LaRoy, Texas (2023)

DIE AGENDEN DER SELBSTZWEIFLER

8,5/10


laroy© 2023 Laroy Productions LLC


LAND / JAHR: USA, FRANKREICH, ÖSTERREICH 2023

REGIE / DREHBUCH: SHANE ATKINSON

CAST: JOHN MAGARO, STEVE ZAHN, DYLAN BAKER, MEGAN STEVENSON, MATTHEW DEL NEGRO, BRAD LELAND, GALADRIEL STINEMAN, BOB CLENDENIN, ALEX KNIGHT U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Einst waren Blood Simple, Fargo oder No Country for Old Men brillante filmische Beispiele dafür, wie der lakonische Genre-Hybrid zwischen Film Noir, Thriller und Western, durchsetzt mit bitterbösem Humor, das postmoderne Kino umgedacht hat. Verantwortlich dafür waren eine ganze zeit lang die Brüder Joel und Ethan Coen. Seit Sichtung von LaRoy, Texas, einer Provinzdramödie, die von gescheiterten Existenzen und ihren Beziehungen zueinander erzählt, könnte man sich unter Umständen darauf verlassen, dass, sollten es die Coens nicht mehr hinbekommen, zumindest Shane Atkinson auf souveräne Art einspringen könnte. Sein Film ist allerdings weder ein Abklatsch noch eine schöngeredete Hommage an diese spezielle Art des amerikanischen Heimatsfilms, sondern ein zutiefst eigenständiges Konstrukt, mit anderem Timing, mit neuem Rhythmus und selten gesehenen Gesichtern, die dem ganzen Schicksalsreigen doch eine gewisse Eigenständigkeit verleihen; eine Originalität, die es nicht notwendig hat, mit Kassengold-Stars zu punkten. Es ist eine Story, die sich selbst genügt und auf nachvollziehbare Weise das eine auf das andere folgen lässt, wobei die Verknüpfungen in diesem Thriller nicht chronologisch erfolgen, sondern in einem zeitlosen Vakuum an Begebenheiten. Diese sind rein zufällig, denn Koinzidenzen machen in Atkinsons Welt das Leben aus.

Der erste Stein, der den Domino-Effekt zum Kippen bringt, ist das des Nächtens liegengebliebene Auto eines Mannes, der kurze Zeit später von einem scheinbar zufällig vorbeikommenden Killer in die ewigen Jagdgründe geschickt wird. Dann: Szenenwechsel. Wir treffen auf den Baumarktbediensteten Ray Jepsen (John Magaro als die neorealistische Version eines mieselsüchtigen Buster Keaton), der von Möchtegern-Detektiv Skip (Steve Zahn) in einem Diner darüber unterrichtet wird, dass seine Frau anscheinend fremdgeht. Daraufhin sieht Ray keinen Sinn mehr im Leben und will sich eine Kugel in den Kopf jagen. Dieser Suizid wird allerdings vereitelt, als er mit jenem Killer verwechselt wird, der die Ouvertüre des Films zu verantworten hat. Und schon verdichten und verhaspeln und stolpern die Ereignisse übereinander, als würden alle zur Stoßzeit aus der vollgepackten U-Bahn wollen. Jede dieser Figuren, die allesamt ein ähnliches Problem mit sich herumschleppen, nämlich jenes, dass keiner an sie glaubt, ereifert sich in diesem Spiel um Erwartungen und Erwartungshaltungen so sehr, dass kein Auge trocken bleibt, keine Chance unversucht und niemand im Streben nach Anerkennung den großen Jackpot knackt.

