Verleugnung

DER PROZESS DES SCHWEIGENS

7/10

 

DENIAL, Tom Wilkinson, 2016. Ph: Laurie Sparham  / © Bleecker Street Media /Courtesy EverettPhoto: Laurie Sparham / © Bleecker Street Media /Courtesy Everett Collection

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, USA 2016

REGIE: MICK JACKSON

MIT RACHEL WEISZ, TIMOTHY SPALL, TOM WILKINSON, ANDREW SCOTT U. A.

 

Erst kürzlich, vor einigen Tagen, erschien bei der Burschenschaft Germania ein Buch mit faschistoiden Liedertexten. Aber keiner, und vor allem einer, will irgendetwas davon gewusst haben. Neuerdings sollen Flüchtlinge konzentriert werden, und die rote Linie ist laut österreichischem Sportminister noch nicht überschritten. Was keiner merkt – die rote Linie – oder sagen wir: die braune Linie – wird unmerklich immer weitergezogen. Bis sich wieder vermehrt Tendenzen einschleichen, die nur jene, die genau hinsehen, als solche wahrnehmen. Wie die Sache mit dem Frosch in langsam kochendem Wasser. Der Trick dabei ist, kein Hehl aus seinem Nationalstolz zu machen, verbale Ausrutscher zu bagatellisieren und immer wieder und das vermehrt das rechte Bein zu stellen. Wie man sich sonst auch noch als Verfechter für Volk und Vaterland outen kann, ohne sonderlich aufzufallen, ist, die ganze Sache wissenschaftlich anzugehen. So einer war David Irving. Historiker, Populist und flammender Redner. Vor allem ein Wetterer gegen die erschütternde Wahrheit des Holocaust. Ein Leugner, und einer, der es besser wissen will.

Leugnen kann man im Grunde fast alles. Die Frage ist nur, wieviel Gehör man sich damit verschaffen kann. Die Nichtexistenz des Holocaust bewiesen zu haben ist so, als gäbe es Zweifel darüber, dass die Erde rund sei. Oder Zweifel darüber, dass der Mensch auf dem Mond gelandet ist (Übrigens eine Theorie, die sich bis heute hält.). Unglücklicherweise aber war der Holocaust so echt wie all die Tode, die in den Konzentrationslagern gestorben wurden. Ich wünschte, dieses Grauen hätte es tatsächlich nicht gegeben. Aber aus ganz anderen Gründen, nicht aus jenem Vorsatz heraus, den David Irving strategisch verfolgt hat. Gehört haben ihn viele, zu viele. Und natürlich kann dieses abwertende, rassistische Gedankengut des geradezu predigenden Geschichtsverzerrers nicht unkommentiert bleiben. Da gab es jemanden wie die jüdische Autorin und Uni-Dozentin Deborah Lipstadt, die den geifernden Hetzer in ihrem Buch Denying the Holocaust. The Growing Assault on Truth and Memory als das bezeichnet hat, was er ist. Bei soviel Wahrheit wird einem Mann wie David Irving dann doch plötzlich unwohl – und verklagt die Holocaust-Forscherin mitsamt ihres Verlages Pinguin Books mit Pauken und Trompeten wegen übler Nachrede. Taktisch klug lässt Irving den Prozess in Großbritannien stattfinden. Wohlwissend, dass nicht der Kläger Beweise für seine Klage, sondern der Geklagte Beweise für seine Rechtfertigung erbringen muss. Was sich ziemlich schwierig anstellt. Da man dem gnadenlosen Polemiker nicht mit herkömmlichen Mitteln beikommen kann. Das wissen Lipstadt´s Anwälte. Und planen eine Taktik, die erstmal alle vor den Kopf stößt.

