Sunny Dancer (2026)

I DON’T FEEL LIKE DANCING

6,5/10


Bella Ramsey als Ivy mit ihren Freundinnen und Freunden in Sunny Dancer
© 2026 Polyfilm


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE / DREHBUCH: GEORGE JAQUES

KAMERA: OLIVER LONCRAINE

CAST: BELLA RAMSEY, RUBY STOKES, DANIEL QUINN-TOYE, EARL CAVE, JASMINE ELCOCK, CONRAD KHAN, SHALOM BRUNE-FRANKLIN, NEIL PATRICK HARRIS, JESSICA GUNNING, JAMES NORTON, LOUIS GAUNT, JOSIE WALKER U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN



Spätestens seit ihrem Heldentod in der letzten Staffel von Game of Thrones, in der sie, die Kleinste unter vielen, einem Riesen aus dem Norden den Garaus macht, wissen wir: Dieses Mädel hat’s ordentlich drauf. Und noch dazu faustdick hinter den Ohren.

Mittlerweile ist Bella Ramsey aber kein Mädel mehr. Also nicht ausschließlich. Mittlerweile hat sich Ramsey als nichtbinäre Person geoutet, was nicht bedeuten muss, dass weiblichen Rollen nicht mehr interessant sind. In Sunny Dancer des jungen Regisseurs George Jaques (Black Dog, 2023) ist Bella Ramsey ganz eindeutig Ivy, ein Hetero-Mädchen von 17 Jahren, und mit einem Leben auf dem Buckel, das sich anfühlt wie zumindest doppelt so viel Existenzzeit.

Wenn der Körper geheilt ist, die Seele aber nicht

Verantwortlich für das Upgrade an Belastung ist Blutkrebs. Seit geraumer Zeit gilt Ivy aber schon als geheilt – zumindest physisch. Psychisch ist nach wie vor noch einiges im Argen, denn eine Krankheit solchen Kalibers macht etwas mit der Wahrnehmung des Selbst, des sozialen Umfelds und der Existenz an sich. Wie also normal weiterleben, wie also zu all jenen wieder Kontakt knüpfen, die sich dieser Schwere eines Lebensumstands entzogen haben, weil sie vielleicht nicht wussten, wie man damit umgehen soll?

Ivy weiß es selbst nicht und hat sich isoliert. Um dem entgegenzuwirken und zumindest den schulfreien Sommer soweit hinzubiegen, dass dieser nicht vereinsamt am Zimmer verbracht wird, überreden Ivys Eltern die vom Lebenskampf müde Gewordene zu einem Sommercamp unter Gleichgesinnten. Alle, die dort aufschlagen, haben ähnliches mitgemacht, wollen vielleicht gar nicht dort sein oder versprechen sich den Sommer ihres Lebens, insbesondere Zimmergenossin Ella (einnehmend: Ruby Stokes), die, bevor sie vielleicht doch noch der Tod holt, zumindest das erste Mal Sex haben will. Ivy wird Teil einer Gruppe, die während der nächsten vier Wochen Höhen und Tiefen erleben: Spaß und Kummer, erste Liebe und Abschiede für immer.

Wie kinotauglich ist das Thema Krebs?

Niemand will sich mit dem Thema Krebs auseinandersetzen, wenn es keine Notwendigkeit gibt. Im Kino will man sich zumindest zerstreuen, man mag sich schwierigen, relevanten Themen hingeben, wenn sie gesellschaftlich oder historisch relevant sind. Aber Krebs? Es kann jede und jeden treffen, es taucht gefühlt plötzlich auf, es ist so nah am eigenen Schicksal wie der Tod selbst. Ein griffiges Thema, um die Scharen ins Kino zu locken? Nein, mitnichten – auch wenn die deutsche Filmwelt riesig gerne und viel zu oft diesen Weg der filmgewordenen Schicksalsbekämpfung geht.

In Hollywood wurde das Thema Krebs oft zum Tränendrüsen-Stimulierer: sentimental, verheult, verkitscht. George Jaques – und auch Bella Ramsey – haben genug davon. In diesem Camp haben alle genug davon, und dennoch quält die Ungewissheit einer Rückerkrankung jeden lieben Sommertag.

