Im Zweifel glücklich

WARS DAS?

7/10

 

BradsStatus#2052.ARW© 2018 Weltkino

 

LAND: USA 2017

REGIE: MIKE WHITE

CAST: BEN STILLER, AUSTIN ABRAMS, JENNA FISCHER, MICHAEL SHEEN, LUKE WILSON U. A.

 

Da bedarf es schon eines ausgeprägten Fokus auf die eigene innere Mitte, wenn es darum geht, sich nicht mit anderen zu vergleichen. Wenn dann noch die eigenen Schulkollegen mit deutlich mehr PS auf der Überholspur gen Erfolgshorizont des Lebens davonbrausen, ist der Selbstwert auf Kleinkindgröße dahingeschmolzen. Der Wettbewerb ist allgegenwärtig, vor allem in so selbstverliebten Zeiten wie diesen, wo Fleiß und Idealismus nur noch bedingt zu wünschenswerten Ergebnissen führen. Allerdings übersehen hierbei die gebeugten Häupter der vermeintlichen Loser sehr gerne, dass der vielfach kolportierte Erfolg der Mitmenschen reichlich Fassade ist, und Vergleiche oft mit zweierlei Maß gemessen werden. Die einen, die haben dann meist das Kapitalglück, dass in ausreichender Werbewirksamkeit die Gesellschaft fasziniert. Und die anderen, die haben das Basisiglück, und können sich, wenn alle Stricke reissen, auf wahre Werte zurückbesinnen, auf die es letzten Endes wirklich ankommt. Die Erfolgsformel ist also eine Unbekannte. Sich daran zu reiben wie Ben Stiller es tut, kann zu einem ernüchternden, aber undurchdachten Status Quo führen, der längst nicht alle Indizien, die für ein besseres Leben sprächen, abgeklopft hat.

Im Zweifel gücklich, im Original schlicht und ergreifend als Brad´s Status betitelt, treibt einen innerlich strauchelnden Ben Stiller vor sich her, der überhaupt nichts mehr mit den klamaukigen Peinlichkeiten aus früheren Filme zu tun hat, der geradezu ernüchternd unmöbliert und verkatert auftritt, als würde er tatsächlich in das tiefe Loch einer sinnlos erscheinenden Existenz geworfen worden sein. Diesen Zustand könnte jetzt ein anderer Filmemacher kabarettistisch ausschlachten, sich darüber lustig machen, die Midlife crisis durch den Kakao ziehen. So wie es der Österreicher Harald Sicheritz Anfang der 90er getan hat. Freispiel mit Alfred Dorfer zählt bis heute zu den besten Kabarettfilmen überhaupt, lässt dabei aber seinen Antihelden Robert Brenneis als ausgebrannten Musiklehrer über das eigene Leben und das der anderen sinnieren, bevorzugt über das seines ehemaligen besten Freundes, des Schlagerstars Pokorny, süffisant verkörpert von Wuchtelgranate Lukas Resetarits. Der Neid könnte einen fressen, angesichts dieses Glamours, den manche umgibt, vor allem jene, die das gleiche Startkapital für die Zukunft hatten, und plötzlich hinten anstehen müssen. Sich klarzuwerden, worauf es im Leben wirklich ankommt, dafür braucht Alfred Dorfer einen ganzen Film voller Zynismus und kluger Kommentare. Ben Stiller tut Ähnliches, wenn auch nicht im Bierzelt schunkeln oder in Italien urlauben. Er begleitet seinen Sohn an die Ostküste Amerikas, um Universitäten abzuklappern und den richtigen Studienplatz zu ergattern. Dabei stößt Brad zwangsläufig auf die Karrieren seiner Kommilitonen von damals, um sich selbst ganz klein vorzukommen. Bis er die Dinge vor seinem geistigen Auge wieder in die richtige Ordnung bringt, auf Reboot Prioritäten setzt und seinem Filius den Rücken freihält.

Dieser Status, den Brad abruft, der könnte der Status von jedem von uns sein, mal mehr mal weniger. Den großen Vogel, den haben die wenigsten abgeschossen, dabei ist die Frage nach einem zweifelhaften Lebensglück gerade bei jenen womöglich ungleich größer als bei den sogenannten Niemanden, die trotz fehlenden Reichtums und Scheinwerfern die Erfüllung in sich selbst und ihrer Familie finden. Regisseur Mark White lässt Ben Stiller tatsächlich immer stiller werden, immer nachdenklicher, und gibt ihm Raum für Gedanken, die aus dem Off auch für das interessierte Publikum zu hören sind. Im Zweifel glücklich ist ein langsames, gedankenverlorenes, aber alltagsrelevantes Drama, leichtfüßig und nicht verkopft. Nachvollziehbar und durchaus bereichernd, wenn mal wieder das eigene Leben unzureichend erscheint.

