Der Mann aus dem Eis

TATORT ALPEN

7/10

 

Iceman@ 2017 Adventure Pictures

 

LAND: DEUTSCHLAND, ITALIEN, ÖSTERREICH 2017

REGIE: FELIX RANDAU

MIT JÜRGEN VOGEL, SUSANNE WUEST, FRANCO NERO, ANDRÉ HENNICKE U. A.

 

Ich kann mich noch ziemlich genau an die Schlagzeilen erinnern –  im September des Jahres 1991 fanden Wanderer beim über 3000m hohen Tisenjoch in den Ötztaler Alpen eine Mumie im Eis. Die Bedeutung dieses Fundes lag anfangs im Dunkeln, unsachgemäße Bergung war die Folge. Erst nach eingehender Untersuchung wurde klar – der Mann vom Similaun ist niemand aus jüngerer Zeit, der sich vielleicht verstiegen hat oder unbedingt Jagd auf Steinböcke machen wollte. Die Leiche aus dem Eis ist nach heutigen Erkenntnissen mindestens 5200 Jahre alt – und hat somit in der späten Jungsteinzeit gelebt. Bedeutend für die Geschichte und für jede Menge Theorien, welche die Umstände des Todes oder überhaupt der letzten Lebenstage Ötzis, wie man ihn später nennen wird, glaubhaft definiert, war auch die Tatsache, dass erst rund zehn Jahre später in seinem Rücken mithilfe von Röntgenaufnahmen eine Pfeilspitze gefunden wurde. Sie stammte womöglich von seinem Verfolger. Ötzi könnte ermordet worden sein. Hoch oben im Nirgendwo. Ein einsamer, eisiger Tod.

Irgendeine Tragödie muss es also gegeben haben. Ein folgenreiches Drama, eine Verfolgungsjagd über den Gletscher. Das plausible Schicksal aus einer Zeit zu rekonstruieren, die noch vor dem Beginn der Epoche des alten Ägypten angesiedelt ist, lockt so manchen Wissenschaftler und Filmemacher hinter dem Schreibtisch hervor. Da man von Ötzi und der Jung- oder Kupfersteinzeit relativ viel weiß und auch Ötzis Habseligkeiten ziemlich gut erhalten geblieben sind, waren die Anforderungen für eine authentische erzählerische Rekonstruktion ohne besondere Schwierigkeiten zu erfüllen. Bücher über den Mann aus dem Eis gibt es ohnehin jede Menge. Und schon 1999 hatte der österreichische Dokumentarfilmer Kurt Mündl das Dokudrama Der Ötztalmann und seine Welt inszeniert. Jetzt, 18 Jahre später, war Felix Randau dran – sein Film ist weniger ein lehrreiches Stück Frühgeschichte, als vielmehr ein archaisches, düsteres, wenn auch spekulatives Rachedrama. Was aber nicht heißt, dass Der Mann aus dem Eis nicht genügend Einblicke in das Alltagsleben der Steinzeitmenschen beschert. Bis ins kleinste Details, und mit Sicherheit auch akribisch recherchiert, eröffnet sich dem Kinopublikum eine virtuelle Reise in eine fast greifbare Vergangenheit. Die Geburt eines Kindes, das Jagen wilder Tiere, der Wert eines Menschen, die Bereitschaft zur Gewalt – der fast wortlose Einblick in eine von Menschen spärlich bevölkerte Wildnis, in welcher der Mensch versucht, sesshaft zu werden, weiß zu faszinieren. Noch dazu, dass Felix Randau auf eine Verfälschung der Sprache verzichtet. Die paar Worte, die gesprochen, geschrien oder geflüstert werden, sind von einem rätischen Sprachdialekt. Übersetzt wird hier gar nichts. Umso leichter ist es, neben den wuchtigen, urtümlichen Bildern auch die Akustik des Damals aufzufangen. Ungefähr so hat es sich angehört. Mehr gab es damals nicht. Schon Jean Jaques Annaud hat in dem von mir sehr geschätzten Urzeitfilm Am Anfang war das Feuer komplett auf verbal ausgereifte Artikulation verzichtet. Er ging sogar so weit, seine Erzählung aus der Frühgeschichte des Menschen noch früher anzusiedeln. Ähnlich wie Randau´s Film ließ Annaud Mimiken, Gesten und Stimmungen sprechen.

