Men & Chicken

ICH WOLLT‘ ICH WÄR EIN HUHN

7/10


menchicken© 2015 DCM Film Distributions


LAND / JAHR: DÄNEMARK 2015

BUCH / REGIE: ANDERS THOMAS JENSEN

CAST: MAD MIKKELSEN, DAVID DENCIK, SØREN MALLING, NIKOLAJ LIE KAAS, NICOLAS BRO, OLE THESTRUP U. A. 

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Der Däne Anders Thomas Jensen ist wohl der Mann, der uns Männer am besten versteht. Seine Filme sind die einzig wahren Männerfilme, und dabei ist es ein falscher Weg, anzunehmen, Männerfilme seien solche mit ordentlich Wumms und Jason Statham und die hübsche Dame am Ende, die dem Dreitagebart-Solokämpfer schmachtend um den Hals fällt. Nein, sowas sind keine Männerfilme. Da braucht es schon mehr Gefühl. Wie Anders Thomas Jensen es eben hat. Würden wir Männer all den Schnickschnack und die ganze Fassade endlich weglassen, würde zum Vorschein kommen, was sich in seinen Filmen stets beobachten lässt: Verschrobenene, komplexbeladenene Sonderlinge mit nerdigen Skills und wenig Chancen beim weiblichen Geschlecht. Erziehungsgestört, aber liebesbedürftig und nicht wissend wohin mit der Libido. Das sind Szenarien, die lassen sich mit nichts vergleichen. Adams Äpfel zum Beispiel: Männer im Miteinander. Was da für eine Eigendynamik entsteht, muss man entdecken. Zuletzt im Kino: Helden der Wahrscheinlichkeit. Auch hier maskuline Handschlagsqualitäten und XY-Freundschaften, die das Universum in seiner Logik ad absurdum führen. Mit Men & Chicken schießt Jensen in Sachen Groteske aber wirklich den flugunfähigen Vogel ab. Hier finden Brüder zueinander, denen man, würde man sie nicht näher kennen, tunlichst aus dem Weg gehen würde. Auf dem zweiten Blick aber ist die Freakshow eine sensible Angelegenheit, über die unangebracht wäre, sich lustig zu machen. Das geht vielleicht nur, weg man wegsieht. Was wiederum nicht gelingt, bei all den verqueren Ideen, die Anders Thomas Jensen hier Stück für Stück aneinanderreiht. Men & Chicken ist ein irres Panoptikum über Verwandtschaft, Gene und das Tier im Manne.

Es ist schon eigenartig, wie alles anfängt. Da sind die Brüder Gabriel und Elias (Mads Mikkelsen in seiner wirklich schrägsten Rolle – ein Beweis mehr, was der Mann alles spielen kann), die eines Tages vom Tod ihres Vaters erfahren, der wiederum eine Videobotschaft hinterlassen hat, die besagt, dass beide im Grunde adoptiert sind und ihr richtiger Vater auf der Insel Ork (!) lebt. Die beiden machen sich auf die Reise und stoßen dort auf eine Bruchbude von Herrenhaus, in dem drei weitere Brüder hausen, gemeinsam mit unzähligen Nutztieren aller Art, alle mit einer Hasenscharte, alle verwahrlost, verpeilt und unheilbar exzentrisch. Und auch so ziemlich pervers, gelinde gesagt. Der Vater selbst lässt sich nicht blicken, und so richtig willkommen sind Gabriel und Elias auch nicht. Die Hartnäckigkeit der beiden macht sich aber bezahlt, und nach und nach ändert sich so einiges im Leben außerhalb der Norm.

Über Geschmack lässt sich streiten. Über das Ziehen der Grenze vom guten zum schlechten ebenso. Anders Thomas Jensen weiß das, will aber mit seiner kuriosen Familiendramödie sicherlich nicht provozieren. Dieses Entrümpeln männlicher Stereotypien gelingt ihm ausgezeichnet, dieses Durcheinanderwirbeln seltsamer Weltbilder ebenso. Dabei beruht der schlechte Geschmack von Men & Chicken bis zum letzten Schimmelfleck an der Wand des vor Schmutz und gammeligen Zeugs vollgestopften Hauses auf keinerlei Zufall. Selten haben Verwahrlosung und Vergänglichkeit eine so opulente Bühne wie diese ergeben. Schäbigkeit hat Stil – gibt’s das? In diesem Film schon. Die Ideale des Schönen lassen sich dann doch noch in der Sanftheit brüderlichen Füreinanders entdecken, während der Rest dem Abnormen seinen Platz in der Gesellschaft gibt. Am Ende kippt der skurrile Reigen in monströse Phantastik und betritt eine Metaebene, die unter anderem bei David Cronenberg oder Guillermo del Toro zu finden gewesen wäre, hätte Thomas Anders Jensen nicht seine Brüderpartie ihre eigene Bestimmung finden lassen, jenseits aller Ordnung.