LaRoy, Texas ist eine staubtrockene Verliererballade im kessen Folklore-Cowboygewand eines lakonischen Thrillers, angereichert mit schwarzhumorigen Spitzen, die aus eloquent verfassten Dialogpassagen herausbrechen. Die paar Stereotypen, die sich in diesem Dilemma um Selbstachtung ebenfalls einfinden – wie zum Beispiel der unscheinbare Auftragsmörder – sind satirisch zitierte Versatzstücke in einem bereits bravourös interpretierten Kinobiotop. Hier lässt sie Atkinson nochmal Revue passieren, und stellt ihnen verhaltensoriginelle Kerle wie Steve Zahn entgegen, der scheinbar allen hier die Show stiehlt und als idealistischer Streber in Sachen Ermittlungen von der lokalen Polizei unentwegt verlacht wird. Was passiert mit Menschen, deren Kompetenzen unterwandert werden? LaRoy, Texas gibt die Antwort. In diesem Thriller strebt niemand nach der Gunst des materiellen Wohls, jedoch nach der Gunst des Respekts. Das hebt Atkinsons Film von anderen dieser Machart ab, die sich um Schatzjagden und dem Anraffen von Mammon bemühen. Dieser hier hat die Metaebene des psychologischen Konflikts ganz für sich allein gepachtet und bringt eine Eigendynamik mit ins Spiel, die in einer cineastisch brillanten melancholischen Verlorenheit ihre Erschöpfung findet. Desillusioniert zwar, aber wahrhaftig. Kurzum: Ein mit feiner Klinge geführtes, komplexes wie verstecktes Filmjuwel.

LaRoy, Texas (2023)

Rickerl – Musik is höchstens a Hobby (2023)

DIE HOHE KUNST DES DURCHWURSTELNS

9/10


rickerl© 2023 Filmladen FIlmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2023

REGIE / DREHBUCH: ADRIAN GOIGINGER

CAST: VOODOO JÜRGENS, BEN WINKLER, AGNES HAUSMANN, NICOLE BEUTLER, RUDI LARSEN, CLAUDIUS VON STOLZMANN, DER NINO AUS WIEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


In den Siebzigern und Achtzigern waren sie hierzulande groß im Kommen: die Wiener Liederpoeten, von Wolfgang Ambros und seiner Mörderballade Da Hofa über Georg Danzer bis zu Rainhard Fendrich, Peter Cornelius und Ludwig Hirsch, dem schwärzesten und melancholischsten unter den österreichischen Songwritern. All diese Könner wiederum blicken auf das Schaffen eines Helmut Qualtingers zurück, der mit der Aufarbeitung und Darstellung der Wiener Seele überhaupt erst begonnen hat. Einige Jahrzehnte später bekommt das Land neue Genies. Darunter einer, der so klingt, als hätte man sich verhört, obwohl doch der Name des Bademantel-Chansonniers fiel: Voodoo Jürgens. Mit Elementen aus Heurigenschrammeln, Hirschs Schwarzer Vogel-Mentalität und lokalkolorierter Häf’npoesie kreiert der Wiener David Öllerer vertonte Balladen, melodische Lyrik aus der Gosse, vom Friedhof, aus der Arbeiterschicht und dem Verlierertum. Aus den Rotlichtbuden am Gürtel und verrauchten Branntweinern – sogenannten Stammkunden-Kaschemmen, die eigenen Gesetzmäßigkeiten unterliegen und zur Einbrenn des Lebens vordringen. Die Songs kommen von ganz tief unten – dort, wo der Herr Karl seine Waren sortiert und wo Ulrich Seidl gerne hinblickt, ohne aber boshaft zu werden. Jürgens Lieder sind entpolitisiert, voller Schmerz, Erinnerungen und unstillbarer Melancholie. Die kleinen, kaputten, fast, aber noch nicht ganz gescheiterten Existenzen. Soziale Freaks und verzweifelte Aufraffer, die es manchmal schaffen, und auch wieder nicht. Der Traum vom Glück schwebt als Alkohol- und Zigarettendunst über allem. Voodoo Jürgens vertont genau das. Und trifft ins Mark. Einer wie Adrian Goiginger, der mit seinem autobiographischen Debüt Die beste aller Welten zeigen konnte, wie authentisch er soziale Gefüge beobachten kann, ohne sie zur Show zu machen, der hat das bemerkt. Den Musiker liebgewonnen und einen Film mit ihm gemacht. Rickerl heisst dieser – begleitet mit dem Untertitel: Musik is höchstens a Hobby.