Vor allem die Zeugen. Dass gerade sie schweigen müssen, ist zwar hart, aber dennoch klug. Da es in dem Prozess nicht um die Aufarbeitung der Traumata geht, und ehemalige Opfer emotional so dermaßen befangen sind, dass sie für Leute wie Irving Angriffsfläche genug bieten, um manipuliert zu werden, muss die Methode eine sein, die in ihrer kalkulierten Klarheit und Objektivität unangreifbar bleibt. Regisseur Mick Jackson, der den Blockbuster Bodyguard mit Whitney Houston und Kevin Costner für sich verbuchen konnte, hat sich dieser wahren Geschichte über die Blasphemie des Schmerzes und der Wahrheit mit kundgebendem Schulterschluss eines souveränen Ensembles angenommen. Mit Tom Wilkinson als glasklar denkenden Juristen und einem stark abgemagerten Timothy Spall als preisverdächtig subversivem Faschisten im Anzug hat Jackson grandios agierende Vollblutschauspieler für sein Projekt verpflichten können. Rachel Weisz als die jüdische Autorin Lipstadt könnte, auch wenn sie wollen würden, den beiden Herren kaum die Show stehlen.

In Zeiten des latenten Nationalismus und dessen Waffe des subversiven Populismus wäre es fast schon eine Pflicht des österreichischen Filmverleihs gewesen, Verleugnung ins Kino zu bringen. Das schlichte und konventionell erzählte, aber intensive Gerichtsdrama musste sich hierzulande mit dem Retail-Markt begnügen. Doch auch wenn die Besucherzahlen zu wünschen übrig gelassen hätten – Mick Jackson´s Film, beruhend auf unerhört beschämenden Ereignissen, hätte aufgrund seiner inhaltlichen Brisanz die Chance verdient, überall gesehen zu werden.

Verleugnung

A United Kingdom

EIN HERZ UND EINE KRONE

6/10

 

unitedkingdom© 2017 Alamode Film

 

LAND: FRANKREICH, GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: AMMA ASANTE

MIT ROSAMUNDE PIKE, DAVID OYELOWO, TOM FELTON U. A.

 

Es wäre eine Frage für den Ö3-Mikromann: Was wissen Sie über Botswana? Neben einigen Uuhs und Ääähs wird womöglich nicht sehr viel Wissenswertes zutage treten. Maximal erwischt Tom Walek einen Briefmarkensammler, der zumindest von wunderschönen zweidimensionalen Sammlerstücken mit Zackenrand schwärmt, die die Fauna des eigentlich relativ still vor sich hin existierenden Landes zeigen. Und damit hätten wir auch schon so ziemlich die Charakteristika Botswanas beschrieben – das Land im Süden Afrikas beherbergt das wohl größte und artenreichste Feuchtgebiet des gleichnamigen Kontinents – das Okavango-Delta. Großwild inklusive. Die erstaunliche Biomasse ist in mehrere Nationalparks unterteilt – ich selbst kenne jemanden, der Feldstudien zu den Pavianen des Landes betrieben hat. Noch Mitte des 20ten Jahrhunderts war die große Wildnis als Betschuanaland bekannt – und damals wussten ihre Einwohner noch nichts von den enormen Bodenschätzten, die sich unter der staubigen Savanne verbergen. Jede Menge Diamanten, die dem Land zu Wohlstand verholfen haben werden – bis heute. Botswana ist sauteures Pflaster, fast schon wie die Schweiz. Öko-Reisen dorthin kosten so manchen Monatslohn. Sehenswert wäre es ja, keine Frage. Und vielleicht verschlägt es mich ja irgendwann dorthin, wenn sonst genug Kleingeld überbleibt. 

