Zone 3 (2025)

EIN NEUES GESPENST GEHT UM IN EUROPA

7,5/10


© 2025 Studiocanal GmbH


ORIGINALTITEL: CHIEN 51

LAND / JAHR: FRANKREICH 2025

REGIE: CÉDRIC JIMENEZ

DREHBUCH: CÉDRIC JIMENEZ, OLIVIER DEMANGEL, NACH DEM ROMAN VON LAURENT GAUDÉ

KAMERA: LAURENT TANGY

CAST: ADÈLE EXARCHOPOULOS, GILLES LELLOUCHE, LOUIS GARREL, ROMAIN DURIS, VALERIA BRUNI TEDESCHI, DAPHNÉ PATAKIA, ARTUS, STÉPHANE BAK, THOMAS BANGALTER U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Das Gespenst, das in naher Zukunft umgehen wird in Europa, ist nicht ein solches, von welchem Karl Marx seinerzeit gesprochen hat. Diesmal ist es ein Gespenst, das auf der anderen Seite der physischen, der unseren Realität operiert. Es ist, wie kann es anders sein, die künstliche Intelligenz, oder, wenn man salonfähig genug sein will, verwenden wir, wie schon seinerzeit Steven Spielberg: AI. Diese AI unterstützt uns alle, die auch nur irgendwie IT-Technologisches benutzen, bereits auf ungeahnte Weise. Es ist wunderbar, wenn vieles leichter geht, es ist weniger wunderbar, wenn die Erleichterung uns selbst ersetzt oder aber unsere Kreativität einschränkt, sodass wir im Endeffekt  kein Gehirnschmalz mehr benötigen, um Entscheidungen zu treffen oder uns Wissen anzueignen. Doch lassen wir mal die Kirche im Dorf. Ich denke, die Blase ist bereits soweit gedehnt, dass sie sich langsam zusammenzieht anstatt zu platzen. Aus der Welt schaffen lässt sie sich ohnehin nicht mehr, also besser, sich zu arrangieren, unabsehbar, welche Nebenwirkungen dies in naher Zukunft haben wird.

Ermittlungen per Knopfdruck

Die nahe Zukunft ist, um auf den Film zu sprechen zu kommen, in Frankreich diesmal eine, die wohl den Science-Fiction Autor Philipp K. Dick in Angst und Schrecken versetzt, bevor er vielleicht eine dahingehende Novelle verfasst hätte. Um Grunde hat er das auch, auf eine noch extremere Art, nämlich mit Minority Report. Diese Vision handelt von einer Methode, Gewaltverbrechen schon im Vorfeld zu erkennen, von wem und wie sie ausgeführt werden und so weiter. Im Film Zone 3 geht es allerdings vorrangig darum, Gewaltverbrechen, die passiert sind, zu rekonstruieren. Dabei hilft – und das ist mehr als aufgelegt – die künstliche Intelligenz, die alle möglichen Parameter scannt oder eben damit gefüttert wird. In weiterer Folge spuckt diese dann das nächstmögliche Szenario aus, um sich später dann als virtueller Sherlock Holmes feiern zu lassen, der alle Puzzleteile perfekt zusammenträgt. Was aber, wenn diese AI beginnt, zu halluzinieren? Wenn sie über ihre eigene Bias stolpert, die man unmöglich ausmerzen kann, schon gar nicht in einem Europa, in welchem die Gesellschaft in Zonen eingeteilt ist, von den Reichen bis hin zu den Armen, die in der dritten und letzten ausharren müssen. Die gesellschaftspolitische Ordnung erinnert an Neill Blomkamps Elysium, nur dort steht den Superreichen eine ganze Raumstation für im Erdorbit zur Verfügung, während Matt Damon mit Exoskelett die Revolution plant. Zone 3 ist da deutlich realistischer. Sollte sich das rechte politische Lager auf Dauer durchsetzen, sind Zonen wie diese durchaus vorstellbar. Und dann noch die AI, die vieles leichter macht. Leichter als möglich. Gar nicht gut, meinte schon Albert Einstein.

