The Girl King

STUDIEREN GEHT ÜBER REGIEREN

6/10


thegirlking© 2015 Film Buró


LAND: FINNLAND 2015

REGIE: MIKA KAURISMÄKI

CAST: MALIN BUSKA, SARAH GADON, MICHAEL NYQVIST, HIPPOLYTE GIRARDOT, MARTINA GEDECK, JANNIS NIEWÖHNER, LUCAS BRYANT U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Diese Thronfolgerin, die ist mir eine! Schweden hat im epischen Rahmen des dreißigjährigen Krieges eben erst ihren geliebten König Gustav Adolf verloren, schon muss dessen minderjährige Tochter ran – Königin Kristina. By the way: die Gute ist wirklich nicht fürs Regieren geschaffen. Unter der Obhut des Kanzlers, der seine eigenen Pläne verfolgt (welcher Kanzler tat und tut das nicht?), weicht das Interesse an der Politik stetig jenem an der Philosophie, insbesondere jener des großen Denkers René Descartes. In dieser Wissbegier steht die aufmüpfige Jungregentin anderen Querdenkerinnnen aus der Antike wie zum Beispiel jener Hypatia aus Alexandrien, die bereits in Alejandro Amanebars Historienfilm Agora ihren filmischen Zuspruch bekam, um nichts nach. Doch welche Untertanen wollten damals schon über das Sein philosophieren? Gebt den Leuten Essen, Trinken, Wohlstand! Für den Blick hinter die Kulissen eines entbehrungsreichen Daseins des 17. Jahrhunderts hatte wohl niemand wirklich die Muße – außer Kristina, und ihr Philosophenfreund natürlich. An Männergeschichten ist die stark an Kaiserin Sisi erinnernde, stets hosentragende Jungfrau genauso wenig interessiert, zum Leidwesen des Kanzlersohns, der gedanklich schon mit dem Reichsapfel spielt.

The Girl King erzählt eine recht ungewöhnliche Episode aus der europäischen Monarchengalerie, ein Kuriosum des Nichtregierens sozusagen, das in Ludwig II. oder Stefan von Lothringen Fortsetzung findet, die außerdem allesamt anderes im Sinn hatten als irgendeine Verantwortung für ihre Pflicht zu übernehmen. Da sieht man wieder, wie ignorant dieser Tribut des blauen Blutes stets gewesen war. Nicht für alle war Macht das hehre Ziel. Eine Lösung für dieses Problem aber gab es meistens. Und selbst im Falle der jungfräulichen Kristina, die tatsächlich bis zu ihrem Lebensende jungfräulich blieb, nicht alleine wegen ihrer homosexuellen Orientierung. Für seine Titelrolle fand Regisseur Mika Kaurismäki, der diesjährig mit Master Cheng in Pohjanjoki für wohlige Gefühle in der Bauchgegend sorgte, mit der Schwedin Malin Buska die ideale Besetzung. Ihr expressives Minenspiel ist grandios, ihre trotzigen Züge weichen nur selten sehnsüchtigem Lächeln. Dieses hat dafür ihre bessere, femininere Hälfte Sarah Gadon, die nicht ständig Hosen trägt und die längst einem anderen versprochen zu sein scheint, die aber der Libido ihrer Königin nichts entgegenzusetzen hat.

Schön ausgestattet ist The Girl King allemal, interessant besetzt ebenso. Eine Entdeckung ganz nebenbei ist Martina Gedeck als die exaltierte, völlig verschrobene Königin Mutter, die mit ihrer Tochter nichts anzufangen weiß. Kaurismäki selbst überlässt den Film auch lieber seinem Schauspielensemble, ohne sich selbst als Künstler groß hervorzutun. Sein Historienfilm wirkt wie eine Auftragsarbeit, die man in professioneller Routine natürlich zu Ende bringt, für die man aber jetzt keine großen Gefühle hegt oder eine wie auch wie geartete persönliche Ambition. Prinzipiell macht das nichts – die Zeitgeschichte spricht für sich, und fasziniert auf gewisse Weise ganz von selbst. Da reicht, wie bei so vielen Geschichtsfilmen, die sich auf ihren Stoff verlassen, zumindest die geglückte Wahl einer spannenden Anekdote aus den Herrscherhäusern, die die egozentrische Luft der frühen Selbstbestimmung atmen. Die Queen allerdings wäre not amused.

