Jean Seberg – Against All Enemies

IST DER RUF ERST RUINIERT…

5/10

 

seberg© 2019 Prokino

 

LAND: USA 2019

REGIE: BENEDICT ANDREWS

CAST: KRISTEN STEWART, JACK O’CONNELL, ANTHONY MACKIE, ZAZIE BEETZ, YVAN ATTAL, MARGARET QUALLEY, VINCE VAUGHN, COLM MEANEY U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN

 

Welcher Filmfan kennt ihn nicht – den Klassiker der Nouvelle Vague: Außer Atem. Neben einem blutjungen Jean Paul Belmondo war damals Jean Seberg mit auf der Flucht. Der Ausgang der Geschichte ist kein Geheimnis. Seit diesem Zeitpunkt war Sebergs aparter Kurzhaarschnitt auch keines mehr. Von Jeanne d ‚Arc also zur Gangsterbraut ohne rosige Zukunft, inklusive Staatsgewalt im Nacken. Die Ironie des Schicksals: rund 10 Jahre später (Francois Truffaut drehte seinen Klassiker bereits 1959) sollte ihr die Staatsgewalt tatsächlich im Nacken sitzen, nämlich in Form des FBI unter J. Edgar Hoover, der mit seiner Abhöreffizienz der ostdeutschen Stasi um nichts nachstand. Mehr noch: potenzielle Unbequeme der Regierung konnten mit dem sogenannten Counterintelligence Program, kurz COINTELPRO, gnadenlos überwacht und letzten Endes auch mit gezielter Verleumdungstaktik „neutralisiert“ werden. In schlimmstem Fall trieb diese Vorgehensweise psychisch labile Personen in den Selbstmord. In dieser umtriebigen Zeit also, zwischen Vietnamkrieg und Black Power-Bewegung, war Jean Seberg als gutgläubige Idealistin mit Geld in der Tasche wie ein argloses Bambi, dass sich an fremden Gemüsegärten labt. Ihre Verbindung mit dem Aktivisten Hakim Jamal alleine war Grund genug, die Schauspielerin ins Fadenkreuz zu nehmen.

Was wie ein grimmiger Spionagethriller klingt, ist vorrangig das gestreckte Psychogramm einer egozentrischen Weltverbesserin, die ihre Bekanntheit nutzt, um Dinge zu bewegen. Prinzipiell mal egal wofür, Hauptsache für eine gute Sache. Jene mit der Black Power-Bewegung scheint ihr passiert zu sein. Ex-Twilight-Bella Kristen Stewart spiegelt diese Attitüde eines sich selbst überschätzenden Stars ganz gut wider. Der Kurzhaarschnitt, der saß schon meilenweit unter dem Meer bei Underwater, und sie trägt ihn immer noch sichtlich mit Stolz, wobei sie noch eins draufsetzt und mit ihrer Franchise-Vergangenheit ebenso brechen will wie Robert Pattinson, in dem sie sogar das eine oder andere Mal die Hüllen fallen lässt. Kristen Stewart will nun mit Seberg gänzlich im Arthouse-Charakterfach angekommen sein. Schauspielerisch bleibt dennoch Luft nach oben – statt Jean Seberg wirklich zu sein, bleibt ihr der sichtbare Eifer haften, die biographische Figur nur sein zu wollen. Doch sie bemüht sich. Und man sieht ihr trotzdem gerne dabei zu.

Zwischendurch allerdings bleibt die prinzipiell durchaus aufreibende True Story im gern zitierten 60er-Zeitkolorit stecken, verlustiert sich in stilvollen Settings und will manchmal so sein wie ein Film von Tom Ford – gemächlich, stilvoll, unterlegt mit zeitgenössischen Musikstücken, oftmals ein Gläschen Hochprozentigen in der Hand. Mit einem Zuviel an diesen durchaus netten Bildern verwässert Regisseur Benedict Andrews sein emotionales Drama zu einem porösen Biopic mit einer leidenschaftslosen FBI-Komponente, die die Routine ihrer Bespitzelungsarbeit auf das Ensemble überträgt – Ulrich Mühe (Das Leben der Anderen) ist Agent Jack O’Connell nämlich wirklich keiner. Viele Nebenrollen bleiben auch wirklich nur Staffage, die sich einer Retro-Optik unterordnen, mit der Jean Seberg – Against All Enemies als Erzähl-Tool alleine klarkommen möchte. Das bleibt dann doch etwas kraftlos.

Jean Seberg – Against All Enemies

RED SPARROW

DEN SPATZ IN DER HAND

5,5/10

 

redsparrow© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2018

REGIE: FRANCIS LAWRENCE

MIT JENNIFER LAWRENCE, JOEL EDGERTON, MATTHIAS SCHOENAERTS, JEREMY IRONS, CHARLOTTE RAMPLING U. A.

