Digger (2026)

DER FLUCH DES WOHLSTANDS

8,5/10


Tom Cruise als Digger Rockwell im Film Digger
© 2026 Warner Bros. GmbH


LAND / JAHR: USA, MEXIKO, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: ALEJANDRO GONZÁLEZ IÑÁRRITU

DREHBUCH: SABINA BERMAN, ALEXANDER DINELARIS, NICOLÁS GIACOBONE, ALEJANDRO GONZÁLEZ IÑÁRRITU

KAMERA: EMMANUEL LUBEZKI

CAST: TOM CRUISE, JOHN GOODMAN, RIZ AHMED, SANDRA HÜLLER, MICHAEL STUHLBARG, JESSE PLEMONS, SOPHIE WILDE, EMMA D’ARCY, PIP TORRENS, ROBERT JOHN BURKE, BURN GORMAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 8 MIN



Mit diesem Spaten, so wettert der superreiche Mineralölunternehmer Digger Rockwell vor Politik und Untergebenen in seinem trauten kleinen Eigenheim, haben seine Vorfahren in Texas den ersten Stich getan. Sie haben geschuftet und geschuftet und irgendwann sprudelte das schwarze Gold, womöglich kann man sich diese Szene vorstellen wie in Paul Thomas Andersons Gleichnis über Gier: There Will Be Blood. Bei Digger ist es nicht Blut, sondern Öl, und der Anfang einer Erfolgsgeschichte des fossilen Brennstoffes, wie sie bilderbuchartiger nicht sein könnte.

Das Glück ist eine Katze

Jetzt ist Digger aber zu weit gegangen, und da hilft auch kein Fuchteln mit dem Schaufel-Zepter. Das Bohren in den Meeresboden vor Grönland hat die natürliche Ordnung ins Wanken gebracht. Methan steigt an die Oberfläche, das Schelfeis nimmt Reißaus Richtung Nordeuropa. Welche Kacke ist denn hier am Dampfen? Kann dieser Morgen, an dem Alejandro González Iñárritus auf mehreren Metaebenen spielendes Opus Magnum beginnt, denn nicht noch katastrophaler beginnen?

Er kann. Denn die uralte Katze, die stellvertretend für ihre Art menschliches Leben glücklicher macht, ist kurz davor abzunippeln. Digger tut alles, was er kann, doch das Glück entgleitet ihm. Bald hat er die ganze Regierungs-Entourage einschließlich des schwer von Krebs gezeichneten US-Präsidenten, der lieber rote Knöpfe drückt als die Gebrauchsanweisung für einen Atomkrieg zu lesen, in seinem Palast vereint, um eine Lösung zu finden. Anzügliche Entgleisungen sind die Folge, doch wen schert’s. Es sind keine Frauen anwesend, denn die Welt wird vom Patriarchat regiert, das sich darüber kaputtlacht, wie wenig sich verändern will. Eine der treffendsten Szenen des ganzen Films.

Marcel Duchamp hat mal gesagt: Es gibt keine Lösung, weil es kein Problem gibt. Mittlerweile müsste man angesichts dieser Weltlage die Gleichung verneinen: Es gibt keine Lösung, obwohl es ein Problem gibt.

Die Wahrheit hinknallen

Die Lösung, das ist die Wahrheit. Das Problem, das sind wir. Äußerst unbequem, oder? Kein Wunder, dass Digger an den Kinokassen floppt. Wer will schon in den Spiegel blicken und dann erkennen, dass alles, was hier auch im realen Leben passiert, vorzugsweise eben der Klimawandel, der sich bis zur Katastrophe steigert, die Folge einer Beschwörung ist, die wir Wohlstand, Bequemlichkeit und Luxus nennen. Alles sollte so einfach wie möglich sein, oder vielleicht einfacher. Ein Umstand, von dem schon Albert Einstein abriet. Und dennoch regieren neben dem Patriarchat Angebot und Nachfrage die Welt, sonst nichts.

Auf Basis dieser Prämisse geht Digger in die Offensive. Tom Cruise verkörpert dabei mit schauspielerischem Enthusiasmus und mit der völlig bescheidenen Bereitschaft, nur ein Teil des großen Ganzen zu sein, ohne sich als Star hochzuspielen, den Parade-Amerikaner zwischen J. R. Ewing und Larry Flynt, der die ganze Erfolgsgeschichte der Vereinigten Staaten in sich vereint, nur um als Sündenbock zu enden für eine Spezies, die Verantwortung gerne abgibt.