The Girl King

Outlaw King

BLUT UND BODEN

7/10

 

OK_05200.CR2© 2018 Netflix

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: DAVID MACKENZIE

CAST: CHRIS PINE, FLORENCE PUGH, AARON TAYLOR-JOHNSON, STEPHEN DILLANE U. A.

 

William Wallace hat gesiegt. Zumindest posthum, 690 Jahre nach seiner Hinrichtung. Und wiederauferstanden in der virtuellen Welt des Kinos, in der Gestalt eines jungen Mel Gibson, mit teils blau bemaltem Gesicht und zotteliger Mähne. Wütend, einnehmend und letzten Endes bestialisch ermordet. Aber dennoch: 5 Oscars für seine Geschichte, darunter Bester Film. Für die Schotten wäre die mediale Aufarbeitung seiner Taten sowieso nicht notwendig gewesen, sie verehren ihren Nationalhelden unaufgefordert bis heute. Was für uns vielleicht Prinz Eugen von Savoyen, ist für den hohen Inselnorden der Ritter aus Elderslie. Doch warum erzähle ich das? Ganz einfach – das Schicksal des William Wallace ist relativ eng verknüpft mit den Erlebnissen eines gewissen Robert Bruce oder the Bruce, Zeitgenosse der eingangs erwähnten historischen Gestalt und in den letzten zwei Dekaden seines Lebens König von Schottland. Natürlich nicht von heute auf morgen, da ist viel Blut sämtliche Flussläufe Kaledoniens hinabgeflossen, unzählige Gräueltaten vollbracht und Menschen verschleppt worden. Das Mittelalter, das brauche ich niemandem erzählen, war trotz aller wildromantischer Verklärungen in Sagen, Legenden und Fantasy eine fürchterlich brutale Epoche bar jeglicher Menschenrechte. Könige wie Eduard der I., der damals das britische Inselreich mit eherner Faust regierte und nach langem Kampf die Anführer des mühsam niedergerungenen Schottlands zu Kreuze kriechen ließ, waren Ungeheuer der Macht, die mit nichts ihre gottgleiche Gier gezügelt sehen wollten. Unter diesen gebeugten Häuptern war eben auch Robert Bruce, der nach der Einnahme Schottlands nun unter Englands Fuchtel genötigte Disziplin an den Tag legen musste. Ihm zur Zwangsheirat verpflichtet: Elizabeth de Burgh, die Tochter eines Vertrauten des englischen Königs. Schwer, jetzt nochmal aufzubegehren. Aber genauso schwer, das rücksichtslose Rekrutieren der Engländer auf Dauer zu dulden. Die Hinrichtung des Landsmannes Wallace – um hier nun die Brücke zu schlagen – auf dreierlei Grausamkeit, nämlich Hängen, Ausweiden und Vierteilen (die übliche Vorgangsweise bei Verrätern der Krone) und der anschließende Trophäenaushang direkt vor der Nase von Robert brachte das Fass dann allerdings zum Überlaufen.

