Die Odyssee (2026)

DIE PRAKTISCHE WUCHT DER MYTHEN

7/10

 

Matt Damon als Odysseus in Christopher Nolans Die Odyssee© 2026 Universal Pictures. All Rights Reserved.

 

LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2026

REGIE: CHRISTOPHER NOLAN

DREHBUCH: CHRISTOPHER NOLAN, NACH DEM EPOS VON HOMER

KAMERA: HOYTE VAN HOYTEMA

CAST: MATT DAMON, TOM HOLLAND, ANNE HATHAWAY, ROBERT PATTINSON, HIMESH PATEL, CHARLIZE THERON, ZENDAYA, BENNY SAFDIE, LUPITA NYONG’O, JON BERNTHAL, JOHN LEGUIZAMO, ELLIOT PAGE, SAMANTHA MORTON, MIA GOTH, RYAN HURST, COREY HAWKINS, ANDREW HOWARD, JAMES REMAR, BILL IRWIN U. A.

LÄNGE: 2 STD 52 MIN



Das Warten hat ein Ende – nicht nur für Penelope. Endlich ist er da, der neue Film von Christopher Nolan, der Hit des Sommers und der wohl am heißesten erwartete Film des Jahres, bevor noch die Avengers den Doomsday einläuten.

Dabei aber ist eines klar: Nolan ist niemand, der sein Publikum in erster Linie in den Eskapismus führen will. Seine Filme haben stets Gewicht – sind sie nun intellektuell herausfordernd wie Inception oder Tenet – oder historisch und gleichzeitig gegenwartsrelevant wie Oppenheimer oder Dunkirk.

Fast schon intim und doch riesengroß

Eines macht Nolan nicht, und zwar niemals: Blockbuster. Eventfilme. All das im herkömmlichen Sinn, durch Studios fremdbestimmt und durch die letzten Worte schlecht aufgelegter Sanktusgeber verwässert. Nolan ist ein Independent- oder gar ein Autorenfilmer. Sein neuestes Werk, Die Odyssee, frei nach Homers Epos, ist genau das: Arthouse – mit dem einzigen Unterschied zu anderen unabhängigen Arthouse-Filmen, dass diesmal ordentlich Budget zur Verfügung stand, und Nolan nicht daran denken musste, groß zu improvisieren, um Defizite wettzumachen.

Nolan kann sich zurücklehnen. Für seine Vision bekommt er, was er verlangt. Warum das so funktioniert, ist eine andere Frage. Fakt ist: Hier kehrt das Kino zu einer reaktionären und zugleich progressiven Art von „New Wave“ zurück – zu einem Neo-Neo-Realismus, der so wenig wie möglich mit den Bequemlichkeiten und der fehlenden Echtheit von Studioproduktionen zu tun haben will.

Ein Stoff, von dem wir alle was haben

Um das zu bekommen, mussten Nolan und sein Team wohl einen Stoff vorlegen, der diesen „New Wave“-Weg eigentlich erst rechtfertigt. Das funktioniert am besten mit alten Geschichten, die uns alle verbinden. Mit einem Epos, das in einer Zeit spielt, in der die Geschichte Amerikas lange noch in Europa liegt – wie eine Art Wiege, eine magische Identität, die die USA sonst vergeblich suchen würde und dabei in den Junk-Food-Beglückungen eines Percy Jackson-Abenteuers landen muss, in denen die griechische Götterwelt längst aus Europa auswandern und ins Exil hat müssen und der Olymp womöglich in New York liegt.

Und irgendwann bleib i dann dort…

Die Odyssee gibt einiges her. Gerade im Sommer, wenn das Schippern diverser Stars auf dem Mittelmeer Lust auf Griechenlandurlaub entfachen soll. So manche werden hoffen, dass sie, wenn sie schon nicht dort sind, zumindest ein paar Culture-Vibes aus dem Kinosaal als Souvenir mitnehmen können.

Den Wunsch erfüllt Nolans Version jedoch weniger. Keine exotische, liebliche, abenteuerlustige Mittelmeerkreuzfahrt. Sondern ein Apocalypse Now aus einer Zeit, die längst schon verklärt genug ist, um Schlachten wie die um Troja zu romantisieren.

