Jupiter´s Moon

DA HILFT NUR NOCH EIN WUNDER

5/10

 

jupitersmoon© 2018 Thimfilm

 

LAND: UNGARN, DEUTSCHLAND 2017

REGIE: KORNÉL MANDRUCZÓ

CAST: MERAB NINIDZE, ZSOMBOR JÉGER, GYÖRGY CSERHALMI, MÓNIKA BALSAI U. A.

 

Was gibt es eigentlich Neues aus Syrien? Seit sich hier in Österreich das Wahlkampfgetrommel tagtäglich im Takt erhöht und – natürlich zurecht – der Klimawandel ganz oben auf den Agenden steht, finden die Entwicklungen im Nahen Osten maximal nur in den Kurzmeldungen Erwähnung. Solange sich dieser Bürgerkrieg nicht als Teil des Wahlprogramms mancher Grenzwallerrichter verwenden lässt, wie zum Beispiel die Rückholung des Nachwuchses ausgereister IS-Bewerber, bleiben diese Schicksale unter ferner liefen. Wenn da kein Wunder geschieht, ändert sich dort kaum etwas. Auf Wunder lässt sich aber bis zum St. Nimmerleinstag hoffen. Und wenn so ein Wunder eintritt, dann sind das die Skills bemerkenswerter Geistlicher, die dann posthum heilig werden. Bei Wundern fällt mir natürlich sofort Jesus von Nazareth ein, oder Pater Pio, der angeblich die Wundmale Christi trug. Ihr könnt das natürlich halten, wie ihr wollt: Aber gesetzt den Fall, es gab und gibt dieses Paranormale: Wie damit umgehen? Und wie lässt sich so ein Wunder überhaupt nutzen, vor allem in so prekären Situationen wie während einer Flucht? Hat man da überhaupt die Muße, sich näher damit auseinanderzusetzen?

Interessante Fragen, ein spannendes Szenario, das der ungarische Filmemacher Kornél Mundruczó in seinem metaphysischen Flüchtlingsdrama Jupiter´s Moon da formuliert und entworfen hat. In seinem Werk, dessen Titel Bezug nimmt auf den Eismond Europa, der mit hoher Wahrscheinlichkeit unter seinem kilometerdicken Eispanzer flüssiges Wasser verbirgt, wagen sich der Syrer Aryan und dessen Vater über die grüne Grenze nach Ungarn. Leider geht im entscheidenden Moment so einiges schief, und Aryan wird auf der Flucht weiter Richtung Westen erschossen. Doch er stirbt nicht, er überlebt trotz mehrerer Schüsse in die Brust. Und er kann plötzlich fliegen, oder sagen wir besser: schweben. Und nicht nur das: im Laufe der Zeit entwickelt er die Fähigkeit, nicht nur sich selbst den Gesetzen der Gravitation zu entziehen, sondern auch alles, was ihn unmittelbar umgibt.

Ratlos ist da nicht nur der ungarische Schauspieler Zsombor Jéger als hilfsbedürftiger X-Men, sondern auch der Zuseher. Warum und wozu genau der Syrer als Auserwählter dieses plötzliche, allen Gesetzmäßigkeiten der Physik zum Trotz erhaltene Wunderhandeln besitzt, hat für den Film, wie es aussieht, nicht so wirklich Relevanz. Ganz klar – Jupiter´s Moon ist eine Allegorie auf so manche Zustände an der Grenze zum sicheren Heil. Keine Ahnung natürlich, wie sich Flüchtlinge fühlen müssen, wie hoch der Rest ihres Selbstwertes denn überhaupt noch ist, ob sich dieser noch messen lässt. Und ob überhaupt noch das Prinzip Hoffnung eine Rolle spielt. Ich hoffe, diesen Zustand niemals erfahren zu müssen. Doch würde ich als Flüchtling den Wunsch verspüren, fliegen zu können? Vielleicht nicht, aber vielleicht würde ich denken: Ach, wäre ich doch ein Superheld. Wäre ich doch etwas Besonderes. Jemand, den man nicht übersehen kann. Der gleichzeitig über allem schwebt, die Dinge aus sicherer Distanz betrachtet, der vielleicht die Paradigmen umkehrt und der die Wertschätzung erhält, die ihm zusteht. Vielleicht ist das die Prämisse des eigenartigen, undurchsichtigen Streifens, der sich deutlich schwertut, seinen Willen zu formulieren.

