Kate

TOTGESAGTE BALLERN LÄNGER

4/10


kate© 2021 Netflix

LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: CEDRIC NICOLAS-TROYAN

CAST: MARY ELIZABETh WINSTEAD, WOODY HARRELSON, MIKU MARTINEAU, MIYAVI, JUN KUNIMURA, TADANOBU ASANO, MICHIEL HUISMAN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Was Actionheldinnen und -helden heutzutage alles an Schmerzen ertragen müssen, ist wirklich nicht mehr als menschlich zu betrachten. Mit seinen Blessuren und offenen, blutenden Wunden wäre Norman Nordstrom aus Don´t Breathe schon längst jemand, auf dessen Sims man Blumen stellt, und auch John Wick wäre nach Sequel Nr. 2 nur mehr ein Häufchen gebrochener Knochen. Wer Nobody mit „Saul“ Bob Odenkirk gesehen hat, vermutet vielleicht eine ungesunde Form von Analgesie. Actionhelden müssen bluten, mit Ausnahme von Jason Statham oder Chuck Norris, aber sonst – sonst müssen sie alle aus dem letzten Loch pfeifen, sich nochmal und nochmal aufrappeln und Energien aus der Reserve zaubern, die man gerne hätte, um zumindest den Arbeitsmontag gut zu beginnen.

Geerdet hat das Bild vom heldenhaften Schmerzensmann Bruce Willis, barfuß im Nakatomi-Plaza – verschwitzt, verdreckt, blutend. Das andere Ende davon verkörpert nun Mary Elizabeth Winstead – vergiftet, will heißen: todkrank, blutend, von Hämatomen übersät und so lädiert wie ein VW Käfer nach einem Auffahrunfall. Dabei hat für die toughe Killerin, die das Knowhow fürs Morden und Töten schon im Schulranzen herumtrug, ihr Handwerk gut gelernt und auch sonst gute Karten. Schon deswegen, weil der väterliche Freund und Mentor Woody Harrelson alles Administrative erledigt. Kate muss also nur abdrücken. Doch das will sie nicht mehr länger tun müssen – sie will raus aus dem Geschäft. Wir erinnern uns: John Wick ist damals auch ausgestiegen, Jessica Chastain in Code Ava ebenso. Doch so einfach geht das nicht, das weiß man, wenn man ein oder zwei Killer-Thriller bereits gesehen hat. Kurz bevor das normale Leben also beginnen kann, gibt’s den Giftcocktail mit Polonium 204. Da gibt’s kein Gegenmittel, da stirbt man, während sich die Organe zersetzen. Was Kate aber vor ihrem Ableben zumindest noch erreichen will (bevor sie – Gott bepüte – als Geist mit unerfüllten Aufgaben durch die Gegend spukt): dem Verursacher dieses Attentats zur Rechenschaft ziehen.

Kate von Visual Effects-Profi Cedric Nicolas-Troyan (Fluch der Karibik 2, The Huntsman and the Ice Queen) trägt mindestens so dick auf wie Chad Stahelskis John Wick-Trilogie. Die Killer von heute sind Berserker, die beim Töten anderer, wildfremder Menschen nicht das Geringste empfinden. Emotional und auch sozial also enorm verkümmert – dank solcher Defizite kann man sich vor dem Screen also gemütlich zurücklehnen und einer kaltschnäuzigen Winstead dabei zusehen, wie sie sich durch ein verkitschtes, rosa-lila-flirrendes Tokyo ballert und sticht, dabei immer wieder ob ihres Gesundheitszustands doch auch zusammenbricht, um dann wieder durchzustarten, dank dosierter Energiespritzen, die sie sich in den Schenkel jagt. Kate ist am Ende noch kaputter als Keanu Reeves es jemals war, doch seltsamerweise, trotz des illustren Bodycounts, dem Medienoverkill kolportiert entertainmentsüchtiger Jungjapaner und zahlreichen Actionsequenzen ergeht sich der Streifen in austauschbarer Langeweile. Vielleicht, weil man alles schon gesehen hat, weil die Coolness, die Winstead zur Schau trägt, so aufgesetzt wirkt. Weil Woody Harrelson ebenfalls vor lauter Langeweile nicht weiß wohin mit seiner Fachkenntnis. Weil dann auch noch dieses beschützenswerte obligate Kind plötzlich mit dabei sein muss. Nicht schon wieder, denke ich mir. Sehe diesen rosa-lila Manga-Look und stelle fest, dass nicht jeder, der beim Film dabei ist, gleich auch Filmemachen kann.

Kate

Monster Hunter

DRACHEN ZÄHMEN ANDERE

6,5/10


monsterhunter© 2020 Constantin Film Verleih

LAND / JAHR: USA 2019

BUCH / REGIE: PAUL W. S. ANDERSON

CAST: MILLA JOVOVICH, TONY JAA, MEGAN GOOD, RON PERLMAN, JIN AU-YEUNG U. A. 

