The Contractor

AM ARBEITSMARKT FÜR VETERANEN

7/10


thecontractor© 2022 Leonine Pictures


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: TARIK SALEH

CAST: CHRIS PINE, BEN FOSTER, GILLIAN JACOBS, EDDIE MARSAN, KIEFER SUTHERLAND, J. D. PARDO, NINA HOSS, FLORIAN MUNTEANU U. A. 

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


In The Gray Man erzählen Joe und Anthony Russo von einem Ex-Sträfling, der als Auftragskiller vom CIA rekrutiert wird – und irgendwann die moralische Integrität des Geheimdienstes hinterfragt. Schlecht für ihn, denn kurz darauf sind die besten Killer hinter ihm her, um den vermeintlichen Whistleblower auszuschalten. Entstanden ist ein Thriller, der als teuerster Netflix-Film aller Zeiten gilt und nebst gut aufgelegten Schauspielern allerdings eine recht seichte und oft kopierte Story erzählt. The Contractor mit dem sympathischen Chris Pine in der Titelrolle konstruiert eine ganz ähnliche Geschichte, nur weitaus weniger auf Hochglanz und lässt viel mehr Raum für psychologische Entwicklungen. Kurz gesagt: The Contractor ist der bessere Film. Auch wenn das Szenario im Grunde nicht ganz neu ist, gelingt dem Schweden Tarik Saleh, der mich bereits mit dem Politthriller Die Nile Hilton Affäre überrascht und beeindruckt hat, das differenzierte Psychogramm eines Mannes, der wohl in Sylvester Stallones Expendables-Runde gerne angeheuert hätte und auch dort nicht groß aufgefallen wäre. Nur hier, in diesem Thriller, hat selbstironischer Humor keine Bühne, was weise entschieden wurde, denn Augenzwinkerei hätte dem Film seine Intensität genommen.

Als physisch angeschlagener Nahost-Kriegsveteran bemüht sich der ehemalige Special Forces Soldat James Harper mit allen Mitteln – und sind es auch Aufputschmittel aller Art – wieder in den aktiven Dienst aufgenommen zu werden. Körperliche wie seelische Belastungen haben allerdings ihren Tribut gefordert, und so bleibt dem eigentlich gebrochenen Familienvater und Ehemann nichts anderes übrig, das Angebot eines ehemaligen Kollegen anzunehmen, in einer Söldnertruppe anzuheuern, die gutes Geld bringt. Bitter nötig hätte er es, stapeln sich doch die unbezahlten Rechnungen auf dem Küchentisch. Der erste Einsatz in Berlin wird dann auch gleich zum Wendepunkt im Leben des ewigen Kämpfers, der sich plötzlich von allen Seiten verraten fühlt und versuchen muss, während er permanent auf der Flucht ist, die finsteren Machenschaften seines Auftraggebers aufzudecken.

Neben Chris Pines überzeugendem Spiel, welches ihn aus meiner Sicht ohne weiteres (und gemeinsam mit seinem Auftritt in Der Anruf) in die engere Auswahl zum nächsten James Bond manövriert, sammeln sich noch andere Charakterdarsteller, die mitunter undurchschaubar agieren, so wie Ben Foster oder Eddie Marsan. Am offensichtlichsten nicht ganz astrein und recht konventionell bleibt Kiefer Sutherlands Figur – doch immerhin freut es, das Zugpferd aus 24 Hours auch mal auf der anderen Seite und abgesehen davon überhaupt wieder in einem Film zu sehen. Als europäische Ergänzung darf Nina Hoss als zugeknöpfte Mittelsfrau agieren – alles in allem also ein stimmiges Ensemble in ebenso stimmigen und manchmal auch gnadenlos konsequenten Szenen, die sich davor hüten, gefällige Drehbuchversatzstücke zu integrieren und sich dahingehend zu bequemen, etwaige Wendungen an den Haaren herbeizuziehen. Dadurch erhält The Contractor genug Ecken und Kanten, wenn schon nicht die Ambivalenz der Figuren für die Gewährleistung eines Thrillers, der am Schlachtfeld globaler Verstrickungen als schwer einzunehmende Bastion gilt, ausreichen würde.