Protagonist Aryan bleibt eine ratlose, verirrte, verstörte Figur. Sein Ziel ist es, seinen Vater zu finden, sein Weg aber kreuzt ihn mit dem eines in Ungnade gefallenen Arztes, der Flüchtlingen falsche Krankenakten ausstellt, um sie nach Europa zu retten. Mit Aryan wittert er das große Geschäft des Wunderheilens – klarer Fall von Scharlatanerie. Der Syrer macht vorerst mit, warum auch immer. Zsombor Jéger ist die Ratlosigkeit, die Orientierungslosigkeit in Person. Das überträgt sich auf den ganzen Film, der in verzweifelter Unfähigkeit, Ziele zu formulieren, in mehrere Richtungen gleichzeitig navigiert. Das ist konfus, und seltsam unnahbar. Da mag zwar eine noble Ambition hinter dem Projekt gesteckt haben – dafür manifestiert sich dieses Gleichnis als allzu verschwurbelt, diffus und unartikuliert, um die Bedeutungsschwere in vollem Ausmaß zu erfühlen. Bei Underdog ist Kornél Mundruczó diese Allegorie besser geglückt, der Plot, die Idee dahinter war begrenzter, kleiner und griffiger. Das Thema der Flüchtlingskrise so anzupacken scheint wie ein klarer Fall von fehlender Bodenhaftung.

Jupiter´s Moon

Körper und Seele

DIE HEILIGE MARIA DER SCHLACHTHÖFE

7/10

 

koerperundseele© 2017 Alamode Film

 

LAND: UNGARN 2017

REGIE: ILDIKO ENYEDI

CAST: ALEXANDRA BORBÉLY, MORCSÁNYI GÉZA, RÉKA TENKI U. A.

 

Ein verschneiter Wald im Nirgendwo. Es ist still, kein Verkehrslärm stört die Idylle. Inmitten junger Bäume und vor dem reinen Weiß frisch gefallenen Schnees stehen zwei Tiere – ein Hirschbock und eine Hirschkuh. Ein zartes, friedliches Bild. Sie stecken ihre Köpfe zusammen, berühren ihre Wangen, sanft und voller Achtsamkeit. Man erkennt – die beiden gehören zusammen. Was auch immer sie verbindet – es muss stark sein, transzendent, und jedem Zweifel erhaben. So vollkommen dieses Bild auch ist – in Wahrheit ist es nur ein Traum. Und sind Träume wirklich Schäume, wie man sagt? Oder ist es einfach eine andere Realität? Was würde Sigmund Freud dazu sagen? Zu diesem Film? Denn diesen Traum, den träumt in diesem ungarischen Liebesdrama nicht nur einer allein, sondern noch jemand anderes. Ein Traum für zwei. Und beide träumen haargenau das gleiche. Es ist nicht so, dass sie nur ähnliches träumen. Nein – da ist die Rollenverteilung eindeutig determiniert. Der Hirschbock ist der astrale Avatar von Endre, des Finanzdirektors eines Schlachthofes irgendwo in Ungarn. Und die Hirschkuh – sie verkörpert Maria. Die akribisch genaue Fleischkontrolleurin will allerdings nicht so genannt werden. Und auch nicht angesprochen. Und am wenigsten berührt. Denn Maria ist nicht wie alle anderen. Sie könnte an einer Form des Autismus leiden, klar diagnostiziert wird das in diesem Film aber nicht. Sie hat ein eidetisches Gedächtnis und hat Schwierigkeiten, sich sozial zu integrieren. Natürlich ist sie ist eine Außenseiterin, mit ihren hellblonden Haaren und ihrer stoischen Art fast schon ein engelsgleiches, unnahbares Wesen, dass ihr Arbeitsumfeld eher verstört als fasziniert. Oder beides? Endre jedenfalls ist erst dann so richtig von Maria angetan, als beide herausfinden, dass sie im Traum miteinander verbunden sind.

Würde der polnische Meisterregisseur Krzysztof Kieslowski noch leben, er hätte genau diesen oder einen ziemlich ähnlichen Film gemacht. Wer sein Meisterwerk Die zwei Leben der Veronika kennt, der wird wissen, was ich meine. Kieslowski war ein Virtuose, wenn es darum ging, zwischenmenschliche Gefühle auf eine Ebene zu transferieren, die das Raum-Zeit-Gefüge unserer Realität durchbrechen. In der irrlichternd-orchestralen Filmpoesie von Kieslowski entdeckt Irene Jacob eine Doppelgängerin, mit der sie emotional verbunden ist. Von so einer schicksalhaften Kohärenz sinniert auch Körper und Seele – und baut seinen zaghaften cineastischen Annäherungsversuch genau darauf auf. Diese Metaebene, die sich jeglicher rationalen Nüchternheit entzieht, ist gerade dadurch, dass sie nicht widerlegt werden kann und den X-Faktor für sich nutzt, ein philosophisches, wenngleich fatalistisches Gedankenspiel über Bestimmung und einer Seele, die multiversal existiert.