Was folgt, ist eine entbehrungsreiche Hasenjagd quer übers Hochland und durch die spärlichen Wälder, die es damals noch gab. Ein Mobilisieren des Widerstands, ein Verraten, Verbrüdern und Opfern. Und mit jeder Menge Blut, das den Boden tränkt. David Mackenzie, der bereits schon für seinen Neo-Western Hell or High Water mit „Captain Kirk“ Chris Pine zusammengearbeitet hat, macht nun für das Patschenkinoportal Netflix seinen Star erneut zum Asozialen – diesmal aber mit Kettenhemd, Helm und Schwert, das in abendfüllender Vehemenz nicht zur Ruhe kommen wird. Wer mit dem Faustrecht des Stärkeren in Michael Hirst´s Vikings, bereits in der 5. Staffel angekommen, nach wie vor mitfiebert und auch während den grandios inszenierten Schlachten von Game of Thrones nicht die Hand vor Augen hält, wird in Outlaw King zielgruppengenau unterhalten werden. Mackenzie´s in schottischer Weite schwelgendes, prächtig ausgestattetes Epos aus dem frühen 14. Jahrhundert ist bei Weitem kein gefälliges mittelalterliches Treiben zwischen Minne und intriganten Machenschaften. Outlaw King ist ein Politthriller basierend auf historischen Fakten. Es geht um Rebellen, Unterdrückung und Selbstbestimmung. Das alles in geradezu nüchterner Betrachtung. Zurückhaltend, aber nicht emotionslos. Packend, aber weit entfernt von schwermütigem Kitsch. Pine ist als Robert Bruce ein stiller, fast schon stoischer Denker, ein Pragmatiker unter dem Herrn, der seine Wut zu zügeln weiß – und womöglich deshalb anführen kann. Gut möglich, dass dieser spätere Robert I. tatsächlich so war, ein Grund mehr, Outlaw King als gut recherchiert zu betrachten. So wie die explizite Gewalt, die teilweise über den Bildschirm wütet, sich bis auf einige drastischen Schockmomente aber der spannenden Geschichte zuliebe zügelt. Meist geht das Schlachten in seinen Details im Chaos waffenklirrender Handgemenge unter – ähnlich wie in Mel Gibson´s eingangs erwähntem Meisterwerk, und ähnlich brillant choreographiert.

Outlaw King ist martialisches Mittelalterkino, windumtost, schlammig und karg. Und eigentlich fast als Spinoff-Fortsetzung von Braveheart zu betrachten, da beide Filme chronologisch überlappen. In Anbetracht der Fülle historischer Aufarbeitung, was die Brexit-Insel betrifft, würde ich mir endlich mal ähnliches Eventkino aus dem Herzen Europas wünschen. Andreas Prohaska ist mit seinem Dreiteiler über Maximilian diesem meinem Verlangen schon einige geharnischte Schritte entgegengekommen – aber was ist mit König Ottokar? Oder Rudolf I.? Da gibt es noch jede Menge Stoff. Da muss man gar nicht auf fiktive Welten ausweichen. Für Liebhaber kinematographischer Zeitreisen, die gerne am Boden der Tatsachen bleiben und sich sowieso gerne jenseits von Kino und TV zwischen Burgmauern herumtreiben, führt eigentlich kein Weg an Mackenzie´s biographisch-politischer, aber keinesfalls verklärender Königsgenese vorbei.

Outlaw King

The Death of Stalin

DIE VOLLEN HOSEN DES DIKTATORS

6/10

 

deathofstalin© 2017 Concorde Filmverleih GmbH

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH 2017

REGIE: ARMANDO IANNUCI

MIT STEVE BUSCEMI, JEFFREY TAMBOR, OLGA KURYLENKO, MICHAEL PALIN, JASON ISAACS U. A.

 