Die Mega-Bühne für satirisches Vokabular

Iñárritu hat sich dabei weit von seinen stilistischen Anfängen entfernt und schon bei Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) begonnen, die opulente Satire als seinen Weg zu wählen, psychosozialen Wahnsinn theatralisch aufzubereiten. Sein auf Netflix veröffentlichter Film Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten bedient sich bereits jenes Vokabular, das in Digger zu lesen ist. In peniblen, bühnenartigen Arrangements, die nicht nur an Wes Andersons detailverliebte Tableaus erinnern, sondern auch an die Endzeitstimmungen des schwedischen Tristesse-Künstlers Roy Andersson, der mit seinen Songs from the Second Floor mit Kritik am Katholizismus nur so um sich schlug, setzt der Mexikaner mehrere Akte einer fast schon göttlichen Komödie in Gang, die ihre größte Stärke gar nicht mal so im grotesken Spiel eines John Goodman oder eben Tom Cruise findet, auch nicht in den surreal anmutenden Bildern, sondern in Momenten sprachlicher Höchstleistung.

Jede Menge wahre Worte

Wenn das nicht irgendwann mal Kult wird, so wie der Monolog Edward Nortons in 25 Stunden von Spike Lee, dann weiß ich nicht: Wenn Digger im Europäischen Parlament das Wort an sich reißt und der ganzen regierenden Elite die Wahrheit entgegenknallt, und zwar Peng, Peng, Peng, dann trägt jedes einzelne Wort in dieser Ansprache ein so dermaßen kluges Resümee der Gesamtsituation in sich, wie es wohl keiner der aktuellen Politikerinnen und Politiker und schon gar nicht Greta Thunberg hätten formulieren können. Da wirkt selbst ein „How Dare You“ unerwartet blass.

Digger ist ein sprachlich geschliffenes Kunstwerk, und in seiner finalen Conclusio so clever, dass ich sie am liebsten spoilern würde, doch Gott behüte! Nach so einigen kleinen Wendungen, über die die Geschichte absichtlich stolpert, um das ganze globale Chaos in einen anderen Kontext der Wahrnehmung zu setzen, wäre am Ende statt Melanie Safkas What Have They Done To My Song auch Zarah Leanders Weltuntergangslied ideal gewesen.

Die Natur zum Feind erklären

Stanley Kubrick hat in den Sechzigerjahren im Gegensatz zu Iñárritu mit seiner schwarzen Satire Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben sowohl einen finanziellen Erfolg als auch einen Kritiker-Liebling vorgelegt. Beide Filme – dieser hier und Digger – sind sich ähnlich. Kubrick beschwor damals die Angst vor dem Atomkrieg während des Säbelrasselns der Supermächte. Im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts nimmt sich Iñárritu die menschengemachte Klimakrise und eine unterjochte Natur vor, die lieber als Feindin betrachtet wird als die sprichwörtliche behütende Mutter.

Warum nur diese Ablehnung für diesen Film? Kubrick hat sich für Dr. Seltsam in elitären Kreisen herumgetrieben, maximal hinunter bis zu den Piloten, die am Ende die Bomben werfen. Digger aber holt sich alle, führt die ganze Welt vor. Vom Präsidenten bis zum Publikum. Wenn es dabei doch nur etwas zu lachen gäbe! Schließlich ist das die einzige Methode, um mit dem klarzukommen, was man nicht ändern kann: Uns selbst.

Digger (2026)

A House of Dynamite (2025)

19 MINUTEN BIS ZUM ENDE DER HOFFNUNG

8/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: KATHRYN BIGELOW

DREHBUCH: NOAH OPPENHEIM

KAMERA: BARRY ACKROYD

CAST: REBECCA FERGUSON, IDRIS ELBA, GABRIEL BASSO, JARED HARRIS, TRACY LETTS, ANTHONY RAMOS, MOSES INGRAM, JONAH HAUER-KING, GRETA LEE, JASON CLARKE, BRIAN TEE, GBENGA AKINNAGBE, WILLA FITZGERALD, KAITLYN DEVER U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Wenn dem Piloten in einem Flugzeug angesichts heftiger Turbulenzen die beschwichtigenden Worte ausgehen, und das Flugpersonal die spaßbefreite Miene aufsetzt, wird auch dem geeichtesten Vielflieger langsam anders. Wenn bei jenen, die an den Hebeln der Welt sitzen, die Kinnlade gen Erdmittelpunkt drängt, und sie alle gemeinsam nicht glauben können, was sich ereignen wird, dann wird der Mensch ungeachtet seiner Karriere und seiner Machtkompetenz, seines Standes, seines Erfolges oder seiner Wichtigkeit zu einem Häufchen fluchtinstinktivem Etwas, das mit Christian Morgensterns Zitat „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf“ die Übersprungshandlung zelebriert. Schließlich bahnt sich in A House of Dynamite eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes an, die, sollte man sie nicht verhindern können, wohl die gesamten Vereinigten Staaten und überhaupt die ganze Welt um den Verstand bringen wird.