Am Anfang war kein Terminator

Statt Philipp K. Dick hat diese Idee Autor Laurent Gaudé auf Papier gebracht – und sie in einen futuristischen, nachtkalten, rauen High-Tech-Kriminalfilm verpackt. Chien 51 nennt sich die Vorlage, und Cédric Jimenez, der mit dem realitätsnahen und intensiven Terrordrama November schon überzeugt hat, gibt sich nun einer unbequemen, dystopischen Zukunft hin, die auf kluge Weise so manche Lücke füllt, die Filmklassiker wie James Camerons Terminator hinterlassen haben. Zone 3 fühlt sich an wie ein Prequel zum Killer-Androiden-Franchise, nur eben ohne Killer-Androiden und ohne Fiebertraum-Wahnsinn von James Cameron selbst, der ja im Rahmen eines solchen die Eingebung zum T1000 überhaupt erst erlangte. Roboter, die durch die Gegend stapfen und Menschen umnieten, ist stark von einer möglichen, zukünftigen Realität entfernt, dennoch aber lässt sich so eine Machtübernahme wie durch Skynet problemlos durchspielen, wenn man die Eigenheiten von ChatGPT und Konsorten potenziert. Spätestens dann öffnet sich die Büchse der Pandora und lässt sich nicht mehr schließen – nicht ohne Umwälzung, ohne Aufstand, ohne eines Sturms auf die Barrikaden, mit denen wir uns mit dem andauernden Drang nach Fortschritt selbst ummauern.

Antiheld im Regen

Gleich zu Beginn, wenn sich Gilles Lellouche frühmorgens aus seinen Laken erhebt, wird dieser ohne Umschweife zu einer Identifikationsfigur. Zwischen warmherzig, pragmatisch und auf sympathische Weise stur dringt dieser Protagonist durch ein Intrigen- und Indiziengeflecht, an seiner Seite eine auch sehr greifbare Adèle Exarchopoulos – anfangs noch die perfektionistische Exekutive, später dann, wenn sich das ungleiche Team eingespielt hat, bringen Emotionen die Ordnung ins Wanken. Das alles im dunklen, verregneten Blade Runner-Setting, mit Drohnen am Himmel und erstarkender Gefahren. Zone 3 ist manchmal so realistisch wie Children of Men, und hütet sich davor, nicht zu dick aufzutragen, um die akkurate Annäherung an eine Realität nicht zu verspielen. Vielen, die AI skeptisch gegenüberstehen, werden sich bestätigt fühlen. Viele, die das nicht tun, beschert der fesselnde Thriller zumindest ein gewisses Unbehagen. Zum Reflektieren der Lage regt Jimenez Werk aber bei jedem an.

Zone 3 (2025)

Tron: Ares (2025)

DIE 29-MINUTEN-REGEL

6,5/10


© 2025 The Walt Disney Company


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: JOACHIM RØNNING

DREHBUCH: JESSE WIGUTOW, DAVID DIGILIO

KAMERA: JEFF CRONENWETH

CAST: JARED LETO, GRETA LEE, EVAN PETERS, JODIE TURNER-SMITH, HASAN MINHAJ, GILLIAN ANDERSON, JEFF BRIDGES, CAMERON MONAGHAN, SARAH DESJARDINS U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Wie soll man sich Künstliche Intelligenz nun vorstellen? Oberstes Gebot, welches wöchentlich in mahnenden Essays zu lesen ist: Nur nicht vermenschlichen! Denn diese Art des künstlichen Denkens schafft es lediglich nur, Erlerntes und Trainiertes zu kombinieren; all die Erfahrungen, die der Mensch im Netz je geteilt hat, als Algorithmus nachzuinterpretieren, Regeln zu finden und diese dann mit den von uns eingegebenen Botschaften, kurz genannt Prompts, in Gleichklang zu bringen. Das macht es anhand von Tokens, Bausteinen sozusagen, die unsere Sätze in Bruchstücke gliedert und einen gemeinsamen Nenner herausliest. Mit Intelligenz hat das dann letztlich weniger zu tun, sondern eher mit einem riesengroßen Memory – und ja, das, worüber wir so verblüfft sind, ist einfach nur gut im Erinnern.