Das Kleingeld für einen Film über die Geburt des demokratischen Staates Botswana war allerdings vorhanden. Die aus Ghana stammende Britin Amma Asante, eine Jugendfreundin von Naomi Campbell, hat sich einer politisch-romantischen Geschichtsstunde angenommen, die fast schon zu sehr aufwühlender Liebesroman zu sein scheint als eine wahre Geschichte. Dennoch ist genau das passiert, und zwar nach Ende des Krieges, Ende der 40er Jahre, zu einer Zeit, in der die britischen Kolonien am schwarzen Kontinent Land und Leute immer noch fest im Griff und keine Skrupel davor hatten, den angeeigneten Grund und Boden auszubeuten. Botswana hatte Glück, denn das Diamantenfieber ist erst nach Eintritt der Selbstverwaltung ausgebrochen. Weniger Glück hatte der Kongo, aber das ist eine andere, noch viel traurigere Geschichte. Auslöser der Zeitenwende von Betschuanaland war die Liebe des Thronfolgers Seretse Khama zu einer weißen Britin, einer Büroangestellten aus der gesellschaftlichen Mittelklasse. Klingt wahnsinnig schnulzig, ja geradezu ideal für eine Seifenoper im Fernsehen. Aber was will man machen, wo die Liebe hinfällt, fällt sie hin. Da gibt es kein Rassendenken mehr, keine Vorurteile, bei Liebe hört sich alles auf. Und das zu einer Zeit, in der sich die menschenverachtende Ausgeburt der Apartheid in Südafrika gerade erst im Begriff befand zu erstarken. Südafrika unter der National Party, der Knute der weißen Minderheit, in einem hauptsächlich von Schwarzen bevölkerten Land – war an schamloser Arroganz kaum zu überbieten. Na gut, vielleicht noch von Großbritannien. Doch das Großbritannien unter Churchill will sich das Buckeln vor dem herrischen Dämon ganz im Süden nicht ersparen. Letztendlich führte diese nutznießerische Verbundenheit der Länder, allerdings aber auch die Macht der Medien zu einem Paradigmenwechsel – und einer gesellschaftlichen Konstellation, die ihrer Zeit weit voraus war.

Das Liebespaar Ruth Williams und Seretse Khama sind ein Musterbeispiel für Prinzipientreue gewesen, für Durchhaltevermögen und gesundem, freien Denken. Vorreiterrollen, in der man gegen den Strom schwimmen muss. Man könnte meinen, dass ohne gegen den Strom zu schwimmen in der Geschichte der Menschheit überhaupt nie etwas weitergegangen wäre. Dem Unbequemen, Schmerzhaften erhobenen Hauptes zu begegnen, bereit, Opfer zu bringen für ein Ideal, dass vom Einzelnen auf die ganze Gemeinde überspringt – das kennen wir bereits seit der Zeit des Alten Testaments. Und finden wir im Laufe der Geschichte immer wieder. Und siehe da – Beharrlichkeit führt zum Ziel. 

Alleine die Geschichte des Landes Botswana und die Liebesgeschichte dahinter, die vieles verändert hat, ist es wert, Amma Asante´s Film A United Kingdom anzusehen. Allerdings – eine Dokumentation hätte es auch getan. Wenn es wirklich nur die Fakten in einem Film für Faszination sorgen, ohne filmisch zu begeistern, wäre besagtes Kleingeld vielleicht woanders besser aufgehoben gewesen. Das hausbackene Erzählkino schafft weder schauspielerisch noch dramaturgisch denkwürdige Momente. Der ähnlich konzipierte Film Der Stern von Indien, der von der Geburt des Milliardenstaates erzählt, mengt seinem Tatsachenbericht die fiktive Geschichte einer Romanze in den Unruhen des Umbruchs bei – und zaubert eine Mischung aus Bollywood-Nostalgie und Dokudrama. A United Kingdom kann sich eines Bollywood-Stils nur schwer bedienen – und weist somit kein spezielles Kolorit auf. Auf dem zwar durchdachten, aber konventionellen Niveau eines Fernsehfilms wird man Zeuge tragisch-hoffnungsloser wie hoffnungsvoller Ereignisse – wofür es den Film aber so nicht gebraucht hätte.