Im Zweifel glücklich

Final Portrait

MALEN UNTER QUALEN

7/10

 

finalportrait© 2017 PROKINO Filmverleih GmbH

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH 2017

REGIE: STANLEY TUCCI

MIT GEOFFREY RUSH, ARMIE HAMMER, CLÉMENCE POESY, SYLVIE TESTUD, TONY SHALHOUB U. A.

 

Da gibt es doch diese bekannte Szene aus dem Historienschinken Michelangelo, inszeniert von Carol Reed und mit Charlton Heston als titelgebendes Renaissance-Genie. Zu sehen ist die Sixtinische Kapelle von innen, ausgekleidet mit einem hölzernen Gerüst und irgendwo knapp unter der Decke hängt der Meister himself. Ewig schon dauert dieses Fresko. Michelangelo malt und malt. Irgendwann einmal – und das ist eben diese besagte Szene – betritt der Heilige Vater den ehrwürdigen Saal und ruft in die luftigen Höhen hinauf: „Wann kommt ihr damit zu Ende?“ Michelangelo entgegnet in selbstsicherer Beiläufigkeit: „Wenn ich fertig bin!“ Dass ist natürlich keine wirklich genaue Definition eines abschätzbaren Zeitrahmens. Im Grunde hätte Michelangelo ewig Zeit. Ganz so wie der ewige Gott, der gerade seinen Finger nach Adam reckt.

„Wenn ich fertig bin!“ ist im Grunde auch der Richtwert, den sich der Schweizer Künstler Alberto Giacometti auferlegt hat. Doch die Definition von Fertigwerden oder Abschließen, oder überhaupt gar vom Ende einer Schaffensperiode, dürfte für den 1966 verstorbenen Bildhauer und Maler womöglich ein schlichtweg unfassbares Gräuel gewesen sein. Fertig wird man anscheinend nie – wenn, dann bricht man den kreativen Prozess einfach ab. So gesehen gibt es kaum Kunstwerke Giacometti´s, die wirklich fertig sind. Sie wirken vielleicht so, aber sie sind es nicht. Diesen Zustand der künstlerischen Schwebe eines Zweiflers hat Schauspieler Stanley Tucci, den wir unter anderem als Modedesigner aus Der Teufel trägt Prada kennen, in ein ebenso absichtlich unfertig scheinendes, biografisches Fragment hineinmodelliert.

Final Portrait, wie sich das Atelier-Kammerspiel nennt, verfolgt skizzenhaft Giacometti´s Schaffensphase während der Anfertigung eines Portraits des amerikanischen Schriftstellers James Lord. Ursprünglich davon ausgegangen, der zeitliche Aufwand des Modellsitzens beschränke sich auf lediglich zwei bis drei Stunden, wird der junge Kunstliebhaber, wie wir uns denken können, eines Schlechteren belehrt. Da sitzt er nun, Tag für Tag, starr und unbeweglich mit Anzug und Krawatte. Vor ihm ein Golem von einem Zausel, mit wirrem Haar, ein Gesicht so fragmentarisch zumodelliert wie seine Skulpturen. Jammernd, zaudernd, zögernd, des Modells Konterfei immer wieder übermalend. Und nein, man kann nicht mit dem Torso beginnen, bevor das Gesicht nicht perfekt ist. Und so werden aus wenigen Stunden mehrere Tage. Aus Tage Wochen. Und immer wieder zweifelt der Meister an seinem Schaffen, spart nicht mit abstrusen Vergleichen von Mr. Lord´s Gesichtsphysiognomie. Einem Mörder sehe er gleich. Der Bücherwurm nimmt’s gelassen, da beide schon lange befreundet sind. Dennoch wird das ganze Projekt zu einer Paint de Force, in der Geduld und Perfektionismus versuchen, sich die Waage zu halten.

