Pelikanblut

MACH MICH FERTIG, KINDERSEELE

7/10


pelikanblut© 2020 DCM


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2019

BUCH / REGIE: KATRIN GEBBE

CAST: NINA HOSS, KATERINA LIPOVSKA, ADELIA-CONSTANCE OCLEPPO, MURATHAN MUSLU, SOPHIE PFENNINGSTORF, DIMITAR BANENKIN U. A. 

LÄNGE: 2 STD 7 MIN


Manchmal ist man beim Nachwuchs mit seinem Latein am Ende. Die Nerven liegen blank, es kribbelt der kreisrunde Haarausfall und alle errungenen Erkenntnisse zur pädagogisch richtigen Erziehung sind plötzlich wie weggeblasen. Liegt natürlich auch am eigenen hausgemachten wie auch immer gearteten Stress. Dazu kommt der Kinderstress – und die Fetzen fliegen. Am Kind sieht man erst, wie Menschen überhaupt ticken, was sie quält und motiviert. Am Kind sieht man aber auch das eine oder andere Mal, wie sehr magisches Denken die Grenze zwischen Realität und Imagination verschwimmen lässt. Da kann es manchmal sein, dass Kinder einem wirklich das Gruseln lehren. Denn diese, so Berichten aus dem Kindergarten zufolge, sehen immer wieder mal Dinge, wo gar keine sind. So, als hätten sie das Füßchen in der Tür zu einer anderen Dimension, die sich für uns Erwachsene längst geschlossen hat. Kann sein, dass diese Tür im hohen Alter wieder aufgeht. Zwischendurch aber ist das Hier und Jetzt schwierig genug. Keine Zeit für Metaphysisches. Vielleicht auch, weil es die Welt, wie wir sie verstehen, über den Haufen werfen würde.

Mit Systemsprenger hat Pelikanblut, der letztes Jahr im Rahmen von Flash – dem Wiener Festival des phantastischen Films – zu sehen war, alleridngs nur sehr wenig gemein. Nora Fingscheidt erzählt ihren Film um die schwer erziehbare Helena Zengel aus einem ganz anderen Blickwinkel, bleibt beobachtend, dokumentarisch. Katrin Gebbe (u. a. Tore tanzt) hingegen geht da noch einen Schritt weiter und schickt ihr Problemkind auf einen Survivaltrip durch die emotionale Postapokalypse. Dabei hat das fünfjährige bulgarische Mädel das Riesenglück, von Nina Hoss adoptiert zu werden, die im Film eine idealistische, alleinstehende Pferdetrainerin namens Wiebke gibt. Allein auf weiter Koppel will sie sich scheinbar selbst davon überzeugen, den fehlenden Vater spielerisch kompensieren zu können, indem sie mit Raya ihr zweites Kind adoptiert.Die Freude über das zusätzliche Mutterglück weicht aber bald zähneknirschendem Abklopfen der eigenen erzieherischen Fähigkeiten, als der zugegeben nicht sehr sympathisch wirkende Blondschopf anfängt, die Einrichtung zu demolieren und in rasender Wut sogar das Kinderzimmer abzufackeln. Wiebke sieht sich gezwungen, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen – Experten raten ihr, das Kind in eine entsprechende Einrichtung zu geben. Zum Leidwesen der Erstadoptierten bringt es Mama aber nicht übers Herz und greift dabei lieber zu allen anderen möglichen Mitteln, um das scheinbar irreparable Defizit des gestörten Kindes auszugleichen.

Mitunter stelle ich durchaus in Zweifel, dass die Beweggründe zu Mamas rücksichtsloser Übersteigerung der eigenen Alltagskapazitäten nicht dafür gedacht waren, die erdadoptierte Mustertochter in ihrer Einsamkeit nicht verzweifeln zu lassen. Die hätte den Zuwachs am allerwenigsten nötig gehabt. Und natürlich: erziehungstechnisch ist bei Nina Hoss‘ Mutterfigur noch reichlich Luft nach oben, und man wundert sich manchmal gar nicht, dass manche Dinge so dermaßen aus dem Ruder laufen. Doch bei welchem Elternteil, mich nicht ausgenommen, wäre das anders. Die meisten von uns sind schließlich keine Pädagogen. Irgendwann aber ist in Pelikanblut der Punkt erreicht, an welchem der Film das herkömmliche Kinderzimmer verlässt und eine ganz andere Richtung nimmt. Ich will nicht sagen die des Horrorfilms, denn Horror wäre zu hoch gegriffen. Viel eher würde ich Pelikanblut vor allem in der zweiten Hälfte als dem Subgenre des Gothic-Grusels verwandt sehen, allerdings auf eine romantisierte Art und Weise, fast wie aus einem Roman von Daphne Du Maurier, die in ihren Werken stets immer mehr angedeutet als explizit ausformuliert hat. Das finden wir auch in Katrin Gebbes Film als eine beunruhigende, metaphysische Komponente, allerdings nahtlose eingebettet in einen soliden Realismus, der klassischem Kinderhorror wie Das Omen den Rücken kehrt. Ein gewagter und geglückter Genre-Sampler, der so sicherlich noch nicht da war.

Pelikanblut

Colette

HOSEN FÜR DIE DAME

6,5/10

 

colette© 2018 DCM

 

LAND: USA 2018

REGIE: WASH WESTMORELAND

CAST: KEIRA KNIGHTLEY, DOMINIC WEST, ELEONOR TOMLINSON, FIONA SHAW U. A.