Gegenwärtig gibt es neben Alptraumdeuter David Lynch, der wohl eher in die verdrängten Nischen unserer Wahrnehmung vordringt, noch Filmschaffende wie Mike Cahill, die sich mit Vorbestimmung, Tanszendenz und der Unsterblichkeit unserer Seele beschäftigen. Cahill schuf Werke wie I Origins oder das Gedankengespinst Another Earth, wo die Philosophie eines Kieslowski weitergesponnen wird. Die Ungarin Idliko Enyedi entwirft mit Körper und Seele einen ähnlich autarken, zeit- und wortlosen Raum: eine vertraut wirkende Dimensionskapsel als Treffpunkt zweier Seelen, die wie der Vorort zu einem möglichen Jenseits anmutet. Das ist Metaphysik in seiner schönsten Form. Weniger schön ist die andere Seite der Waagschale – die des Körpers. Da eignet sich nichts besser als ein Schlachthof, der das Lebewesen auf seine physische Beschaffenheit reduziert, aber nicht, ohne Mitleid zu empfinden. Vor allem die Beobachtungen des Arbeitsalltags beim „Verarbeiten“ der Nutztiere könnten tierschutzmotivierte Vegetarier womöglich verstören – wer Bildern von sprudelndem Blut und abgetrennten Rinderköpfen aus dem Weg gehen möchte, sollte Enyedis Film vielleicht nicht unbedingt auf seine Watchlist setzen. Diese Körperlichkeit, die zieht sich als Antipode zur geheimnisvollen Traumebene durch den Film. Die wertvolle fleischliche Hülle von Tier und Mensch bleibt ein nicht zwingend austauschbares Gefäß für viel mehr und vor allem für Dinge, die wir nicht fassen können. Die sich wissenschaftlich nicht niederwerfen lassen, die Liebe nicht als chemischen, sondern als einen höheren Prozess verstehen. Der den Körper aber dennoch für unsere wahrnehmende Welt unabdingbar werden lässt.

Die Bilder aber, die Enyedi zeigt, sind was sie sind, sie bleiben unkommentiert, sind teils magisch, teils nüchtern und dokumentarisch. Körper und Seele erinnert an Thomas Stubers Supermarktromanze In den Gängen – von den Personen, von der alltäglichen Pflicht her, von den Berührungsängsten untereinander. Hier wie dort geht es um Einsamkeit und der Schwierigkeit, Vertrauen im Gegenüber zu finden. Kieslowski hätte Körper und Seele wohl noch magischer, noch verspielter werden lassen, hätte Ildiko Enyedis Inszenierungsstil etwas von seiner stockenden Schwermut genommen, die er manchmal hat. Die sich aber durch Alexandra Borbélys so faszinierende wie ungelenke Entdeckungsreise in die Welt der intimen Nähe in verstohlene Leichtigkeit wandelt. Eine Leichtigkeit, die dem instinktiven Fühlen von Tieren und Menschen folgt. Ohne Worte und am besten frei von Gedanken, die vielleicht alles zerstören könnten.

Körper und Seele

Die rote Schildkröte

ZURÜCK ZUM URSPRUNG

6,5/10

 

dieroteschildkroete© 2016 Wild Bunch

 

LAND: FRANKREICH, JAPAN, BELGIEN 2016

REGIE & DREHBUCH: MICHAEL DUDOK DE WIT

 

Letztendlich hat es Tom Hanks dann geschafft. Nämlich, sich in Cast Away ein Floß zu bauen, und mit sonst nichts außer einer gehörigen Portion Todesmut, unverschämtem Glück und Hoffnung auf eine mögliche Zukunft das vermaledeite Eiland nach sieben Jahren zu verlassen. Die donnernden Brandungswellen, die sich an der Riffkante brechen, zu überwinden, ist nämlich eine Sache – die andere: da draußen in der Wasserwüste gefunden zu werden und nicht zu verdursten. Der namenlose Schiffbrüchige aus dem Animationsfilm Die rote Schildkröte kommt gar nicht mal so weit. Seine Fluchtversuche vor der quälenden Isolation enden stets mit dem Zerstörungsdrang eines sonderbaren Wasserwesens, das sich, wie der Titel bereits verrät, als gigantische rote Schildkröte der Metaphysik einer widerspenstigen, menschenfeindlichen Natur bedient. Doch ist das feindliche am Verhalten dieses Tieres nicht ein Trugschluss? Ist es nicht viel mehr der Mensch selbst, der seiner eigenen Natur feindlich gegenübersteht, und stets bemüht ist, sich diesem Ursprung zu entziehen?