Inmitten des urzeitlichen Europas wandert der bis zur Unkenntlichkeit verwandelte Jürgen Vogel als namenloser Rächer über Berg und Tal. Wie ein Django aus der Steinzeit, ein verbitterter, trauriger, aber irgendwie auch pragmatisch denkender Jäger, der sich der Gnadenlosigkeit all der Umstände, die dieses Hier und Jetzt vor 5000 Jahren mit sich bringen, voller Schmerz, aber auch mit dem Willen zum Überleben begegnet. Keine Zeit für Trauer, keine Zeit für Jammern. Ötzi zieht in den Krieg wie der namenlose Rückkehrer aus Andreas Prohaska´s Schneewestern Das finstere Tal. Im Grunde ist der Mann aus dem Eis ein geradliniger Alpenthriller, eine Tragödie zwischen Eis, Schnee, Fels und Firn. Eine einfache, aber ungemütliche Geschichte und eine mögliche Wahrheit von vielen, die Ötzi mit sich ins Grab genommen hat. Sein Grab, das findet er dann auch, und stürzt von einem Abhang genau in die Position, in welcher er 5000 Jahre später gefunden wird. Der Mann aus dem Eis ist durchaus packendes, erdiges Kino der Frühgeschichte: unwirtlich, blutig und gnadenlos.

Der Mann aus dem Eis

Maikäfer flieg!

PULVERLAND IST ABGEBRANNT

5/10

 

maikaeferflieg02© 2016 Filmladen/kgp

 

Bevor Joanne K. Rowling, Thomas Brezina und andere Bestsellerautoren die Bücherregale häuslicher Spielzimmer erobert hatten, konnte sich die österreichische Schriftstellerin und Ikone der Jugendliteratur, Christine Nöstlinger, fast schon auf monopolisierte Arte und Weise die Vorreiterrolle für die Lesewelt der Grundschüler sichern. Nöstlinger war und ist bei Mädchen und Jungs gleichermaßen beliebt. Werfe ich selbst einen Blick in unsere Wohnbibliothek, finden sich dort einige Klassiker, die aus der Kindheit der 80er einfach nicht mehr wegzudenken sind. Rosa Riedl Schutzgespenst, Am Montag ist alles ganz anders, Wetti & Babs – um nur ein paar der schnell verschlungenen und enorm kurzweilig geschriebenen Werke zu nennen, die noch dazu mit sehr viel Zeit- und Lokalkolorit punkten und den jungen Lesern stets auf Augenhöhe begegnen. Im Grunde eine Seltenheit in der Kinderliteratur. Die Geschichten vom Franz liest mein 9jähriger Neffe immer noch gerne. 