A United Kingdom

Fences

ANSICHTEN EINES PATRIARCHS

7/10

 

null© 2016 Paramount Pictures

 

Ich stelle mir jetzt mal folgendes vor: Ich sitze irgendwo in Los Angeles in einem Café. Hinter mir geht die Tür auf und eine Person kommt herein, welche die Gäste des Lokals ob seiner Ausstrahlung – und wenn auch nur für ein paar Sekunden – verstummen lässt.  Dann wäre das in seinen früheren Jahren sicherlich Jack Nicholson gewesen. Heutzutage bliebe es, wenn sich Denzel Washington in aktuell fortgeschrittenem Alter einen Kaffee genehmigen will, nicht unbemerkt. Washington hat Charisma. Wo er hingeht, ist er nicht zu übersehen. Nicht wegen seiner Größe, sondern wegen seiner einnehmenden Persönlichkeit. Washington ist einer der ganz Großen, nicht unbegründet einer meiner am Liebsten gesehenen Schauspieler auf der Leinwand. Schade nur, dass ich den talentierten Afroamerikaner nicht auch im Theater bewundern kann, denn zumindest der Broadway darf Denzel Washington zu seinem Ensemble zählen. Zum Beispiel in einem modernen Klassiker des amerikanischen Dramas. Dieses mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Bühnenwunder trägt den Titel Fences, verantwortlich dafür zeichnet der Dramatiker August Wilson, der auch seine eigene Drehbuchfassung schrieb. 

Fences lässt die Wucht der Stücke eines Tennessee Williams oder Eugene O´Neill wiederaufleben. Was aussieht wie ein Familiendrama mit ganz viel Zeitkolorit, ist vor allem eines: ein One-Man-Gewaltakt. Das Psychogramm einer Machtfigur, eines Patriarchen, der sich innerhalb seiner mikroskopischen Welt aus Familie und Vertrauten gebärdet wie ein Diktator und Bestimmer, selbst aber die Geschichte eines verpassten Lebens mit sich schleppt. Dieser Umstand einer widrigen Vergangenheit voller Misstrauen, Diskriminierung und menschenunwürdig harter Arbeit lässt den Übervater verbittern. Die Zukunft seiner beiden Söhne solle eine andere sein, als er selbst sie hatte. Eine bessere womöglich? Zumindest eine ohne all die Erniedrigungen, die das Oberhaupt der Familie erleiden musste. Dass sich die Zeiten aber geändert haben, und Hindernisse des Gestern heute keine mehr sind – das wird dem alten Herrn nicht bewusst. So werden die Wünsche und Träume seines Nachwuchses zu einem umkämpften Objekt der Zukunft. Der Krieg im Eigenheim, der findet im Hinterhof statt. Einem Stück Grund und Boden, um welchen Patriarch Troy einen Zaun errichten wird. Ein blickdichtes Stück Wand, welches das Draußen, den Fortschritt, die Zuversicht auf eine bessere Welt ausgrenzt. Vielleicht gerät das mächtige Ego von Müllsammler Troy auch in eine Zwickmühle zwischen Neid, Missgunst und verletztem Stolz – alles seiner eigenen Familie gegenüber. Hinter ihm steht niemand mehr, nicht mal mehr sein bester Freund. 

Fences ist der letzte von mir gesehene Film all jener nominierten Kandidaten, die für den Oscar 2017 als bester Film ins Rennen gegangen sind. Das Theater auch auf der Leinwand funktioniert, zeigt die von Denzel Washington produzierte und inszenierte Verfilmung des Bühnenhits auf zwar routinierte, aber eindringliche Art und Weise. Das Kammerspiel, welches den tiefen Fall des resignierenden Egomanen fast ausschließlich im Hause der Familie und im Hinterhof irgendwo in Pittsburgh beobachten lässt, passt Denzel Washington wie angegossen. Die Rolle ist tatsächlich sein ganz persönliches Projekt, eine Herzensangelegenheit, die er sozusagen im Alleingang zu stemmen versucht. Viola Davis als seine gestrenge bessere Hälfte, die den Tyrannen ertragen und lieben muss, steht Washington mit Leidenschaft zur Seite. Beide meistern das Drama mit Kraft und Würde. Das liegt natürlich daran, dass beide ihre Rollen bereits schon am Theater erproben konnten. 