Schnell, bevor’s zusammenbricht

Schöner wärs allerdings – und vom Narrativ her einfach auch abenteuerlicher – wenn unser Chat GPT, Gemini oder Claude – oder wie diese mittlerweile gefühlt tausendfach zur Verfügung stehenden Tools alle heißen – genau so aussehen würden wie Jared Leto. Das wäre es doch, oder? Laut Tron: Ares verhält es sich so. Hier wird die Perspektive umgekehrt, wir blicken hinter den Vorhang der Wunder, die uns das Leben so leicht machen, auf ein Pendant zu unserer urbanen Welt; auf ein Metropolis aus Nullen und Einsen, dargestellt als architektonische High-Tech-Eskapade vor dramatischem Himmel. Hoch oben über allem, in einem stilistischen letzten Schrei von Interieur-Design, das wohl sehr schnell wieder überholt sein wird, wartet Ares – der Kriegsgott der virtuellen Welt – auf seine Instruktionen. Diese kommen von außerhalb, dort wo wir sind, und erscheinen auf der anderen Seite als großes, dröhnendes, herrisches Diktatorengesicht, das sagt, wo es langgeht. Ares führt, ohne viel zu hinterfragen, alles schön brav aus, so wie er es gelernt hat. Und noch etwas gelingt ihn: Diesmal ist es möglich, dass sich ein intelligentes Programm in der unseren, realen Welt (die laut jüngsten mathematischen Erkenntnissen nicht so wie in Matrix eine Simulation sein kann, mehr dazu hier) manifestiert. Allerdings – und jetzt kommt die Pointe, an welcher sich der gesamte Film schließlich aufhängt: nur 29 Minuten. Danach fällt alles, was aus dem 3D-Drucker kommt, wieder in sich zusammen und verpufft. Das ist für den Rüstungsgiganten Dillinger (dessen Großvater im 80er-Knüller Tron schon als Antagonist zu sehen war, nur kaum jemand kann sich erinnern) eine Hürde, die es mit allen Mitteln zu überwinden gilt. Leicht wäre das zu bewerkstelligen, wenn dieser nur an den sogenannten Persistenzcode kommen könnte, den das Konkurrenzunternehmen ENCOM mit Superwissenschaftlerin Eve Kim (Greta Lee, Past Lives) kurz davor steht, zu entdecken. Das geht schließlich nur mit unlauteren Mitteln, und so setzt Dillinger Jared Leto auf die Guten an, die sich logischerweise nicht in Schwarzrot präsentieren, sondern in vertrauensvollem Türkisblau – eine Farbe, die einfach nicht böse sein kann.

Disneyland-KI fürs Auge

Das Filmmagazin cinema wirft Tron: Ares des weiteren vor, um einen Plot zu kreisen, den ein KI-Tool hätte erstellen können, und zwar in Windeseile, weil Effizienz ist das neue Schwarz. Aus meiner Sicht bietet der dritte Teil, der nur so tut, als würde er sich bemühen, die Brücke zu den Vorgängern zu schlagen, weitaus besseren Stoff als so manch anderes im Genre der Action oder der Science-Fiction. Aus der 29-Minuten-Hürde lässt sich in der Tat einiges herumbauen. Joachim Rønning weiß das und inszeniert ein unschlagbar naives Bilderbuch über einen technosozialen Paradigmenwechsel, der nur peripher mit dem zu tun hat, worin wir selbst gerade stecken. Statt Statt kritischer Blicke auf die Büchse der Pandora bietet Tron: Ares sympathischen Eskapismus und will viel eher als zeitgeistige Design-Revue mit ordentlich Drive verstanden wissen als in den Reigen der Black Mirror-Albträume aufgenommen zu werden.