The Gray Man kann man sich ohne weiteres ansehen. The Contractor aber ist erdiger, schmutziger und zehrt außerdem mehr an den physischen Ressourcen der überrumpelten Figuren. Wenngleich der Showdown wie über den Kamm geschoren wirkt und tatsächlich mehr zu Stallone passen würde, kommt zumindest die Action letzten Endes auch nicht zu kurz. Ein Umstand, der die vielleicht manchmal zu lakonische Dramaturgie aus der Reserve lockt.

The Contractor

The Gray Man

DIE PFUSCHER VOM (GEHEIM)DIENST

5,5/10


grayman© 2022 Netflix


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: ANTHONY & JOE RUSSO

CAST: RYAN GOSLING, CHRIS EVANS, ANA DE ARMAS, BILLY BOB THORNTON, REGÉ-JEAN PAGE, WAGNER MOURA, JESSICA HENWICK, DHANUSH, JULIA BUTTERS, ALFRE WOODARD U. A.

LÄNGE: 2 STD 9 MIN


Ryan Gosling muss seine Identität nicht wechseln. Dafür hat er eine Nummer. Sierra 6. Oder so ähnlich. Netflix will nämlich auch gerne sein eigenes Agenten-Franchise haben, doch irgendwie mag es damit nicht so recht funktionieren. Vielleicht zäumt der derzeit unter einigem Kundenschwund leidende Streamingriese sein Pferd von der falschen Seite auf. Des Rätsels Lösung scheint nämlich nicht, jede Menge Superstars einzukaufen, die dann als abrufbares Haus-und-Hof-Ensemble zur Verfügung stehen. Wir haben Ryan Reynolds, Dwayne Johnson, Gal Gadot, Ana de Armas schon des Öfteren. Mark Wahlberg, Jamie Foxx und jetzt auch zur Freude aller Fans von Nicolas Winding Refn, der ihn mit Drive so richtig stoisch in Szene gesetzt hat: eben Ryan Gosling. Das muss doch funktionieren, denken sich die Verantwortlichen von Netflix und feiern sich und den Actionthriller The Gray Man als neues Ei des Columbus, dessen um der Standfestigkeit willen in Mitleidenschaft gezogene Unterseite mehr Brüche quer durch den Film verursacht als anfänglich in Kauf genommen.

Denn was hat The Gray Man denn eigentlich wirklich Besonderes zu bieten – neben des Casts natürlich? Die Antwort ist nicht leicht zu finden. In der Story ruht sie jedenfalls nicht. Zugrunde liegt dieser ein x-beliebiger 08/15-Roman aus der Feder von Tom Clancys gehostetem Sidekick Mark Greaney, der gegenwärtig die Jack Ryan-Reihe munter fortführt. Um nicht dauernd dasselbe in Grün zu schreiben, gibt’s auch anderen Stoff – eben The Gray Man um einen angeblich lautlosen Killer eingangs erwähnter Nummer, der irgendwann aus dem Gefängnis geholt wird, um für die CIA als nicht ganz legaler Mister Saubermann zu arbeiten, mit einem Ticket rund um die Welt und einer Verpflichtung auf lebenslang. Die CIA und andere Geheimdienste nutzen zwar wiederholt gut ausgebildete, steuerfreie Schergen zur bequemen Beseitigung potenziell weltverschlimmernder Individuen, wollen aber andererseits natürlich nicht, dass irgendwo in den Rechtsstaaten etwas davon durchsickert. Eine oft benutzte und noch öfter variierte Grundlage für das Thriller Entertainment, sei es nun im Kino oder als Serie. Bei Hanna hat das gut geklappt, bei den Bourne-Filmen ebenso. Bei The Gray Man – nun ja. Die Art und Weise, wie die Einsatzgruppe Scriptwriting hier die Belletristik adaptiert hat, lässt darauf schließen, dass Netflix wirklich nur auf Prominenz setzt.

Der Thriller hat inhaltlich nichts zu bieten. Also zumindest nichts Neues. Die Handlung bemüht sich, auf Spielfilmlänge zumindest so auszusehen, als hätten alle Beteiligten die Sache durchdacht. Und zwar auf kreative Weise. Mit Achterbahnfahrten quer durch Europa (gar nicht mal so exotisch – für die USA vielleicht, in uns Europäern weckt das nicht so sehr das Fernweh) und hineingezwängten Wendungen, die gestressten Nine-to-Five-Jobbern gleich bei stoßzeitlicher U-Bahnüberfüllung auch noch hinter die Tür des abgefertigten Zuges wollen. Dabei entstehen Logiklöcher, die, auch wenn man will, nicht oder nur schwer zu übersehen sind. Tom Cruise schafft in seinen Mission Impossible-Filmen trotz all der kuriosen Schauwerte immer noch sowas wie Plausibilität – den Russo-Brüdern, die mit den beiden Infinity-Filmen aus dem MCU wirklich zeigen konnten, was sie drauf haben, bleibt angesichts des schalen Plots kaum Füllstoff, um dramaturgischen Wendungen nicht den Sinn zu rauben.