Aber wer ist Christine Nöstlinger genau? Ein kurzes Nachgooglen verrät, dass die werte Dame bereits 81 Lenze zählt – und somit in vollem kindlichen Bewusstsein den Zweiten Weltkrieg miterleben musste. Jedenfalls das Ende, und vor allem die Nachkriegszeit. Erinnerungen, die prägen, verändern und traumatisieren. Und die niedergeschrieben werden müssen, vor allem von einer Schriftstellerin. Das Gewesene nicht zu dokumentieren – diese Frage stellt sich für Zeitzeugen der schreibenden Zunft meistens nicht. Und auch Christine Nöstlinger hat diese Erfahrung bereits 1973 auf Papier gebracht. Maikäfer flieg – so lautet der Titel des Buches, basierend auf einem aus Reimen aufgebauten Kinderlied, womöglich aus dem 18ten Jahrhundert und in Des Knaben Wunderhorn, eines von Achim von Arnim und Clemens Brentano erstellten Liederbuches, enthalten. Dieses Maikäfer flieg trällert die kleine Christine Nöstlinger stets vor sich hin, wie das Kinder eben so machen, auch wenn die Gesamtsituation alles andere als dazu einlädt, munter vor sich hinzusingen. Doch die Welt, durch Kinderaugen oder Weihnachtskugeln betrachtet, ist eine ganz andere. Sie ist ein Abenteuer. Die ganze Bandbreite des Wahnsinns erschließt sich erst viel später. Begreifen kann das, was sich im Herzen Europas gerade abspielt, ein 9jähriges Mädchen natürlich noch nicht. Für ein 9jähriges Mädchen hat der Vorabend vor dem Kriegsende neben sehr viel Angst auch mit sehr viel Neugierde zu tun. Christine Nöstlinger war, wie sie selber von sich sagt, ein recht aufmüpfiges Kind. Mutig, ungestüm, risikofreudig. Ein unfolgsames Kind, das ungeachtet aller mütterlichen Sorgen ihrer eigenen Nase nachging. Da waren die Großeltern wichtiger als der kriegsversehrte Papa und die Mama im Kittel, die in einer Villa in Neuwaldegg mitsamt Anhang ein Ausweichquartier beziehen hat müssen. 

Mirjam Unger hat die autobiografische Erzählung ähnlich angelegt wie John Boorman seinen Weltkriegs-Kinderfilm Hope and Glory über seine eigenen Erlebnisse während des deutschen Bombardements auf London. Boorman hat das Geschichtsdrama sowohl geschrieben als auch inszeniert. Interessant wäre gewesen, wenn Christine Nöstlinger ihre Geschichte selbst filmisch umgesetzt hätte. Unger betrachtet die Dinge logischerweise aus der Perspektive der Kinder. Dennoch gerät die filmische Erinnerung Maikäfer flieg relativ behäbig und antriebslos. Nach Gesprächen mit Kennern der literarischen Vorlage dürfte der Film geradezu eins zu eins und in gefühlter Echtzeit dem Buch nachempfunden sein. Die akribische Orientierung entspricht mehr dem Rhythmus des Lesens, weniger dem des Sehens. So ist Maikäfer flieg zwar gut besetzt – vor allem Ursula Strauss macht als g´standene Wiener Mutter am Rande des Nervenzusammenbruchs eine nachvollziehbar gute Figur – hat aber zwischen den bizarren Momenten des Ausnahmezustands einer Gesellschaft sehr viel Leerlauf. Vielleicht entspricht auch das dem Buch – wenn der Papa im Krieg und das Pulverland abgebrannt ist, gibt’s auch sonst nicht viel zu tun außer auf bessere Zeiten zu warten.

Maikäfer flieg!

Liebe möglicherweise

DIE (UN)MÖGLICHKEIT DER NÄHE

5/10

 

liebemoeglicherweise10© WEGA-Film

 

LAND: Österreich 2016

Regie: Michael Kreihsl

Mit Devid Striesow, Silke Bodenbender, Edita Malovčić, Gerti Drassl, Otto Schenk u. a.

 