Lieferengpass für Lotusblüten

Die ganze verdammte Reise des Odysseus, die in mosaikartiger Anordnung ähnlich wie in Homers Vorlage in das kollektive Gedächtnis des Publikums sickert und letztlich auch in den durch Kalypsos Lotusblüten umnebelten Geist des Protagonisten, lehnt den Tonus der feisten Helden-Apotheose strikt ab und schenkt dem listig-kreativen Krieger, dem Troja auch selbiges Pferd zu verdanken hat, einen psychologischen Irrweg der Reue und der Schmach.

Verfolgt von den Bildern eines brennenden und hingemetzelten Königreichs, treibt es ihn und seine Männer an wenig gastfreundliche Gestade – vom Zyklopen Polyphem über die kannibalischen Laistrygonen und der Zauberin Circe, die in einer völlig irren Body-Horror-Sequenz Odysseus‘ Kameraden in Schweine verwandelt, bis hin auf die Insel des Sonnengottes und seiner Kuhherde, an der sich kein Sterblicher vergreifen darf.

Einmal straffen und kürzen, bitte!

Nolan, der Homers Epos in der aktualisierten Version von Emily Wilson als Grundlage verwendet hat, nimmt sich so einige Freiheiten, die nicht dem klassischen Stoff, so wie wir ihn kennen, entsprechen möchten.

Zum Beispiel hier: Polyphem führt niemals einen Dialog mit Odysseus (schade um „Mein Name ist Niemand“). Circe wird im Grunde auf völlig andere Weise bezwungen und ein Floß, wie einst Tom Hanks in Castaway, baut Odysseus eigentlich auch nicht. Vielmehr stößt dieser nach seinem siebenjährigen Aufenthalt auf Kalypsos Insel auf Prinzessin Nausikaa, die ihn am Ende auch nach Ithaka bringt.

Zugegeben, Die Odyssee ist ordentlich Stoff, irgendwo muss Nolan auch kürzen, und irgendwo muss auch er seinen Schwerpunkt setzen, der beim Krieg, beim Verrat und bei einer abenteuerlich konnotierten Katharsis liegt. Da hat das Geplänkel mit dem Zyklopen keinen Platz, da ist Augenzwinkern nicht gefragt, da darf es durchaus bleischwer übers Meer gehen, denn auch die Antike war nichts, wohin man sich wünschen sollte, weil es da womöglich illustrer war.

Die Pflicht, Odysseus‘ Abenteuer abzuhaken

Mit dem Fokus auf den Krieg – am Ende, in einer schauspielerisch grandiosen, weil ruhigen und ausnahmsweise mal nicht wummernden Szene lässt Matt Damon, noch immer verkleidet als Bettler, vor Penelope die Schande mit dem Pferd nochmal Revue passieren – nimmt sich Nolan allerdings kaum Zeit, Odysseus‘ Abenteuer lustvoller zu feiern.

Diese werden, bis auf Kalypso (idealbesetzt: Charlize Theron) chronologisch geordnet, mehr abgehakt als ausgefochten. Kaum sind die Laistrygonen dran, sind sie auch schon weg. Viel mehr will sich Nolan mit Telemachos (blass: Tom Holland) auseinandersetzen, was ihm wieder die Wucht seiner Mythologie nimmt. Stattdessen poppt ab und an Zendaya als angebliche Athene auf – oder als begleitendes schlechtes Gewissen. Doch auch sie bleibt überraschend unscheinbar und maximal eine Fußnote.

Ein Filmdreh als Europareise

Weniger Querverweis, sondern der eigentliche Grund, warum man Nolans Odyssee sehen sollte, ist das streng auferlegte Credo der Authentizität und der exzessive Wille, alles, was nur möglich wäre, „on location“ gedreht zu haben.

Natürliches Licht, echtes Salzwasser, echte Schiffe; ein fast schon echter Polyphem und ein nahezu echtes Troja – Handwerk macht auch in der Welt des Films einen Unterschied. Schließlich fühlt es sich anders an, rauer, physischer, vom Ensemble einfach empfundener. Wenn mehrere Dutzend Statisten ein echtes trojanisches Pferd über den Strand ziehen, so ist das – mit all der Muskelraft, dem Schweiß und dem Sand – einfach geschehen.