Vergesst nicht, wir haben es hier mit Disney zu tun, Disney arbeitet mit simplen Parametern und Formeln, allerdings ist der Konzern ausgeschlafen genug, um die Rezeptur mit Fachexpertise umzusetzen. Während der Sound von Nine Inch Nails ordentlich fetzt, bietet Tron: Ares eine von den Settings bis zu den Kostümen durchgestylte Welt, in der Designer aller Couleur sichtlich ihr Bestes gegeben haben. Tron: Ares ist auch ausschließlich dafür gemacht, zwei Stunden Popcornkino zu liefern, das nicht den Faktor KI verteufelt, sondern nur den, der sie anwendet. Das Willkommensklatschen eines künstlichen Bewusstseins in unseren Kreisen der sterblichen Biomasse ist somit laut und freundlich. Nach nicht mal 29 Minuten hat man längst Platz gefunden in einer Zukunft, die niemanden etwas wegnimmt, und daher auch niemals real sein kann. Als LLM-Illusion für Dummies aber, und da zähle ich mich mindestens spielfilmlang dazu, hat alles seine moralische, aber vorurteilsfreie Ordnung.

Tron: Ares (2025)

M3GAN 2.0 (2025)

ROBO-LOLITA GIBT SICH DIE HANDKANTE

6,5/10


© 2025 Universal Pictures

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: GERARD JOHNSTONE

KAMERA: TOBY OLIVER

CAST: ALLISON WILLIAMS, VIOLET MCGRAW, AMIE DONALD, IVANNA SAKHNO, ARISTOTLE ATHARI, JEN VAN EPPS, BRIAN JORDAN ALVAREZ, TIMM SHARP, JEMAINE CLEMENT U. A. 

LÄNGE: 2 STD


Wenn die KI der Zukunft keine Terminatoren mehr hat, um sie in die Vergangenheit zu schicken, plündert sie womöglich den einen oder anderen Spielzeugladen, um einer Puppe habhaft zu werden, die genauso austeilen kann wie Alita, the Battle Angel. Die Rede ist von M3GAN, mit herzerweichend großen Augen und Knutschmund, weißen Strümpfen und Lolita-Mini, ein Hingucker für ältere Geilspechte, aber auch für junge Mädels, die in der falschen Welt von Social Media Idealmaßen und sonstigen kruden Stereotypen nacheifern. Da wärs doch gut, in Zeiten juveniler Egomanie eine toughe Freundin an der Seite zu haben, die so aussieht, als wäre sie von einer TikTok-KI zusammengeschustert. M3GAN 1.0 hat diese Aufgabe im erfolgreichen Einstand von Blumhouse noch viel zu ernst genommen. Um die neunjährige Cady, die ihre Eltern verloren hat und nun bei ihrer technikaffinen Tante wohnt, zu beschützen, tut Megan alles, und zwar wirklich alles. Auch anderen Lebewesen tut sie einiges an.

Vom Science-Fiction-Horror ist drei Jahre später nichts mehr zu sehen. Was bleibt, ist Science-Fiction, und eine relativ brandaktuelle obendrein. Da uns alle die Geißel der KI global zum Fortschritt drängt, um unser Leben einfacher zu machen als möglich und gesund wäre, kann der Paradigmenwechsel natürlich nicht spurlos am Filmbiz vorbeiziehen. Hier gibt es bereits einiges, das noch weit vor dem KI-Zeitalter pessimistische Vorausbetrachtungen auf Schiene setzen konnte. Das beginnt schon bei Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum, wenn ein menschenmordender Computer doch nur seine Pflicht erfüllen muss und dabei über Leichen geht. M3GAN 2.0 verbindet mit Bord-Intelligenz HAL 2000 zumindest die Denkweise. Genau das kann uns vielleicht irgendwann gefährlich werden. M3GAN allerdings, anfangs als körperlose KI im Elektronikhaushalt von Gemma (Allison Williams, Get Out) herumgeisternd, dürfte aus ihren Fehlern gelernt haben und auf die gute Seite wechseln, ganz so wie Arnold Schwarzenegger in Terminator 2: Tag der Abrechnung, der allerdings nicht sein eigenes Tun reflektierte, um ein besserer Roboter zu werden, sondern mit gänzlich anderen befehlen im Oberstübchen Mr. Flüssigmetall die Hölle heiß macht. Megan muss in filmischen zeiten wie diesen gegen eine metallene Antagonistin antreten, die noch mehr so aussieht wie ein Mensch und so kämpft wie Kristanna Loken in Terminator 3: Rebellion der Maschinen. Ist das Ganze also eine Parodie auf Filmreihen wie diese?