Was die Zukunft bringt – oder nicht bringt

Was Sunny Dancer dabei aber gelingt: Er bringt das Damoklesschwert des drohenden Schicksals auf eine Ebene mit der Ungewissheit eines zukünftigen Lebens an sich. Wir haben es hier mit noch-nicht-ganz-Erwachsenen zu tun, denen so sehr bewusst wird, dass das Leben endlich ist. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als es zu riskieren. Das ist eine Challenge, die auch junge Erwachsene quält, die nicht erkrankt sind. Der Krebs verändert dabei den Blick auf die Zukunft nur als Variante des Status Quo, denn letztlich ist es eben auch nicht die Krankheit, die Ivy durch ein Tal der Tränen gehen lässt, sondern die erste große Liebe.

Es war, ist und bleibt nun mal tragisch

Ist Sunny Dancer also ein Leichtgewicht unter thematisch verwandten Filmen? Dank des virtuos aufspielenden Ensembles – allen voran natürlich Bella Ramsey in widerspenstiger Einzigartigkeit – ist die Tragikomödie kein Betroffenheitskino, sondern ein emotional wohlgesteuerter, nachempfindbarer Breakfast Club der anderen Art, nur diesmal am Lagerfeuer statt in der Schulbibliothek.

Berührend ist Sunny Dancer am Ende trotzdem. Zwischen unbeschwerter Annäherung, tragikomischem Ausdruckstanz zu den Scissor Sisters und harter Realität will George Jaques dabei manchmal zu viel. Um sich keinen mangelnden Respekt vor dem Ernst der Lage vorwerfen zu lassen, setzt das Schicksal, das ja bekanntlich oft ungerecht sein will, noch eins drauf.

Niemand mag mehr damit rechnen. Es zittert die Tränendrüse, es verlässt einen der Mut, und die Zuversicht wird zur Wildwasserfahrt. Warum nur? Warum nicht einfach mal, weil‘s geht, den ganzen Sieg kassieren gegen eine Krankheit, von der niemand etwas wissen will? Das Kino könnte es. Dass es real oft daneben geht, wissen wir ohnehin zu Genüge.

Sunny Dancer (2026)

Romería – Das Tagebuch meiner Mutter (2025)

SCHWEIGEN WIE EIN FAMILIENGRAB

8/10

 

Llúcia Garcia stellt sich in Romería – Das Tagebuch meiner Mutter ihrer Verwandtschaft
© 2025 Quim Vives / Elastica Films

 

LAND / JAHR: SPANIEN, DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: CARLA SIMÓN

KAMERA: HÉLÈNE LOUVART

CAST: LLÚCIA GARCIA, TRISTÁN ULLOA, MITCH ROBLES, SARA CASASNOVAS, JOSÉ ÁNGEL EGIDO, MIRYAM GALLEGO, CELINE TYLL, JANET NOVÁS U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN



Bei diesem Film könnte es passieren, dass die eigene Familie plötzlich fremder wirkt als jene in Carla Simóns Romería – Tagebuch meiner Mutter.

Wieso das? Nun, es kommt immer darauf an, wie viel Wert man dem biologischen Faktor des gemeinsamen Blutes beimisst. Dass manche schließlich in ihrer eigenen Familiengeschichte herumstochern, ohne gute Gründe dafür zu haben, und ohne dass es einen Anlass dazu gibt, eine ohnehin distanzierte Beziehung näher zu ergründen, wird wohl kaum passieren. Eher passiert es, dass eine adoptierte Person will Klarheit über jene Umstände erlangen, die schließlich dazu geführt haben, unter fremder Obhut aufgezogen worden zu sein. Weil die echten Erziehenden entweder ums Leben gekommen oder auf andere Weise gänzlich unpässlich waren? Vielleicht, weil sie auch gar keine Kinder wollten?

Meister der Verdrängung

Alt genug, um nun endlich zu studieren, benötigt die gerade volljährig gewordene Marina für ihr Vorhaben die Bestätigung der leiblichen Familie ihres Vaters, der viel zu früh von der Bildfläche verschwand. Ähnliches widerfuhr Marinas Mutter – auch sie, genauso wie ihren Vater, hat das AIDS-Virus dahingerafft, verursacht durch Drogenexzesse jedweder Art. Die Familie väterlicherseits hat sich längst distanziert. Über Alfonso breiten all die Angehörigen, vorzugsweise die über allem erhabenen Großeltern, den Mantel des Schweigens und zeichnen sich als Meister der Verdrängung dadurch aus, alles Unangenehme von dieser ihrer Sippschaft fernzuhalten.