Wenn Circes Schweine echte Schweine sind, das Wasser im Gesicht von Matt Damon tatsächlich das Mittelmeer, der dunkle Lavastrand, der den Hades markiert, auch wirklich Lava – so ist das epischer, auf spezielle Weise berührender Realismus, dem virtuell Erstelltes niemals entgegentreten kann. Der Unterschied ist schwer zu artikulieren, und daher eigentlich nur zu erfahren.

Audiovisuelle Stärken

Die Wucht der Bilder entsteht dann aus dieser Anforderung heraus: Wenn Zyklop Polyphem als gespenstischer Golem wie aus einer Zeichnung von Alfred Kubin im Gegenlicht des Höhleneingangs erscheint, wenn nur die Flammen des Feuers ihn erleuchten, dann sind das visuelle Interpretationen, die man so noch nicht gesehen hat. Mitunter ist diese Szene etwas ganz Besonderes, auch der Hades mit all den Toten oder Circes Zauber: düster und gespenstisch zwar, aber, ergänzt durch Ludwig Göranssons kreativem Score als Stimmungsmultiplikator, wegweisend gefilmt.

Gebändigte Impulsivität

So steht der visuelle Reiz gegen eine verpeilte Dramaturgie, die gerne impulsiver wäre, als sie eigentlich ist, stattdessen verblüffend rational und ernüchtert Odysseus Herausforderungen annimmt. Die Odyssee wirkt fast schon kontemplativ, weniger leidenschaftlich, obwohl die Bilder diese Leidenschaft ausleben möchten, es aufgrund einer verbissenen narrativen Vision aber einfach nicht können.

Matt Damon tut da sein bestes, er selbst verschwindet irgendwann hinter der Figur des Odysseus – und das, obwohl Matt Damon jeder kennt. Ist dieser Wendepunkt erreicht, ist das hohe Kunst. Auch Anne Hathaway ist stark, Robert Pattinson, fies wie noch niemals zuvor, ebenso. Und Elliot Page als Sinon muss wohl die bedauernswerteste Figur des ganzen Epos verkörpern.

Es lebe der praktische Realismus!

Was bleibt, unterm Strich? Nicht zwingend massentaugliches Independentkino mit Riesenbudget und großem ökologischem Fußabdruck, den Nolans Vision rechtfertigen will. Eine erstaunliche Optik, viele reise- und kriegsmüde Männer und ein Manifest auf den praktischen Realismus, der den computertechnologischen Bequemlichkeiten den Kampf ansagt. Bleibt nur die Frage, ob sich Die Odyssee vorrangig durch ihre Absichten und Ambitionen identifizieren will. Abgekoppelt von seiner Entstehung, ist der Film dann immer noch ein Meisterwerk?

Die Odyssee (2026)

Crime 101 (2026)

AM ENDE LOCKT IMMER DER KLUNKER

6/10



© 2026 Amazon MGM Studios Content Services LLC


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: BART LAYTON

DREHBUCH: BART LAYTON, NACH EINER KURZGESCHICHTE VON DON WINSLOW

KAMERA: ERIK WILSON

CAST: CHRIS HEMSWORTH, HALLE BERRY, MARK RUFFALO, BARRY KEOGHAN, MONICA BARBARO, COREY HAWKINS, NICK NOLTE, JENNIFER JASON LEIGH, TATE DONOVAN, DEVON BOSTICK, PAYMAN MAADI U. A.

LÄNGE: 2 STD 15 MIN



Wie viel Charme verträgt ein Verbrechen? Sofern keine menschliche Seele zu Schaden kommt, durchaus einigen. Vorausgesetzt, der Gesetzeswidrige hat Gesicht und Physiognomie wie zum Beispiel Bilderdieb Josh O’Connor (The Mastermind), Tageskassenplünderer Channing Tatum (Der Hochstapler) oder Juwelen-Entwender Chris Hemsworth. Gegen so viel Attraktivität macht die Moral gerne einen Kniefall, gerade bei letzterem wird Verbrechen zum Kavaliersdelikt, wenn der dann noch den geheimnisvollen Sinnierer gibt, der zwischen seinen Coups gerne gedankenverloren ins Narrenkästchen blickt oder das nächtliche Treiben der Großstadt beobachtet, als würde sie ihm gehören. Hemsworth ist zum Anhimmeln da, vorwiegend von der weiblichen Seite, so auch im Film Crime 101, einem anmutigen Kriminalkonstrukt, der verschiedene Parteien gleichzeitig aus ihren Tiefgaragen fahren lässt und zusieht, wohin sie abbiegen und ob sie sich dabei irgendwann in die Quere kommen.

