Viennale 2023

ROT IST DIE FARBE DES KINOS


V23_SUJET_© Viennale / Rainer Dempf



Was sehen meine fürs Grafische etliche Jahre lang geschulten Augen denn heuer auf den Bannern, Plakaten und sonstigen Merchandising-Artikeln der 61. Viennale? Ein gelbrotes Motiv, konvertiert und nahe am Betrachter: Es muss der Fötus eines katzenartigen Tieres sein, womöglich eines Löwen, die Schnauze ist unverkennbar. Vielleicht, so ganz im Unterbewussten, hat die italienische Kunstmanagerin und Viennale-Direktorin Eva Sangiorgi eine Analogie zum Goldenen Löwen Venedigs bringen wollen, vielleicht eine kleine Hommage an ein Festival, welches sie womöglich auch gerne leiten würde. Doch hört man die Dame in ihren Interviews, scheint das kleine, aber feine und übersichtliche Rendezvous an der Donau genau das richtige zu sein: Ein Schatzkiste voller filmischer Versuchungen, Zeitreisen in vergangene Dekaden und Retrospektiven weltbewegender Künstlerinnen und Künstler.

Gestern, mit dem 19. Oktober, hat es begonnen: Das neue Abenteuer Film während eines kaltwarmen und durchaus goldenen Herbstes, die Challenge für Nerds und Genießer, für Schreiberlinge, wie ich einer bin, und solche, die tiefer in die Materie eintauchen wollen, als es ihnen sonst, bei regulärem Filmgenuss, möglich wäre. Hinzu kommen Gaststars und Macher aus allen Ländern daher, die, weil sie an ihr Projekt glauben, und nicht an die Boxoffice-Zahlen, ihren Filmen beistehen wollen. Sie erklären, beantworten und wünschen beste Unterhaltung. Diese atemberaubende Welt, diesmal gebadet in rotem Nährstoff aus Ansichten, Weitsichten und Umsichten, hat mich nun ebenfalls überrumpelt und eingesogen: Vor zwei Jahren waren es noch bescheidene zwei Filme, nun sind es siebzehn, und es wären noch mehr gewesen, hätte ich mit mehr Besonnenheit meine Karten gekauft. Ich bin jedenfalls dankbar dafür, was nun in meinem roten Kuvert wohnt – Eintrittskarten in magische, andere Welten, fiktiv oder real oder experimentell. Ich lasse mich auf alles ein.


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Wie durch Zufall hatte ich das Glück, der Eröffnungsgala in den wunderschönen Retro-Hallen des Gartenbaukinos beizuwohnen, konnte erbaulichen und motivierenden Reden der Kulturstadträtin Veronika Kaup-Hasler, ZIB-Lady Nadja Bernhardt und natürlich Eva Sangiorgi zuhören, die mehr als nur einmal verlauten ließen, wie dankbar sie sind (und wir mit ihnen), nicht während einer der kommenden Vorstellungen aufgrund von Bombenalarm in die Schutzbunker flüchten zu müssen – natürlich im übertragenen Sinn interpretiert, nicht wortwörtlich widergegeben. Der Wille zum friedlichen Miteinander und zum Austausch unterschiedlicher Visionen, Ansichten und Lebenskonzepte macht eine offene, freie Gesellschaft aus. Und dafür steht dieses äußerst sympathische und liebevoll anmoderierte Event, das nun endlich losgeht und bereits mit seinem Eröffnungsfilm Explanation for Everything für ausgesuchte Qualität spricht.

Viennale 2023

Empire of Light (2022)

MENSCHEN IM KINO

8/10


empireoflight© 2022 The Walt Disney Company


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN, USA 2022

BUCH / REGIE: SAM MENDES

CAST: OLIVIA COLMAN, MICHAEL WARD, COLIN FIRTH, TOBY JONES, TOM BROOKE, HANNAH ONSLOW, TANYA MOODIE, CRYSTAL CLARKE U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Im letzten und diesem Jahr feiert die Filmwelt auffallend oft sich selbst und ein längst über hundert Jahre altes Medium darstellender Kunst. Wir hatten Babylon – Rausch der Ekstase von Damien Chazelle – ein Rückblick auf Leben und Leiden des jungen Hollywood; wir hatten Final Cut of the Dead – ein Loblied auf das Teamwork hinter den Kulissen. Wir hatten Steven Spielbergs The Fabelmans über die kreative Bestimmung einer Regie-Koryphäe. Und wir hatten Pan Nalins märchenhafte Analyse über Zelluloid und Improvisation: Das Licht, aus dem die Träume sind. So ausufernd gehuldigt wurde die für manche vielleicht schönste Sache der Welt noch nie. Und damit ist aber auch noch nicht Schluss. Wir hatten vieles, was man am Filmemachen nur loben kann, ausgelobt bekommen. Das Lichtspielhaus selbst – der wirklich beste Ort, um der Illusion des laufenden Bildes zu erliegen – wurde bis dato aber noch nicht so sehr in den Fokus gerückt wie aktuell unter der Regie von Sam Mendes.