Und genau das ist Fences. Pures Theater, mit dem Vorteil, den Ausdruck all der Gesichter im Close up betrachten zu können, ohne zum Operngucker greifen zu müssen. Das Kino nutzt durch seine Nähe des Publikums zum Schauspieler die ganze Bandbreite improvisierter Emotionen. Das weiß Washington´s dritte Regiearbeit zu nutzen. Wer sich ein Kinoerlebnis mit dem Medium eigenen Stilinnovationen erwartet, wird womöglich enttäuscht sein. Washingtons ist ein präziser, handwerklich souveräner Hybrid aus Bühne und Leinwand gelungen. Wortgewaltig und maßgeschneidert für einen Schauspieler, der nicht übersehen werden kann.

Fences

Planet der Affen: Survival

AUF DIE BÄUME!

7,5/10

 

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REGIE: MATT REEVES
MIT ANDY SERKIS, WOODY HARRELSON, STEVE ZAHN, AMIAH MILLER

 

Das Sympathische an Andy Serkis ist, dass laut eigener Aussage sein Gesicht niemand kennen muss. Dieser angenehm uneitle Performancekünstler ist ein Handwerker auf dem Gipfel seines Könnens. Und sein Erfolg liegt in der Spezialisierung seiner Arbeit: Es ist die des Motion Capture. Eine kinematographische Kunstrichtung, die ihre holprigen Anfänge in Filmen wie Beowulf und Der Polarexpress hatte, beide von Robert Zemeckis. Anstatt die Technik des Ganzkörper-Marionettentheaters zu verfeinern, überließ der Schöpfer von Zurück in die Zukunft und Forrest Gump das Feld jemand anderem. Bekannt wurde Serkis durch sein Quasi Alter Ego Gollum aus den Herr der Ringe-Filmen. Die tragische Kreatur war der Beginn einer erstaunlichen Erfolgsgeschichte. Ihren vollendeten Status Quo findet die ausgefeilte Kinoillusion in der Trilogie über die Affen-Genese. Dabei war selbst im Zeitraum von 6 Jahren, von 2011 bis 2017, ein erstaunliches Qualitätsgefälle nach oben hin zu beobachten. Was den Zuseher mittlerweile im dritten und vorläufig letzten Teil des apokalyptischen Evolutionswechsels erwartet, ist der aktuelle Stand der Technik – und kaum bis gar nicht mehr von der Realität zu unterscheiden. Schon gar nicht, wenn keine Vergleiche mit echten Primaten zur Hand sind, was im Kino wohl eher schwer zu bewerkstelligen ist. Bewegung, Körper, Struktur und vor allem Gesichter sind sogar im Close Up auf der großen Leinwand so dermaßen täuschend echt, dass man versucht ist, an Wunder zu glauben. Für Außenstehende gibt’s hier keine technisch nachvollziehbare Erklärung mehr. Vor allem keine, die ein Laie versteht. Die Perfektion der Texturen ist gewaltig. Das Zusammenspiel realer Settings mit den computergenerierten Körpern ist lückenlos. Schmunzelnd denke ich an Zeiten zurück, in denen das Agieren der Schauspieler vor der Blue Screen von einer scherenschnittartigen hellen Corona umgeben war. Auch nicht schlecht, zumindest für damals. Hätten die Trickser von damals gewusst, welchen Olymp die Technik des Kinos erreichen kann, hätten sie vor lauter Scham ihre Ideen gar nicht erst umgesetzt. Doch ohne deren Ideen wären wir jetzt nicht da, wo wie jetzt sind. Inmitten von lebendig gewordenen Affen. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis Motion Capture Performance womöglich zu einer neuen Oscar-Disziplin wird. Steve Zahn als Eremiten-Schimpanse „Bad Ape“ wäre da schon eine Nominierung wert.