Der erste abendfüllende, handgezeichnete Trickfilm des Niederländers Michael Dudok de Wit ist so etwas wie ein kosmopolitisches Kunstwerk, dass sich vor allem sprachlich keinem lingualen Erdkreis unterordnet, weil es eben über keine Sprache verfügt. Was de Wit zeigt, passiert auf paraverbaler Ebene und findet seinen Ausdruck jenseits des Graphischen in den Klängen, die Land, Wasser und Wind bereit sind, preiszugeben. Ein Stummfilm ist es also nicht, genauso wenig wie Nikolaus Geyrhalter´s menschenleerer Dokufilm-Essay Homo Sapiens – ebenfalls eine Komposition, die mit den Geräuschen auskommt, die Wind und Wasser erzeugen. Der Homo sapiens, der anfangs noch glaubt, mit der roten Schildkröte in einem Wettkampf um Leben und Tod ringen zu müssen, wird bald zu einer Einsicht über das menschliche Dasein selbst gelangen, so isoliert, einsam und weltvergessen er auch sein mag. Denn Die rote Schildkröte, sie scheint in Wahrheit etwas ganz anderes zu sein. Etwas, wofür es sich lohnt, ein Inseldasein zu führen, weit weg von allem Gedränge und all den störenden Einflüssen einer nach allen Richtungen strebenden, fordernden Gesellschaft. Was folglich bleibt, wenn nichts und niemand mehr da ist, das ist die kleinste verbindende Entität, die mit dem Ur-Wesen unseres Planeten im schadlosen Einklang existieren will – das Dreieck Familie aus Mutter, Vater und Kind. Und irgendwann, scheinbar Augenblicke später nur, zerfällt auch diese. Und wird Teil des Ganzen, zum Teilchen innerhalb des Perpetuum mobile des Lebendigen, das immer schon da war, formuliert aus all den natürlichen Gesetzen.

Für den Oscar 2017 als bester animierter Spielfilm nominiert, ist Die rote Schildkröte ein Spiel der Gedanken und Assoziationen und führt in philosophischen und humanistischen Metaphern den Menschen als Inselwesen auf das eigentlich Wichtige zurück. Das mag manchmal seltsam entrückt, geradezu befremdend und beklemmend einsam sein, kehrt aber den Status Quo der eigenen Entfremdung vom Ursprung hervor. Das ist erfrischend erkenntnisreich, und trotz oder aufgrund all der magisch-poetischen Entrücktheit des Filmes vor allem wehmütig, wenn es um wertvolle, viel zu schnell vergangene Momente des gemeinsamen Glücks geht. Tröstend aber, dass wir niemals verloren gehen. Und wieder zum Teil einer Natur werden, die sich als Fels, Meer, Palme – oder vielleicht als Schildkröte – neu manifestieren kann.

Die rote Schildkröte

Underdog

APOKALYPSE WAU

7/10

 

weissergott2© 2014 Delphi Filmverleih

 

LAND: UNGARN 2014

REGIE: KORNÉL MANDRUCZÓ

MIT ZSÓFIA PSOTTA, ZSÁNDOR ZSÓTÉR, KORNÉL MANDRUCZÓ, LILI HORVÁTH, LILI MONORI U. A.

 

Eben erst haben die diversesten Hunderassen in Wes Anderson´s utopischem Puppen-Mandala Isle of Dogs – Ataris Reise den Aufstand geprobt. Dabei gab es vor einigen Jahren bereits einen anderen, thematisch ähnlichen Film, der das Wesen des Hundes und seine Beziehung zu den Menschen auf eine gesellschaftspolitische Ebene hob. 2014 entstand im filmisch eher kleinlaut tönenden Land Ungarn die allegorische Parabel Fehér Isten, was soviel heißt wie Weißer Gott und hierzulande, also im deutschsprachigen Raum, mit Underdog betitelt wurde. Sowohl die eine als auch die andere Bezeichnung des Filmes ist passend, Weißer Gott trifft es aber eher, und war auch die ursprüngliche Wahl von Regisseur Kornél Mandruczó, dessen neuester Streifen Jupiter´s Moon in den österreichischen Kinos auf ungerechtfertigt wenig Aufmerksamkeit stieß.

