricht man Farsi.

Man nehme die Welt mit all ihren Bewohnern und schüttelt sie wie in einer Schneekugel (das passt sogar) einmal gründlich durch. Sprachen und Orte verschieben sich. Ein neues Babel entsteht, mit dem Mikroskop hält Matthew Rankin aber weiterhin gezielt auf die merkwürdigen, gesellschaftlichen Strukturen der Bewohner einer Stadt, die Insider wohl szenenweise wiedererkennen würden, andere jedoch keinesfalls. In dieser Stadt, in diesem Stadtkreis, ist das einzige große Rätsel nur der gemeinsame Nenner vieler kleiner Obskuritäten. Ein Panoptikum surrealer Miniaturen wird hinter einer sinnbildlich bröckelnden Fassade schmuck- und fensterloser Häuserfronten sichtbar, auch im Eis stecken so manche Schätze, die geborgen werden wollen. Doch gerade ein Wunsch wie dieser tritt eine Kette an kausalzusammenhängenden Ereignissen los, die immer tiefer und immer lustvoller durch einen Kosmos mäandern, der nur in Träumen existieren kann. Es ist dies wohl der ungewöhnlichste und verblüffendste Film der diesjährigen Filmfestspiele in Wien. Eine Schmuckschatulle, prall gefüllt mit Ideen, die eine karussellartige Geschichte erzählen. Von Truthähnen, Kleenex-Tüchern und einer Neudefinition für den Tourismus attraktiver Sehenswürdigkeiten, für die man mal gut und gerne nicht nur eine Schweigeminute einlegt.

Der kanadische Filmemacher und Visionär Matthew Rankin, bislang stets mit Kurzfilmen vertreten und 2019 mit der bizarren Fake-Biografie The Twentieth Century im Langfilm debütiert, könnte mit Universal Language den Grundstein dafür legen, auch zukünftig ein ausgesuchtes Publikum mit Hang zum Absurden begeistern zu können. Die Herren Wes Anderson – jeder kennt ihn mittlerweile als Ensemblefilmer, dem die Stars die Türen einrennen – und der Schwede Roy Andersson (Über die Unendlichkeit) haben es bereits vorgemacht. Ihre Filme wären in einem Pulk von tausenden anderen so leicht zu erkennen, da ihren Stil und ihre Handschrift niemand sonst imitieren kann. Das Setzkastenkino von Wes Anderson mag wahrlich kurios sein – der Wille zur Dekoration seiner Sets mag aber manchesmal den Tiefgang außen vorlassen. Bei Roy Andersson ist das anders. Seine Momentaufnahmen grimmig-existenzialistischer Alptraumszenen rütteln am Gemüt und vermitteln gespenstisches Bilderbuchkino. Matthew Rankin braucht keine Stars. Seine Kunst erinnert unweigerlich an beide, findet dabei jedoch eine andere Mitte, einen anderen Schwerpunkt. Universal Language hinterfragt gesellschaftliche Strukturen, Wertigkeiten und Identitäten. Er verzerrt auf burleske Weise die Marktwirtschaft, den Familiensinn und menschliche Fehler in der Kommunikation. So skurril-witzig seine Anekdoten auch sind, so lakonisch-melancholisch balancieren sie am Rande einer tieftraurigen, tränenreichen Schwermut. Rankins Tableaus sind nicht von dieser Welt, sie erzählen von einem alternativen Universum voller liebenswerter, aber gewöhnungsbedürftiger Figuren. Dieser frische Wind im Kino des Surrealen ist schneidend kalt. Die Beziehungen unter den Menschen der einzige Weg, sich zu wärmen.

Universal Language (2024)

Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten (2022)

LAND DER BEGRENZTEN MÖGLICHKEITEN

7,5/10


bardo© 2022 Limbo Films, S. De R.L. de C.V. Courtesy of Netflix


LAND / JAHR: MEXIKO 2022

REGIE: ALEJANDRO GONZÁLES IÑÁRRITU

DREHBUCH: NICOLÁS GIACOBONE, ALEJANDRO GONZÁLES IÑÁRRITU

CAST: DANIEL GIMÉNEZ CACHO, GRISELDA SICILIANI, XIMENA LAMADRID, ÍKER SÁNCHEZ SOLANO, LUIS COUTURIER, ANDRÉS ALMEIDA, FRANCISCO RUBIO U. A.