Ich kann mich noch ganz genau an meine Volksschulzeit erinnern – da bin ich in der hintersten Reihe neben Edita Malovčić gesessen. Tatsächlich haben wir sogar gemeinsam im Rahmen einer Weihnachtsveranstaltung ein Theaterstück gespielt. Sie und ich, wir waren Indianer. Und ja, es gibt Fotos. Und jetzt – jetzt sehe ich meine ehemalige Klassenkollegin auf großer Leinwand oder auf dem Bildschirm. Auf Du und Du mit namhaften Stars. Schauspielerisch in Topform und wahrlich nicht mit Reizen geizend. Edita Malovčić hat im neuen Film von Michael Kreihsl allerdings nur eine verschwindende Nebenrolle. Eine auffällige zwar, aber eine von vielen kleinen Rollen, die mit Gerti Drassl, Devid Striesow und – haltet euch fest – Otto Schenk besetzt sind. Entstehen hätte dann so etwas wie ein episodenhafter Beziehungsreigen mit dem für Episodenfilme üblichen Handlungs-Crossover entstehen sollen. Der Episodenfilm an sich – und zwar der Beziehungs-Episodenfilm – hat in der österreichischen Filmwelt doch irgendwie eine lange Tradition. Das beginnt ja eigentlich schon bei Arthur Schnitzler´s Reigen, dem frivolen Bühnenstück aus dem frühen 20ten Jahrhundert, der nur zu gut und zu gerne in skandalheischender Inszenierung dem entrüsteten Publikum vor den Latz geknallt wird. Wobei – Reigen war schon länger nicht mehr auf der Bühne zu sehen. Dafür aber im Kino – der Film hieß 360°, wurde teilweise in Wien gedreht und hatte neben internationalen Schauspielern wie Jude Law auch solche wie Alexander Krisch im Repertoire. Viel früher noch hat Petra Morze für das stimmig-düstere Liebeskarussell Antares die Hüllen fallen lassen. 

In Liebe möglicherweise fallen zwar nicht wirklich die Hüllen – zu wahren Erkenntnissen kommt man aber in dem ausschließlich in der Wienerstadt gedrehten Ensemblefilm aber auch nicht. Schon klar – Beziehungen sind nicht immer leicht, sei es nun die Beziehung zum Nachwuchs, zu den eigenen Eltern oder zum Lebenspartner. Ja, vielleicht auch die Beziehung zum platonischen Freund oder Freundin. Oftmals ist Nähe da ein Ding der Unmöglichkeit. Es ist ein immerwährendes Scheitern, Entfremden und Versöhnen, was uns Regisseur Kreihsl da auftischt. Konstellationen, die uns allen nur allzu bekannt vorkommen – und daher für vorhersehbare Langeweile sorgen. Um wirklich mitzufühlen – dafür werden die einzelnen Protagonisten nur allzu sehr von außen betrachtet. Gefühlswelten bleiben auf augenscheinliche Symptome reduziert. Einzig die Problembehandlung Striesow-Bodenbender hat mehr Gewicht, obwohl sich auch hier neue Erkenntnisse rarmachen. Ich frage mich, wieso sich Liebe möglicherweise nicht nur auf die eine Geschichte konzentriert hat. Alle anderen Nebenschauplätze sind so grob skizziert und daher so entbehrlich, dass keiner sie vermisst hätte. Na gut, Otto Schenk vielleicht schon, den sieht man immer wieder gerne. Aber das legendäre Bühnen-Urgestein wäre drehbuchtechnisch auch anders unterzubringen gewesen. 

Ein Episodenfilm also – möglicherweise. Doch um diese dramaturgische Mechanik zu rechtfertigen, dazu mangelt es einfach an psychologischen Details.

Liebe möglicherweise

Licht

DEN EIGENEN AUGEN NICHT TRAUEN

8/10

 

licht05© Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

 

LAND: ÖSTERREICH 2017

REGIE: BARBARA ALBERT

MIT MARIA DRAGUS, DEVID STRIESOW, LUKAS MIKO, STEFANIE REINSPERGER U. A.