Nicht danach, sondern davor

Filme, die ein Schreckensszenario sezieren und mit der allgegenwärtigen Bedrohung eines Atomkriegs den Horror tief ins Gemüt der Zusehenden versenken, gibt es nicht erst seit The Day After – Der Tag danach. Das Endzeitdrama von Nicholas Meyer schildert die Nachwirkungen eines verheerenden Atomschlags. Auch der an die Nieren gehende Trickfilm Wenn der Wind weht schildert wie kaum ein anderes Werk die Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht gegenüber einer irreversiblen Zerstörung, welche ein Atomschlag an sich und dessen Folgen auslösen kann. Kathryn Bigelow dreht nun in ihrem neuesten Werk den Spieß um und will dabei nicht auswalzen, was man ohnehin schon kennt. Ihr geht es darum, die Zeit davor zu schildern, nämlich nur 19 Minuten, bevor die Bombe einschlagen wird. Ihr Ziel: Chicago, eine Millionenmetropole. Keine Zeit, um irgendwen zu evakuieren. Kein Grund, Panik zu verbreiten, indem man die Bevölkerung davon unterrichtet, dass diese ausgelöscht werden wird. 19 Minuten – entschieden zu wenig Zeit, damit der Mensch als kognitiv denkendes Wesen das Drama in seiner Gesamtheit fassen kann.

Drehbuchautor Noah Oppenheim macht aus diesem furchtverbreitenden Notstand kurz vor dem Unmöglichen einen Episodenfilm und teilt diesen in drei Akte. So gesehen wäre A House of Dynamite, konzipiert als Dialogfilm an drei Orten, auch dafür geeignet, auf Bühnen zu reüssieren. Akt Eins findet im White House Situation Room statt – hier ringt Rebecca Ferguson um Fassung und versucht, das Richtige zu tun, während sie ihren Ehemann nochmal ans Telefon holen will und zeitgleich mit allen hohen Tieren der Regierung eine Videokonferenz abhält. Akt Zwei findet an einer Air Force Basis in Nebraska statt. Dort versucht man, die Langstreckenrakete unbekannter Herkunft abzufangen, bevor sie einschlägt. Der letzte Akt zeigt den Präsidenten, in diesem Fall, wie schon zuvor in der klamaukigen Actionkomödie Heads of State, Idris Elba, der herausfinden will, welche von den Staaten dieser Welt das Zeug, den Hass und den Willen dazu hat, die Welt aus ihren Angeln zu heben.

Wer es fassen kann, der fasse es

A House of Dynamite mag als weiteres toughes Meisterwerk einer akkuraten und stark auf militärische Themen fokussierten Filmemacherin gelten. Gesellschaft, Krieg, die Grenzen exekutierter Politik und selbige an sich sind Themen, die sie seit 2008, nach ihrem Erfolg mit The Hurt Locker über einen Us-Minenentschärfer im Irak, nicht mehr loslassen, schließlich gibt es aus diesem Dunstkreis eine Menge zu erzählen, und zwar nicht nur über beängstigende Szenarien, sondern vorwiegend über die Psyche jener Menschen, die in solchen Extremsituationen die Kontrolle behalten wollen: Jeremy Renners Figur ebendort, Jessica Chastain in Zero Dark Thirty oder John Boyega in Detroit. Nun aber ist A House of Dynamite ganz deutlich ein Ensemblestück mit vielen verschiedenen Charakteren, die alle Verantwortung tragen und in einem Umstand wie diesen bis zur völligen Überforderung an ihre Grenzen stoßen. Die Bildschirme alleine, die den Raketenflug zeigen; die Uhr, die tickt; der Nervenkrieg, der entsteht, wenn die Abfangraketen versuchen, ihr Ziel zu treffen: Statt reißerischer Action und einem ausladenden Katastrophensetting, das wohl Roland Emmerich gerne gesehen und umgesetzt hätte, ist A House of Dynamite reinste Reduktion, dafür aber so sehr Schauspielkino, dass das unvermeidliche Chaos bereits schon vorab in den Köpfen der Menschen ausbricht.

