Bombshell – Das Ende des Schweigens

DER EKEL VOR DEN MÄCHTIGEN

6/10

 

LD_D21_04710.dng© 2020 Wild Bunch

 

LAND: USA 2019

REGIE: JAY ROACH

CAST: CHARLIZE THERON, NICOLE KIDMAN, MARGOT ROBBIE, JOHN LITHGOW, ALLISON JANNEY, KATE MCKINNON, MALCOLM MCDOWELL U. A.

 

Zugegeben: die Szene, in der die aufstrebende und ehrgeizige Kayla Pospisil vor Roger Ailes ihr Casting absolvieren muss, ist ein starkes Beispiel dafür, wie man den Ehrgeiz eines Menschen auf erniedrigende Weise ausnutzen kann. Ein beschämender Moment, eine oder womöglich die Schlüsselszene des Films, den von da an werden die Karten auf den Tisch gelegt, und eine cholerische, alle Klischees eines Konzernchefs erfüllende Machtfigur wird zum unentschuldbaren Charakterschwein. Letztendlich hat sich Roger Ailes an einer Tonbandaufnahme der Klägerin Gretchen Carlson die Zähne ausgebissen. Das mutet seltsam an, denn von Donald Trump gibt es zum Beispiel ähnlich dokumentierte Aussagen, die nur so überquellen vor Frauenfeindlichkeit und ein chauvinistisches Weltbild beweisen. Unheimlich, dass diesen Mann scheinbar nichts, aber auch gar nichts etwas anhaben kann. Womöglich liegt das an der Menge seiner Schildbürger, die er um sich schart, und die eben ihre Beziehungen haben. Und einer unübersehbaren Entourage, die wahrscheinlich ähnlich tickt wie er und am Kuchen der Macht nicht vorbeigehen will. Ailes, der stand da im Vergleich zu Trump fast schon alleine da. Paradox natürlich, dass die Schar jener, die für den Boss eine Lanze brachen, vorwiegend Frauen des Fox-Konzerns waren, die natürlich nicht anecken wollten, denn schließlich ging es um die Zukunft und der Gewährleistung einer leistbaren Existenz.

Dabei hat Roger Ailes, dargestellt von einem außerordentlich starken John Lithgow, der sozusagen eine Art Kinocomeback feiert, durchaus auch seine Soft Skills. Das beweist: niemand wird in Bombshell – Am Ende des Schweigens mit meinungsmachender Schlagseite dargestellt. Jay Roach (u. a. Trumbo mit Bryan Cranston) bleibt, und das ist die erstaunlichste Eigenschaft des Films, ungewöhnlich objektiv, lässt sich und seine Schauspieler in keinster Weise zu naheliegenden Emotionen oder prätentiösem Sermon hinreißen. Das liegt womöglich auch in erster Linie an Drehbuchautor Charles Randolph, der das Script zu The Big Short mitverfasst hat und der ja bekanntlich auch nicht aufgrund seiner reißerischen Plakativität so erfolgreich war. Bombshell bleibt genauso nüchtern, erlaubt sich allerdings doch, und das in den genau richtigen Momenten, die Nerven zu verlieren, was den Streifen aus den Höhen einer toughen Fernsehwelt zurückholt. Diesen Umstand trägt Margot Robbie geradezu im Alleingang. Neben der maskentechnisch diffus verfremdeten Charlize Theron, die ihre Rolle ungewohnt wenig nuanciert und einer ebenfalls recht nüchternen Nicole Kidman (erstaunlich, was Frisuren alles anrichten können) spielt Robbie emotional die erste Geige und gibt scheinbar alles.

Bombshell – Das Ende des Schweigens ist zweifelsohne ein notwendiger Film, zu einer Thematik, die nicht nur diesen, sondern viele andere Filme verdient. Und klar, es ist ein äußerst schwieriges Thema. Die Causa zu den Fox News erschwert das Ganze noch um einiges, weil hier noch eine nicht unwesentliche politische Komponente hinzukommt. Das Ergebnis ist solide, extrem dicht und klarerweise sehenswert. Vielleicht auch deswegen, weil Bombshell mitunter wie eine Doku wirkt, und mit Charlize Theron als „Moderatorin“ die dritte Dimension durchbricht. Das alles aber nur dort, wo es gerade nötig ist, und wo andere Lösungen wohl gescheitert wären. Das macht den Film aber sehr sachlich, eher zusammengeflickt, wie ein Infoposter oder ein Artikel im Wochenmagazin, der auf Kommentare setzt. Filmisch gesehen ist Bombshell – Das Ende des Schweigens daher keine Offenbarung, durchaus auch etwas anstrengend, inhaltlich aber ist die Chronik weiblichen Widerstands gegen macht-geilen wie männlichen Absolutismus ein engagierter Call of Duty, wenn es um die Würde geht.

Bombshell – Das Ende des Schweigens

Die Erfindung der Wahrheit

LOBBYISMUS AUF SPEED

7,5/10

 

erfindungderwahrheit© 2016 Universum Film

 

ORIGINALTITEL: MISS SLOANE

LAND: USA 2016

REGIE: JOHN MADDEN

CAST: JESSICA CHASTAIN, MARK STRONG, GUGU MBATHA-RAW, SAM WATERSTON, ALISON PILL, JOHN LITHGOW, MICHAEL STUHLBARG U. A.