 

Was waren das nur für Zeiten! Rund ein Jahrzehnt vor der französischen Revolution, Maria Theresia, am Ende ihrer Reformen, aber immer noch am Kaiserstuhl und Wunderknabe Wolfgang Amadeus Mozart rührte die adelige Zuhörerschaft zu Tränen. Es war die Hochzeit des französischen Rokokos, hervorgegangen aus dem engelsgleichen Barock. Mit dieser Kunst- und Moderichtung schwappte auch das Pariser Lebensgefühl mit all seinem Sprachkolorit ins Herz Europas – in die blattgoldene Wienerstadt. Frankreich – das war damals en vogue. Wer frankophil war, war up to date, würde man heute sagen. Das Zeitalter der Perücken erreichte groteske Ausmaße. Je höher, desto besser. Je mehr Blumen und Zierrat im silbergrauen Haar – umso lieber war man gesehen, auf den nicht enden wollenden Banketten, Kammermusikkonzerten und bizarren Stelldicheins aus Körperpuder, Schminke und golden verzierten Samtgewändern. Der Rokoko – den kann man sich heutzutage ja gar nicht mehr wirklich vorstellen. Was damals zu viel war, ist heute wahrscheinlich zu wenig. Die auf Äußerlichkeiten und Etikette fixierte absolutistische Gesellschaft, eigentlich der Albtraum einer Seitenblicke-Revue auf sündteurem und klassendenkendem Niveau, frönte gefälliger Oberflächlichkeit und maßloser Zerstreuung. Am liebsten mit Musik, tönend aus dem Cembalo oder Hammerklavier, virtuos umgesetzt von talentiertem Nachwuchs, deren verdächtiges Talent womöglich mit dem eines Wolfgang Amadeus gleichzusetzen war. Dumm nur, wenn so ein Wunderkind zwar leistungstechnisch für Applaus in getäfelten Sälen sorgt, vom Aussehen her aber allerdings noch ausbaufähig wäre.

Und wie es der Zufall so will, gab es zur damaligen Zeit in Wien einen umstrittenen Wunderheiler mit dem Namen Franz Anton Mesmer, der sich des animalischen Magnetismus bedient hat. Alle, die noch nicht Roger Spottiswoode´s Biografie Mesmer mit Alan Rickman gesehen haben, werden sich jetzt fragen: Animalischer Magnetismus – was ist das für ein esoterischer Humbug? Laut dem Exzentriker vom Bodensee eine Energie, die sowohl alle Organismen als auch tote Materie durchdringt. Die überall vorkommt – und die sich leiten lässt. Man kann sie weder riechen, noch schmecken, noch sehen. Ganz so wie die menschliche Seele. Oder noch weniger, denn das Gewicht der menschlichen Seele lässt sich ja bekanntlich auf 23 g definieren. Die Magnetlinien, die durch Berühren und Streicheln umgeleitet werden, sollen die unterschiedlichsten menschlichen Beschwerden lindern. So auch Blindheit. Eines dieser Wunder, die tatsächlich stattgefunden haben sollen, erzählt von einem musisch hochbegabten Mädchen namens Maria Theresia von Paradis, eine blinde Pianistin, die im Jahr 1777 unter Mesmers Therapie tatsächlich wieder sehen konnte. Doch stimmt das? Konnte sie das wirklich? Oder war es nur der Wunsch, zu sehen? Ein Mysterium, dessen Verfilmung sich Regisseurin Barbara Albert auf höchst sehenswerte Weise angenommen hat.

Die Wirkung ihres penibel recherchierten Zeitbilds verdankt sie neben ihrem Gespür für Atmosphäre und Timing in erster Linie ihrer Hauptdarstellerin Maria Dragus. Zu Beginn des Filmes sieht man die junge Dame unter opulentem Kopfschmuck vor einem Hammerklavier sitzend und wild mit den Augen rollend. Keine Frage, diese Schauspielerin muss tatsächlich blind sein. Kennt man Maria Dragus aber bereits aus anderen Filmen, weiß man, dass das womöglich nicht stimmt. Allerdings – wenn bei einer Rolle wie dieser das Gespielte vom tatsächlichen Umstand nicht mehr zu unterscheiden ist, dann muss man beeindruckt die Perücke zücken. Licht lebt von Dragus´ Performance wie die Farben der bunten Herrenröcke von selbigem. Ihr zur Seite ein fulminant aufspielender Lukas Miko als patriarchalische Vaterfigur mit Geltungsdrang, verletztem Stolz und falscher Fürsorge. Wie kaum eine andere Figur im Film transportiert er die Geisteshaltung der damaligen Zeit nahtlos ins Hier und Heute.