Und dennoch: Die Rechnung von The Gray Man ist nicht eine, die gar nicht aufgeht. Wir haben den mimisch recht einsilbigen, aber sympathischen Gosling, der mit Gaze-Auflagen Scherenstiche heilt und Herumballern als diskrete Killermethode bezeichnet. Und den freudvoll aufspielenden Chris Evans jenseits von Captain America, der mit Pornobalken und enger Hose gerne mal den Ungustl gibt. Ana de Armas bleibt da außen vor – ihre guten Momente sind zum Beispiel in der ebenfalls auf Netflix veröffentlichten Agenten-Biopic Sergio zu finden. Und die Action? Spricht nicht für den teuersten Netflix-Film aller Zeiten. Obwohl ich kein Fan bin: Michael Bay hätte diese wohl prächtiger inszeniert. Wobei die krachige Straßenbahnsequenz in Prag außerplanmäßigen Intervallen infolge einer Zugstörung neue Bedeutung verleiht.

The Gray Man

The 355

AGENTINNEN MIT HERZ

6/10


the355© 2022 Leonine Distribution


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: SIMON KINBERG

CAST: JESSICA CHASTAIN, DIANE KRUGER, PENÉLOPE CRUZ, LUPITA NYONG’O, FAN BINGBING, SEBASTIAN STAN, ÈDGAR RAMIREZ U. A. 

LÄNGE: 2 STD 3 MIN


Tatsächlich? Wirklich noch ein Profikillerinnen-Action-Vehikel? Und wieder Frauen gegen Männer? Muss diese Schwarzweißmalerei denn wirklich sein? Die Filmbranche reizt das Thema der weiblichen Emanzipation auch im Actionfach mittlerweile so sehr aus, dass sich kaum jemand mehr nach ballernden Amazonen umdrehen will. In letzter Zeit sind es nicht mal mehr Einzelkämpferinnen wie gefühlt jeder zweite Film von Luc Besson, wie in Kate oder Code Ava oder wie sie alle heißen. Wir haben es nun mit wohlgecasteten Grüppchen zu tun, bevorzugt dogmatischen Killerorden angehörend, die gegen das böse Patriarchat aufbegehren, so gesehen in Gunpowder Milkshake. Auch in The 355 schließen sich vier Frauen zusammen, um den Männern zu zeigen, wo der Hammer hängt. Wir wissen schließlich – sie können es. Ist daher der ganze Action- und Agentenschmafu demnach wirklich nur zum Gähnen? Nicht so sehr wie befürchtet. Und alle Achtung: Simon Kinberg entfernt sich in seinem femininen Schulterschluss von aus der Kindheit traumatisierten X-Chromosom-Kampfmaschinen und holt sich vier namhafte Schauspielerinnen ans Set, die als Agentinnen des jeweils anderen Geheimdienstes einfach nur ihren Job machen wollen.

Doof nur, dass sich alle vier (später sind es fünf) beim Versuch, einen Datenträger brandgefährlichen Inhalts einzukassieren, kontinuierlich in die Quere kommen. Da gibt’s den BND, die CIA und den MI6 – Penélope Cruz als Psychiaterin scheint nur zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, doch sie vertritt die kolumbianische Fraktion. Das Interessensnetz spannt sich also über den halben Erdball. Und die Sache wäre auch so gut wie ausgestanden, gäbe es nicht die Männerdomäne der Bösewichte, die damit einen Weltkrieg anzetteln wollen. Die vier unterschiedlichen Frauen schließen sich klarerweise bald zu einem Team zusammen, denn der Feind meines Feindes… eh klar. Und das ist auch schon die ganze Geschichte.