Da geht er hin, der letzte König des europäischen Abendlandes. Der letzte gottgleiche Pharao jenseits der Wolga. Der Menschenschinder und Verschwindenlasser. Und das unantastbare, unkaputtbare Monstrum namens Josef Stalin hat sich sogar noch selbst ans Bein gepinkelt. So zumindest finden ihn seine pseudopolitikmachenden Kettenhunde in geheuchelter Verzweiflung, in taktisch kalkulierter leidender Mine vor dem Unausweichlichen – und längst Herbeigesehnten. Es sind alle da – der devote und völlig zerstreute Generalsekretär Georgi Malenkow, der menschenverachtende und tötungsbeauftragte Geheimdienstchef Lawrenti Beria, der aussieht wie das Alter Ego des Pinguins auf Lebertranentzug. Der Außenminister Molotow, der uns dank effektiver Benzinbomben ewig in Erinnerung bleiben wird (Michael Palin geht in dieser Rolle sang- und klanglos unter – Monty Python ist sichtlich zu lange her). Und natürlich nicht zu vergessen – Nikita Chruschtschow im Pyjama, mit der deutschen Synchronstimme eines Spongebob, nervös zappelnd, unterschätzt und getarnt mit einer gespielten Berechenbarkeit, die Abhängigkeit von all den anderen vermittelt. Wie sie da in Stalin´s Datscha stehen, jeder für sich in seinem Denkapparat verhaftet, im Versuch, den bestmöglichen Benefit in diesem neu entstandenen Machtvakuum herauszuholen, ist feinstes Ensemblekino im Genre der politischen Satire. Die Suicide Squad des Nachkriegsrusslands, der dreckige Haufen zwar nicht von Navarone, aber von Moskau. Bemerkenswert ist dabei der lange verschollene Independent-Schauspieler Steve Buscemi. Als unterschätzter, händeringender Hampelmann Chruschtschow mit Latex-Kartoffelnase muss man erstens zweimal hinsehen, um den ehemaligen Tarantino-Sidekick zu erkennen. Und zweitens ist alleine sein Auftreten, auch wenn er nur so am Set herumsteht, schon alleine eine Parodie für sich. Da hat er tatsächlich so etwas saukomisch Physiognomisches wie der österreichische Komiker Ernst Waldbrunn, der einfach nur durch sein Schauen die Lacher auf seiner Seite hatte. Jeffrey Tambour in seiner Weltverdruss-Mimik ist auch so ein Gesicht, dass die Karikatur aus dem Dornröschenschlaf holt. Karikatur – das ist wohl der richtige Begriff für Iannuci´s Personenkult-Abgesang The Death of Stalin.

Fast sind wir bei den süffisanten Eskapaden eines Charlie Chaplin angelangt, der wie kein anderer den Oberdiktator mitsamt seiner erschütternden Weltpolitik auf treffende Art und Weise der Lächerlichkeit preisgegeben hat. In diese Tradition rückt die Ironisierung einer Politik, die dem Grauen eines Nazi-Deutschland um nichts oder um nur sehr wenig nachgestanden hat. Humor mag man hier als falsche Medizin ahnden. Und dennoch ist die politische Karikatur ein notwendiges Übel oder eine üble Notwendigkeit, den Mächtigen die sprichwörtliche Cremetorte ins Gesicht zu klatschen wie einst Hilmar Kabas, um die Irrungen und Wirrungen gesellschaftlicher Paradigmen aus einer immer bedeutungsloseren, heilsamen Entfernung zu betrachten, die den erschütternden Ernst des Lebens verzerrt. Das gelingt Iannuci vor allem zu Beginn des Filmes, und überhaupt so ziemlich die erste dreiviertel Stunde. Bestes Regierungstheater mit gnadenlos bitterem Nachgeschmack, wenn Geheimdienstchef Beria in den Folterkellern seine Abschusslisten verteilt. Clownesk das Gebärden der Minister, wenn sie versuchen, Haltung zu bewahren. Dann aber verliert The Death of Stalin seinen boulevardesken Drive. Irgendwann haben wir nur noch Politkino der chronologischen Art, ohne Extras und wenig Wortwitz. Die Figuren hat man sattgesehen, die Satire schwindet dahin wie das Brennen im Brustbereich nach einem Glas Wodka. Auf anfänglichem Niveau zu bleiben ist bei solchen Filmen zugegebenermaßen schwierig. Wäre schön gewesen, wenn es Iannuci aber gelungen wäre. Dann hätten wir vielleicht einen neuen Großen Diktator gehabt. Oder zumindest Teil zwei davon – The Great Dictator-Aftermath. Mit nicht weniger Angriffsfläche auf jene, welche die Fäden in der Hand haben. Und deren Gutdünken wir alle letzten Endes ausgeliefert sind.

The Death of Stalin