Geoffrey Rush ist wieder mal eine Naturgewalt. Schon allein die erste Szene, wie der alte, zerstreute, absonderliche Gnom sein Atelier betritt. Schlurfend, ächzend, langsam wie eine in den Endbahnhof einfahrende Dampflok. Alles Grau in Grau, aber kaum zu glauben, dass es im Spektrum dieser Mischung aus Weiß und Schwarz so viele Nuancen gibt. Auch Giacometti´s Oeuvre ist vorwiegend grau. Die Räumlichkeiten des Schweizers sind eine liebevoll ausgestattete Augenweide voller Skulpturen, Tonklumpen und Staub. Schwermütig scheint die lösungsmittelgeschwängerte Luft im Raum zu liegen und jede Euphorie niederzudrücken. Dennoch ist das Künstlerportrait alles andere als resignierend. Giacometti gibt nicht auf, auch wenn er immer wieder davon spricht. Die Aussicht eines Endes lässt auch James Lord ausharren – und die Schaffensqual eines Künstlers erst so richtig begreifen. Regisseur Stanley Tucci leidet sichtlich, aber mit Leidenschaft mit – seinen Tribut vor dem Schöpfer der grauen, dürren Gestalten, die so unverkennbar Giacometti sind, zollt er in der Schauspielführung eines Geoffrey Rush. Allein schon die Ähnlichkeit von Akteur und kunsthistorischer Gestalt ist verblüffend. In Nebenrollen glänzen Clemence Poesy und Sylvie Testud. Das Künstlerdrama hat mit Final Portrait wieder ein ziemlich lebendiges Lebenszeichen von sich gegeben, auch wenn abgesehen von Sitzen, Malen und ab und zu einem kleinen Spaziergang nach einem Gläschen Wein nicht viel passiert. Die Abenteuer des Schaffens sind im Kopf, und die können aufwühlender sein als jede Nacht im Museum.

Final Portrait

Atlantic

DES MEERES UND DER LIEBE WELLEN

7/10

 

Atlantic© 2014 Thimfilm

 

LAND: NIEDERLANDE / BELGIEN / DEUTSCHLAND / MAROKKO 2014

REGIE: JAN-WILLEM VAN EWIJK

MIT FETTAH LAMARA, THEKLA REUTEN, MOHAMED MAJD, BOUJMAA GUILLOUL U. A.

 

Stürmisch ist er. Saukalt. Strömungs- und nährstoffreich – der atlantische Ozean. Nicht gerade das Meer zum Chillen, aber das Meer, um den starken Sportler zu markieren und zu surfen, was das Zeug hält. Die Küsten Marokkos und jene der kanarischen Inseln sind das Paradies für Wellen-Junkies schlechthin. Wer ein Surfbrett hat, hat den Sinn seines Lebens gefunden. Und gehört fortan zu einer Gruppe von Menschen, die mit Dreadlocks, kurzen Schlabberhosen und einer gehörigen Portion Lässigkeit das Leben auf die leichte Schulter nehmen. Um meterhohen Wasserbergen zu trotzen gehört schon eine Portion rotzfrecher Todesmut. Und nach jeder unversehrten Rückkehr an den Strand ist die Existenz um einige Fuhren Küstensand leichter. Womit wir beim Subgenre des Surfer-Films wären. Tatsächlich gibt es Festivals wie jene des Bergfilms, die sich ausschließlich den gefilmten Loops mit Brett und Segel widmen. Womöglich nur was für Surfer-Nerds, obwohl auch Nicht-Dudes so mancher cineastischen Spezialität neben all den atemberaubenden Stunts auch andere Aspekte abgewinnen können. So gesehen bei Atlantic, einer entrückend poetischen Filmerzählung, die den Wassermassen zwischen alter und neuer Welt in den schönsten Lichtreflexionen huldigt und einen Fischersohn namens Fettah auf eine Reise schickt, von welcher er womöglich nicht mehr zurückkehren wird.