Der James Bond-erprobte Oscarpreisträger für American Beauty gönnt sich mit Empire of Light einen künstlerisch hochwertigen Nebenspaziergang und probt den Lokalaugenschein in einem aus der Zeit gefallenen kinematographischen Wunderbaus, einem Kino im architektonischen Stil der edlen Fünfziger Jahre, dem fast schon das altehrwürdige Retro-Premierenkino Gartenbau in Wien das Wasser reichen könnte, hätte es das bisschen Mehr an versteckten Lichtquellen, polierten Holzvertäfelungen und so eine majestätischen Pforte wie eben das keiner Kette angehörende Empire Cinema in einer Kleinstadt an der Küste Südenglands.

Wir schreiben Anfang der Achtzigerjahre, es ist die Jahreswende zu 1981. Der vom Kinobesitzer Mr. Ellis (Colin Firth als Ekelpaket) geführte Prachtbau liegt zu den täglichen Öffnungszeiten in den Händen von Hilary, einer einsamen Frau mittleren Alters und mit trauriger Miene, die nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie versucht, am gesellschaftlichen Leben wieder teilzuhaben. Sie leidet an einer bipolaren Störung, doch soweit scheint die Krankheit im Griff. Die sexuellen Nötigungen ihres Chefs scheint sie zu dulden, dafür ist die familiäre Gemeinschaft der übrigen Belegschaft viel zu viel wert, um ihre Arbeit aufs Spiel zu setzen. Doch dann wird alles anders – ein neuer Mitarbeiter bereichert das Ensemble. Es ist Stephen, ein Afroeuropäer, der darauf wartet, einen Studienplatz zu ergattern, aufgrund seiner Hautfarbe aber wenig Chancen darauf hat. Hilary und Stephen fühlen sich zueinander hingezogen; sie zeigt ihm die vielen verwahrlosten Hallen des Kinos hinter dem Kino, er zeigt ihr, wie sich körperliche Nähe wirklich anfühlen soll. Und es wäre nicht das Leben, würde Hilarys Krankheit nicht wieder ihren Tribut fordern. Gerade zu jenem Zeitpunkt, als das Empire Cinema zum Premierenkino für Chariots of Fire seine Sternstunde erlebt.

Sam Mendes hat die Idee zu seinem Film nicht von irgendwoher. In Empire of Light spiegeln sich zahlreiche Motive aus seiner Kindheit. Und auch die Rolle der Hilary ist biografisch inspiriert von seiner Mutter, die ebenfalls an einer bipolaren Störung litt. Selbst das Kino als Dreh- und Angelpunkt diverser Schicksale ist ein essenzieller Teil von Mendes Biografie – wie Steven Spielberg in The Fabelmans steckt dieser hier seine Erinnerungen in eine klare und schnörkellos verpackte Liebes- und Leidensgeschichte, die in edlen Bildern die Institution des Kinos als Ort der Reflexion und Sinnsuche zelebriert. Dabei gelingt ihm, die Motivation herauszufiltern, welche Besucher an einen Ort wie diesen lockt. Er beobachtet, was es aus einem macht, wenn man ins Kino geht und wie das Screening eines Werks den Zuseher bereichert.

Bis Hilary – großartig gespielt von Olivia Colman, die erstaunlich viele Gemütsfacetten in ihrer Rolle legt und diese ausbreitet wie ein Fächer – bereit dafür ist, auch mal zu sehen, wofür sie sich einsetzt, vergehen Monate des Suchens, Erkennens und der Selbstfindung – umso größer ist das Gänsehautmoment, wenn Mendes das dramaturgische As aus seinem Ärmel spielt. Wenn er dieses kleine, intime Stück Schauspiel – und Autorenkino zu ganz großem Kino werden lässt. Wie er sich in seinem Erzählen in die Kurve legt, um seine strauchelnden Seelen wieder aufzufangen, dabei aber auch nicht auf den Ort des Geschehens als magische Zeitkapsel vergisst: das zeugt von einer inszenatorischen Fingerfertigkeit, die die melodramatische Klassik alter Filme in die Postmoderne geleitet.