Das seit Cloverfield allseits bekannte Naturtalent Matt Reeves holt nun mit Planet der Affen: Survival zum finalen Rundumschlag aus, an dem sowohl Mensch wie auch Affe zu kiefeln haben werden. Denn in Anbetracht des evolutionären Wetteiferns zwischen befellten und fellfreien Primaten kann es aufgrund von Kapazitätsschwierigkeiten auf dem Planeten Erde nur zu einem Entweder-Oder kommen. Einer von beiden muss die Nische verlassen. Doch kein Wesen räumt freiwillig das kognitive Feld. Da muss die Natur schon selbst eingreifen, und zwar mit einem Virus. Mehr wird hier nicht verraten. So verzweifelt Homo sapiens auch um die Vorherrschaft kämpft, so verzweifelt suchen Schimpanse, Bonobo und Co einen friedlichen Ausweg – angesichts dieser Tatsache hätte Primatologin und Umweltschützerin Jane Goddall schlaflose Nächte, zählen doch vor allem Goddall´s Lieblinge zu einer relativ aggressiven Spezies. Doch in einer dystopischen alternativen Zukunft ist alles möglich. Da reflektiert selbst der Wildeste seine Gewaltbereitschaft. So nicht der Mensch. Reeves versteht sein spannendes, hochdramatisches Finale als einen atmosphärischen Abgesang auf Gewalt, Unterjochung und Rassismus, irgendwo zwischen The Revenant und Gesprengte Ketten. Den drohenden Niedergang der Menschheit als bitteren Gefängnisfilm zu inszenieren, hat was. Der Film verbeugt sich aber auch tief vor Francis Ford Coppolas Vietnamkriegsinferno Apokalypse Now. Die Verballhornung Ape-okalypse Now gilt mittlerweile als Schlagwort für die Affenkrise, und auch der famose Woody Harrelson spielt seine Rolle des endzeitlichen Colonel Kurtz mit geradezu sadistischer Leidenschaft. Er sieht Marlon Brando szenenweise sogar zum Verwechseln ähnlich, vor allem in einer ganz bestimmten Schlüsselszene gegen Ende des Filmes, die wohl zu den Besten des ganzen Filmes zählt. 

Das Ende des Filmes ist es aber dann auch, das Reeves leider nicht ganz zufrieden-stellend hinbekommt. Seine Konsequenz im Erzählen in allen Ehren, doch seine Bequemlichkeit zugunsten höherer Mächte geht auf Kosten einer Radikalität, die ich erwartet hätte. Mit einem Knalleffekt, der fast schon am Präsentierteller dargereicht worden wäre, hätte Planet der Affen: Survival ein fast schon geniales Opus Magnum werden können. So aber wirkt die Apokalypse doch wieder allzu versöhnlich, und die künstliche Sonne beleuchtet unter Tränen eine ungewisse, aber allzu milde Zukunft.

Planet der Affen: Survival

Hidden Figures

DER STOFF, AUS DEM DIE HELDINNEN SIND

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Die Apartheid der Vereinigten Staaten – das dunkelste Kapitel in deren Geschichte. Und längst keine Fußnote, sondern eine fürchterlich und quälend lange Epoche aus Unterdrückung und Erniedrigung über Jahrhunderte hinweg. Begonnen mit dem Deportieren westafrikanischer Menschen nach Übersee, offiziell beendet mit den Civil Rights Acts Ende der 60er Jahre. Allerdings, wenn man genauer hinsieht. herrscht mancherorts immer noch blanker Rassismus, der meist im Missbrauch einer faschistoiden Exekutive eskaliert und weitreichende Unruhen nach sich zieht. Ein Problem ist es also immer noch. Und dass die Vereinigten Staaten hier lange Zeit auf Regierungsebene tagtäglich Menschenrechtsverletzungen begangen haben, das ist etwas, womit das Land erst langsam klarkommen muss.