Der niederländische Filmemacher Jan-Willem van Ewijk hat ein elegisches Essay über die Sehnsucht nach einem besseren Leben inszeniert, ohne sich dabei aber explizit auf die Charakterisierung des Flüchtlings an sich zu beschränken. Sein Film fordert mehr Fragen und Skepsis zutage als es anfangs den Anschein hat. Denn der Laiendarsteller und Surfer Fettah, der von van Ewijk für eine Rolle selbes Namens gecastet wurde, gibt sich seinen Träumen hin. Den Träumen von einem Leben in einem Elysium des Westens, in einem gelobten Land, wo Milch und Honig fließen, wo es allen besser geht, wo das einzig erstrebenswerte Ziel des materiellen Wohlstands so nah ist wie nirgendwo sonst. Es ist weniger die Schwärmerei für eine junge Frau, die den jungen Fischer und Surfer beeindruckt, sondern der Ort, von wo dieses Wesen aus dem Westen herzukommen scheint. Längst an einen Freund Fettah´s vergeben, entspinnt sich zwischen beiden dennoch eine fast schon intime Vertrautheit – die aber nicht mehr sein kann als ein sommerlicher Flirt, dessen Buschfeuer relativ schnell verraucht. Der Mann aus Afrika will aber mehr. Was genau, darüber lässt uns van Ewijk eigentlich im Unklaren. Sein Abenteurer will das, was durch den Besuch sämtlicher Touristen plötzlich so greifbar nah erscheint. Will das, was er eigentlich gar nicht kennt, und über die Maßen idealisiert. Es ist die eigene Unzufriedenheit, die das Auswandern in ein besseres Leben rechtfertigen soll. Das eigene kleine Glück, die Wertschätzung vertrauter Menschen, greifbare Werte, die bleiben, wenn nichts mehr bleibt – selbst die einfordernden Rufe nach Rückkehr bleiben angesichts des Wagemuts, die Grundrechte auf das Menschenmögliche einzufordern, ungehört.

So fängt der junge Mann und das Meer keinen Marlin, der an der Angel hängt und wie bei Hemingway während der Fahrt zurück ans Ufer aufgefressen wird – vielmehr orientiert sich der Glückssucher an den Gestirnen, und verliert dennoch die Orientierung. Mag sein, dass ich Atlantic völlig falsch eingeschätzt habe. Doch das, was mir van Ewijk´s Film vermittelt, ist kein Manifest, dass Mut macht oder den Mutigen bemitleidet. Nichts, was den Flüchtenden besser verstehen lässt. Im Gegenteil. Die Sehnsucht nach dem Mehr im Leben taucht im Meer des Lebens auf poetische, zurücknehmend kritische Weise als Fragment in der kalten Strömung unter.

Atlantic

The Florida Project

MARY POPPINS GIBT ES GAR NICHT

6/10

 

floridaproject© 2017 Thimfilm

 

LAND: USA 2017

REGIE: SEAN BAKER

MIT WILLEM DAFOE, BROOKLYNN PRINCE, BRIA VINAITE, CHRISTOPHER RIVERA U. A.

 

Die tropische Halbinsel im Süden der Vereinigten Staaten ist das Paradies wohlhabender Pensionisten, Abenteurer und Panzerechsen-Dompteure, Individualurlauber und Vergnügungssüchtige. Florida hat was. Zumindest habe ich selbst, als ich dort war, ein bisschen den Eindruck gewonnen, was dieser Bundesstaat für Vibes verteilt. Wie sehr massentaugliche Attraktionen reizverwöhntes Publikum um den Finger zu wickeln weiß. Befindet man sich vor den Toren Disneyworlds, kleben wie zuckersüße Geschwüre diverse Motels und Absteigen mit vielversprechenden Namen aus der Märchenwelt an der isolierenden Barrikade, die Mickey Mouse und Co im Schulterschluss rund um Disneys Märchenschloss bilden. Wenn noch nicht mittendrin, dann zumindest nur dabei. Und dann aber quietschbunt, exorbitant penetrant und das gefakte Schlaraffenland der unbegrenzten Möglichkeiten allen und jeden verkaufend, die hier durchziehen, Halt machen oder auch mal vorgekaute Träume schnuppern möchten. Dieses Disneyworld kann man lieben oder hassen. Dazwischen gibt’s womöglich kaum eine Grauzone. Mir reicht schon der Wiener Prater, da ist ein Wochenende zwischen Pappburgen, Junkfood und Erlebniswelten sicher die Gehirnwäsche pur.