Relativ dürftig, um ehrlich zu sein. Doch seltsamerweise fällt diese Banalität weniger ins Gewicht, wenn man sich ansieht, wie herzhaft unprätentiös die vier Ladys – Jessica Chastain, Lupita Nyong’o, Diane Kruger und eben Penélope Cruz – die exponierten Skills resoluter Expertinnen mit einem langweiligen, aber glücklichen Privatleben vereinbaren wollen. Hier ist sich keine zu gut, um die Hilfe der anderen anzunehmen. Keine zu zynisch, um sich von irgendwelchen Fesseln befreien zu wollen. Dieser Umstand erdet The 355 zumindest ein bisschen. Was die dreistellige Zahl wohl bedeutet? Chastain, die den Film auch mitproduzierte, hat darüber Auskunft gegeben. 355 ist der Code der ersten weiblichen Agentin der USA, die im 18. Jahrhundert zur Zeit der Amerikanischen Revolution tätig gewesen war. Seit damals wird der Code immer wieder mal von Geschlechtsgenossinnen angewandt – und somit auch von den vier toughen Damen, die durchaus mal emotional werden oder sich durchaus mal gegenseitig mit der Waffe bedrohen können, das Herz aber am rechten Fleck haben. Diese Sympathie geht einigen Filmen ähnlicher Machart so ziemlich ab. Dort sind die Protagonistinnen unnahbare Ikonen, die nach ihrem Einsatz, so scheint es, lieber wieder auf ihren eigenen Planeten zurückkehren wollen. Chastain & Co allerdings scheinen den Feierabend auf der Couch allen militanten Selbstbehauptungen auf alle Fälle vorziehen zu wollen.

The 355

James Bond 007 – Keine Zeit zu sterben

DIE EINSAMKEIT DER DOPPELNULL

5/10


notimetodie© 2021 DANJAQ, LLC AND MGM.  ALL RIGHTS RESERVED.


LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN 2021

REGIE: CARY JOJI FUKUNAGA

CAST: DANIEL CRAIG, LÉA SEYDOUX, LASHANA LYNCH, RAMI MALEK, BEN WISHAW, RALPH FIENNES, NAOMI HARRIS, ANA DE ARMAS, JEFFREY WRIGHT, CHRISTOPH WALTZ, BILLY MAGNUSSEN U. A. 

LÄNGE: 2 STD 43 MIN


Es ist ja fast so, als könnte man anhand lange verschobener Filmpremieren die globale Lage in Sachen Corona ablesen. Wenn Filme wie Dune oder eben James Bond 007 – No Time to Die in den Kinos starten, fühlt sich das an wie ein in der Economy-Class händeringend erwarteter Take Off ins Urlaubsland. Von da an kann es nur noch bergauf gehen. Und es ist auch fast so, als wäre der Rückstau im Kinoprogramm damit endlich durch. Von nun an könnte man vielleicht doch eher stressfrei durch die Kino-Agenda gleiten.

Was auch lange braucht, oder sagen wir: dort, wo die Nachfrage am größten ist, könnte auch wirklich Großes verborgen sein. Natürlich, schließlich geht es um nichts anderes als das James Bond-Franchise, das sein Kinopublikum seit den Sechzigerjahren bei der Stange hält. Bond ist Kult, wandelnder Zeitgeist und gleichzeitig hartgesottener Held im maßgeschneiderten Anzug und im Rahmen seiner Missionen über dem Gesetz.

Mit diesem lukrativen Garanten für volle Kinosäle kommt sich eine wie Barbara Broccoli natürlich mächtig vor. Allerdings ist sie das auch. Wie Kathleen Kennedy bei Disney ist auch Broccoli eine toughe Macherin, der man sicherlich kein X für ein U vormachen kann. Entsprechend geschäftstüchtig denkt sie auch – und legt den letzten Bond mit Daniel Craig in die Hände von Cary Joji Fukunaga, der sich längst mit anspruchsvollen Filmen wie Beasts of No Nation bewährt hat. Den Künstlern ihre Arbeit, den Wirtschafterin die ihre, möchte man meinen. Nur – so einfach ist das nicht. Wer zahlt, schafft an – und pocht auf seine Ideen im Drehbuch. Dieses wird längst nicht mehr von einem wie Dalton Trumbo geschrieben, sondern da sind viele, die das Script für eine filmische Wollmilchsau dahingehend optimieren und mit den Entwürfen anderer Besserwisser vermengen, sodass ein verhobenes Konstrukt aus Reminiszenzen, Charakterentwicklungen und bodenhaftender Standard-Action entsteht. Im Finale soll alles vorhanden sein, was Bond ausmacht.