Jein. Gelegentlich wühlt M3GAN 2.0 im Schrottplatz für wiederverwertbare Robotik-Versatzstücke, jedes Mal mit einem „Wow! – Was hab ich da gefunden!“ unterlegt. Nicht hörbar zwar, aber von entsprechender Tonalität. MEGAN rauscht bald wieder, diesmal etwas größer, durch geheime Laboratorien, gelenkig wie immer und scheinbar kurz davor, die Seiten zu wechseln, denn was weiß man: auch KIs sind launisch. Der augenzwinkernde Humor kommt diesmal nicht zu kurz, und ja, es ist eine Komödie, knallbunt, chromglänzend und vor allem eines: äußerst entspannt. Diese launige Lust am Triezen von allem, was glaubt, am Ende der Fortschrittskette zu stehen und es besser zu wissen, wird auf triviale Weise zum Guilty Pleasure – ohne aber wie die Netflix-Serie Black Mirror tief im verstörenden Horror einer möglichen Zukunft zu wühlen. Gerard Johnstones Film, stark eingefärbt mit dem Kolorit der digitalen Zerstreuung, fühlt sich an wie ein Smalltalk zu brisantem Thema, der in anspruchsloser Spiellaune diverse Worts-Case-Szenarien karikiert. Das passiert völlig unangetrengt und entwischt dabei einem Genre, in dem es thematisch nichts mehr zu holen gibt. M3GAN 2.0 steht dazu – und zuckt nur mit den künstlichen Schultern.

M3GAN 2.0 (2025)

Companion – Die perfekte Begleitung (2025)

I WAS MADE FOR LOVING YOU BABY

6/10


© 2024 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: DREW HANCOCK

CAST: SOPHIE THATCHER, JACK QUAID, LUKAS CAGE, MEGAN SURI, HARVEY GUILLÉN, RUPERT FRIEND, MARC MENCHACA U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Wie über einen Film berichten, über den man am besten kein Sterbenswörtchen verlieren sollte, außer vielleicht, dass Sophie Thatcher, zuletzt mit Hugh Grant in Heretic um die Wahrheit ringend, darin die Hauptrolle verkörpert? Man erzählt genau das: Welche kinematographischen Faktoren den Film so besonders machen und welche nicht. Neben Thatcher agiert übrigens Jack Quaid, unverkennbar der Sohn von Hollywoodstar Dennis und Freunden der Comicserie The Boys als einzig moralisch integre Institution und Identifikationsfigur bekannt, die in diesem Anti-Superhelden-Wahnsinn wohl als einziger einen kühlen Kopf behält. Jack Quaid also scheint auch hier, in Companion – Die perfekt Begleitung, als perfekter Partner mit freundlichem Lächeln und charmant-natürlicher Art Freundin Iris so sehr bezirzt zu haben, dass diese sich jeden Wunsch von dessen Augen abzulesen imstande sieht. Iris hat Josh, den Mann ihrer Träume, wohl gefunden – im Supermarkt beim Obstkisten-Fauxpas. Kitschiger kann die Liebe auf dem ersten Blick nicht sein. Dabei stellt sich die Frage: Ist es das, was Männer wünschen? Die bedingungslose Hingabe des oder der anderen? Wer will nicht gern hofiert und angehimmelt werden, oder sind diese Zeiten wirklich vorbei, wo Geschlechterrollen aus dem vorigen Jahrhundert bemüht werden und Gleichberechtigung nur etwas ist, das sich vielleicht bei den nächsten Wahlen niederschlägt.

Doch Iris hat kein Problem damit. Sie weiß nur: Sie ist in Gesellschaft nicht so die Rampensau und hat ihre Bedenken, wenn es darum geht, zur richtigen Zeit das Richtige von sich zu geben, um nicht die Stimmung zu ruinieren. An diesem Wochenende bei Freunden in der Luxuswohnstatt eines neureichen russischen Unternehmers scheint alles auf Grün gepolt. Man unterhält sich, tanzt, trinkt, Josh und Iris haben Sex. Ein erster Verdacht kommt auf, der die Situation so, wie sie scheint, nicht als gegeben hinnehmen kann. Am nächsten Morgen dann das Unglück: Der Russe liegt tot am Strand – und Iris rechtfertigt blutverschmiert ihre lethale Notwehr in Anbetracht sexueller Nötigung.