Empire of Light (2022)

The Ordinaries (2022)

ALL DIE FEHLER IM SYSTEM

7/10


theordinaries© 2022 Bandenfilm


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2022

REGIE: SOPHIE LINNENBAUM

BUCH: SOPHIE LINNENBAUM, MICHAEL FETTER NATHANSKY

CAST: FINE SENDEL, JULE BÖWE, HENNING PEKER, SIRA FAAL, NOAH TINWA, DENISE M’BAYE, PASQUALE ALEARDI U. A.

LÄNGE: 2 STD


Was ist ein Outtake? Kenner von kinematographischem Fachchinesisch können sich bei dieser Frage bequem zurücklehnen oder sich auch wundern, wenn es andere nicht so genau wissen: Outtakes sind Szenen, Rollen oder was auch immer, die zwar abgedreht wurden, letztendlich aber aus dem fertigen Film verschwanden. Jüngstes Beispiel: Ana de Armas in ihrer vorhandenen und gleichsam nicht vorhandenen Mini-Rolle in Yesterday – zumindest in den Trailer hat sie es geschafft. Letztendlich gab’s Beschwerden.

Outtakes sind also die Verlierer eines Films, die sich damit begnügen müssen, am Set gewesen zu sein. Man kann diesen der Schere zum Opfer gefallenen Szenen und Figuren nun nachweinen, man kann sie unter anderem auf Youtube nochmal nachsehen und sich fragen, warum sie alle haben gehen müssen. Oder man kann einen eigenen Film draus machen, um denen zu huldigen, die niemand sieht. Oder jemals sehen wird.

Es kommt einem oft vor, dass sich das Leben anfühlt, als wäre es ein Film. Oder eine Serie aus mehreren Staffeln, zwischen denen der Cast wechselt und nur die Hauptdarsteller erhalten bleiben, Film- oder Serientode vorbehalten. In diesen Leben, die wie inszeniert erscheinen, gibt es die Wichtigen und die weniger Wichtigen. Jene mit viel Text und jene mit immer nur denselben Zeilen – weil man ihnen nicht zugesteht oder gar erlaubt, mehr aus sich zu machen. Sophie Linnenbaum, ein wohl wirklich kreativer Kopf der neuen deutschen Filmszene, hat sich Gedanken darüber gemacht, wie es wohl aussehen würde, wenn Fachbegriffe ihrer studierten Branche plötzlich zu lebenden Menschen werden. Und sie hat sich wohl gefragt, wie sehr sich diese Rangordnung in der Kunst des laufenden Bildes auf die herrschenden und weniger herrschenden Gesellschaftsschichten übertragen lassen, kurz: Der Klassenkampf des Menschen ist der Klassenkampf des Films – und umgekehrt. Verdeutlicht wird dies dadurch, dass in The Ordinaries allerhand Outtakes ihren großen Auftritt bekommen. Und dabei um vieles interessanter erscheinen als die Hauptfiguren, die sich aufspielen, als wären sie sonst wer. Sind sie auch, so ehrlich muss man sein. Und Nebenfiguren, die funktionieren nur, wenn sich der Haupt-Cast ins Bild drängt. Zum Glück gibt es eine Hauptrollen-Schule in dieser irrealen Zwischenwelt, welche Protagonistin Paula absolviert und mit einem Monolog über ihren verstorbenen Papa, der im Zuge einer letztendlich gescheiterten Revolte der Outtakes ums Leben kam, die Aufnahmeprüfung zum Haupt-Act bestehen will. Währenddessen aber ist ihr nicht vorhandener Papa Objekt der Neugier, und das schon allein, weil Mama, eine Nebenrolle mit immer den gleichen Sätzen, nicht viel über ihn erzählt. Paula will der Sache auf den Grund gehen – und findet im Archiv verstorbener Hauptrollen rein gar nichts über ihn. Ihre Suche bringt sie weiter, und immer tiefer in die von Outtakes bewohnte Peripherie, wo sie Fehlbesetzungen, Zensuren und schlecht geschnittene Verehrer trifft. Wo Doubles vergeblich auf ihren Einsatz warten und schlechtes Filmmaterial Angst davor hat, endgültig auszubleichen.