Rickerl ist weit jenseits eines Musikers wie Alfred Dorfer ihn in Freispiel darstellt, als Mann in der Midlife-Crisis, der sich neu orientieren muss. Eher noch lässt sich Voodoo Jürgens‘ Verlierertyp mit Oscar Isaac gleichsetzen, der in Inside Llewyn Davis als ebensolches Potenzialbündel nichts auf die Reihe bekommt, ein Opfer seines auferlegten Determinismus darstellt und als Randexistenz aus dem Straucheln eine eigene Kunstform macht. Rickerl ist ein Songwriter, hat einen Hang zum Makabren, fühlt sich als Opfer seiner zerrütteten Kinderstube, ist Ex-Mann und Vater eines aufgeweckten sechsjährigen Jungen, der ihn alle Wochenenden besuchen darf. Was er ins Mikro schmettert, hat Tiefe, das weiß auch sein Manager – nur ohne Demo-Tracks und einer gewissen Ordnung in Rickerl Oeuvre kann dieser nichts ausrichten. Der lethargische, schlaksige Beisl-Poet muss sich zusammenreißen. Doch es hilft alles nichts, so lange ihm selbst nicht die Erkenntnis kommt, die ihn vielleicht dazu bewegt, sich endlich abzugrenzen vom selbst auferlegten Stigma eines Fast-Obdachlosen, der dem System entkommen muss.

Rickerl birgt keine komplexe Geschichte. Nimmt sich gar zurück, was den Plot betrifft. Und beobachtet, wie seinerzeit Elisabeth T. Spira in ihren fulminanten Alltagsgeschichten, das Milieu. Durch dieses Beobachten, ohne es ins Scheinwerferlicht zu zerren, was er beobachtet; durch dieses Zuhören und dem Mittrinken eines Spritzers am Stammtisch entsteht etwas völlig Berührendes und Großes. Ein ungemein ehrliches Portrait, eine feine Skizze der kleinen Leute, die im tiefsten, gar ordinären Wiener Slang, wie ihn einst der gute alte Edmund „Mundl“ Sackbauer sprach, durch die Gassen der Hauptstadt schlendert. Rickerl gelingen sogar einige kabarettistische Spitzen, doch um die geht es genauso wenig wie in Paul Harathers Filmjuwel Indien: Das altbekannte Stereotyp des glücklosen Künstlers erfindet sich neu, bedient sich dabei vertrauten Motiven und bringt das patscherte Leben mit Klampfen, Goldkette und Tschick in eine wenig verklärte Gegenwart, die für viele viel zu schnell kommt und all die in den Tag hineinlebenden Originale überrumpelt.

Goiginger kann in seiner musikalischen, wunderbar ausgewogenen Tragikomödie seine wahre Stärke ausspielen: Die wahrhaftige Interaktion in einem sozialen Biotop – fast dokumentarisch mutet sein Film manchmal an, ungemein echt agiert das Ensemble rund um Voodoo Jürgens, der einem in seiner schludrigen Art genauso wie dessen Filmsohn Dominik so richtig ans Herz wächst. Nichts ist gekünstelt, alles gemeint wie getan. So landet Rickerl direkt und ohne Umwege beim Publikum. Wie Goiginger es immer wieder gelingt, Kinderdarsteller so sehr ins Spiel zu integrieren, ist ein Wunder. Doch eigentlich ist nicht nur das, sondern das ganze bittersüße Drama, unterlegt mit Jürgens‘ verletzlichen, ungefälligen Songs, ein besonderes Mirakel, das Wien, seine Menschen und die Kunstform des Austropop umarmt.

Rickerl – Musik is höchstens a Hobby (2023)

Ein Becken voller Männer

NACH DEM SCHEITERN IST VOR DEM ERFOLG

6,5/10

 

EIN BECKEN VOLLER MƒNNER© 2019 Constantin Film

 

ORIGINAL: LE GRAND BAIN

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: GILLES LELLOUCHE

CAST: MATTHIEU AMALRIC, BENOIT POELVORDE, GUILLAUME CANET, JEAN-HUGHES ANGLADE, VIRGINIE EFIRA U. A.