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Size does matter! Diese Einsicht hatte Roland Emmerich bereits in seinem Trailer zu dessen Außenseiter-Version von Godzilla gut verbraten. Und ja, er hatte verdammt recht. Größe fällt tatsächlich ins Gewicht. Mein jovialer Imperativ an dieser Stelle: Erhebet das verwöhnte Sitzfleisch und macht euch auf ins Kino! Die Frage, ob Großbildleinwand oder lieber Homecinema, die soll sich bei Filmen wie diesen eigentlich gar nicht stellen. Monster Hunter zum Beispiel zieht man sich im dunklen Auditorium rein, vorzugweise auf IMAX-Leinwand und THX-Sound. Nirgendwo sonst. Ob Pacific Rim, King Kong, Godzilla oder Godzilla vs. Kong (bringt als nächstes die Leinwände zum Beben) – für den Bildschirm sind diese Filme einfach zu schade. Selbst Game of Thrones hätte eigentlich ins Kino gehört, aber wer tauscht schon fürs Bingewatching Jogginghosen gegen Ausgehkluft? Aber bitte – vielleicht ändern sich die Zeiten auch in diesem Fall. Für Monster Hunter ist es jetzt schon so weit. Und es ist so, wie der Titel des Streifens schon sagt: Was draufsteht, ist auch drin. Oder: zahlst du für Monster, kriegst du Monster.

Man bekommt aber auch noch obendrauf eine Killa-Milla serviert. Als Marine-Commander muss sie mit ihrer (vorwiegend) männlichen Truppe per Automobil eine steinige Wüste irgendwo im Nahen Osten durchqueren. Dabei kommt ein Sturm auf, ein regelrechtes Unwetter mit Blitz und Donner und wirbelndem Sand. Dabei werden die Soldaten ordentlich durchgeschüttelt und landen in einem Dünenmeer fernab jeglichen Funkkontakts. Das Publikum ahnt, was gleich als nächstes passieren wird. Irgendwas Monströses wühlt sich einem Ameisenlöwen gleich aus der Sandkiste und hat dabei nichts Gutes im Sinn. Was folgt ist kämpfen, rennen, flüchten. Ein astreines Abenteuerkino mit der dramaturgischen Dichte eines Guilty-Pleasure-B-Movies und unterlegt mit 80er Synthesizer-Klängen, hebt an. Dazu passt ein Kübel Popcorn und eine kühle Flasche Bier. Herrlich.

Paul W.S. Anderson ist also mal kurz von seinen Resident Evil-Pfaden abgebogen und hat sich eben das Franchise einer Videospiel-Reihe zur Brust genommen. Ich kenne die Spiele nicht, kann also nichts vergleichen. Bin auch froh darüber, andauernd dieses Abwägen, ob entsprechend oder nicht, würde mir den Spaß etwas trüben. Auf diese unbedarfte Weise bleibt mir eine natürlich recht hölzern aufspielende Milla Jovovich, die, wenn sie sich die Hände schmutzig macht, keinerlei Berührungsängste mit welchen Bestien auch immer hat. Action, das kann sie. Dafür scheint die Dame gemacht. Das weiß auch Gatte Anderson. Als schräger Sidekick sorgt Tony Jaa (mehr oder minder ein Jackie Chan-Ersatz) für Humor zugunsten kommunikativer Missverständnisse. Und für den Rest – da öffnet Monster Hunter die Tore des Kolosseums. Ob behörnte Sandwühler – brüllend und stampfend, Legionen dorniger Spinnen oder geschmeidige Drachen, die jenen aus Game of Thrones locker das Wasser reichen können – und ebenso bildgewaltig in Szene gesetzt werden: dieser Clash Mensch gegen Kreatur will nicht mehr, aber auch nicht weniger sein. Vielleicht schwelgt dieser Clash zusätzlich noch in den Erinnerungen an das resolute Fantasykino einer Fanthagiro, Xenia oder Red Sonja. Heldinnen in Rüstung und Leder.

Manche Szenen, in denen man einige der Creature Designs ja gar nicht mal richtig zu Gesicht bekommt, sind viel zu kurz geraten. Schade drum. Guillermo del Toro, der diesen Film womöglich sicher gesehen hat, weil er sich fast so anfühlt wie Pacific Rim mit Sand, einer Waterworld-Kostümshow und Herr der Ringe, hätte hier noch so manche Szene in die Verlängerung geschickt. Aber wenigstens bleibt uns als fetter Ausgleich der süffisante Haudegen Ron Perlman. Diesmal nicht in Rot, diesmal aber mit Rod Stewart-Gedächtnisfrisur und Kajal. Wenn das nicht Spaß an der Freude ist, dann weiß ich auch nicht.

Monster Hunter

Tomb Raider

DEN BOGEN RAUS

7/10

 

tombraider© 2018 Warner Bros.

 

LAND: USA 2018

REGIE: ROAR UTHAUG

MIT ALICIA VIKANDER, DANIEL WU, DOMINIC WEST, WALTON GOGGINS, KRISTIN SCOTT THOMAS U. A.