Der Kreis schließt sich also, so wie bei Star Wars. Statt „Ich bin alle Jedi“ heißt es diesmal „Ich bin alle Bonds“. Und es scheint gar, als würde No Time to Die dieses Versprechen erfüllen. Wir sehen und hören anfangs subtile Anspielungen auf frühe Klassiker, im Aston Martin rauschen Craig und Léa Seydoux über Italiens Landstraßen. Vor dem obligatorischen und diesmal im Stil etwas unentschlossenen Intro, gesungen von Billie Eilish, die ein gehaltvolles Flüstern entfacht, allerdings keine Shirley Bassey ist, atmet der Bond-Kult aus allen Poren, verlässt sich auf sein nostalgisches Repertoire, wirkt aber dennoch zeitgemäß. Womöglich stammt der Anfang gar von Autor Fukunaga selbst. Oder aber von Purvis & Wade? Oder Phoebe Waller-Bridge? Wie auch immer, viele Köche eben.

Was so schneidig und stilsicher beginnt, verliert sich in einem unter sichtbarem Bemühen in die richtige Richtung gelotsten Kompromiss aus wenig schlüssigen Handlungsfäden, frappanten logischen Fehlern und fragwürdigen Entscheidungen. Bond selbst versinkt in Trauer und Liebeskummer, hat aber dennoch so manche an Roger Moore erinnernde, verschmitzte Bonmots auf Lager. Craig versucht dabei, seiner legendären Rolle so gut es geht treu zu bleiben. Wäre da nicht das Hineinzwängen seiner Person in ein gnadenlos in die Länge gezogenes Patchwork-Abenteuer, das mit Rami Malek wohl eine der lächerlichsten Bösewichte auf dem Ian Fleming-Planeten aus der Mottenkiste holt. Viel Geschwurbel füllt leere Minuten, aus knackig wird gedehnt, und so gut wie alles, was in diesem Eventkino zum Einsatz kommt – sei es Setting oder Action – war im eigenen Franchise einfach schon mal dagewesen, und zwar viel besser. Selbst so integre und in ihrer Rolle fast schon autark agierende Nebenrollen wie Christoph Waltz oder Lashana Lynch ziehen sich irgendwann zurück, um beim Finale fassungslos zuzusehen, was an pathetischem Kitsch eigentlich alles möglich ist.

Nachher braucht man einen Martini. Geschüttelt oder gerührt ist auch schon egal.

James Bond 007 – Keine Zeit zu sterben

The Informer

MÄNNER MIT TATTOOS

6,5/10

 

the-informer© 2019 Senator Home Entertainment

 

LAND: USA 2019

REGIE: ANDREA DI STEFANO

CAST: JOEL KINNAMAN, ROSAMUNDE PIKE, COMMON, CLIVE OWEN, ANA DE ARMAS, MARTIN MCCANN U. A. 

 

Küss die Hand, Herr Kerkermeister, ich bin wieder da! So singt schon seit den 80ern die Erste Allgemeine Verunsicherung vom Verweilen hinter schwedischen Gardinen. Was in diesem Liedchen noch für eine heimelige Zellenatmopshäre mit Assel sorgt, definiert sich in den Kittchens der USA stets mit schwerfälligen Muskelgiganten und deren Tattoos. Hast du kein Tattoo, bist du kein Verbrecher. Oder einfach nicht cool genug, um einer zu sein. Hast du keine, musst du klein und unscheinbar sein, denn je kleiner und unscheinbarer, desto mehr hast du das Zeug zu deligieren. Auch das wird aus dem Gefängnis kolportiert. Und das Personal ist sowieso so korrupt, das es schlimmer kaum geht. In so einen Häfen muss Special Ops-Agent Pete Koslow, selbstredend Dauergast beim Tätowieren, wieder zurückkehren, um der Drogenmafia das Handwerk zu legen. Was erstmal so aussieht wie eine gemähte Wiese, nämlich, dass Koslow nach verrichteter Arbeit wieder gemütlich aus dem Gefängnis spaziert, darf später bei all den Betroffenen nicht ganz unbegründet für Panik sorgen. Pete wird fallengelassen. Und muss sich auf eigene Faust freikämpfen.