Raus aus der Tiefgarage

Dabei kommt es ganz drauf an, von wo aus jede der Parteien startet. Letztlich folgen sie alle dem Highway 101, einem nicht erst seit Depeche Mode popkulturtauglichen Stück Straße, an welchem der eine oder andere Juwelier seine Zelte aufgeschlagen hat. Der zu entwendende Reichtum taucht dann als Inkognito-Lieferung auf, die für Hemsworths Figur aber alles andere als das ist: Der weiß längst, wer hier wann wem die Klunker rüberreicht, um im rechten Moment zuzuschlagen. Ein zerzauster, brummbäriger Mark Ruffalo, der als Prequel-Version eines Inspektor Columbo wirklich keine Anstalten mehr macht, Hulk sein zu wollen, darf als vom Leben recht enttäuschter Detektive dem Juwelendieb auf den Fersen sein. Von anderer Seite versucht Halle Berry ihr Karriereglück als Versicherungsmaklerin, was nun auf den ersten Blick nichts mit der ganzen Sache zu tun hat, aber da würde ich sagen: nur langsam mit den jungen Pferden, die Story braucht etwas, um den richtigen Gang einzulegen, nichts will schließlich überhastet passieren, denn Filme wie Crime 101 will man ja auch nicht hinhudeln und dann an Glaubwürdigkeit und Akkuratesse verlieren.

Die Reichen beklauen

Die Grenze zwischen Gut und Böse ist dabei so diffus gehalten wie nur möglich, wobei den genannten Figuren eindeutig die Seite des Lichts zufällt – auf der anderen hängt immerhin ein verbraucht wirkender Nick Nolte an den Fressbuden in Little China herum, während der immer wieder unberechenbare Barry Keoghan den Antagonisten mimt, und zwar den wirklichen, nicht nur den halbseidenen wie Hemsworth. Schließlich ist Klunkerklau nichts, was wir zwingend als falsch erachten würden, trifft es schließlich, wie wir finden würden, keinen Armen.

Da haben wir es wieder, das bisschen Neid und die Genugutuung – diese innere Zufriedenheit, wenn die, die nichts haben, plötzlich, uneinsehbar für Passanten, den Inhalt eines kleinen braunen Kuverts in die Handfläche plumpsen lassen. Ob Hemsworth verdient hat, damit Erfolg zu haben? Ob die Rechtschaffenen, die durch ihre Rechtschaffenheit übervorteilt werden, nicht auch mal mit der Illegalität liebäugeln dürfen? Robin Hood hat es doch längst schon vorgemacht, und längst finden wir diese Handhabe durchaus heldenmütig. Doch das war im Mittelalter – und Hemsworth klaut die Karat ja nicht für wohltätige Zwecke. Sondern um etwas zu verarbeiten, das irgendwo in seiner Vergangenheit liegt. Deswegen zeigt er sich ja so lakonisch und geheimnisvoll. Wer will so einem Typen dann nicht alles entschuldigen, was vielleicht nicht ganz des Gesetzen entspricht?