Da kommt es natürlich ungelegen, dass die sogenannte „dreizehnte“ Fee, das letzte, blutsverwandte Kind, das verlorene Schaf, tatsächlich heimkehrt – oder besser gesagt: einen Seitenblick in das soziale Gefüge namens Familie wirft, um erstens eben all ihre Verwandten kennenzulernen. Und zweitens, dem Großvater das Zugeständnis abzuringen, dass Marina seine leibliche Enkelin ist. Der Weg dorthin mutet an, als würde man durch ein Fotoalbum blättern – das üppige, bildgewaltige Portfolio eines lebendigen Stammbaums, der, hin und hergerissen zwischen Wahrheit und Vergessen, Marina als die Chance erkennt, endlich reinen Tisch zu machen und das letzte fehlende Glied zu ergänzen.

Rollendynamik vom Enkel bis zum Patriarch

Carla Simón zeigt dabei, genauso wie in ihrem mit dem Goldenen Löwen 2022 ausgezeichneten Familienschicksal Alcarràs – Die letzte Ernte, wie virtuos sie ein ganzes familiäres Biotop aus dem narrativen Boden stampfen kann. In Romería (was so viel heißt wie Pilgerfahrt) schwirren eine Vielzahl an Charakteren vor den beobachtenden Blicken Marinas vorbei – Klein und Groß, Alt und Jung, sie alle vollführen ihren aufgeregten Alltag, als spiele man die Reise nach Rom.

Dennoch schafft es Simón, jeden einzelnen und jede einzelne im Auge zu behalten, sie greifbar zu machen, zumindest für Marina. Sie ist der Ruhepol, das windstille Zentrum. Llúcia Garcia vollbringt hier angesichts der Herausforderung, eine ganze Klaviatur an Emotionen empfinden zu müssen, eine schauspielerische Meisterleistung. Authentizität ist in diesem Film letztlich alles, und da mit dieser Figur einer spurensuchenden jungen Frau alles steht und fällt, ist die Verantwortung, den ganzen Film zu tragen, enorm groß.

Als wäre man selbst eingeladen

Umso mehr ist Zurücknahme das oberste Gebot – durch diese sanftmütige, präzise und niemals überzeichnende Charakterisierung einer Person, die sich selbst nicht als entwurzelt oder verstoßen sieht, sondern nur Bescheid wissen will, ist man auch als Zuseher plötzlich Teil einer fremden Familie und einem fremden Leben.

Stößt die Realität an ihre Grenzen, öffnen sich Visionen

Fasziniert von Llúcia Garcias Auftreten, im letzten Drittel des Films in leuchtend rotem Kleid aus dem Stoff, den schon ihre Mutter getragen hat, belohnt einen der Film am Ende sogar noch mit behutsam gesetztem, magischem Realismus, der Marina träumen und sogar noch in die Zeit zurückreisen lässt, während sie und ihr Cousin auf einer imaginären Erzählebene Marinas Eltern verkörpern. Dieses schmucke Präsent an verzaubernder Poesie hat sich Simón für den Schluss bewahrt – und niemals verliert Romería durch die Tragödie der beiden Biografien seine kontemplative Leichtigkeit, die den ganzen Familienzirkus wie eine gesellschaftliche Himmelserscheinung vielleicht bewundernswert, aber auch ablehnend erscheinen lässt.

Romería – Das Tagebuch meiner Mutter handelt im Grunde vom Vater, von seinen Brüdern, seinen Neffen und Nichten. Marinas Akzeptanz gegenüber deren Leben und Leiden schafft erstaunliche Tiefe, in der man, statt darin selbst zu ertrinken, neue Wurzeln schlägt – für ein neu erstarktes, mutiges und von Sippenhaftung befreites Selbstbewusstsein.

Romería – Das Tagebuch meiner Mutter (2025)

The End of Oak Street (2026)

DIE NACHT DER LEBENDEN DINOS

6/10


Ewan McGregor und Anne Hathaway fürchten sich im Film In the End of Oak Street
© 2026 Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE / DREHBUCH: DAVID ROBERT MITCHELL

KAMERA: MIKE GIOULAKIS

CAST: ANNE HATHAWAY, EWAN MCGREGOR, CHRISTIAN CONVERY, MAISY STELLA, P. J. BYRNE, JORDAN ALEXA DAVIS, DENITRA ISLER U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Alle Vöglein waren schon da…

All die Piepmätze um uns herum, das Huhn im Stall oder der Schwan am Wasser – letztendlich stammen sie alle von den Dinosauriern ab – unseren geliebten Urzeitgiganten, die wir als Kind vergöttert und bewundert haben und die seit Steven Spielbergs Jurassic Park in die Popkultur eingegangen sind wie keine andere Tierart, außer vielleicht der Weiße Hai.