Lock up könnte man sagen. Doch statt Sylvester Stallone darf diesmal Joel Kinnaman (u.a. Robocop, die Serie Hanna, Staffel 1) die Läusedusche über sich ergehen lassen. So finster wars im Knast schon lange nicht. Und so adäquat finster kann auch nur Joel Kinnaman dreinschauen, der wirklich nichts zu lachen hat. Das sind bewährte, aber knallharte Versatzstücke für einen wenig schienbeinschonenden Härtefall von Thriller, der auf spannende und mitunter gehörganglädierende Art zeigt, wie sehr ein Mann mit Erfahrung und einigem Abgucken von Mac Gyver den aussichtslosen Blick in die Zukunft abwenden kann. Daheim bangt Ana de Armas mit unvermuteter Lockenpracht, und FBI-Agentin Rosamunde Pike quält das Gewissen. Waren das alle namhaften Stars in diesem Film? Nein, Clive Owen ist das cellophanartige Zerrbild eines schmierigen Über-Leichen-Gehers. Und Rapper Common (Oscar für den Song Glory) von der CIA-Fraktion kommt einiges Spanisch vor.

Das Casting für die in Haft sitzende Belegschaft in diesem Film dürfte viele ärmellose Feinripps kommen und gehen gesehen haben, nicht ohne gewissen Unterhaltungswert. Kinnaman hat man seine wuchtigen Gemälde natürlich raufappliziert – und er ist auch unterm Strich der richtige Mann für diese Drecksarbeit, die Andrea di Stefano (Escobar – Paradise Lost) hier ergrimmte Gemüter machen lässt. Ein kurzweiliger, wenig zimperlicher Thriller mit allerlei Agenten- und Intrigenkram, der in seiner zornigen Art Althasen wie Stallone oder Schwarzenegger den Escape Plan klaut.

The Informer

The Rhythm Section

WAS DICH NICHT UMBRINGT…

5/10

 

therhythmsection© 2020 Leonine

 

LAND: USA 2020

REGIE: REED MORANO

CAST: BLAKE LIVELY, JUDE LAW, STERLING K. BROWN, MAX CASELLA, RICHARD BRAKE U. A. 

 

Wieder ein Film, der sich der Virus-Diktatur hat beugen müssen: The Rhythm Section mit Blake Lively und Jude Law. Hätte in die Kinos kommen sollen, wurde aber auswaggoniert und fürs Streaming zur Verfügung gestellt. Die Kino-Nerds danken – wie sonst sollen sie up-to-date bleiben, wenn später mal alles Verschobene auf einmal kommen soll und die Lichtspiel-Agenda an Terminen nur so überquillt. Der Film kam natürlich auf die Liste. Und war dann, obwohl Livelys neuer Look zumindest im Trailer stylishes Spannungskino im Stile von Atomic Blonde versprochen hat, doch eher ein verhaltenes Vergnügen. Diese Ernüchterung bezieht sich auf ein gravierendes Plausibilitätsproblem, das eben nicht nur The Rhythm Section hat, sondern auch einige andere themenverwandte Filme im Vorfeld schon hatten.