Bigelows Film ist ein seltener Hybrid zwischen Polit- und Psychothriller, ein beklemmendes Psychogramm der Ausweglosigkeit, der unterdrückten Panik und der Verdrängung des Unvermeidlichen. Ein Film, der mit allen expliziten Bildern der Welt niemals so nahe an die eigene Empfindung herandringen hätte können, als er es tut, indem er nichts zeigt, nur die völlige Fassungslosigkeit aller.

A House of Dynamite (2025)

Der Spion

IM OSTEN WAS NEUES

7/10


derspion© 2021 24 Bilder


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2020

REGIE: DOMINIC COOKE

CAST: BENEDICT CUMBERBATCH, MERAB NINIDZE, RACHEL BROSNAHAN, JAMES SCHOFIELD, JESSIE BUCKLEY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Ein Grund zum Jubeln für alle Cumberbitches: der idealen Besetzung sowohl für den neuzeitlichen Superdetektiven als auch für Marvels Dr. Strange gelingt auch der Spionagefilm mit links. Hier gibt sie einen, der geheime Informationen aus dem Osten in den Westen schmuggelt. Mit Hut, Mantel und Oberlippennbart ist Benedict Cumberbatch die Inkarnation des rückgratvollen Geheimniskrämers, und das ist auch der Grund, warum Der Spion (im Original: The Courier) nicht nur ein weiterer Geschichtsfilm nach üblichem Schema geworden ist. Hier würzt der charismatische Schauspieler mit seinem unverwechselbarem Timbre und prägnantem Konterfei die Chroniken eines politischen Kraftakts mit darstellerischer Raffinesse. Ein Job, der wohl zu seinen bislang besten gehört.

Cumberbatch schlüpft in die Rolle des unbescholtenen und durchschnittlichen Geschäftsmann Greville Wynne, der im Osten das große Geld wittert, und, ehe er zweimal Russland sagen kann, plötzlich am Tisch mit dem MI6 und der CIA Platz nimmt, die ihn, und gerade ihn, unbedingt als Kurier engagieren wollen. Garantiert würde er sich dabei schadlos halten. Der russische Geheimdienst würde keinen Verdacht schöpfen, wenn Wynne nur so tut, als würde er mit Oleg Penkowski, einem Wissenschaftsoffizier, diese oder jene Verträge abschließen. In Wahrheit aber soll Penkowski seinem neuen Geschäftspartner alle möglichen Informationen übermitteln, die hinter dem Säbelrasseln der Russen stecken. Irgendwann ist dann auch die Sache mit Kuba mit dabei. Brandheisse Informationen also, die zu beschaffen natürlichen ihren Tribut fordern.

Filme über die Kuba-Krise gibt es so einige. In erster Linie natürlich Thirteen Days, Roger Donaldsons eingängige Aufbereitung der Fakten aus Sicht der Amerikaner. Als feines Ergänzungsprogramm lohnen sich nun Dominic Cookes Betrachtungen von der anderen Seite des Atlantiks. Und es passiert eigentlich zeitgleich, zumindest in manchen Momenten des Films, der eine ganz schöne Zeitspanne abdeckt, bis kurz vor dem großen Knöpfedrücken, das damals, in den 60er Jahren, über Ende und Verbleib unserer Zivilisation entschieden hat.

Dominic Cooke, im Grunde Theaterregisseur, hat schon mit der Literaturverfilmung Am Strand (mit Saoirse Ronan in der Titelrolle) viel Gespür für das Zusammenspiel von Charakteren bewiesen. Diese Gabe macht eben auch Der Spion sehenswert, denn es ist nicht nur Cumberbatch, der groß aufspielt und der (vermutlich mit reichlich CGI nachgeholfen) gehörig an Gewicht verliert, was für die Biographie von Wynne leider unentbehrlich bleibt. Dabei teilt er seine Figur in drei emotionale Landschaften, die aber fließend ineinander übergehen. Anfangs gibt er sich ängstlich, naiv und bürgerlich, später übt er sich als Kurier par excellence, den der Jagdinstinkt antreibt – und am Ende gibt er als Insasse im russischen Gefängnis den ungebrochenen, aber traumatisierten Gepeinigten. Da sieht man wieder, was der Mann alles kann. Ihm zur Seite steht Merab Ninidze als einer, der fast schon zu Wynnes Freund wird: Verschlossen, freundlich, gleichermaßen besorgt. Ein erbauliches Gespann, diese beiden. Und letzten Endes erstaunlich, was das für Leute waren, die mitgeholfen hatten, die Welt zu retten.