Barbara Albert´s handwerklich ausgefeiltes Sittengemälde beeindruckt aber auch durch die Sprache. Das 18. Jahrhundert ist auch die Zeit gewesen, in der all die frankophone Wortgewalt über unsere geliebte deutsche Sprache hereingebrochen war. Entstanden sind Gallizismen, die wir teilweise heute noch verwenden. Gekonnt vollführt Kathrin Resetarits in ihrer Drehbuchfassung des Romans Alissa Walsers einen Gesellschaftstanz historischer Linguistik zwischen antiquiertem Sprachschatz und phonetischer Exotik. Ein Genuss, dem teils absichtlich gestelzten, höfischem Gerede und gleichzeitig lokalem Sprachkolorit zuzuhören. Ländlicher Dialekt ist hier ebenso zu hören wie deutsche Färbung bei Devid Striesows gemischtem Klang aus Theaterdeutsch und bemühtem Altwiener Slang.

Neben Die beste aller Welten von Adrian Goiginger zählt Alberts opulentes, berauschendes Kostümdrama Licht womöglich zu den faszinierendsten und stärksten österreichischen Filmen der letzten Zeit. Auf alle Fälle zu den besten dieses Jahres.

Licht

Die Hölle

DER FEIND IN MEINEM AUTO

7/10

 

hoelle

REGIE: STEFAN RUZOWITZKY
MIT VIOLETTA SCHURAWLOW, TOBIAS MORETTI, ROBERT PALFRADER

 

Haben Sie Wien schon bei Nacht gesehen? Der Titel eines von Rainhard Fendrich in den 80er Jahren geschriebenen Austropop-Ohrwurms passt wie bestellt zumindest in die erste Hälfte des von Oscarpreisträger Stefan Ruzowitzky inszenierten urbanen Psychothrillers, der neben jeder Menge Suspense tatsächlich auch großzügige Actionszenen in der ewigen Wienerstadt aus dem Ärmel schüttelt. Doch die Action ist bei Österreichs Regie-Glückskind eigentlich nur als Bonus zu betrachten. Ruzowitzky´s große künstlerische Liebe gilt seiner Hauptdarstellerin – Violetta Schurawlow. Das Gesicht der gebürtigen Ukrainerin ziert nicht nur das Filmplakat im Großformat, auch so ziemlich die ganze Laufzeit des Streifens über schwelgt Kameramann Benedict Neuenfels in der bockigen Trostlosigkeit ihres Blickes – meist im Profil, und oft auch im Close up. Schuwawlow erinnert an Hillary Swank in Million Dollar Baby – so verbissen, selbstzerstörerisch und rebellisch geistert die junge Frau durch ein fremdes, unnahbares, flirrendes Wien. Und boxen kann sie auch. Allerdings Kickboxen ganz so wie van Damme, und das mit verheerender Wirkung, bevorzugt jenseits des Rings.