Eine sagen wir mal normale Bürgerin oder normaler Bürger wird mit einem traumatischen Schicksal konfrontiert: die plötzliche Auslöschung eines geliebten Menschen – oder gleich mehrerer, vielleicht sogar der gesamten Kernfamilie, mit der man unter einem Dach gelebt hat. Das Verschulden eines solchen Unglücks kann unterschiedlich sein, allerdings wird von US-Drehbuchautoren sehr gerne das Motiv des Terroranschlags bemüht, und wenn dieses Motiv schon zu sehr abgegriffen ist: das stinknormale, aber nicht weniger verheerende Verbrechen. Ganz klassisch: Charles Bronson oder später Bruce Willis, die in Death Wish zum reuelosen Racheengel werden. Auch ein Film wie American Assassin lässt einen völlig unauffälligen Studiosus innerhalb kürzester Zeit zum Profi-Agenten mutieren, der im Action-Hero-Modus mit dem fiesesten Dschihadisten konkurrieren kann. Und jetzt Blake Lively. Durch einen Flugzeuganschlag verliert die ebenfalls junge, blitzgescheite und verwöhnte Studentin ihre gesamte Familie. Das ist natürlich eine furchtbare Tragödie. Normalerweise holt man sich da psychologische Hilfe oder wird vom Rest der Familie (den es meist geben muss) aufgefangen. Gibt es den nicht, sind es Freunde, die Blake Livelys Filmcharakter sicherlich gehabt haben muss. Aber nein: in The Rhythm Section gibt es gar nichts, weder Familie noch Freunde, und Lively rutscht ganz tief runter in den Drogenkeller, um sich mit Prostitution das Geld für den nächsten Schuss zu verdienen. Um da wieder rauszukommen braucht es Selbstdisziplin. Was alleine schon Stoff für ein Drama wäre. Aber daraus, so finde ich, kann kein Rachethriller werden, weil es mir einfach nicht plausibel erscheint, dass ein entsprechend wohlerzogener Mensch plötzlich zur gestählten Agentin mutiert, die auf der Vendetta-Schiene fährt. Dieses Schema ist viel zu platt. Das Ganze sieht vielleicht maximal so aus wie im Traumadrama Aftermath mit – aufgepasst – Arnold Schwarzenegger, der ebenfalls Frau und Kind bei einem Flugzeugabsturz verloren hat und auf ganz andere Weise und in all seinem (völlig nachvollziehbaren und solide vorgetragenen) Schmerz den Verantwortlichen für diese Katastrophe zur Rechenschaft ziehen will. Das ist verhaltenspsychologisch tatsächlich plausibel. The Rhythm Section ist es nicht, im Gegensatz wiederum zu Atomic Blonde, deren Figur eine entsprechende Vergangenheit mit sich bringt. Zumindest wird Lively nicht zur  Killerin, denn dann hätten wir eine zweite Nikita, wobei ihr Look sowieso schon an Luc Bessons Kampfamazone erinnert. Sagen wir mal es ist eine Hommage 😉

So viel zu Filmen wie diesem. Auch wenn Blake Lively sich im Gegensatz zum eintönigen Jude Law wirklich ins Zeug legt und herausholt, was man aus so einer Rolle nur herausholen kann: Depression, Drogensucht, Trauer, ein verquollenes Gesicht, tränende Augen und unendliches Selbstmitleid. Das passt inklusive perfektem Makeup alles gut zusammen, und zwar so gut, dass die talentierte Schauspielerin auf alle Fälle einen besseren Film verdient hätte und nicht die Verfilmung eines gefühlt x-beliebigen Belletristik-Thrillers, dessen inhaltliches Konzept, oft verbraten, nur noch wenige Überraschungen birgt. Wenn schon das Thema bürgerlicher Rache aus dem Dunstkreis der genügsamen Mittelklasse, dann Aftermath. Für einen Thriller wie diesen ist The Rhythm Section nämlich viel zu sehr vom Reißbrett.

The Rhythm Section

RED SPARROW

DEN SPATZ IN DER HAND

5,5/10

 

redsparrow© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2018

REGIE: FRANCIS LAWRENCE

MIT JENNIFER LAWRENCE, JOEL EDGERTON, MATTHIAS SCHOENAERTS, JEREMY IRONS, CHARLOTTE RAMPLING U. A.

 

Wenn ich als feierabendlicher TV-Channelsurfer an den SWR denke, dann fällt mir erstmal unweigerlich der Südwestrundfunk ein. Dass mit diesem Kürzel aber auch der russische Auslandsnachrichtendienst gemeint ist, erschließt sich mir erst nach Sichtung des neuen Films von Panem-Macher Francis Lawrence. Red Sparrow heißt sein Agententhriller, und natürlich hat Namensvetterin Jennifer womöglich schon vor Vorlage des Drehbuchs zum Film ihre Rolle als fix in ihrer Agenda gehabt. Francis hätte aber auch Charlize Theron besetzen können – die hat aber bereits für Atomic Blonde zugesagt. Mit seiner ehemaligen Darstellerin der Katniss Everdeen ist Francis Lawrence aber sowieso auf der publikumswirksameren Seite. Lawrence zählt zu den bestverdienenden Stars und hat auch weit über ihr schauspielerisches Können hinaus im weltweiten Celebrity-Pool ihre Hände mit im Spiel. Red Sparrow wird also wohl vor allem wegen Jennifer Lawrence sein Geld einspielen, keine Frage. Noch dazu, wenn bei Erwartung einer im Vorfeld angekündigten ungezügelten Nabelschau Erinnerungen an Sharon Stone wach werden. Dass zumindest zeitweilig die Zugriffe auf die unwillkommenen Nacktfotos der jungen Dame weniger werden, kann auf taktisches Kalkül zurückzuführen sein.