Stadtfahrt ohne Überholmanöver

Crime 101 von Bart Layton (American Animals mit Barry Keoghan) liegt eine Kurzgeschichte von Don Winslow zugrunde, der – wir erinnern uns – das Drehbuch zu Oliver Stones brutalem Drogenthriller Savages verfasst hat. So blutig wie damals geht es in diesem zündschlüsselintensiven Karren-, Knarren- und Karat-Thriller längst nicht zu, hier wählt Layton gediegenes urbanes Ambiente, das nicht sonderlich auffällt. In dieses durchschnittliche Umfeld bettet Layton eine durchschnittliche Handlung, die zwischen all den Figuren den Durchschnitt sucht, also einen gewissen gemeinsamen Nenner, um so alle Fäden zusammenzuführen. Wie schon erwähnt treiben diese Fäden noch lange Zeit den Highway entlang, und immer wieder, sobald Chris Hemsworth zähneknirschend bedeutungsschwer und gleichermaßen stocksteif die Szene dominiert, lässt einen das Gefühl nicht los, dass die Figur dieses James Davis längst nicht so interessant ist, wie sie scheinen möchte. Ruffalo und Berry kompensieren das Defizit mit deutlich mehr Lust, sich zu öffnen. Sobald Barry Keoghan die ungewollt duldsame Harmonie zwischen den Protagonisten stört, indem er für Reibung sorgt, dreht Layton an der Spannungskurve. Es scheint, als wäre der ganze Film von dieser einen Figur abhängig, als würde sich alles auf diesen Keoghan verlassen. Der Showdown wird zur dramaturgischen Artistennummer, und am Ende zählt, wie so oft, immer nur der Klunker.

Crime 101 (2026)

Die letzte Fahrt der Demeter (2023)

HOLZKLASSE, ABER MIT BORDMENÜ

6/10


demeter2© 2023 Universal Studios and Amblin Entertainment. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA, DEUTSCHLAND 2023

REGIE: ANDRÉ ØVREDAL

DREHBUCH: BRAGI F. SCHUT

CAST: COREY HAWKINS, AISLING FRANCIOSI, LIAM GUNNINGHAM, DAVID DASTMALCHIAN, JAVIER BOTET, JON JON BRIONES, STEFAN KAPICIC, NIKOLAI NIKOLAEFF, WOODY NORMAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Max Schreck hätte wohl auch gern solche Schwingen aufklappen wollen wie sein um 101 Jahre später erschienenes Pendant. Mit solchen Schwingen wäre vieles leichter gefallen. Als Vampir, verwandt mit Fledermäusen, sollte jede Dracula-Inkarnation solche Extras besitzen. Im Laufe der Zeit aber ist der charismatische Graf immer weniger Bestie als vielmehr Aristokrat geworden – ein stattlicher, schon etwas in die Jahre gekommener Gentleman mit grauenvollem und für viele auch tödlich endendem Understatement. Einer, der vorgibt, etwas anderes zu sein – bis es zu spät ist. Das ist taktische Perfektion, das ist Psychoterror und geschickte Manipulation. Doch Dracula ist immer noch ein Vampir – ein Dämon. Und von daher durchaus animalisch, bestialisch, teuflisch. In André Øvredals Literatur-Exegese bleibt von Bela Lugosi, Christopher Lee oder Claes Bang nicht mehr viel bis gar nichts über. Die letzte Fahrt der Demeter bringt den Edelmann mit finsteren Absichten zurück zu seinen Anfängen, lässt ihn herumkriechen wie Gollum, lässt ihn jagen und schlachten. Dracula ist hier all seines Anstands beraubt, doch nach wie vor mit messerscharfem Verstand gesegnet, der sich für sinistre Spielchen mit der Schiffscrew bestens eignet.

Auch in Friedrich Wilhelm Murnaus Klassiker von 1922 werden die frisch geschrubbten Blanken des russischen Handelsschiffes mit Blut getränkt – wir alle kennen das ikonische Standbild der schwarzweißen Schreckensgestalt, wie sie über der Reling aufragt – klauenbewehrte Hände, kahler Kopf, glühende Augen und spitze Zähne. Diesem Bildnis muss man immer mal wieder Tribut zollen, und auch Øvredal scheint davon mehr als fasziniert zu sein.