 

Sie war die dänische Königin Caroline Mathilde, buhlte im Dunstkreis Anna Kareninas, war die Malerin Gerda Wegener und eine Androidin. Alles anspruchsvolle Rollen, gehobenes Niveau. Persönlichkeiten ganz persönlich, mit viel Tiefgang und nuancierten Gefühlen. Ja, dazu zähle ich auch ihre Rolle in Ex Machina – denn eine künstliche Intelligenz muss man auch erst mal spielen können. Und zwar anders als Arnold Schwarzenegger. Doch selbst ihr sinnlicher Roboter war keine Rolle, die ich ins Action-Genre tun würde. Mit Action hatte die zierliche Schwedin Alicia Vikander bislang rein gar nichts am Hut. Umso mehr war ihre Besetzung im Reboot von Tomb Raider mehr als überraschend. Kann sie das überhaupt? Haben die Studios da nicht auf das falsche Pferd gesetzt? Gut, andererseits konnte ja auch schon Dämonenjägerin Sarah Michelle Gellar ihrer mädchenhaften Erscheinung zum Trotz einen sagenhaften Pflockverschleiß auf Kosten unzähliger Untote verzeichnen. Diese chronisch unterschätzte Frauenpower wird zur taktischen Offensive, und gemäß dieser kalkulierten Gleichung einer verletzbar scheinenden Buffy tritt nun die bildschöne junge Schwedin, gerade mal erst 30 Jahre alt geworden, anfangs gehörig in die Pedale, und einige Breitengrade später in den Allerweresten fieser Grabräuber. Der vielen Worte kurzer Sinn: Yes, she can! Und sie macht das ganz großartig.

Verborgene Talente kann man nicht prognostizieren. Im Grunde wissen wir ja nicht, was in uns steckt. Solange wir es nicht probieren. Da das über Studieren geht, hat Alicia Vikander den Schritt in eine Filmwelt getan, die für sie Neuland bedeutet. Und auf Anhieb war klar – hier könnte eine Meisterin vom Himmel gefallen sein. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die neue Lara Croft tut sich gehörig weh. Sie hängt, sie fällt, sie stürzt, sie schreit. Die Ikone des computergenerierten Abenteuers ist Mensch geworden, darf bangen, hoffen und gehörig Angst haben. Darf Gefahren haarscharf überleben und strotzend vor Schweiß, Blut und Dreck sarkastische Bemerkungen wagen. Genau das macht diese Figur so sehr greifbar und angreifbar. Sie lässt uns spüren, dass glücklich endende Abenteuer hart verdient sind. Und erlaubt uns einzuschätzen und zu reflektieren, wie sehr wir selbst Strapazen dieser Art ertragen würden. Wir wären ungefähr genauso wenig bereit, Verluste, einzustecken. Aber wir würden unter Stress und Todesangst womöglich Kräfte mobilisieren, die uns im Alltag bislang verborgen geblieben sind. Und trotzdem jammern, wenn uns danach wäre. Die Nerven zu schmeißen, wenn gerade mal alles richtig schiefläuft. Das unterscheidet die neue Croft von Indiana Jones oder ihrer Vorgängerin Angeline Jolie. Alicia Vikander ist verletzbar, hat längst noch nicht ausgelernt und macht Fehler. Muss in der Sekunde nicht immer die richtige Entscheidung treffen, wie das andere Filmhelden so getan haben. Gewinnt auch nicht immer, und wenn, dann nur knapp. Gerade deshalb ist der neue Tomb Raider so gelungen. Und zwar nur wegen ihr, wegen dieser weltbewegenden Schauspielerin, die Actionfiguren dort Struktur und Tiefe verleiht, wo man keine vermutet.

Roar Uthaug, der nicht erst seit dem pfiffigen und ungewöhnlichen Wikinger-Abenteuer Escape weiß, wie man bogenschießende Amazonen in die Wildnis entlässt, gönnt seiner klugen Kämpferin einen Survivaltrip zwischen Schiffbruch, Schlammcatchen und blutenden Wunden. Erdig das Ganze, schweißtreibend und durchaus richtig spannend – und das obwohl man weiß, wie das erste Kapitel im Croft-Universum ausgehen wird. Uthaug sucht auch ganz bewusst die Konkurrenz mit Indy und Quatermain – hier aber fällt er in altbekannte Traditionen zurück, die gerne alte Mythen gefährlich aussehen lassen und wo unterirdische Fallen Gerechtigkeit gegenüber den Räubern walten lassen. Das kennen wir, ist längst nichts Neues. Der Plot ist es also nicht, der mich umhaut. Es ist Alicia Vikander´s Lara Croft, die sich ihrer Grenzen so erfrischend bewusst ist. Und wenn sie mich fragen würde, ob ich mitkommen will in den Dschungel, ich würde nicht zögern. Und das ungeachtet aller Blessuren, die ich mir mit Sicherheit einhandeln werde.

Tomb Raider