Togo

DOG TO GO

6,5/10

 

togo© 2019 Disney Enterprises Inc. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2019

REGIE UND KAMERA: ERICSON CORE

CAST: WILLEM DAFOE, JULIANNE NICHOLSON, MICHAEL GASTON, CHRISTOPH HEYERDAHL, MICHAEL GREYEYES U. A. 

 

Zeitgleich mit dem Disney+-Release hier in deutschsprachigen Landen muss natürlich auch gleich der erste Filme einer Qualitätskontrolle unterzogen werden. Vorgenommen habe ich mir den Outdoorstreifen rund um einen Haufen toller Hunde, nämlich Schlittenhunde, die von einem ganz außerordentlich begabten Leithund angeführt werden, der den Namen Togo trägt. Togo ist auch der Titel des Films, und als Stargast nebst all den beeindruckenden Hundeperformances darf Willem Dafoe wieder mal zeigen, dass er auch fern jeglichen Arthousekinos mit Ferrara und Dave Eggers auch ganz normal familientaugliches Kino anführen kann. Denn was Harrison Ford kann, kann Dafoe schon lange. Der Unterschied dieser beiden Filme? In Ruf der Wildnis durfte Ex-Han Solo gar nicht mal mit echten Tieren kommunizieren. Der Hund aus der Neuverfilmung von Jack Londons Klassiker besteht aus Pixels. Das allerdings fällt unangenehm auf. Weil es einfach nicht sein muss. Kein Tier lässt sich besser trainieren als ein Hund. War das reine Bequemlichkeit der Studios? Oder einfach wieder nur zeigen, was das digitale Kino alles kann? Allein vom Trailer her lässt sich vermuten, dass die Macher mit dem Ergebnis nicht gerade die Benchmark gekitzelt haben. So gut es also geht, ist Natürlichkeit immer der beste Effekt. Dessen besonnen hat sich Disney – und für viele Szenen auf ein ganzes Rudel echter Wuffomaten zurückgegriffen. Diese sibirischen Huskys, in welcher Entwicklungsstufe auch immer, vom Welpen bis zum Grauhaar, holen selbst Hundemuffel und solche, die mit Pudel, Dackel und Co überhaupt nicht viel anfangen können, hinter dem Ofen hervor. Diese Huskys, die sind einfach noch einen Tick anders. Sie sind wilder, ursprünglicher. und gehören genau dorthin, wo der Film spielt: Nämlich nach Alaska – und nicht in ein urbanes Appartement.

Dieses Alaska, das bekommt in Ericson Cores klassischem Abenteuerfilm der guten alten Schule einen Anstrich, das man es ewig schade finden könnte, Togo mitsamt den Kids nicht auf großer Leinwand gesehen zu haben. Zugegeben, die Panoramabilder sind vielleicht eine Spur zu pittoresk, aber Landschaften sehen zu bestimmten Tageszeiten nun mal so aus, das ist Wildniskitsch pur, der aber auch so sein darf. Die Dokureihe Universum lässt grüßen. Auch Filme wie Alpha, der ebenfalls die Mensch-Hund-Achse dreht, oder Wie Brüder im Wind über die Geschichte eines Jungen und seines Adlers. Togo ist ein großzügiger Naturfilm, der sich nicht einsperren lässt und die Weite genießt. Und den Hunden nicht oft genug in die eisblauen Augen schauen kann. Das erzeugt wiederum Nähe. Und ja, einem Hundemuffel wie mich hat das am Ende des Tages dann doch noch abgeholt. Noch dazu, weil Togo auf einer wahren Geschichte beruht, die in den 20er Jahren als Serumlauf von Nome bekannt wurde und statt Togo allerdings einen Hund namens Bolt berühmt gemacht hat.

Togo ist fast schon so was wie eine familientaugliche Mischung aus The Revenant und Lassie – oder wie hieß der Bernhardiner gegen Bergnot? Der Himmel ist stets voller bedrohlicher Wolken, der Wind tobt, das Schneegestöber nimmt die Sicht. Was müssen die vier Pfoten wohl frieren auf diesem kalten, eisigen Untergrund. Die Szene, in welcher der Schlitten, um Zeit zu sparen, einen vereisten Sund überquert, ist wirklich atemberaubend gefilmt. Der zwischenmenschliche Überbau eher solides Beiwerk ohne Besonderheiten, in ganz herkömmlichem Disney-Stil, wie wir es seit Jahrzehnten gewohnt sind. Braucht es da was anders als versöhnliches Pathos? Nein, weil Hunde, die stehen auf sowas. Nichts macht sie glücklicher.

Togo

Alpha

ES WAR EINMAL… DER HUND

6/10

 

alpha© 2018 Sony Pictures Entertainment

 

LAND: USA 2018

REGIE: ALBERT HUGHES

CAST: KODI SMIT-MCPHEE, LÉONOR VARELA, NATASSIA MALTHE U. A.

 

Besucht man in Wien das Naturhistorische Museum am Maria Theresien-Platz, empfiehlt es sich, die erste Etage hochzugehen und die Besichtigung der prähistorischen Abteilung mal von links zu beginnen. Kurz vor dem Eingang in den Saal mit den Dinosaurier-Skeletten und dem beweglichem Allosaurus gibt es links in einem Seitengang das Modell einer steinzeitlichen Behausung im Originalformat. Blickt man dort hinein, so sieht man einen Screen, auf dem ein Nonstop-Filmchen über die Kreaturen des Pleistozäns im Endlos-Loop zu sehen ist. Genauso gut könnte dort der Abenteuerfilm Alpha laufen, nur wäre der Bildschirm im muffigen Inneren des mit Fellen und Schädelknochen ausgebauten Unterschlupfs für all die Bildgewalt, die Alpha bietet, entschieden zu klein. Da hätte ich lieber einen eigenen Kinosaal innerhalb des klassizistischen Gebäudes, für genau solche Filme, wie Albert Hughes jugendkonforme Antwort auf The Revenant einer ist.