Men & Chicken

Die Königin des Nordens

GAME OF THRONES IN ECHT

8,5/10

 

koenigindesnordens© 2021 Zuzana Panská / SF Studios

 

LAND / JAHR: NORWEGEN, SCHWEDEN, DÄNEMARK, ISLAND, TSCHECHIEN 2021

REGIE: CHARLOTTE SIELING

CAST: TRINE DYRHOLM, MORTEN HEE ANDERSEN, SØREN MALLING, JAKOB OFTEBRO, BJORN FLOBERG, THOMAS W. GABRIELSSON, AGNES WESTERLUND RASE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 1 MIN


Nein, bei dieser Königin des Nordens handelt es sich nicht um Sansa Stark – Kenner und Freunde der High-Fantasy-Reihe von George R. R. Martin wissen, wen ich damit meine. Doch man braucht längst keine entrückten Welten mehr, will man ähnliche Charaktere in der europäischen Geschichte finden. Natürlich sind historische Persönlichkeiten, noch dazu aus dem dunklen Mittelalters, nur fragmentarisch umschrieben. Also werden die Lücken gefüllt – wie bei der Restauration eines altertümlichen Artefakts, mit der Billigung künstlerischer Freiheit.

Statt Sansa Stark behauptet sich also Margarethe I. über große Teile Skandinaviens – es ist dies die Kalmarer Union, bestehend aus Dänemark, Schweden und Norwegen. Jemals was von Margarethe I. gehört? Ich jedenfalls nicht, und umso dringender schien es mir, mein Allgemeinwissen in Sachen europäischer und dezentraler Geschichte aufzufüllen. Es ist zwar ungefähr klar, was zu dieser Zeit rund um Deutschland und Österreich alles passiert ist – der Norden hingegen stand zumindest bei vielen Gelegenheiten nicht am Programm. Die charismatische Erscheinung der Königin – einnehmend, differenziert und in ihrem Verhalten vollkommen nachvollziehbar dargestellt von Trine Dyrholm – hinterlässt also beim nordischen Adel einen gehörigen Eindruck. Und selbst die Briten denken darüber nach, einer Heirat mit Thronfolgerin Philippa und Margarethes Adoptivsohn Erik zuzustimmen. Als das Bündnis zwischen Briten und der Kalmarer Union kurz davor steht, besiegelt zu werden, taucht plötzlich ein Mann auf, der steif und fest behauptet, Margarethes tatsächlicher Sohn Olav zu sein. Dieses scheinbar inszenierte Schicksal wird die gesamte nordische Politik durcheinanderbringen, während der deutsche Orden bereits die Zähne fletscht.

Ridley Scott hat mit seinem ungewöhnlichen Mittelalterdrama The Last Duel schon alles richtig gemacht. Die Dänin Charlotte Sieling kann das sogar noch besser: Ihr historischer Politthriller könnte bereits jetzt schon eines der filmischen Highlights dieses Jahres sein und sich einen Platz in meinen Bestenlisten gesichert haben. In seiner Düsternis, seiner Intensität und in der Entwicklung der Charaktere, für die es normalerweise ganze Serienstaffeln braucht, Sieling dies aber innerhalb von zwei Stunden lückenlos hinbekommt, ist Die Königin des Nordens eines der besten historischen Dramen der letzten Jahre. Warum? Es gibt zuerst mal einen dicken, roten Faden – das ist die Charakterstudie der Margarethe, die zwischen Familiensinn und dem Wohl der Union so sehr zerrissen scheint, dass sie gar im stürmischen Regen gegen die tosenden Wellen anbrüllen muss. Es ist der etwas dünnere, aber sich ebenfalls durchziehende zweite rote Faden über König Erik – auch er kein Böser und kein Guter, eine gekränkte, aber ehrliche Persönlichkeit. Morten Hee Anderson bietet ganze Breitseiten an inneren und äußeren Konflikten. Um die beiden herum das Geflecht aus Intrigen und Feindseligkeiten, das Zerreißen politischer Lager und unvorstellbarste Konsequenzen, die eine Mutter nur ziehen kann. Unterlegt mit einem wohldosierten dramatischen Score gerät der Norden Europas zu einem unwirtlichen zweiten Westeros, zu einer shakespear’schen Bühne, auf deren Boden Opfer gebracht werden müssen, ohne die Politik anscheinend niemals funktionieren kann.

Die Königin des Nordens

A War

PAPA IST IM KRIEG

6,5/10

 

A WAR© 2015 Studiocanal Deutschland

 

LAND: DÄNEMARK 2015

REGIE: TOBIAS LINDHOLM

CAST: PILOU ASBÆK, TUVA NOVOTNY, SØREN MALLING, DULFI AL JABOURI, CHARLOTTE MUNCK, ALEX HØGH ANDERSEN U. A. 