So bewusst geworden ist es zumindest dem amerikanischen Film vor allem in den letzten Jahren. Kein Academy Award-Wettbewerb, der nicht Filme unter den Kandidaten hat, die sich mit der Geschichte der Schwarzen in Amerika auseinandergesetzt haben. Regisseure und Drehbuchautoren gehen völlig unterschiedlich an die Sache heran – Quentin Tarantino zum Beispiel lieferte mit Django Unchained eine lautstarke Black Power-Hommage an den Italowestern ab. Steve McQueen mit Twelve Years a Slave bohrte mit dem Finger in den offenen Wunden, welche die beschämende Ära der Sklaverei hinterlassen hat. Und Selma erinnerte auf bewegende Weise an einen Moment in der jüngeren Geschichte des Landes, der Vieles verändert hat. Das sind nur einige wenige Beispiele, die mir spontan in den Sinn gekommen sind und einen gewissen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben. Wir sehen, vor allem in der Kunst, und vor allem in jener der bewegten Bilder, engagiert man sich geradezu ruhelos, die Schmach der Vergangenheit aufzuarbeiten und den großen Teil der schwarzen Bevölkerung Amerikas zu rehabilitieren.

Auch das Jahr 2017 steht ganz im Zeichen dieses wichtigen Auftrages. Unter diesen Filmen findet sich auch ein klassisch erzähltes Tatsachendrama rund um den ersten Orbitalflug John Glenns im Jahre 1962. Nun, was hat die Geschichte der Raumfahrt mit der Rassentrennung zu tun? Ganz einfach: angestachelt vom Eifer der Russen, die Juri Gagarin bereits ein Jahr zuvor in den Himmel geschossen haben, ließ die NASA nichts unversucht, im Wettlauf um die Eroberung des Weltraums mitzuziehen. Dumm nur, dass damals die hellsten Köpfe am Weltraumcampus Afroamerikanerinnen waren. So wird aus einem geschichtlichen Thriller, der in seiner Erzählweise stark an Der Stoff aus dem die Helden sind erinnert und auch als eine ins Detail gehende Ergänzung gesehen werden kann, ein starkes Plädoyer für Gleichberechtigung, Vernunft und gemeinsamem Fortschritt. So konventionell auch die eine oder andere Szene des Filmes daherkommen mag – die Geschichte hat eine mitreißende, kraftvolle Wirkung, verschließt sich nicht vor seinem Publikum und lässt es teilhaben an all den Gefühlswelten der drei Protagonistinnen, die ihren Weg zwischen Ablehnung, Skepsis, Selbstbehauptung und überdurchschnittlicher Intelligenz bis zum erfüllenden, geradezu ruhmreichen Ziel ihrer Laufbahn als Mensch und Mitwirkende einer der größten Momente der Menschheit je gegangen waren. Hidden Figures führt jeden kleinkarierten, vorurteilsvollen Denkansatz ad absurdum, würdigt und beurteilt den Menschen für das, was er leistet. Und nicht, was er ist.

Regisseur Theodore Melfi (St. Vincent mit Bill Murray) hat einen wichtigen, aufschlussreichen und spannenden Film gemacht, der das Wissen und auch so manche Denkweise anhand dieses tatsächlichen großartigen Beispiels bereichern kann. Ein Wiedersehen mit dem souverän aufspielenden Kevin Costner ist übrigens ebenso garantiert wie die gern gesehene selbstironische Rolle von Jim „Sheldon Cooper“ Parsons, der das Zepter des allwissenden Superhirns – unfreiwillig aber doch – diesmal jemand anderem überlassen muss. 

 

Hidden Figures