Doch nicht nur diese Art des Gothic-Horrors taugt zur Wiedererweckung, sondern auch Ridley Scotts finstere Figur des Xenomorph aus dessen Suspense-Hit Alien. So, wie dieser sein Wesen eins werden ließ mit der frei liegenden Technik eines Raumschiffs, so lässt Øvredal seinen Übervampir genauso mit dem rustikalen Interieur unter Deck der Demeter verschmelzen. Beeindruckend wird es dann, wenn man zweimal hinsehen muss, um die ausgemergelten, aschfahlen und ins bläuliche Licht einer Vollmondnacht getauchten Gelenke zwischen den Tisch- und Stuhlbeinen in der Kapitänskajüte auszumachen. Wenn sich das Wesen dann langsam bewegt und aufrichtet, um von einem Moment auf den anderen verschwunden zu sein, treibt Die letzte Fahrt der Demeter seine illustre Schauermär zu einem Höhepunkt hin, der immer näher rückt – letztlich aber ausbleibt.

Øvredals Hochsee-Grusler garniert seinen geschickten Monsterhorror mit Licht, Schatten und Unschärfen, dennoch lässt sich die Geschichte weder auf Biegen und Brechen noch sonst wie einem anderen Schicksal zuführen, will man als Literaturverfilmung dem zugrundeliegenden Werk von Bram Stoker auch treu bleiben. Die letzte Fahrt der Demeter hegt keine Szene lang den Anspruch, einen avantgardistischen Ausbruch zu wagen. Was zählt, ist die Tradition. So bleibt der Film sowohl von seiner Gestaltung als auch von der chronologisch bedachten Erzählweise ein Kind vergangener Zeiten, ein Überbleibsel aus opulenten Universal– oder Hammerfilm-Abenteuern früherer Dekaden – als James Mason, Ernest Borgnine oder Vincent Price noch Seemansgarn erzählen konnten, sofern sie überlebten.

Liam Cunningham, der Zwiebelritter aus Game of Thrones, belebt in klassischer Perfektion die Rolle des vollbärtigen Kapitäns; seine ohnehin gebremste Laune, die ein Teamleader eben haben muss, weicht sorgenvoller Verzweiflung. Er ist es auch, der die ganze Geschichte noch dazu aus dem Off erzählt, um den romantisch-finsteren Petroleumlampen-Charakter noch zu verstärken. Doch man weiß, wie es endet. Die letzte Fahrt der Demeter hat weder Twists noch dramaturgische Raffinessen parat. Hätte das denn sein müssen? Nicht unbedingt.

Mittelpunkt, Kernstück und der Joker in den Handkarten ist immer noch der Vampir. Wäre dieser wohl mehr in den Dialog mit der ohnehin zum Tode verdammten Crew gegangen; wäre das blutdürstende Monster nicht allzu sehr scheinbaren Instinkten unterworfen worden, wäre Draculas bisherige Biografie sichtbarer – und die Figur an sich bedeutender geworden. Øvredal aber will den Langzahn als Tier – in einem Logbuchthriller der bewährten Art, allerdings angereichert mit düsteren Kupferstichen, die in sturmumtosten Nächten und bei Kerzenlicht ihre stärkste Wirkung erzielen.

Die letzte Fahrt der Demeter (2023)

Macbeth (2021)

DIE PARANOIA EINES THRONRÄUBERS

7/10


macbeth© 2021 Apple+ 


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: JOEL COEN

CAST: DENZEL WASHINGTON, FRANCES MCDORMAND, BRENDAN GLEESON, HARRY MELLING, COREY HAWKINS, RALPH INESON, KATHRYN HUNTER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Sind die Werke von William Shakespeare tatsächlich immer noch zeitlos? Oder hat die Bühnensprache aus dem frühen 17. Jahrhundert nicht auch irgendwann ein Ablaufdatum? Wie ist es wohl passiert, dass Shakespeare als das Non plus Ultra rezitierter Textgröße einem witterungsbeständigen Monument gleich allen Jahrhunderten trotzt und ein jeder, der auch nur irgendwas mit Schauspiel oder Theater zu tun hat, sich zumindest einmal an dem Engländer mit der Halskrause ausprobieren will? Jetzt gehört auch noch Joel Coen (und zwar ohne Bruder Ethan) zu denen, die vor den sperrigen Königsdramen einen Hofknicks machen. Und dreimal darf geraten werden, welches Drama wohl zum Zug kommt. Ganz klar, Macbeth – der schottische Königsmörder und der Wahnsinn. Wenn man den mal ordentlich adaptiert, kann man so gut wie alles inszenieren. Sogar Theater.