 

Will man wirklich viel über das menschliche Verhalten ganz besonders in weniger alltäglichen Situationen erfahren, will man das Spektrum der individuellen Verantwortung bis zur Grenze ausloten, dann sollte man, ferner man nicht in sachkundigen Büchern darüber schmökern will, das dänische Kino heranziehen. Wer fällt mir da natürlich als erstes ein? Susanne Bier, keine Frage. Thomas Vinterberg natürlich, dessen Familiendrama Das Fest nachhaltig im Magen liegt. Martin Zandvliets Unter dem Sand erschüttert nicht weniger und stellt die Frage der Kriegsschuld mitten in den leeren Raum. Tobias Lindholm schließt sich da an. Sein selbst verfasstes Kriegsdrama mit dem schlichten Titel A War tut sich absichtlich schwer, eine Grenze zu ziehen zwischen dem individuellen Drang, die Liebenden zu schützen und dem entseelten Pragmatismus korrekter Vorgehensweisen im Krieg. Bei Lindholm wissen wir: der Krieg ist nichts für Menschen, denn egal, wie sie sich, wenn es hart auf hart kommt, entscheiden: eine Partei zieht immer den Kürzeren.

Worum geht’s also? Nun, der dreifache Familienvater Claus Michael Pedersen ist Befehlshaber einer Einheit Soldaten, die in Afghanistan einen von Bauern bevölkerten Landstrich sichern sollen. Der wird aber immer wieder von Taliban-Milizen heimgesucht, bevorzugt des Nachts, wenn die ausländischen Krieger in ihren Kojen schlafen und keine Gefahr darstellen. Mit dem Tod ist bei Pedersens Kompanie jederzeit zu rechnen, entsprechend angespannt ist die Situation und spitzt sich zu, nachdem eine von den Taliban bedrohte Familie an der Kaserne um Zuflucht fleht. Das geht natürlich nicht, da könnte ja jeder kommen, die Trennlinie zwischen Zivilisten und Militär muss gezogen bleiben, wir sind ja schließlich Menschen unterschiedlicher Klasse und haben nichts gemein – oder ist in dieser Gleichung da irgendwo der Wurm drin? Das erfährt Pedersen tags darauf am eigenen Leib, als besagte Familie tot in ihrer Hütte liegt – und er selbst mit seinen Leuten ins Kreuzfeuer gerät. Wie aus dieser Situation rauskommen? Befehl an die Luftstreitkräfte: den Angreifer bombardieren, sonst sieht hier keiner den nächsten Morgen. Alsbald stellt sich heraus: das militärische Ziel war eigentlich ein ziviles.

Eines ist ganz klar: A War ist nicht mit Filmen der Art eines Michael Bay wie 13 Hours oder Peter Bergs Lone Survivor zu vergleichen. Lindholms Gleichnis ist um Breitengrade subtiler, und setzt auch rechtzeitig einen viel weiter gefassten Blickwinkel auf die Situation, so wie es einst schon Susanne Bier mit ihrem oscargekrönten Film In einer besseren Welt gemacht hat. Nur so, indem man gleichzeitig zwei völlig gegensätzliche Welten oder gar Genres zusammenbringt, die doch einen gemeinsamen Nenner haben, nämlich den Soldat Pedersen, lässt sich früh erkennen, worauf es hier eigentlich ankommt. Nicht aufs Überleben, nicht auf die Gräuel des Krieges, denn das ist ohnehin klar. Sondern auf die Unmöglichkeit im Krieg, die strategische Vernunft vor persönliche Bindung zu stellen. Der Mensch ist immer noch ein Gefühlswesen, neben den Grundbedürfnissen empfindet er immer noch Angst, Liebe und Wut als die stärksten Triebfedern seines Handelns. Ein Soldat ist schließlich kein Roboter, auch wenn Kubrick in Full Metal Jacket dieses aus seinen Rekruten machen wollte.

Womit ich mir etwas schwer tue, das ist dieses dem Film zugrundeliegende, verantwortungslose Verhalten, das sich natürlich nicht auf den Einsatz in Afghanistan bezieht, sondern auf die eigentliche Entscheidung des Vaters einer fünfköpfigen Familie, die unerlässliche Wichtigkeit einer Vaterfigur hinter berufliches Pflichtgefühl zu stellen – ein Verhalten, das ich nicht nachvollziehen kann. Soldat Pedersen tut es trotzdem – und wird zwangsläufig in den Sog aus Pflicht und Gewissen hineingezogen, was mir allerdings keine Genugtuung verschafft, weil ich mir nicht sicher bin, ob die Erkenntnis letzten Endes genau die war, die ich ihm gewünscht hätte.

A War