LÄNGE: 2 STD 39 MIN


Die Welt ist am Arsch. Mit diesen Worten will das Baby wieder zurück in den Schoß seiner Mutter. Mateo wird nie seinen ersten Geburtstag erleben – der Tod des Neugeborenen wird als Trauerkloß dem Protagonisten Silverio andauernd vor die Füße rollen. Mit surrealen Szenen wie diese, wenn die meterlange Nabelschnur die Mutter nicht gehen lässt und wenn das Neugeborene zurück in die Vagina dringt, beginnt eine fremdartige, groteske und impressive Reise in eine autobiographisch gefärbte Vergangenheit des mexikanischen Oscar-Preisträgers Alejandro Gonzáles Iñárritu. Spätestens seit seinem Abenteuerdrama The Revenant – Der Rückkehrer und seiner nicht weniger surrealen Ego-Komödie Birdman kennt ihn jeder, der auch nur ein bisschen Ahnung vom Kino hat. Iñárritu ist Autorenfilmer durch und durch. Biutiful ist meines Erachtens sein bestes Werk. Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten reicht nahe an ihn heran, bleibt aber viel mehr auf Distanz und genießt es geradezu, seinem Publikum mancherorts fremd zu bleiben. Bardo befragt das Gewissen von Iñárritus Alter Ego, stochert in seinem Unterbewusstsein, lässt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft jenseits allen chronologischen Verständnisses insofern verschmelzen, dass die Figur des Silverio die Gabe besitzt, in die Zukunft zu visionieren und mit den Erinnerungen an seine fiktiven Werke in die Vergangenheit einzutauchen.

Die wirkliche Meisterleistung von Bardo ist die Magie, die entsteht, wenn Realität und Vorstellungskraft einander aufheben. Wenn beide Bewusstseinsformen ihre Plätze tauschen, und erst lange Zeit später allerlei daraus entstehende Rätsel ihre Antwort finden, egal, ob richtig oder falsch. Iñárritu lässt niemanden in seinem Krypto-Kaleidoskop dumm sterben. Wenn, dann immer mit Erleuchtung. Und das ist das Schöne an seinem Film.

Mehr oder weniger steht der Regiemeister selbst im Mittelpunkt. Seine Figur ist, wie bereits erwähnt, ein seit rund 20 Jahren in den Vereinigten Staaten lebender Dokumentarfilmer und Journalist, der allerlei extravagante Werke vollbracht hat, die sich mit der Geschichte seines Heimatlandes Mexiko auseinandergesetzt haben. Sei es die Eroberung Spaniens durch Hernan Cortez oder der Amerikanisch-mexikanische Krieg im 19. Jahrhundert. Silverios Arbeiten sind aufbereitet wie Spielfilme, in denen der Macher selbst als Erzähler und Befrager durch die Epochen dringt, um sich zu vergewissern, ob die Gegenwart aus der Vergangenheit auch wirklich gelernt hat. Vielen stößt das sauer auf, gerade in Mexiko. In Amerika wird er gefeiert und hofiert und sollte demnächst einen bedeutenden Journalistenpreis entgegennehmen. Zuvor allerdings begibt er sich an den Ort seines damaligen Aufbruchs, nach Mexiko City. Wird auch dort gefeiert und zu einer Talkshow geladen, die ihm allerdings Angst macht. Denn was wird das Volk wohl wissen wollen? Würden sie ihm den Verrat seines Landes vorwerfen? Würden sie ihn als Nestbeschmutzer verurteilen? Und wie sieht seine eigene Familie das Euvre seines Schaffens? Sein Lebenswerk? Fragen über Fragen, die sich Silverio selbst stellt. Die sich aus seiner Sicht manifestieren, die ihn quer durch seine Erfolgsstory, aber auch durch seine dunkelsten Stunden geleiten.

Das kann man langweilig finden, und ich würde es verstehen. Oder man lässt sich drauf ein, lässt sich reinfallen in einen von Darius Khondji wild komponierten Bildersturm aus verzerrten Weitwinkeltableaus, die stets das Gefühl vermitteln, in einer Traumwelt zu sein. Die irreale und die reale Welt entsprechend zu markieren, damit es dem Zuseher vielleicht leichter fällt, die Orientierung zu bewahren – darauf gibt Iñárritu gar nichts. Das Gesamtbild setzt sich am Ende ohnedies zusammen. Den Wagemut also, und die Bereitschaft, den Zuseher zu fordern, auch wenn dieser vielleicht genervt das Handtuch wirft – sind künstlerische Verhaltensweisen, die dem Medium Film seinen Puls geben.

Was man von Bardo erwarten, wie man es einschätzen kann? Vergleichbar ist der Film mit Paolo Sorrentinos La Grande Belleza – Die große Schönheit. Und tatsächlich haben beide Filmemacher in den subjektiven Beobachtungen ihrer Heimat ähnliche Methoden erarbeitet, um Respekt, Würde, Sehnsucht und Kritik walten zu lassen. So kraftvoll und durchblutet wie La Brande Belleza ist eben auch dieses, mit 2 Stunden und vierzig Minuten deutlich überlange Werk – und auch von daher kein gefälliges Erlebnis, sondern etwas, das sich lustvoll erarbeiten lässt. Dass neugierig macht auf jede nächste Szene, auf jeden nächsten Einfall. Und wieder ist der Traum, statt wie angenommen, doch noch die Wirklichkeit. Lösen sich kryptische Bilder in Erkenntnis auf. Das ist jedes Mal wie Luftholen, bevor man erneut abtaucht.

Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten (2022)