Linnenbaums Film ist ein kurioses Seherlebnis. Und erinnert nicht nur ungefähr an die obskuren und verrückten Ideen eines Charlie Kaufman, der mit Synecdoche, New York oder I’m Thinking of Ending Things frei von allen Studioverordnungen die Realitäten aufbricht wie ein rohes Ei. Spike Jonzes Being John Malkovich, ebenfalls nach einem Skript von Kaufman, kommt der Art und Weise von The Ordinaries recht nahe. Nur in letzterem gibt es keine Verbindung zu unserer Welt. Die inkarnierten filmischen Begriffe leben isoliert in ihrer Blase zwischen der Idee und dem fertigen Film. Sie alle sind auf Warteposition, um zum Einsatz zu kommen. Die Kunst also, Abstraktes im Rahmen einer Handlung darzustellen, ist Surrealismus pur. Und angenehm verkopft. Was nicht heißt, dass The Ordinaries stellenweise nicht auch etwas anstrengst. In Wahrheit überzeugt weniger das Gleichnis über den Klassenkampf des Menschen oder das Element eines Familiendramas, sondern viel mehr und fast ausschließlich die detailreiche Interpretation eines Fachvokabulars und dessen Belebung. Das ist gleichsam witzig wie faszinierend. Verblüffend originell und in seinem Konzept äußerst mutig. Weiter so, liebe Sophie Linnenbaum – ich bin gespannt auf deinen nächsten Film.

The Ordinaries (2022)

Blond

I DON’T WANNA BE LOVED BY YOU

7/10


blond© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: ANDREW DOMINIK

BUCH: ANDREW DOMINIK, BASIEREND AUF DEM ROMAN VON JOYCE CAROL OATES

CAST: ANA DE ARMAS, ADRIEN BRODY, BOBBY CANNAVALE, XAVIER SAMUEL, JULIANNE NICHOLSON, EVAN WILLIAMS, RYAN VINCENT, LILY FISHER U. A. 

LÄNGE: 2 STD 46 MIN


Was haben Prinzessin Diana Spencer und Marilyn Monroe gemeinsam? Die berührende Farewell-Ballade A Candle in the Wind von Elton John. Zuerst hieß der Text: Goodbye Norma Jeane, dann hat sich der Künstler gedacht: Norma Jeane kann mittlerweile gut darauf verzichten, machen wir Goodbye Englands Rose daraus. Was haben Diana Spencer und Marilyn Monroe nicht gemeinsam? Den Regisseur, der sich bemüßigt und auch kompetent genug dazu gefühlt hat, zumindest Ausschnitte aus deren Leben zu verfilmen, um gleich noch dazu ein komplettes Psychogramm draufzupacken. Der eine: Pablo Larraín. Mit Spencer ist diesem ein brillantes Portrait gelungen, die impressionistische Skizze einer möglichen Befindlichkeit zu einem gewissen Zeitpunkt im Leben der Königin aller Herzen. Der andere: Andrew Dominik (u. a. Killing them Softly). Seine Schussfahrt in den Untergang einer wider ihres Willens gehypten Person frönt einem soziopathischen Destruktivismus, der eigentlich alles, mit Ausnahme vielleicht von Henry Miller, unter Aufbringung einer enormen Anziehungskraft in ein schwarzes Loch reißt, aus dem es keine Rückkehr gibt. Schon gar nicht für Norma Jeane Baker. Die landet mit den Füßen voran, als Steißgeburt einer verteufelten Männerwelt, im dunklen Nichts der Hoffnungslosigkeit. Obwohl – nicht ganz. Die Hoffnung war zwar immer ein bisschen da, starb aber zuletzt dann doch, in der gottgleichen Gestalt eines unbekannten, aber tränenreichen Vaters, der frappante Ähnlichkeiten mit Clark Gable hat und der blonden Schönheit immer mal wieder einen Brief hinterlässt, der ein baldiges persönliches Aufeinandertreffen verspricht. Eine Hoffnung, an die sich Norma Jeane Baker klammern kann. Das andere, woran sie sich klammert: Die Kunstfigur Marilyn, schmollmundig, Küsse verteilend, kokett performend als Sexsymbol, den Rock über dem Lüftungsschacht lüpfend, ganz so wie es Billy Wilder wollte. Laut Joyce Carol Oates, die mit ihrem Roman Blonde für den Pulitzer-Preis nominiert war, dürfte die Maske „Monroe“ nicht mehr als ein Strohhalm in einer Welt voller Treibsand gewesen sein, in welchem Frau sonst versinken müsste. Oder: Das Leben eines Filmstars als geringeres Übel. Denn sonst bleibt ja nichts. Gar nichts. Weder eine liebende Mutter noch ein Vater noch eigene Kinder. Und schon überhaupt gar niemanden sonst, der sich ernsthaft um diese psychisch äußerst labile Person, die bis dato als wohl einer der größten Stars der Filmgeschichte gilt, gesorgt hätte.