Damals hatte der Traumfabrik-Virtuose mit Faible für Aliens zwar am Schirm gehabt, dass die Dinos durchaus Federn gehabt haben könnten, doch er verzichtete darauf. Bei ihm, im genetisch-utopischen Erlebnispark, erinnerten seine Viecher an das Plastikspielzeug im Wandschrank oder am Regal. So, wie wir sie hatten: reptiloid, anmutig, pfeilschnell oder elefantenartig monströs.

Jurassic ohne Park

An diesem Punkt und von diesem Bild im Kopf vom Tyrannosaurus rex, der die Krone des Königs der Raubsaurier immer noch trägt, müssen wir uns bei David Robert Mitchell leider (oder Gott sei Dank?) verabschieden. Denn seine Urzeitmonster sind die Grunge-Version jedes Parks, jeder Wie-Weshalb-Warum-Enzyklopädie, jeder reizvollen Kreidezeit-Show.

Am Ende der Oak Street wüten räudige Straßenköter, zerzauste Allesfresser, Brachiosaurier im Fellmantel. Allesamt sind sie in der Mauser, und noch dazu völlig psychopathisch. Hier hätten selbst Laura Dern und Sam Neill ihr Staunen sehr schnell wieder weggepackt. Hier geistert ein zoologischer Albtraum durch einen Vorort, den wir so oder anders sowieso schon aus diversen Spielbergfilmen kennen. Aus Poltergeist vielleicht, aus J.J. Abrams Super 8, aus Stranger Things genauso wie aus Desperate Housewives.

Von Ithaka in die Dschungelblase

Ungefähr ähnlich desperat zeigt sich die gut im Geschäft befindliche Anne Hathaway, die genauso wie Tom Holland, Robert Pattinson oder Zendaya in gefühlt jedem zweiten Film mitwirkt, der gerne mehr Kohle lukrieren will als nur im Independent-Sektor. Hathaway hat in diesem Film Ewan McGregor geheiratet, beide haben zwei Kinder, die Ehe hat eine saftige Krise, die durch Papas Jobverlust und Mamas Freiheitsdrang nur noch torpediert wird. Da kommt so eine Anomalie aus dem heiteren Himmel wie gerufen – und plötzlich sind die Prios gänzlich andere.

Alles, was sie wollen, ist fressen

Die Luft ist tropisch schwül, am Rande der Vorstadt wuchert der Dschungel. Und so einer nach dem anderen aus der Nachbarschaft hätte niemals gedacht, als Abendessen für prähistorische Aggressoren zu enden. Die schlurfen nämlich bald durch die Gegend, und hinterlassen ein blutiges Schlachtfeld. Wieder mal heißt es: Familie gegen Monster. Und ja – diese Dinos haben den Mut zur Hässlichkeit. Dabei werde ich das Gefühl nicht los, dass David Robert Mitchell etwas ganz Spezielles mit diesem Stoff anstellen wollte, der sich zumindest zeitweise anfühlt wie ein Spin-off aus dem Jurassic World-Franchise: familientauglich, naiv und gefällig.

Mitchell hatte vielleicht gar so etwas wie einen Zombiefilm im Sinn, und hinterlässt in The End of Oak Street das beklemmende Gefühl, George A. Romero hätte hier Hand angelegt. Die Nacht der lebenden Toten weicht der „Nacht der lebenden Dinos“. Düster, blutig und bedrohlich fühlt sich das alles an, Verbarrikadieren ist angesagt. Und irgendwie muss die halbwegs unglückliche Familie, die sich, vor allem was die Elternteile betrifft, wie in Trance befindet, als wären sie selbst von den Dino-Genen infiziert, auch wieder raus aus dieser Zeitblase, in der sie feststeckt.

Der radikale Ansatz scheitert

Wer hätte gedacht, dass sich ein Thema wie dieses so anders – vor allem so ruppig, sperrig und creepy – darstellen lässt? Kein Wunder bei einem wie Mitchell, der mit It Follows ein kleines Meisterwerk des Young Adult-Horrors geschaffen und mit Under the Silver Lake entgegen jedes Mainstream-Interesses krude Verschwörungstheorien bestätigt hat.