 

Sport ist die beste Medizin! Vor allem gegen psychische Erkrankungen wie Panikattacken oder Depression. Schwimmen eignet sich dafür am besten, also meiner Meinung nach. Beim Schwimmen taucht man in ein ganz anderes Medium ein, das hilft sehr gut, den Alltag zu relativieren, in dem man manchmal so richtig feststeckt. So geht’s zumindest dem unter schweren Depressionen leidenden Familienvater Bertrand, seit zwei Jahren schon arbeitsunfähig, zum Leidwesen von Frau und Kind. Beim Nachwuchs-Schwimmkurs wird die arme Seele allerdings auf eine Anzeige am schwarzen Brett aufmerksam – eine etwas ungewöhnliche sozusagen, nämlich eine für männliches Synchronschwimmen. Warum nicht, denkt sich Bertrand, und wird kurze Zeit später Teil eines wild zusammengewürfelten Teams aus Männern, die mehr oder weniger ihr Lebensziel verpeilt oder von höheren Mächten in die Schranken gewiesen wurden. Mit anderen Worten: Verlierer, die es verhältnismäßig schwer haben. Die sich im Wasser aber ungleich leichter fühlen. Ihre Trainerin: eine Frau, die selbst so ihre Probleme hat, und nicht anders dran ist als die Handvoll Typen, die mit Badehaube und Waschbärbauch im Laufe ihres Trainings so ziemlich alles umdenken, woran sie bisher gescheitert sind.

Das Scheitern wird in Gille Lellouches liebevoller Tragikomödie zur riesengroßen Chance, einen Neuanfang zu wagen oder sich umzuorientieren. Träume aufzugeben und Alternativen zu suchen. Nicht alle Schwimmer in Ein Becken voller Männer sind Verlierer, natürlich nicht. Einige von ihnen bekommen allerdings keinen biographischen Steckbrief verpasst, im Mittelpunkt stehen eher die Stars des französischen Kinos wie Benoit Poelvoorde, Guillaume Canet oder Mathieu Amalric. Jeder von ihnen scheitert anders, aus Selbstversschulden, Kränkung oder Krankheit. Das, was sie probiert haben, gelingt nicht. Wobei sich die Frage stellt: sollte man weiter an seinen Träumen festhalten oder andere suchen? Beharrlich bleiben oder aufgeben? Ein Becken voller Männer zelebriert den „Plan B“ als eine Erkenntnis, sich fürs eigene Versagen nicht schämen zu müssen. Der Plot des Films erinnert unweigerlich an Peter Cattaneos Striptease-Sozialkomödie Ganz der gar nicht aus dem Jahr 1997, wobei hier Arbeitslosigkeit und finanzielle Bedürftigkeit mehr im Vordergrund steht als die Unfähigkeit, etwas Nachhaltiges zu vollbringen. Da wie dort ist die (vorläufige) Lösung der vordergründigen Probleme etwas, das auf homöopathischem Wege anfangs alles nur noch schlimmer macht, bevor irgendetwas besser wird. Ob Männer-Strip oder maskulines Synchronschwimmen – beides erzeugt gesellschaftliche Irritation, und beschwört ein dem Happy End-Kino inhärentes gruppendynamisches Einsehen herauf. Schön wär’s, wenn es tatsächlich so wäre. Und in Lellouches Realkomödie ist die Welt trotz aller Unzulänglichkeiten und zähneknirschenden Entbehrungen eine letzten Endes heile, die zum Schluss kommt, dass nur präsentierte Leistung etwas ist, worauf man stolz sein kann. Und nicht einfach nur das eigene schräge Ich, das am Mainstream scheitert.

Lellouche bekommt allerdings noch die Kurve – er verbucht die Erfolgsgenese seiner kleinen Helden nur für sie selbst. für niemanden sonst. Und das macht den Film dann doch sehenswert, auf befreiende Art idealistisch und mit sich selbst im Reinen.

Ein Becken voller Männer