 

Wenn ich als feierabendlicher TV-Channelsurfer an den SWR denke, dann fällt mir erstmal unweigerlich der Südwestrundfunk ein. Dass mit diesem Kürzel aber auch der russische Auslandsnachrichtendienst gemeint ist, erschließt sich mir erst nach Sichtung des neuen Films von Panem-Macher Francis Lawrence. Red Sparrow heißt sein Agententhriller, und natürlich hat Namensvetterin Jennifer womöglich schon vor Vorlage des Drehbuchs zum Film ihre Rolle als fix in ihrer Agenda gehabt. Francis hätte aber auch Charlize Theron besetzen können – die hat aber bereits für Atomic Blonde zugesagt. Mit seiner ehemaligen Darstellerin der Katniss Everdeen ist Francis Lawrence aber sowieso auf der publikumswirksameren Seite. Lawrence zählt zu den bestverdienenden Stars und hat auch weit über ihr schauspielerisches Können hinaus im weltweiten Celebrity-Pool ihre Hände mit im Spiel. Red Sparrow wird also wohl vor allem wegen Jennifer Lawrence sein Geld einspielen, keine Frage. Noch dazu, wenn bei Erwartung einer im Vorfeld angekündigten ungezügelten Nabelschau Erinnerungen an Sharon Stone wach werden. Dass zumindest zeitweilig die Zugriffe auf die unwillkommenen Nacktfotos der jungen Dame weniger werden, kann auf taktisches Kalkül zurückzuführen sein.

In Red Sparrow, nach dem Roman des Ex-CIA-Agenten Jason Matthews, der sicher mit reichlich Erfahrungen aus der Branche authentisches Gebaren hinter den Kulissen illustriert, führt der SWR also so etwas Ähnliches wie ein Bootcamp für reizorientierte Kampfmätressen, genannt die Spatzenschule, unter der Fuchtel einer steingesichtigen Charlotte Rampling, die einen seltsamen Haufen junger Russinnen und Russen zur Schamlosigkeit erzieht. In dieses zweifelhafte Etablissement wird die Ex-Ballerina Dominika Egorova von ihrem zwielichtigen Onkel Wanja – da war wohl Matthews ein Liebhaber Anton Tschechows – gekarrt. Doch wenn ich Dominika Egorova wäre, würde ich, sofern ich die Wahl hätte, absichtlich aus der Schule fliegen wollen. So elitär und effektiv, wie angekündigt, ist diese knochentrockene Erziehungseinrichtung, die irgendwie an das Internat Romy Schneiders aus Mädchen in Uniform erinnert, längst nicht. Zumindest gelingt es Francis Lawrence kaum, die angebliche Relevanz der Vorgeschichte unseres roten Spatzen zu rechtfertigen. Die sogenannten Geheimnisse der Verführung und Manipulation, die dort weit jenseits des Kamasutras beigebracht werden, scheinen auch als Online-Tutorial auf Youporn seinen Zweck erfüllen zu können. Und die Erkenntnis von Jennifer Lawrence, dass sexuelle Nötigung meist mit Machtgehabe zu tun hat – das ist jetzt nicht so die Aha-Erkenntnis, die sie wohl meint erlangt zu haben.

Hat man die zumindest in der Synchronisation im unfreiwillig komischen, russischen Dauerakzent sprechende Meisterin aller Klassen in die freie Wildbahn der Agenten und Spione entlassen, beginnt das Spiel um Information, Täuschung und Taktik überhaupt erst interessant zu werden. Da ist aber schon rund die Hälfte des Filmes um. Sei´s drum, das war bei Atomic Blonde auch so. Da hat das Genre des Agentenfilms generell das Problem, die Gesamtsituation für das Publikum in viel zu langen Erklärungen überhaupt erst erfassbar werden zu lassen. Bei Atomic Blonde und Red Sparrow zeigt das Drehbuch zur ersten Halbzeit deutliche Schwächen – leicht zu dramatisieren ist so eine Romanvorlage sicher nicht. Hut ab, wenn es zumindest halbwegs gelingt. Dann aber wird das Gefühl, schon viel zu viel Zeit in Red Sparrow investiert zu haben, deutlich schwächer. Jennifer „Dominika“ Lawrence, die trotz ihres barbusigen, aber dennoch verhaltenen Teasings wie kaum eine andere junge Filmdiva so sehr ihre Keuschheit an die vorderste Front schickt, hat in Joel Edgerton zumindest einen Filmpartner gefunden, der seine Reize zum Glück nicht vortäuschen muss. Der stets verkniffen dreinblickende, gestandene Charaktermime hat schon Charisma, während Matthias Schoenaerts wie der jüngere Bruder von Vladimir Putin Todesdrohungen wie Tombolapreise verhökert.

Man bemerkt mitleidig, dass der rote Spatz immer noch gerne Ballerina hätte sein wollen. Von Professionalität keine Spur, vielmehr fallen die scheinbar unerwarteten Umstände in der Agentin aufreizenden Schoß. Improvisation ist wohl mehr ihr Ding  – oder ist alles nur Fassade? Spätestens jetzt sollte ich damit das Interesse meiner Leser wecken, denn je näher wir zum Ende kommen, umso mehr schlägt der Thriller seine notwendigen Kaninchenhaken, um als durchaus spannender Geheimtrip – nicht Tipp – zwischen Moskau, Budapest und Wien in Erinnerung zu bleiben. Und der Wiener Michaelaplatz könnte zumindest für Fans, die sich getrost wieder JLa´s Nacktfotos widmen, eine völlig neue Bedeutung erlangen.

RED SPARROW