 

Wie bitte? Könnten Sie das nochmal wiederholen, einfach zum Mitschreiben? Wenn der Film beginnt, und Miss Sloane – so der Originaltitel desselbigen – im Stechschritt die Büroräume stürmt, fährt das noch frühstücksmüde Tagesgeschäft von Null auf Hundert, brechen Worte sintflutartig über modernes Büromöbel-Interieur und all die Glasfassaden sämtlicher Meetingrooms rutschen aus dem Fensterkitt. Mittendrin Jessica Chastain, tough wie Wonder Woman, hartgesotten wie jemand der nichts mehr zu verlieren hat, wenn man so will der Chuck Norris unter den Lobbyisten. Was hier in den ersten Minuten an Dialog fällt, fällt in manchen Filmen die ganze Laufzeit nicht – das erinnert an die Filme David Mamets. Da wie dort reicht es nicht, nur zuzuhören, da muss das Hirn auch gleich mit, und es kann leicht sein, dass man hinterherhinkt, Gesagtes erst sickern muss, während Miss Sloane schon ganz woanders ist und über Taktiken philosophiert, die unsereins erst in den Kontext bringen muss.

Fasziniert von diesem Charisma und dieser überheblichen Klugheit, stellt sich nach dem Downflow der Emotionen die Frage: Wer ist diese rothaarige Lady, die im perfekt sitzenden Damenanzug niemandem auf Augenhöhe begegnet? Die über allen Dingen steht, alles im Griff hat und ihr Fußvolk herumdirigiert wie ein Wahlkampfmanager, dessen Partei viel zu verlieren hat. Ist sie so jemand wie Miranda Priestly aus Der Teufel trägt Prada, die Meryl Streep so menschenverachtend gut interpretiert hat? Nein, dafür ist sie viel zu hemdsärmelig. Miss Sloane packt an wo andere loslassen. Delegiert eigentlich nicht, sondern, wenn man so will, reitet an vorderster Front dem Feind entgegen. Und gewinnt Kriege, die unmöglich scheinen.

Eine Art Krieg ist der Lobbyismus allerdings schon, ein Krieg um Stimmen und Meinungen, bei denen, die etwas zu sagen haben im Land. Ein Anbiedern, Überreden und Manipulieren, und das in großem Stil. Und dabei kann es im Eifer des Gefechts vorkommen, dass manche mit unlauteren Mitteln arbeiten. Denn worum geht es also? Um die Etablierung von Macht, um das Exekutieren von Interessen. Unterm Strich: Illusionskunst auf politischer Bühne. Miss Sloane eignet sich für so etwas am Besten, und am Besten für Miss Sloane eignet sich Jessica Chastain. Die Schauspielerin hatte schon Osama bin Laden im Sucher (Zero Dark Thirty), und als Glücksspiel-Queen sämtliche Millionen im Sack (Molly´s Game). Chastain ist niemand zum Kuscheln, sie ist die eiserne Lady Hollywoods. Apart in jeder Hinsicht, auf keinen Fall sympathisch, aber in ihrem resoluten Auftreten auf sinnliche Weise faszinierend. Anlegen würde ich mich nicht mit ihr, ihr Intellekt zwingt jeden Widersacher in die Knie. Und ich wäre hier nicht mal ansatzweise ein solcher.

John Madden, seinerzeit hoch gelobt für die barocke Romanze Shakespeare in Love (meines Erachtens völlig überbewertet), lässt seine forsche heilige Johanna in zermürbender Eloquenz das Banner hissen. Das so ein Alltag auf Speed dauerhaft der Gesundheit schadet, weiß die Rhetorik-Queen zumindest rein theoretisch, doch für Theorie ist kein Platz in diesem Leben, das so einsam ist wie eine Marsmission, das statt einer Biographie nur beruflichen Lebenslauf kennt und schon gar kein soziales Umfeld. Die großen Momente dieses faszinierenden Politdramas finden sich daher weniger in den taktischen Methoden, mit denen sich Lobbyisten an den Kragen gehen, sondern im Porträt einer Besessenen, die die Sucht nach Erfolg und Effizienz an moralische Grenzen bringt. Das ist eine famose One-Woman-Show, ein Schachspiel, bei dem eine Menge Bauern das Feld räumen müssen, und die Königin in einem Zug ans andere Ende prescht. Miss Sloane ist so akkurat und berechnend wie die stärkste Figur in so einem Spiel, und läuft stets Gefahr, besiegt zu werden, solange sie nicht die Züge des Gegners voraussieht. Das fordert, und wenn zwischen all der ZackZackZack-Methodik Chastains Blick vor Erschöpfung ins Leere geht, in sich gekehrt und verharrend, und das nur für einen verschwindenden Moment, den sonst niemand merkt, dann hat dieser Charakter etwas bemitleidenswert Menschliches, aber auch Bewundernswertes angesichts dieser durchgetakteten, zielorientierten Lebenskunst.

Die Erfindung der Wahrheit