Dabei ist Macbeth irgendein schottischer König aus dem ganz finsteren 11. Jahrhundert, einer, der sich, angestachelt von seiner Gattin – der berühmt berüchtigten Lady Macbeth – hochgemordet und das Land aber für einige Zeit zumindest gar nicht mal so Caligula-like regiert hat. Es herrschte Frieden und Wohlstand – wer hätte das gedacht? Der Thronerbe des verblichenen Königs Duncan hat da aber außerhalb der Regimentsgrenzen bereits die Messer gewetzt, um sich seinen Anspruch zurückzuholen, war dieser doch wohlweislich vor den Häschern Macbeth’s geflohen. Er wird heimkehren, es wird Krieg gegeben haben – Macbeth wird bald Gespenster gesehen und sich in einen paranoiden Wahn hineingesteigert haben – während getötet wurde, wer ihn auch nur schief angesehen hat.

Es ist klar, wie es ausgehen wird, nicht umsonst ist das Stück eine Tragödie. Die Macbeths werden am Ende ihrer blutigen Karriere wohl nicht mehr atmen. Dabei lässt sich die Handlung ja, wenn man sich genug konzentriert, aus den hochgestochen arrangierten Textbrocken, die so schönmalerisch und in bildhafter Umschreibung Gemütszustände mit allem möglichen vergleichen, dann doch extrahieren. Das bedarf aber – bei Shakespeare eben einmal mehr, einmal weniger – ganz schön viel Aufmerksamkeit, was letzten Endes weniger Genuss als Erarbeitung darstellt. Dem lässt sich allerdings aus dem Weg gehen. Vor allem dann, wenn Macbeth schon aus Theater und Kino zur Genüge bekannt ist. Viel anders als in den letzten 400 Jahren wird’s nicht mehr. Die Verpackung drumherum allerdings schon. Coens Film ist einer, der schließlich visuell funktioniert – der altbekannte Klassiker ist dabei nur der librettoartige Unterbau, um sich an den darstellenden Künsten zu probieren. 

Und so hat Joel Coen das ganze geblümt-schwere Szenario als expressionistisches Schattentheater auf eine grenzenlos scheinende, gleichermaßen aber hermetisch abgeriegelte Bühne gesetzt. Noch mehr von der Realität entfremdet wird das Ganze durch manchmal kontrastreiches, manchmal weichgezeichnetes Schwarzweiß. Nichts, gar nichts dringt von außen, von einer pandemiegequälten Jetztzeit, in die archaische Psychopolitik eines schottischen Wüterichs, der in einer nebelverhangenen Traumwelt sein Schicksal sucht. Wenn die drei Schicksalskrähen auf dem Schlachtfeld erscheinen, erinnert dies frappant an die Werke Ingmar Bergmans (u. a. Das siebente Siegel). Hätte dieser Shakespeare inszeniert, wäre sein Film Coens Interpretation vermutlich recht ähnlich.

Dass hier Reminiszenzen zu finden sind, liegt somit auf der Hand: Die Liebe zum alten, klassischen Studiofilm lässt geometrische Kulissen, wie wir sie aus den Theatern dieser Welt kennen, Licht durch finstere Torbögen gleißen, manches erscheint wie mit Tinte gezeichnet, manches ist selbstbewusstes Retrokino aus der Hochzeit skandinavisch-deutscher Schauer- und Stummfilmdramen, die auch Dave Eggers in Der Leuchtturm freudvoll angehimmelt hat. Auf ähnliche Weise bringt die lettische Mystery November das Metaphysische in eine von Mythen überforderte Welt. Damals allerdings hätte es unter Bergmans Regie wohl kaum einen schwarzen Macbeth gegeben.

Mit dieser Art und Weise des Inszenierens flackert die Erinnerung daran, dass es sowas wie eine Filmhistorie gibt, auch wieder auf. Das symbolistische Bedeutungskino, von der Bühne auf den Screen und wieder zurück, strengt zwar mitunter an, trifft aber mit seinen akkuraten, expressionistischen Bildarrangements durchaus den Schöngeist. 