Ein ähnlich intensives Erlebnis wie Jean Jacques Annaud´s Am Anfang war das Feuer zu erwarten, würde mit einer gewissen Enttäuschung einhergehen. Ebenso würde ich ohne Zweifel den österreichischen Ötzi-Thriller Der Mann aus dem Eis als um Mammutlängen authentischer einstufen, da dieser sogar versucht hat, den ohnehin wortkargen Film in einer möglichen Ur-Sprache erklingen zu lassen. Ohne Untertitel wohlgemerkt, um noch das letzte bisschen Bequemlichkeit zu nehmen, und außerdem erschließt sich die übersichtliche Handlung alleine schon durch das Agieren der archaisch bekleideten Opfer und Täter irgendwo in Südtirol ohnehin. Alpha hat weder Annaud´s erdig-urtümliche Atmosphäre, noch den Anspruch auf Authentizität wie Felix Randau´s unwirtliche Zeitreise. Aber: Alpha besticht durch landschaftliche Tableaus im Morgen- und Abendlicht, nach dem Regen und vor dem Sturm. Das Licht legt sich wie flüssiges Gold über das Grasland, rotviolettes Zwielicht taucht die Szenerie in ein mitunter leicht kitschiges, aber sattes und opulentes Damals eines Europas vor rund 20.000 Jahren, das sich geografisch nicht so genau festlegen will und daher alle möglichen Ökosysteme des alten Kontinents miteinander vereint – von scharfkantigen Schluchten bis hin zu ausladenden Gletschern und schroffen Gebirgen. Alpha ist wie ein Diorama, und auch solche Arrangements finden sich in den Naturkundemuseen dieser Welt. Es ist, als steige man in Albert Hughe´s Steinzeitabenteuer direkt in ein interaktives Museum. All das, was sich in den Sammlungen zur Frühgeschichte des Menschen so finden mag, haben wir hier fein säuberlich vereint. Die Sippschaften von damals sind adrett gekleidet, mit Knochen-, Federn- und sonstigem Behang. Minuten später ziehen Mammutherden im Abendlicht übers Feld. Prähistorische Schweine dürfen ebenfalls gejagt werden wie Herden des Ur-Rinds – hier wieder werden Erinnerungen an die Büffel-Szene von Der mit dem Wolf tanzt wach, in Alpha ist die Konfrontation der Speerjäger mit der ungebändigten Naturgewalt auf vier Hufen ein bereits schon sehr früh verbrauchtes Highlight. Aber das macht nichts, irgendwann kommt der Häuptlingssohn namens Keda auf den Hund. Um genauer zu sein kann von Hund Anfangs keine Rede sein. Womit er sich anlegt, das sind ein Rudel Wölfe, und das, nachdem der schlaksige Frischling vom eigenen Papa für tot erklärt wird. Wider Erwarten – also zumindest für den nichtsahnenden Papa – rafft sich Keda auf und macht sich auf den Heimweg, der sich natürlich endlos in die Länge zieht, da der Junge weder einen Plan noch sonst irgendwelche ausgereiften Kenntnisse besitzt, mit denen sich gezielt orientieren lässt. Soviel zu The Revenant, und ja, manchmal leidet, ächzt und stöhnt der australische Schauspieler Kodi Smit-McPhee genauso intensiv vor sich hin wie Leonardo DiCaprio. Nur Leo hatte sich keinen Wolf erjammert – Smit-McPhee schon. Und als beide dann irgendwo im Nirgendwo in einer Höhle kauern, der Mensch das verletzte Tier verarztend und gleichzeitig unterwerfend, sehen wir alle die Genesis des besten Freundes des Menschen aus einem vorsintflutlichen Licht, wie es um die Stunde Null für den Hund wohl gewesen sein mag, wie durch Zufall das Tier an seinem Herren den Eigennutzen erkennt und umgekehrt. Eine artenübergreifende Symbiose ist das, eine Kosten/Nutzenrechnung, die aufgeht – und eine bis heute andauernde Geschichte der unterschiedlichsten Rassen nach sich gezogen hat, vom Rehrattler bis zur Deutschen Dogge. Über so viel Science-Fiction würde die Wölfin Alpha nur ein ungläubig bellendes Lachen von sich geben.

Als Landschafts- und Naturfilm gewährt Alpha einen so tröstenden wie idealisierten Blick auf eine Erde, auf welcher der Mensch noch Teil der Nahrungskette war. Insofern verspricht Alpha Schauwerte im anspruchsvollen Kalenderstil aus dem Museumsshop, darüber eine recht berechenbare, simple Geschichte, die es allerdings gut meint und auch versucht, den Wolf so wenig zu animieren wie möglich, wobei ich mir hier manchmal nicht ganz sicher bin, wann Meister Isegrim aus Nullen und Einsen besteht und wann nicht. Alpha ist schönes Volkskino aus und über die Urzeit, so schön wie eine wohlgefällige Terra Mater-Doku und entsprechend überschaubar packend.

Alpha