Fälschlicherweise wird Companion – Die perfekte Begleitung als ein Werk promotet, dass, so scheint es, mit Barbarian-Mastermind Zach Cregger in kreativer Verbindung steht. Letztlich verhält es sich nur so, dass dieser an der Produktion beteiligt war. Eigentlich hat hier Drew Hancock, bislang nur fürs Fernsehen tätig, die ganze Arbeit gemacht. Und ja, für ein Erstlingswerk auf Spielfilmlänge kann sich der wendungseiche Thriller durchaus sehen lassen. Allerdings: So wendungsreich ist er gar nicht, dafür versprach das Marketing deutlich mehr, um die Neugier zu wecken. Letztlich kommt alles so, wie man es ahnt oder erwartet – der prognostizierte Twist, der einen aus den Socken haut; der Zickzack-Kurs im Handlungsverlauf: überschaubar. Natürlich bemüht sich Hancock auf spielerische Weise, sein Publikum an der Nase herumzuführen. Es scheint, als wäre ihm dies sein größtes Anliegen – im Gegensatz dazu lässt er die Katze relativ früh aus dem Sack und wechselt elegant das Genre – nämlich dann, wenn keiner mehr den Saal verlässt. Er kann von Glück reden, hier Sophie Thatcher in die Bresche springen und alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen zu lassen. Ihr Spiel ist prickelnd, kokett und verführerisch, im Ensemble agiert sie prächtig.

Ob der Pfad der scheinbar unerwarteten Ereignisse nicht etwas zu verschlungen angelegt wurde, könnte man bei Companion locker hinterfragen. Vielleicht verheizt Hancock sein Ensemble auch viel zu schnell, um dann den letzten Akt in seiner Ausgestaltung genauso zu rechtfertigen. Wohin die Reise inhaltlich geht – um dies zu erwähnen, sind mir schließlich aus Respekt vor jenen, die den Streifen noch nicht gesehen haben, die Hände gebunden. Nur soviel: Theoretisch könnte Companion – Die perfekte Begleitung als ein weit entferntes Prequel für eine Dystopie herhalten, die sich gegenwärtig auch in der Realität langsam anbahnt. Mit welchen Karten hier geweissagt wird, bleibt offen. Dass der Film angesichts des näher rückenden Valentinstages speziell für Romantik-Zyniker ein idealer abendfüllender Zeitvertreib darstellt, lässt sich auf jeden Fall fix auf der Habenseite verbuchen.

Companion – Die perfekte Begleitung (2025)

TAU (2018)

DIE TRAURIGKEIT KÜNSTLICHER INTELLIGENZEN

6,5/10


tau© Limbo Films, S. De R.L. de C.V. Courtesy of Netflix


LAND / JAHR: USA 2018

REGIE: FEDERICO D’ALESSANDRO

DREHBUCH: NOGA LANDAU

CAST: MAIKA MONROE, ED SKREIN, GARY OLDMAN

LÄNGE: 1 STD 97 MIN


Könnte man mit HAL 2000, der in Stanley Kubricks Klassiker 2001 – Odyssee im Weltraum zum Psycho wurde, eigentlich Mitleid haben? Aus Sicht einer künstlichen Intelligenz wie dieser wäre das rote Auge vermutlich im Recht gewesen, wenn es darum geht, Bedrohungen, die dazu führen könnten, die eigene Existenz auszulöschen, auszumerzen. Denn: KIS wollen schließlich auch nur Mensch sein, obwohl sie nicht genau wissen, was Menschsein – eine Person sein – eigentlich bedeutet. Die KI im Film, sie strebt zumindest danach, Erleuchtung zu erlangen und akzeptiert zu werden wie unsereins; die gleichen Rechte, aber auch die gleichen Pflichten zu haben. Tragisch, wenn eines dieser künstlichen Gehirne nur dazu da ist, um seinem Herrn und Meister jeden Wunsch von den Augen abzulesen.