 

Wo ein Willy, da ein Weg. Zumindest war das damals so, gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Und zwar in Paris. Unter dem Pseudonym Willy konnten nämlich begabte Autoren, die sonst keinen Weg gefunden hätten, um sich selbst zu veröffentlichen, ihr Erdachtes, Geschriebenes und gern Pikantes an die gehobene Gesellschaft der mondänen Hauptstadt bringen. Willy, wie sich Henry Hauthier-Villars offiziell nannte, war selbst kein Meister seiner Zunft, aber ein Meister, wenn es darum ging, die Werbetrommel zu rühren und die Werke anderer zu publizieren. Denn Willy, das zog. Der Name des Adabeis war in aller Munde, jeder kannte Willy, auf noblen Partys und am Theater. Die Seitenblicke hätten sich da um ein paar Minuten des Small Talks womöglich gerne geprügelt. Willy war ein Mann, wie er damals zu sein hat. Jovial, charmant, belesen und – elegant chauvinistisch.  In Wash Westmoreland´s gediegener Biografie spielt der von Dominic West souverän verkörperte Mann von Welt eine nicht untergeordnete Rolle. Ganz im Gegenteil: ohne Willy wäre Sidonie-Gabrielle Colette nicht zu der Art von Frau geworden, wie sie zur Zeit des Fin de Siecle noch als relatives Panoptikum angesehen wurde.

In Antiquariaten und Büchermärkten sind mir die gebundenen Hardcover-Schmöker ihres Namens relativ häufig unter die Finger gekommen. Von Claudine erwacht über Claudine in Paris bishin zu Gigi (wohl die bekannteste Verfilmung von Colettes Werken, Regie: Vincente Minnelli) hätte ich einen Grossteil ihres Repertoires im besten Wortsinn abstauben können. Mein Interesse lag aber damals eher beim Expressionismus, weniger bei den Coming of Age-Erzählungen eines Mädchens vom Lande. Doch was ich bisher noch nicht wusste und mich auch verblüffte, war, dass sich die Figur der Claudine damals zu einem regelrechten Hype entwickelt hat. Dem vermögensverprassenden Willy, der gerne ins Casino ging und allerhand sündteure Antiquitäten in die eheliche Wohnung karrte, gelang mit Colettes Werken ein regelrecht literarischer Blockbuster, obwohl er den damaligen Zeitgeist nicht sofort mit den verfassten Inhalten Colettes in Verbindung bringen konnte. Die Künstlerin blieb weiterhin ungenannt. Colette stand anfangs noch im Schatten ihres Gatten, und dass eine Frau künstlerisch gesehen und abgesehen von anzüglichen Auftritten im Variete den Nerv der Zeit hätte treffen können, daran dachte damals niemand. Was sich aber logischerweise änderte, sonst gäbe es die Filmbiografie von Colette nicht, lässt sich der Trend biographischer Frauenfiguren, die das Ringen um Gender-Gleichheit schon Dekaden früher vorwegnahmen, im Kino doch klar erkennen.

Colette kam in erster Linie aufgrund von Keira Knightley auf meine Watchlist. Die so vielseitige wie engagierte Schauspielerin ist nicht nur als heranreifendes Autorentalent ideal besetzt – die Entdeckung ihrer sexuellen Identität und die gesellschaftliche Auswilderung ihres intellektuellen Bewusstseins waren biographische Wendepunkte, denen auch Knightley meinungsmäßig, wie es scheint, beigepflichtet haben könnte. Colette selbst wäre womöglich recht stolz auf ihre Interpretation. Was aber nur die halbe Miete des Filmes ist. Auf der anderen Seite steht Dominic West – auch er meistert den Lebemann und Hedonisten mit selbstverständlichem Hang zur zärtlichen Unterdrückung. Beide, Knightley wie West, harmonieren in der ganzen Bandbreite ihrer Diskrepanzen und Intimitäten in einem gefälligen, gegenseitig den Ball zuspielenden Rhythmus. Die Chemie stimmt also außerordentlich – und der Film selbst? Der ruht im Setzkasten klassischer Filmbiographien. Liebevoll ausgestattet, ein Streifzug durch die Geschichte ausgesuchter Mode, welche die Haute volée wohl gerne so getragen hat. Bis sich der Stil bei Colette selbst komplett ändert – und sie aus der schicken Bourgeoisie trendsetzend heraus- und auffällt.

Etwas schwer tut sich Colette – also der Film – vor allem anfangs. Da flaniert das elegante Biopic sonnenschirmdrehend vor sich hin, ohne dem Kern der Geschichte näherzukommen. Das sind Längen, schön gefilmt zwar, aber relativ ereignislos. Bis Colette – nun die Person – sich selbst entdeckt, und das ist gefühlt im letzten Drittel des Films. Bis dahin heißt es: Sitzfleisch bewahren, denn es zahlt sich durchaus aus, etwas über das Schicksal einer Persönlichkeit zu erfahren, die als die größte Schriftstellerin Frankreichs gilt. Wissenslücken werden mit Colette geschlossen. Und Claudine, sofern es mir wieder mal in die Hände fällt, aufmerksamer durchgeblättert.

Colette