Macbeth (2021)

6 Underground

BLEIBEN SIE DRAN BIS NACH DER WERBUNG

2/10

 

6-underground© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: MICHAEL BAY

CAST: RYAN REYNOLDS, MÉLANIE LAURENT, DAVE FRANCO, ADRIA ARJONA, COREY HAWKINS, MANUEL GARCIA-RULFO U. A.

 

Durch das viele Streaming auf diversesten Plattformen und dem individuellen Zusammenstellen des Abendprogramms verlieren Werbeblöcke immer mehr an Bedeutung. Wer tut sich das heute noch an, einen Film auf einem Privatsender zu sehen, der mindestens dreimal von fünfminütigem Werbegedusel unterbrochen wird? Abgesehen vom Show-affinen Publikum wohl niemand mehr. Kommt der Film also nicht zur Werbung, muss die Werbung in den Film: Product-Placement. Und niemand nimmt hier so wenig ein Blatt vor dem Mund wie Michael Bay. Penetranter kann man Produkte nicht präsentieren, maximal bei James Bond war das so, aber Michael Bay rückt Whiskey, Kaffee und Uhrenmarken so dermaßen großformatig ins Bild, als würde er uns damit erschlagen wollen. Gusto auf Kaffee bekomme ich dennoch nicht, und die Digitaluhr meines Receivers zeigt mir ohnehin an, wie spät es ist – oder wie lange dieser Film, den ich mich bar jeder Vernunft entschieden habe, zu Ende zu gucken, noch dauern wird.

Dabei hat Michael Bay anfangs gar nicht mal so schlechte Filme gemacht. Das Handwerk hat meist gestimmt. The Rock mit Sean Connery war da noch ein richtiger Knüller, Pearl Harbour punktete abgesehen vom vielen Pathos mit ordentlichen Schauwerten und Pain & Gain war zwar heillos überzeichnet, dafür aber im Ganzen stimmig. Die Transformers-Filmreihe erwähne ich aber lieber nicht. Ich denke ich lehne mich da nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass dieses CGI-Gekloppe neben der unsäglichen Police Academy wohl für die schlechteste Filmreihe aller Zeiten herhalten muss. Und jetzt hat Michael Bay eine Stange Geld von Netflix in die Hand gedrückt bekommen, um zu machen, was er eben gerne machen will, weil es ohnehin schon egal ist, weil Kaffee, Uhren und Whiskey ohnehin schon ordentlich Bares auf den Tisch gelegt haben. Bei 6 Underground klappt einem durchaus die Kinnlade herunter, aber die ist schon bei Armageddon der Schwerkraft erlegen, und das sicher nicht, weil das Werk so gut war. Es ist auch schon wieder eine Art Kunst, einen durchschnittlichen Action-Plot (The Expendables ohne Bezahlung oder Rachegeister, die keiner gerufen hat) aus der Feder der Deadpool-Autoren so dermaßen ins Groteske zu verzerren, dass man beim Sichten des Filmes das Gefühl hat, am Restless-Leg-Syndrom zu leiden. Mit anderen Worten: ständig in ruheloser, unkoordinierter Bewegung, und auf äußerst unangenehme Weise. Bay kombiniert triefenden Gegenlicht-Pathos vor ganz viel Sunset mit fehlplatzierten Gore-Elementen und einer Werbeclip-Schnittästhetik, die eigentlich für 30 Sekunden-Spots gedacht ist, nicht aber für ein 2-Stunden-Monstrum wie dieses. Inmitten dieses Mischmaschs hypernervösem Krawumm und kreischigem Bumm Bumm ein stereotyper Ryan Reynolds, der sich in ein Deadpool-Sequel wünscht. Mélanie Laurent aber hat sichtlich Spaß, denn sowas in der Art hat sie noch nie gemacht.

6 Underground ist wie ein Indoor-Spielplatz für Erwachsene, auf die keiner ein Auge hat. Dass das ins Auge geht, zumindest dramaturgisch, ist nur die logische Folge. Platte Actionfilme gibt es natürlich wie Sand am Meer, aber solch einen noch dazu so aufzupolieren, als wäre er etwas Besonderes, ist so faszinierend wie Trash Marke Dschungelcamp, bei dem man genauso wenig wegsehen kann.

6 Underground