In diesem finsteren Pfuhl an sexuellem Missbrauch, Gewalt und geifernder Fleischeslust wird das Objekt der Begierde zum hin- und hergereichten Pinocchio. Ausgenutzt, getreten, begattet. Was hätte Pablo Larraín wohl aus diesen biographischen Ansätzen, die womöglich mit viel Dichtung klarkommen müssen, herausgeholt? Wie wäre sein Ansatz gewesen? Vielleicht empathischer, auf improvisierte Weise vertrauter. Er hätte sie wohl weniger als Punching Ball für ein reißerisches Trauerspiel verwendet als Andrew Dominik es getan hat. Für ihn (und vielleicht auch für Oates, denn ich kenne das Buch leider nicht) ist Marilyn Monroe das öffentliche Opfer purer #MeToo-Gräuel. Denn so, wie Ana de Armas auf der Höhe ihrer Imitationskunst weint und schreit und wimmert, sich am Boden krümmt und nach ihrem Vater fleht, muss es das größte Opfer sein, dass Hollywood je eingefordert hat. Ein weiblicher Hiob quält sich auf einem fast dreistündigen Kreuzweg die Via Dolorosa entlang, und niemand trägt das Kreuz auch nur lang genug, damit sich der zur Schau gestellte Star wieder hätte fangen können. Andrew Dominik kostet seinen Biopic-Horror so dermaßen aus, als hätte er einen Lustgewinn daran, Marilyn Monroe leiden zu lassen. Möchte man sowas denn sehen? Will man sich von Ana de Armas ankotzen lassen? Will man in Marilyns Alpträume eintauchen, die plötzlich an Paranormal Activity erinnern? Sind die amerikanischen Männer der Ära Kennedy wirklich so eine Bande von Scheusalen mit übergroßen Mündern, die den Star verschlingen wollen? Wo man mit feiner Klinge das Vakuum wertlosen Ruhms wohl sezieren hätte können, wuchtet Blonde einen Sucker Punch nach dem anderen ins engelsgleiche Konterfei von de Armas, welches den ganzen Film dominiert. Gut, so fasziniert war Larraín ebenfalls von Natalie Portman als Jackie oder Kristen Stewart als Diana, aber er hätte ihnen nicht so wehgetan. 

Mit jedem Schlag ins Gesicht bröckelt der Film zu einer prätentiösen Galerie an recht oberflächlichen World Press Photos auseinander, die alle in die Times passen würden. Noch eins, sagt Dominik. Und dann bitte noch eins. Und noch eins von der Seite. Der Regisseur, so scheint es, kann seine Dämonisierung des Patriarchats gar nicht mal so ernst meinen, denn er tut damit ähnliches. Er nutzt eine Figur der Filmgeschichte, um sie so sehr niederzutreten, dass sie gar nicht anders kann als die Hoffnung zu verlieren. Dann aber wieder muss ich zugeben: Dominiks ambivalenter Film ist meisterhaft darin, in einigen wirklich überwältigenden Szenen eine Kunstfigur zu demontieren und den Grat zwischen Schein und Sein punktgenau zu treffen. Dazwischen finden sich in lockerer Chronologie akkurat nachgestellte Szenen aus Klassikern, die wir nie wieder so unbekümmert genießen werden können und Elemente, die an Roman Polanskis Psychothriller Ekel oder Last Night in Soho erinnern. Blond ist eine deftige Erfahrung, die man so eigentlich gar nicht machen wollte, die auch beschämt und bei welcher man sich selbst vielleicht als gaffenden Zaungast ertappt. 

Vielleicht hätte sich Norma Jeane Baker mit diesem Film verstanden gefühlt. Die Offenbarung ihres Innersten, einschließlich ihres Geburtskanals, hätte sie wohl aber wieder zum Weinen gebracht. Wie wäre es mit etwas Trost? Hinsichtlich dessen hätte ihr Elton Johns Lied wohl besser gefallen.

Blond