Weißer Gott beginnt mit einem postapokalyptischen Szenario – wir sehen ein menschenleeres Budapest, verlassene Autos, deren Blinker immer noch an sind. Plötzlich ein Mädchen auf dem Fahrrad. Wäre das verlassene Auto nicht, könnte die Radlerin auch an einem Sonntag sehr früh aufgestanden sein – doch Sekunden später wissen wir, dass dem nicht so ist. Das Mädchen wird verfolgt von einer nicht enden wollenden Meute wilder Hunde. Die Aggressoren haben aber auch wirklich jeden Grund dazu, wütend zu sein. Im Zentrum steht die Promenadenmischung Hagen, die vom Vater der pupertären Lili erstmal nur gebilligt, dann missbilligt und folglich am Rande von Budapest ausgesetzt wird. Auf der verzweifelten Suche nach Nahrung kommt der Shar Pei-Retriever-Mischling tatsächlich in Teufels Küche, wo er Hackebeilen ausweichen muss. Wie ein vierbeiniger Oliver Twist wird der Hund fortan von einem Peiniger zum Nächsten gereicht, vom Sklaventreiber zum Hundekampftrainer. Zwischendurch müssen er und seine Leidensgenossen vor den Hundefängern flüchten, die wenig zimperlich ihre Arbeit erledigen wollen. Der Mensch, so erfährt Hagen, ist ein sadistisches, knechtendes Scheusal. Machgierig, eigennützig, erbarmungslos. Viel braucht es nicht mehr, und die ausgestoßenen, weil gemischtrassigen Vierbeiner tun sich zusammen – um dem „Weißen Gott“ zu zeigen, dass der Spieß sehr schnell umgedreht werden kann.

Immer noch ist der Hund ein Raubtier. Ein domestiziertes zwar, aber im Grunde seines Wesens ein archaisches Kraftpaket, schnell und wendig und mit einem Gespür für jene Angst, die von ihren Herren ausgeht. Mundruczó distanziert sich bewusst von den anthropomorphisierten Darstellungen von Hunden, die vor allem in Hollywood und insbesondere bei Disney gang und gäbe sind. Seine tierischen Stars können weder sprechen noch tun sie Dinge, die Menschen ihnen gerne andichten. Das einzige was sie tun, ist, sich zusammenrotten und gezielten Terror verbreiten. Spätestens hier wird Weißer Gott zur mysteriösen Chronik eines Ausnahmezustandes, der so unmöglich tatsächlich passieren kann und der endzeitliche Tendenzen aufweist, diese aber nicht wirklich bis zu letzten Konsequenz auslebt. Die Eroberung Budapests bleibt aus, die Zuspitzung ins Bizarre wäre womöglich misslungen, als mögliches, weil vielleicht gar nicht gewolltes Pamphlet gegen die Ideale einer Victor Orban-Regierung funktioniert Weißer Gott aber auch so, wenn auch entschärft. Obwohl in Anbetracht der Wiederwahl eines Rechtspopulisten eine nachhaltig tierische Pedigree-Revolution wohl noch mehr befreiender Zündstoff gewesen wäre.

Weißer Gott ist eine stringente Parabel auf Rassismus, Unterdrückung und Ignoranz. Nimmt sich viel Zeit, um zu beobachten und lässt sich nicht drängen, die Initiative ergreifen zu lassen, trotz all der animalischen Wut, die den Zuschauer befällt. Dass angesichts all dieser teils heftigen Tierszenen wirklich keine Hunde zu Schaden gekommen sind, wie nach jedem Film pflichtgemäß im Abspann deklariert wird, ist kaum zu glauben. Gut, mit Hunden lässt sich so manches Kunststück bewerkstelligen. Hunde sind angefangen von Benji bis zu Lassie die wohl dankbarsten tierischen Darsteller – weil sie sich perfekt abrichten lassen, weil sie lernen und gehorsam sind. Doch Vorsicht an alle Hundeliebhaber und all jene, die gerne Hundefilme wie Beethoven, Marley & ich, Scott & Huutch oder Pets in ihrer DVDthek wissen – Weißer Gott ist was ganz anderes und wird so manches Frauchen oder Herrchen mit Sicherheit verstören. Ihrem „besten Freund des Menschen“ als indikativer Spiegel der Gesellschaft aber wären sie womöglich dankbarer als zuvor.

Underdog