Unsere Anti-Heldin, die der Hölle entkommen muss. ist eine gescheiterte, missbrauchte Existenz, die ihrer Welt mit Wut und Zorn begegnet, stets begleitet von einer unterschwelligen Aggression ihrer Familie, den Männern und dem Gesetz der Straße gegenüber. Ihr zur Seite steht ein ausnehmend famoser Tobias Moretti. Sein schnauzbärtiger Kommissar ist unfreundlich, grantelnd und gleichzeitig fürsorglich. Vor allem jemand, der sich sein Leben genauso anders vorgestellt hat wie sein taxifahrender Schützling. Eine verkorkste, nach Nähe suchende Figur, die David Fincher verwenden würde, gäbe es eine Wiener Version von Sieben. Wien eignet sich ja für bizarre Krimis ja besonders gut. Die Stadt ist eine Metropole des Morbiden, die vor allem in ihren alten Zinshäusern und engen Hinterhöfen, die an Polanski erinnern, ausreichend Platz für Suspense bieten. Natürlich ist Die Hölle nicht so radikal und ausweglos wie Sieben. Denn Sieben hatte so jemanden wie Schurawlow nicht. Eine Kämpferin, die sich den Widrigkeiten ihres Lebens trotzig entgegenstellt. Und vor allem einem Peiniger, der sündigen Musliminnen die Hölle des Koran auf Erden bereitet. Ein nicht weniger grauenerregender Ritualmord, ebenfalls religiös motiviert wie die sieben Todsünden. Ruzowitzky erspart uns die Morde im Detail. Sein Film setzt auf die düstere Stimmung eines klassischen Serienkiller-Thrillers wie Copykill und orientiert sich, wie bereits erwähnt, stark an Wegbereitern aus dem französischen und amerikanischen Kino, wahrscheinlich, um sein Werk auch international erfolgreich vermarkten zu können. Was ihm aber nur bedingt gelingen wird. Zu manieriert, ja vielleicht sogar zu austauschbar ist sein Film. Spannend, das natürlich. Und weniger belanglos als Cold Blood, der trotz guter Besetzung inhaltlich ziemliche Schwächen aufwies. Aber im Genre des Psychothrillers sind die Plätze für denkwürdig innovative Filmperlen so gut wie durch die Bank besetzt. Und da hat Hollywood, und auch Frankreich schon so gut wie alles gesagt.

Für den kinomuffeligen Österreicher allerdings kann Die Hölle zu einem mitreißenden Genuss werden, vor allem, weil er mal neben Tatort, Kottan und Trautmann auch mal düstere Spannung jenseits des bewährten Wiener Lokalkolorits präsentiert bekommt. Somit kann Die Hölle überall spielen. So bleibt Ruzowitzky´s neuester Film neben all der lehrbuchartigen Geradlinigkeit eines klassischen Thrillers vor allem eines: atmosphärisch, latent depressiv und überraschend gut besetzt – und das ganz ohne Heimvorteil.

Die Hölle

Untitled

REISE INS ICH

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untitled

Am 23. April 2014 verstarb der österreichische Filmemacher Michael Glawogger im westafrikanischen Land Liberia an Malaria. Er war gerade mal 57 Jahre alt. Jahrzehnte eines kreativen Lebens, in denen er vor allem durch seinen dokumentarischen Spürsinn und den speziellen Blick auf das große Ganze als ganz Großer des österreichischen Filmschaffens geschätzt wurde und wird. Mit seinen Werken setzte ich mich erstmals 1998 auseinander – mit die Kino-Doku Megacities. Eine hypnotische Odyssee tief ins Herz globaler Ballungszentren. Schon damals waren seine Bilder und die Art des Erzählens anders, als man es von sachkundigen Reportagen bislang gewohnt war, Denn das, was Glawogger uns mitteilen wollte, ging tiefer. Berührte die Frage nach dem Woher und Wohin des Menschseins auf lakonische, bittere, entfesselte Art und Weise. Die Weltreise, das gigantische neue Projekt des Visionärs, welches in erster Linie vom niemals ruhenden Umherwandern des getriebenen Wesens namens Mensch erzählen sollte, geriet wider Erwarten aller zu Glawoggers ureigener Passion, zum finalen Kreuzweg, zum letzten Gang. Kurz: zu einem filmischen Vermächtnis.