Der Spion

Outside the Wire

MEIN CHEF, DER ROBOTER

3,5/10


outsidethewire© 2021 Netflix

LAND: USA, UNGARN 2021

REGIE: MIKAEL HAFSTROM

CAST: ANTHONY MACKIE, DAMSON IDRIS, EMILY BEECHAM, PILOU ASBÆK, MICHAEL KELLY U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Der wirklich einzige interessante Idee in dieser brandneuen, auf Netflix erschienenen Action-Dystopie ist die Überlegung, was wohl wäre, wenn die Befehlskette zwischen Mensch und Maschine von der Maschekseite aufgezogen wird. Wenn also ein Roboter den Ton angibt, und der Mensch als ausführendes Organ diese und jene Verordnung umsetzt.

Wir befinden uns in Outside the Wire in einer ungewissen Zukunft, in der Osteuropa, genauer gesagt die Ukraine, keinen Grund hat, freudig in die Zukunft zu blicken. Das Gebiet an der Grenze zu Russland wird von brutalen Warlords dominiert. Natürlich erfordern es die Umstände ein weiteres Mal, die USA als Problemlöser bemühen zu müssen. So campiert die Army im Westen des Landes und hofft auf bessere Zeiten. Unterstützt wird das Militär von Drohnenflliegern, die aber nicht in Europa, sondern bequem in der Heimat in ihren Containern sitzen und für den Überblick sorgen. Klar, dass diese Jungs am Steuerknüppel kein Gespür dafür haben, wie es ist, mittendrin statt nur dabei zu sein. Einer dieser Jungs – ein Lieutenant – handelt eigenmächtig – und wird ins Kriegsgebiet strafversetzt. Dabei wird er Captain Leo zugeteilt, einem Supersoldaten, der eben gar kein Mensch, sondern Maschine ist, irgendwo zwischen T800 und den Replikanten aus Blade Runner, mit vollem Bewusstsein und einem abrufbarem Spektrum an Gefühls- und Schmerzempfindung. Hätte der Supermann nicht ab und an einen Körper wie ein Glasfrosch, würde man nie auf die Idee kommen, es hier mit der technischen Weisheit letztem Schluss zu tun zu haben. Ist aber so. Beide – Roboter und Mensch – werden auf Mission geschickt. Es überrascht nicht, dass das Ziel dessen variabel ist, und die Belange patriotischer Rebellen plötzlich Vorrang haben.

Dass sich futuristische Filme wie dieser auch wieder am bereits schon zur Genüge abgedroschenen Thema der Atomkriegs-Angst aus dem kalten Krieg vergreifen, verwundert etwas. Und lässt aber auch das Gesicht einschlafen. Das sieht dann mimisch ungefähr so aus wie jenes von Anthony Mackie, der sich wirklich angestrengt bemüht, die Ausstrahlung eines programmierten Menschen zu vermitteln und dabei recht simpel gestrickt durch die Trümmerlandschaft des Ostens stakst. Vieles in Outside the Wire ist leider nicht Outside the Box, wie man so schön sagt – und der Stoff, aus dem der Actionfilm gemacht ist, bereits ein fadenscheiniger. Für Netflix und Mikael Hafstrom, seines Zeichens verantwortlich für Escape Plan oder Zimmer 1408, war die Qualität des Drehbuchs wohl nicht ausschlaggebend. Zugpferd Mackie, der bald mit The Falcon and the Winter Soldier womöglich das Erbe von Captain America antreten wird, sollte das schlampig formulierte Drehbuch entsprechend aufwerten. Und nicht nur er: auch Goldene Palme-Preisträgerin Emily Beecham (Little Joe) mischt hier mit. Allerdings – Star-Appeal reicht bei solchen Filmen nur, wenn sie mit einer ganzen Riege an großen Namen zugepflastert werden, ähnlich wie bei den Expendables. Und auch nur dann, wenn sich stramme Kriegsaction einer ansehnlichen Choreographie rühmen kann. Was hier leider auch nur halbgar bleibt.

Outside the Wire ist somit grobe Dutzendware, die mit eingangs erwähner Idee vielleicht einiges hätte anfangen können, wäre das Script nicht wie ein Ikea-Möbel aus Fertigteilen des Genrefundus zusammenmontiert.

Outside the Wire