Andere können sich davon nicht mal den Dreck unter Mickeys Fingernägel leisten. Sieht man etwas genauer hinter die schweinchenrosa Kulissen, findet man die am Rande der Existenz Gestrandeten in direkter Nachbarschaft zum Konsum- und Erlebnisrausch. Regisseur Sean Baker, der mit Tangerine L.A. 2015 erstmals einen Kinofilm ausschließlich mit dem Smartphone gedreht hat, erzählt die Geschichte eines sozialen Scheiterns aus der Sicht des Mädchens Moonie in Form eines scheinbar lose skizzierten Filmtagebuchs. Da fehlt nicht viel zur Reality-Doku, so unmittelbar und berührungsfreudig nähert sich Baker seinen dahinexistierenden Personen, die noch dazu allesamt von Laiendarstellern verkörpert werden. Mit Ausnahme von Hausverwalter Willem Dafoe, der als guter Geist mit sozialer Ader wie ein Erzähler aus dem Off versucht, Harmonie zu bewahren und es allen recht zu machen. Sternstunde des Schauspiels ist das keine, aber mit Engagement bei der Sache. Das sind auch die vielen Kinderdarsteller, die wiedermal ob ihres Könnens so ziemlich verblüffen. Dass die Emotionen der vagabundierenden Tafelklassler-Gang allesamt echt sind, vor allem die Tränen der kleinen Moonie, erfährt man spätestens gegen Ende des Filmes. Kinder können vor der Kamera echte Naturtalente sein. Diese Tatsache konnte ich schon bei Jeremy Miliker in Die beste aller Welten beobachten. Der Grundschüler hat in dem bemerkenswerten österreichischen Film alle Gefühlsregister seines Könnens gezogen. Das Salzburger Sozial- und Drogendrama hat überdies mit The Florida Project tatsächlich einiges gemeinsam. Und in einem Aspekt unterscheiden sie sich grundlegend: Beide Stichproben finden eine alleinerziehende Mutter mit ihrem Kind, hadernd mit dem Schicksal und sich mehr schlecht als recht durchs Leben schlagend. Nur – bei Die beste aller Welten hat Verena Altenberger den Willen, etwas Besseres aus ihrem und dem Leben ihres Kindes zu machen. In The Florida Project hat Mutter Haley die Nase voll von diktierten staatlichen Pflichten und denkt nicht mal daran, weder sich selbst noch das Kind aus dem Schlamassel zu ziehen. Mit illegalen Geschäften und Prostitution kratzt Haley die Miete für das Motel zusammen – für mehr reicht es kaum. Und ist es mal mehr, winkt der Kaufrausch. Dazwischen Lausbubenstreiche des unbeschäftigten Nachwuchses, der sich vergeblich nach Input sehnt und um welchen sich im Grunde keiner schert. Straßenkinder des Westens – ein trauriges Bild. Und das aufgrund der Ziellosigkeit, nicht aufgrund der Freiheit, alles sein und tun zu können. Die Grenzen sind die von Disneyworld, nicht die der Erziehung.

Sean Baker meint es unerhört gut. In seiner nüchternen Betrachtung des Alltags und der ungeschminkten Beobachtung erinnert The Florida Project an die Werke Ulrich Seidls. Grimmig ist das Ganze, und zum Verzweifeln nicht nur für Willem Dafoe. Doch irgendwann erreicht Baker einen Punkt, an dem seine Szenencollage redundant wird. Irgendwann ist alles auserzählt, irgendwann wiederholen sich die Tageszeiten, und mir wird klar, dass das tägliche Überleben natürlich längst weder spannend noch auf seine Weise beeindruckend geschweige denn erstrebenswert ist. Ich beginne die Tage zu zählen, an denen wirklich kaum etwas passiert. Die tägliche „Bon jour Tristesse“ wird maximal durch Brandstiftung aus der Monotonie gehoben. Und irgendwann kommt, was kommen muss.

The Florida Project hat im Grunde kaum eine Handlung, was meines Erachtens zu wenig für einen Spielfilm ist. Als experimentelles Projekt durchaus interessant, aber Baker will die Gesichter seiner Jungdarsteller so oft wie möglich zeigen, immer und immer wieder. Und bevor sein Film nicht mehr herzugeben scheint als ein Nachmittag im Hinterhof der Integrationssiedlung Schöpfwerk, setzt es in den letzten Minuten noch gehörig Dramatik, und so etwas Ähnliches wie eine Story kristallisiert sich rückwirkend aus der Improvisationsagenda der Aussichtslosigkeit. Was dann passiert, ist von schonungsloser, zynischer Bitterkeit – und schenkt The Florida Project doch noch das gewisse Etwas, das in Erinnerung bleibt.

The Florida Project