Bilder, Momentaufnahmen, Szenen menschlicher Mobilität. Die Sammlung an Filmmaterial, die während des ersten Teilstücks von Wien nach Liberia zusammengetragen wurde, hat Glawogger´s Regiekollegin Monika Willi nun zu einem zutiefst berührenden, unberechenbaren und nachdenklich stimmenden Weckruf des Geistes zusammengeschnitten. Entstanden ist dabei ein Meisterwerk der dokumentarischen Erzählkunst, das so weit von klassischem Infotainment entfernt ist wie Nacktschnecken von Star Wars. Untitled – das namenlose, bewusstseinsverändernde Wunderwerk – lässt das Kinopublikum in ihren eingefahrenen Sehgewohnheiten allein zurück und beschert vor allem jenen, die sich völlig erwartungslos und open-minded dem 100minütigen Experiment hingeben, völlig neue Erfahrungen.

Das liegt alleine schon daran, dass der Film keiner linearen Geschichte folgt. Das Aufeinanderfolgen der Szenen und textfreien Bildmeditationen gleicht einem scharfkantigen Mosaik, allerdings mit Bruchstücken, die nicht zueinanderpassen, sondern bewusst und vehement kontrastieren wollen. Monika Willi setzt Glawogger´s Bilder wie nicht mehr zuordenbare Scherben scheinbar willkürlich zueinander. In dieser Willkür aber, in dieser unstringenten und scheinbar zusammenhanglosen Unordnung steckt, viel tiefer als auf den ersten Blick erkennbar, eine Metamorphose der Wahrnehmung. Ein Bereitmachen auf den Rückblick auf ein Leben, ein Reflektieren des eigentlichen Sinns vom unentwegt bewegten Dasein. Untitled schenkt dem Zuseher etwas ganz Bestimmtes, nämlich eine Art Interaktivität. So wie ein abstraktes Gemälde jeden einzelnen Betrachter auf eine andere, sehr persönlich interpretierte Reise mitnehmen kann, so ist das namenlose Gebet der Bilder ein kryptisches Buch voller Zitate, Gleichnissen über das Leben und Gedanken über den Tod. Niedergeschrieben von Michael Glawogger, in einzelnen Szenen rezitiert von Birgit Minichmayer mit ihrer unverwechselbaren Theaterstimme. Zwischen den Sätzen bleibt ein Vakuum, das gefüllt werden will von eigenen Gedanken. Kaum ein anderer Film vermag es in solch einer Intensität, den Zuseher in ein Stimmungsgewitter zu katapultieren, dass minutenweise wechselt und durch dieses emotionale Stimulieren den Motor eigener Gedankengänge anwirft. Es ist eine Zwischenwelt zwischen Wachzustand und traumbeseeltem Schlaf. Ein Niemandsland zwischen Leben und Tod. Letzte Bilder, ein wehendes Hemd. Streunende Hunde. Menschen hinter den Fenstern. Einbeinige Fußballspieler. Esel im Staub. Und immer wieder rollende Karren, trottendes Vieh. Gehende Menschen, die scheinbar nirgendwo ankommen. Bilder, nach denen das Nichts kommt. Und eine Kamera, die sich hindurchzwängt zwischen Menschen, Tieren, baufälligen Gemäuern. Glawogger beschert uns mit seinem Gespür für die Essenz des menschlichen Miteinanders grandiose Aufnahmen, die Staub, Schweiß und Salzwasser berührt haben. Die, meist aus bodennahem Blickwinkel, die Monstrosität von Fremdartigkeit und Einsamkeit hervorkehren.

Mit seinen letzten Streifzügen über den Erdball schafft Glawogger posthum sein Opus Magnum, seinen besten Film, indem es von nichts zu handeln scheint und wo es gleichzeitig um alles geht. Das den gemeinsamen Nenner seiner Werkschau präsentiert. Einen Schlussstrich aus Neugier, Trauer, das Gefühl von Freiheit und Neuanfang. Untitled ist kein Film für Zwischendurch. Kein Experiment, aus dem man ungeschoren wieder davonkommt, so rätselhaft scheint seine Mechanik. Es ist ein Erlebnis, für das man bereit sein muss. Ein unberechenbares Philosophikum, das sich jedem Genre entzieht. Dem sich sein Betrachter aber nicht entziehen kann.

 

Untitled