In Red Sparrow, nach dem Roman des Ex-CIA-Agenten Jason Matthews, der sicher mit reichlich Erfahrungen aus der Branche authentisches Gebaren hinter den Kulissen illustriert, führt der SWR also so etwas Ähnliches wie ein Bootcamp für reizorientierte Kampfmätressen, genannt die Spatzenschule, unter der Fuchtel einer steingesichtigen Charlotte Rampling, die einen seltsamen Haufen junger Russinnen und Russen zur Schamlosigkeit erzieht. In dieses zweifelhafte Etablissement wird die Ex-Ballerina Dominika Egorova von ihrem zwielichtigen Onkel Wanja – da war wohl Matthews ein Liebhaber Anton Tschechows – gekarrt. Doch wenn ich Dominika Egorova wäre, würde ich, sofern ich die Wahl hätte, absichtlich aus der Schule fliegen wollen. So elitär und effektiv, wie angekündigt, ist diese knochentrockene Erziehungseinrichtung, die irgendwie an das Internat Romy Schneiders aus Mädchen in Uniform erinnert, längst nicht. Zumindest gelingt es Francis Lawrence kaum, die angebliche Relevanz der Vorgeschichte unseres roten Spatzen zu rechtfertigen. Die sogenannten Geheimnisse der Verführung und Manipulation, die dort weit jenseits des Kamasutras beigebracht werden, scheinen auch als Online-Tutorial auf Youporn seinen Zweck erfüllen zu können. Und die Erkenntnis von Jennifer Lawrence, dass sexuelle Nötigung meist mit Machtgehabe zu tun hat – das ist jetzt nicht so die Aha-Erkenntnis, die sie wohl meint erlangt zu haben.

Hat man die zumindest in der Synchronisation im unfreiwillig komischen, russischen Dauerakzent sprechende Meisterin aller Klassen in die freie Wildbahn der Agenten und Spione entlassen, beginnt das Spiel um Information, Täuschung und Taktik überhaupt erst interessant zu werden. Da ist aber schon rund die Hälfte des Filmes um. Sei´s drum, das war bei Atomic Blonde auch so. Da hat das Genre des Agentenfilms generell das Problem, die Gesamtsituation für das Publikum in viel zu langen Erklärungen überhaupt erst erfassbar werden zu lassen. Bei Atomic Blonde und Red Sparrow zeigt das Drehbuch zur ersten Halbzeit deutliche Schwächen – leicht zu dramatisieren ist so eine Romanvorlage sicher nicht. Hut ab, wenn es zumindest halbwegs gelingt. Dann aber wird das Gefühl, schon viel zu viel Zeit in Red Sparrow investiert zu haben, deutlich schwächer. Jennifer „Dominika“ Lawrence, die trotz ihres barbusigen, aber dennoch verhaltenen Teasings wie kaum eine andere junge Filmdiva so sehr ihre Keuschheit an die vorderste Front schickt, hat in Joel Edgerton zumindest einen Filmpartner gefunden, der seine Reize zum Glück nicht vortäuschen muss. Der stets verkniffen dreinblickende, gestandene Charaktermime hat schon Charisma, während Matthias Schoenaerts wie der jüngere Bruder von Vladimir Putin Todesdrohungen wie Tombolapreise verhökert.

Man bemerkt mitleidig, dass der rote Spatz immer noch gerne Ballerina hätte sein wollen. Von Professionalität keine Spur, vielmehr fallen die scheinbar unerwarteten Umstände in der Agentin aufreizenden Schoß. Improvisation ist wohl mehr ihr Ding  – oder ist alles nur Fassade? Spätestens jetzt sollte ich damit das Interesse meiner Leser wecken, denn je näher wir zum Ende kommen, umso mehr schlägt der Thriller seine notwendigen Kaninchenhaken, um als durchaus spannender Geheimtrip – nicht Tipp – zwischen Moskau, Budapest und Wien in Erinnerung zu bleiben. Und der Wiener Michaelaplatz könnte zumindest für Fans, die sich getrost wieder JLa´s Nacktfotos widmen, eine völlig neue Bedeutung erlangen.

RED SPARROW