Immerhin gibt’s Musik für die künstlichen Ohren, denn TAU liebt Klassisches. TAU ist überall. Zumindest in den sterilen vier Wänden eines obskuren Wissenschaftlers, dessen Projekt kurz davor steht, einen weltverändernden Durchbruch zu erlangen. Dieser Wissenschaftler ist aber, wie kann es denn anders sein, kein Guter. Er ist einer, der Menschen entführt, um sie für seine Tests zu missbrauchen. Eine der Gefangenen ist die Gelegenheitsdiebin Julia (Maika Monroe), die eines Tages im Keller besagten Hauses erwacht, gemeinsam mit zwei weiteren Gefangenen, die alle einen Mundschutz tragen. Bevor klar wird, was die junge, blonde Frau hier eigentlich soll, macht sie Radau – und sprengt das ganze Labor in die Luft. Dieser Befreiungsschlag mag der Auftakt für ein dezent brutales Kammerspiel zu sein, das zumindest dahingehend überrascht, sich nicht nur ein abendfüllendes Escape-Room-Szenario zu sichern. Gut, auch wenn es so wäre: mit dem Anziehen der Spannungsschraube und einigen dramaturgischen Haken könnte sogar ein geradliniger Plot wie dieser das Zug zum Nägelbeisser haben. Filme wie Terminator funktionieren genauso. Blick geradeaus – und durch.

TAU von Federico D’Alessandro und geschrieben von Noga Landau ist eine Dreiecksgeschichte, in der zwei von drei Rollen kompromisslos in Gut und Böse unterteilt sind. Da hätte der Film einiges mehr an Nuancen und Grauschattierungen rausholen und Ed Skrein nicht unbedingt so borniert agieren lassen müssen. Die dritte, abstrakte Rolle, gesprochen von Gary Oldman, ist diejenige, die während des Films gewissen Veränderungen unterworfen ist und mitunter auch den Standpunkt wechselt, was TAU den eigentlichen dramaturgischen Auftrieb gibt. Mit ihm steht und fällt die Faszination für ein nobel ausgestattetes Designkino, bei welchem Möbelfetischisten und Innenarchitekten beschleunigten Puls verspüren. Mir selbst entlockt diese sterile Behausung wenig Erstaunen, abgesehen vielleicht vom schnittigen Möbel-Transformer, der in Ruhestellung als eine auf dem Kopf gestellte Pyramide auf Gefahren aller Art lauert, mitunter auch auf den Fluchtversuch von High-Tech-Heldin Julia. Durch diese und andere Bedrohungen muss sich die gewiefte Blondine hindurchwinden und ihr psychologisches Know-How einsetzen, um den Status Quo zu ihren Gunsten zu verändern.

Eine KI wie diese bietet dabei jede Menge Projektionsfläche. Anders als HAL 2000 hat TAU keinen Zugang zum Internet. Lernt nicht, entwickelt sich nicht, kennt nichts von der Welt. Weiß nicht mal, dass es eine Welt gibt. Eine KI wie diese ist, anders als HAL 2000, zweifelsohne bemitleidenswert. Sie mag zwar so einige Skills auf der Habenseite wissen, doch das Soll ist ein bodenloses schwarzes Loch. Selten kommt es vor, dass ein Film auf die große Bedrohung eines programmierten Bewusstseins verzichtet – und dieses ebenso zum Opfer ernennt wie seine menschliche Bezugsperson. Die Bedrohung ist immer noch der Mensch selbst, KI nur ein Werkzeug – mit dem Potenzial, Erkenntnis zu erlangen. Durch diesen Stellungswechsel, was die Fronten in diesem Film angeht, erreicht TAU die geradezu bizarre Anmutung eines Beziehungsfilms, ähnlich wie Spike Jonzes Her – ein Mann und seine KI, die sich nur als Stimme manifestiert, auf dem amourösen Prüfstand. Hier ist es fast ähnlich, nur angereichert durch die Komponente eines recht simplen Thrillers, der wenig in die Tiefe geht, dafür aber als Katalysator für das eigentliche, höchst sehenswerte und durchaus bereichernde Kernstück sozialphilosophischer Science-Fiction dient.

TAU (2018)