Mitchell bürstet sämtliche Versatzstücke gegen den Wuchs, sein Anspruch, einem cheesigen Videotheken-B-Movie aus den 1980ern mehr gerecht zu werden als dem State of the Art, hat einen verstohlenen Witz. Umso mehr enttäuscht es, dass sich Mitchell nicht konsequent genug gegen die Norm arbeitet. Sein Versuch, Zurück in die Zukunft zu imitieren und die Moral vor der Unerbittlichkeit des tödlichen Zufalls zu stellen, schmeckt am Ende wie ein zu lange gekauter Kaugummi.

The End of Oak Street (2026)

Spider-Man: Brand New Day (2026)

DU ENTSCHULDIGE ICH KENN‘ DICH …

7/10


Tom Holland entdeckt neue Fähigkeiten an sich selbst in Spider-Man: Brand New Day
© 2026 TMG / MARVEL


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: DESTIN DANIEL CRETTON

DREHBUCH: CHRIS MCKENNA, ERIK SOMMERS, JUSTIN KURITZKES

KAMERA: BRETT PAWLAK

CAST: TOM HOLLAND, ZENDAYA, JACOB BATALON, SADIE SINK, JON BERNTHAL, MARK RUFFALO, TRAMELL TILLMAN, LIZA COLÓN-ZAYAS, FLORENCE PUGH, MICHAEL MANDO, MARISA TOMEI, OLIVIA BOOTH-FORD U. A.

LÄNGE: 2 STD 25 MIN



Kevin Feige im Kabelsalat

Diese Multiversum-Saga hat keinen roten Faden mehr, obwohl das neueste Abenteuer der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft immer noch dazugehört. Du meine Güte, wie haben sich Disney und Marvel, genauer genommen Kevin Feige hier nicht verheddert wie man sich sonst nur in einem Kabelsalat verheddern kann, der hinter dem Schreibtisch vor sich hinstaubt.

Zu Beginn war noch alles relativ strikt und stringent erzählt, bevor all die neuen Gesichter, Protagonisten und Antagonisten überhandnahmen, zwischendurch mal auftauchten, dann wieder gekippt wurden und gar nicht mehr weitergeführt, da es schier unmöglich schien, an all diesen Sidestorys, Nebenplots und sonstigen Abenteuern dranzubleiben. Die Multiversum-Saga hat irgendwann, vielleicht nach der letzten Folge der Serie Loki, ihren Geist aufgegeben. Die ganze Phase des MCU nennt sich vermutlich nur proforma so, damit das ungeliebte Kind einen Namen hat.

Bingewatching mit den Kinofilmen

Filme und Serien wurden seltener, die Abstände zwischen den Releases so enorm, dass wohl kaum jemand mehr den Konnex zu einem der älteren Filme herstellen würde. The Fantastic Four? Stimmt, da war doch was. Die sollten angeblich die Phase 6 des MCU einläuten, und nicht, wie es logischer wäre, die Thunderbolts* aka New Avengers. Die Fantastic Four: First Steps mit Pedro Pascal und Vanessa Kirby schwammen letztes Jahr irgendwo im Sommerkino mit, erzählten so nebenbei ein Abenteuer über und mit dem gigantomanischen Galactus, bevor das Alternative-Universum-Abenteuer wieder sang und klanglos aus dem Gedächtnis verschwand. In Avengers: Doomsday sollen sie dann erneut antanzen. Vermisst hat man sie nicht. Vielleicht aber einen wie Spider-Man mit Tom Holland in seiner Paraderolle – was spätestens seit der Odyssee klar wird. Statt Telemachos lieber Peter Parker.

Mister Anonym im Großstadtdschungel

Und der schließt mehr oder weniger nahtlos (5 Jahre später) an einen noch weiter zurückliegenden Film an, nämlich Spider Man: No Way Home. Dieses Abenteuer hat so seine Spuren hinterlassen, mitunter auch jene der anderen beiden Spider-Man-Darsteller: Toby Maguire und Andrew Garfield. So wurden die Sony-Filme in die MCU-Timeline aufgenommen, Stiefkind bleibt dabei nach wie vor Venom.

Aber gut: Dieser neue alte Peter Parker hat doch, um die Menschheit und seine Geliebte MJ (Zendaya) zu retten, seine Identität aus allen Gedächtnissen auf diesem Planeten gelöscht. Spider-Man: Brand New Day trifft es also ziemlich gut: Ein Neuanfang steht ins Haus, Business as usual, möchte man fast meinen – wozu auch gehört, einigen Mittelklasse-Bösewichten wie dem Skorpion (Michael Mando, Better Call Saul) das Handwerk zu legen.

Natürlich behält Peter seine ehemaligen Freunde weiter im Auge und wartet auf den Moment, um neu anzudocken, als kleiner großer Unbekannter. Währenddessen aber macht sich eine schwer zu fassende Präsenz in New York breit: eine, die man nicht sehen kann und nur in den Köpfen der Leute steckt. Ein telepathischer Unhold treibt sein Unwesen, und diese Bedrohung kommt natürlich gerade dann, wenn sich Spideys Spinnen-Gene entschließen, ein organisches Upgrade durchzuführen.

Alleine kann er diese ganzen Herausforderungen nicht stemmen, da braucht es einen alten Bekannten. Ist es Hulk? Ja, der auch, aber nur peripher. Vorrangig ist es der Punisher, die wohl brutalste und gnadenloseste Figur von Marvel, absolut nicht jugendfrei, moralisch zweifelhaft, aber im Ganzen als urbaner Berserker unwiderstehlich.

Der Harte und der Zarte

Tom Hollands Freund Jon Bernthal schafft doch irgendwie das Kunststück, vom brutalen Selbstjustiz-Killer, umhüllt von trostloser Trauer, zur einer immer noch martialischen, aber aufgeweckten und weniger grimmigeren Kampfmaschine zu wechseln. Das heisst nicht, dass sein Charakter, so wie ihn seine Fans bislang kannten, dadurch korrumpiert wird – einzig der Fokus ist ein anderer. Und der Punisher kann durchaus auch mal Licht am Ende des Tunnels sehen, vor allem, wenn er es mit Spider-Man zu tun hat, mit dem er auf Staten Island irgendein Ding gedreht hat und der bei ihm schließlich etwas gut hat.

So haben wir in Brand New Day doch einige bekannte Gesichter, ein überraschendes Cameo – und eine ganz neue Figur, über die ich hier natürlich nichts verrate. Diese Figur aber bemüht sich genauso wie Spider-Man selbst, die Brücke zu schlagen vom letzten Marvel-Film bis zum großen Opus Magnum im Dezember – Avengers: Doomsday.

Ein Superheldenfilm wie damals?

Was Destin Daniel Cretton dabei gelingt: Die Erinnerung an die phänomenale Infinity-Saga zu wecken. Schließlich waren aus diesem Handlungsbogen wohl die besten Superheldenfilme hervorgegangen, die es je gegeben hat und die es womöglich jemals geben wird. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort und in der richtigen Zusammensetzung war Marvel da am Zenit seiner Kunst.

Cretton kann sich noch daran erinnern, schließlich zählt sein Film Shang Chi and the Legend of the Ten Rings zu einem der besseren Episoden der Post-Infinity-Ära. Cretton weiß, und auch Holland weiß es, wie Spider-Man tickt; was er erlebt hat, und wie sich der Charakter weiterentwickeln könnte. Das fängt er gut ein, und hat auch nicht vor, hier seinen individuellen Stempel aufzudrücken, sondern begnügt sich damit, den Marvel-Kosmos weiter zu atmen.

Mit dem Auftritt von Hulk ist es dann fast so, als säße man wieder in den Avengers-Filmen von damals. Richtig nostalgisch und warm ums Herz wird einem da – auch wenn Spider-Man: Brand New Day wirklich nicht zu jenen Filmen zählt, die die größten Schauwerte und die spektakulärsten Erlebnisse bereithalten.

Es geht um Emotionen

Crettons neue Episode ist wie eine Serien-Staffel in kompakter Form. Sehr viel Freundschaft, sehr viele Begegnungen, dazwischen ordentliche Handgemenge und jede Menge Details, die Kenner der Materie mit Verzückung inhalieren. Auf fast schon bescheidene Weise, die mehr Geschichte erzählen will als wirklich zu beeindrucken, bleibt der Spider-Man: Brand New Day ein entspanntes Young-Adult-Abenteuer, das sich an vieles erinnert, was in diesem Universum schon so passiert ist, das wir als Fans vielleicht schon vergessen haben und das am Ende die Lust auf mehr weckt, auf noch mehr bewährtes Storytelling. Und auf eine Fusion, die manche schon lange herbeisehnen.

Spider-Man: Brand New Day (2026)